Der Abstieg des Menschen

1. Die Geschichte des menschlichen Selbstbildes

„Ich bin, ich weiß nicht wer.

Ich komme, ich weiß nicht, woher.

Ich gehe, ich weiß nicht wohin.

Mich wundert, dass ich so fröhlich bin.“

Angelus Silesius

Jahrtausende war die Geschichte des Menschen von Mythos und Religion verklärt. Es war die Beziehung zu den Göttern, die ihn heraushob aus den Niederungen der übrigen Welt. Der Mensch galt als gottähnlich und den Tieren nicht verwandt. Als Ebenbild Gottes war ihm der Platz auf der Erde zugewiesen, die nach der jüdisch-christlich-moslemischen Schöpfungslehre den Mittelpunkt des Kosmos darstellte. Diese Vorstellung von der Zentralstellung der Erde im Universum ging auf das naturwissenschaftliche Weltbild des griechischen Philosophen Aristoteles (384-322 v. Chr.) zurück: Die Erde im Mittelpunkt des Weltalls, umgeben von den Schalen der Gestirne.

Dieses geozentrische Weltbild wurde schließlich von Ptolemäus (100 bis 178 n. Chr.) in seinem berühmten Werk „He mathematike syntaxis“ („Die mathematische Sammlung“) begründet. In dem rein geometrischen Modell stand die Erde im Mittelpunkt, umgeben von einem gigantischen Konstrukt aus 55 himmlischen Äthersphären. Ptolemäus benötigte diese ineinander geschachtelten Hohlkugeln, um die verschlungenen Bahnen der Planeten allein auf Kreise zurückzuführen – denn nur Kreise und Kugeln schienen Gottes „vollkommener Schöpfung“ würdig.

Die Ideen von Ptolemäus wurden im Mittelalter zum unangreifbaren Dogma. Es bot einer Welt, die von Religion beherrscht wurde, Sicherheit, Bequemlichkeit und Rückhalt. Der Mensch galt als Mittelpunkt der Schöpfung und das Universum nur als ein blasser Abklatsch seiner Existenz; die Erde erschien als Kumulationspunkt, als Zentrum, in dem sich das relevante Geschehen der Welt abspielt. Bis ins 15. Jahrhundert hinein herrschte das geozentrische Weltbild des Ptolemäus unangefochten in den Gedanken der Menschen vor.

Es fiel schwer und kostete viele unschuldige Opfer, bis die Menschheit einsah, dass die Sonne und nicht die Erde Mittelpunkt des damals bekannten Kosmos – und damit, in der früheren Lesart, der Welt – ist. Vehement und hartnäckig hatten sich die Offenbarungsreligionen dagegen gewährt, weil die neuen Erkenntnisse dem in ihren Büchern beschriebenen Weltbild widersprach. Noch heute versuchen religiöse Fundamentalisten aller Couleur solche religiöse Aufzeichnungen wörtlich zu nehmen und ein schon lange überholtes Weltbild aufrechtzuerhalten bzw. wiederzubeleben, uneingedenk der Tatsache, dass diese Schriften von Menschen niedergeschrieben wurden, die nur im Rahmen des damals verbreiteten naturwissenschaftlichen Wissens ihre Schriften verfassen konnten.

Doch an den neuen Erkenntnissen führte schließlich kein Weg mehr vorbei. 1543 führte Nikolaus Kopernikus (1473-1543), Astronom und Domherr zu Frauenburg, einen ersten Streich gegen die mittlerweile über ein Dutzend Jahrhunderte währende behagliche Genügsamkeit. Er veröffentlichte in diesem Jahr „De revolutionibus orbium coelestium“ („Über die Umläufe der Himmelskörper“), worin er die Idee, dass alle Planeten einschließlich der Erde um eine ortsfeste Sonne kreisen, vortrug und begründete. Durch die sog. „Kopernikanische Revolution“ wurde das geozentrische vom heliozentrischen Weltbild abgelöst.

Allerdings war diese Idee nicht ganz neu. Im 15. Jahrhundert hatte Nikolaus von Kues (1401-1464) in seinem Buch „De docta ignorantia“ – „Von der wissenden Unwissenheit“ – schon kritisiert, dass der Mensch, wo er sich auch befand, sich immer im Mittelpunkt stehen sähe. In der Mitte des Alls aber stehe die Sonne, umkreist von den Planeten Merkur, Venus, Erde, Mars, Jupiter und Saturn. Nur der Mond umkreise die Erde. Und selbst im alten Griechenland hatten schon einige Philosophen ein heliozentrisches Universum in Betracht gezogen.

Es begann die „kosmische Vertreibung“ der Erde aus dem Zentrum des Weltalls. Im Jahre 1609 bewies Johannes Kepler (1571-1630), dass alle Himmelsvorgänge erklärbaren, ursächlichen Gesetzen gehorchen – eine wissenschaftliche Revolution und der Beginn der Himmelsphysik. Galileo Galilei (1564-1641) konnte sogar mit neuartigen optischen Geräten, Teleskopen, sichtbar nachweisen, dass sich die Erde tatsächlich um die Sonne dreht. Der Platz der Erde war nun endgültig nicht mehr der Mittelpunkt des Universums. Die Erde war „nur noch“ ein ganz normaler Planet, der, wie alle anderen damals bekannten Planeten, die Sonne – die neue „Mitte der Welt“ – umkreist.

Vor einem Jahrhundert verlor schließlich für die Menschheit auch die Sonne ihre bevorzugte Stellung im Weltall, als die Astronomen allmählich erkannten, dass unser Heimatstern nur einer von Myriaden von Sternen ist und keineswegs in der Mitte , sondern in einem abgelegenen Teil des damals überblickbaren Kosmos, liegt – wie der amerikanische Astronom Harlow Shapley 1918 schließlich bewies. Sein Landsmann Edwin Hubble zeigte dann 1923, dass auch unsere Heimatgalaxie, die Milchstraße, nicht das einzige Sternensystem im Weltraum ist, sondern nur eine Galaxie unter vielen – nach heutigem Wissen eine Welteninsel von über 100 Milliarden, in einem unvorstellbar großen Universum.

Erstaunlicherweise hatte schon der griechische Philosoph Epikur (341-271/270 v. Chr.) vor mehr als 2300 Jahren an einen Raum ohne Grenzen und an unendlich viele Welten, auch jenseits des beobachtbaren Universums, geglaubt – eine Vorstellung, für die der italienische Gelehrte Giordano Bruno (*1543) noch im Jahr 1600 sein Leben auf dem Scheiterhaufen der Inquisition lassen musste.

So zieht also unsere Erde nach unserem heutigen Wissen als ganz gewöhnlicher Planet in einem ganz gewöhnlichen System eines unbedeutenden G2-Sterns in einem durchschnittlichen Abschnitt einer ganz gewöhnlichen Spiralgalaxie ihre Bahn um die Sonne.

Damit rückte auch der Mensch immer weiter aus dem Zentrum der Welt heraus und verlor mehr und mehr seine einzigartige Stellung im Kosmos. Als Reaktion auf den Verlust der kosmischen Mitte wurde in der Folgezeit die Bedeutung des Menschen in und für die Natur verstärkt herausgestellt. Anknüpfend an eine lange philosophische Tradition betrachtete man ihn weit über allen anderen Lebewesen stehend – als etwas Besonderes, als „animal rationale“ oder Vernunftwesen. Selbst Rene Descartes (1596-1650) und Wilhelm Leibniz (1646-1716), die man dem „neuzeitlichen Rationalismus“ zuordnet, waren in ihrem Welt- und Menschenbild den Grundzügen nach noch im christlichen Mittelalter geerdet – obwohl auch damals schon (siehe auch unten) andere philosophische Auffassungen im Umlauf waren.

Für Descartes war der Mensch „aus Körper und Geist zusammengesetzt“, wobei es der denkende und sich seiner selbst bewusste, unteilbare immaterielle Geist sei, der den Menschen eigentlich ausmacht. Dieser vom Körper unabhängige, unsterbliche Geist verdanke seine Existenz direkt dem Wirken Gottes, weshalb Gott und Mensch enger verbunden seien als Welt und Mensch. Der Mensch gehöre also nicht so sehr zur Schöpfung als vielmehr zu seinem Schöpfer. Er ist nach Descartes als „denkendes Ding“ Krone und Mittelpunkt der Schöpfung – von der materiellen Welt, der Natur, nahezu abgetrennt durch eine unüberbrückbare Kluft; ein Ebenbild des Schöpfers.

Auch nach Leibniz verdankt der Geist – er nennt die geistige Substanz „Monade“ (von griechisch „monas“ = Einheit, Eins) – seine Existenz unmittelbar dem Wirken Gottes. Dazu benötigt er aber einen Körper. Gott habe von Anbeginn Körper und Seele so geschaffen, dass sie, während sie nur ihren eigenen Gesetzen folgen, doch mit dem jeweils anderen zusammenstimmten, als ob ein gegenseitiger Einfluss stattfinde. „Allein Gott ist vom Körper gänzlich befreit.“

[Die Philosophen La Mettrie (1709-1751) und d’Holbach (1723-1789), Vertreter des neuzeitlichen Materialismus, wurden die späteren Gegenspieler von Descartes und Leibniz und vertraten schon ein anderes Menschenbild. Sie ordneten den Menschen radikal in die Natur ein. Der Mensch war für sie ein vergänglicher Teil der Welt und denselben Gesetzen unterworfen wie alle übrigen Dinge. Beide vertraten schon die Auffassung, dass sich alles Geistige auf Körperliches zurückführen lasse. Die immaterielle Seele sei „ein Hirngespinst, … eine Gedankenbildung“ (d’Holbach). „Seele und Körper (sind) ein und dasselbe (…), betrachtet unter verschiedenen Gesichtspunkten“. (d’Holbach) In diesem Zusammenhang äußerten La Mettrie und d’Holbach bereits damals die Vermutung, dass der Mensch das Produkt eines natürlichen Entwicklungsprozesses sein könnte, „ein Ergebnis der besonderen Gesetze …, die den Erdball leiten“. (d’Holbach)]

Aus der im Mittelalter entwickelten Vorstellung von der Stufenleiter des Seienden entwickelte sich im 18. Jahrhundert die Idee weiter, nach der der Mensch nicht nur als eine Stufe über allen anderen Lebewesen stehend, ausgestattet mit einer unsterblichen Seele, sondern auch als Ziel der Schöpfung anzusehen sei. Die Harmonie der Bewegung der Himmelskörper setze sich fort in der auf den Menschen ausgerichteten Harmonie der Natur, die in der Existenz und im Handeln des Menschen ihr Ziel findet.

So beschrieb z. B. Georg Wilhelm Hegel (1770-1831) die Welt als einen auf ein Ziel ausgerichteten Entwicklungsprozess, von der bloßen Materie über die organische und anorganische Natur hinauf zum menschlichen Geist. Er interpretierte ihn als die allmähliche Selbstverwirklichung und Selbstbewusstwerdung des absoluten Weltgeistes. (Ähnliche Gedanken äußerte der französische Jesuit und Theologe Teilhard de Chardin.) Der Mensch sei aber nicht selbst der Weltgeist; er sei nur das Bewusstsein des absoluten Weltgeistes, insofern er um diesen Geist und um diese Welt wisse.

Immanuel Kant (1724-1804) leugnete zwar nicht, dass der Mensch auch ein Naturwesen sei, aber es sei vor allem das „moralische Gesetz“, das ihn aus dem Naturzusammenhang herausnehme und dem der Mensch seine besondere Stellung verdanke. Das moralische Ich führe (wie bei Descartes die geistige Substanz und bei Leibniz die Geistmonade) „ein von der ganzen Thierwelt und selbst von der ganzen Sinnenwelt unabhängiges Leben“ und sei unsterblich. (Allerdings hielt er die Unsterblichkeit nicht für eine im strengen Sinn beweisbare Behauptung.)

Es waren Denker und Wissenschaftler des 19. Jahrhunderts wie Schopenhauer, Darwin, Marx und Freud, die den Menschen nicht mehr „von oben“ (Gott, Vernunft, Geist), sondern „von unten“ (Natur, Leib, Trieb, Gesellschaft) her auslegten. Sie suchten den Menschen aus seiner Natur heraus zu erklären und nahmen ihm den Glauben an die beherrschende Kraft der Vernunft. Durch sie wurde deutlich, wie wenig der Mensch die Bedingungen seiner eigenen Existenz in der Hand hält. Für ihre Sichtweise war der Rückgriff auf naturgeschichtliche, gesellschaftliche und tiefenpsychologische Faktoren charakteristisch.

Arthur Schopenhauer (1788-1860) bestimmte den Menschen radikal vom Leib her. Der Intellekt war in seiner Sicht eine Funktion des Gehirns, das wiederum ein Produkt des Organismus. Der (vernunftlose) Wille sei „das Primäre und Substantiale (…), der Intellekt dagegen ein Sekundäres, Hinzugekommenes, ja ein bloßes Werkzeug zum Dienst des ersteren“.

Charles Darwin (1809-1882) ordnete den Menschen radikal in den Naturprozess ein. Der Mensch sei nicht die Krone der Schöpfung, sondern nur die zufällige Spitze der verschiedenen Arten.

Karl Marx (1818-1883) erklärte den Menschen aus gesellschaftlichen Faktoren: „Es ist nicht das Bewusstsein der Menschen, das ihr Sein, sondern umgekehrt ihr gesellschaftliches Sein, das ihr Bewusstsein bestimmt.“

Sigmund Freud (1856-1939) hob die Bedeutung des Unbewussten und der Triebe für das Selbstverständnis des Menschen hervor. Er betonte dessen Ohnmacht und Unvernünftigkeit, zumindest in den allermeisten Situationen und Lebenslagen: Der Mensch sei zumeist nicht Herr im eigenen Haus.

Die in der Darwinschen Evolutionstheorie behauptete verwandtschaftliche Nähe zum Tier löste die größte Empörung aus und generierte erbitterten Widerstand. Dem traten die Biologen und Paläontologen damals mit dem Postulat der Sonderstellung des Menschen entgegen. „Gleichzeitig ist niemand so stark überzeugt wie ich, dass der Abstand zwischen den zivilisierten Menschen und den Tieren ein ungeheurer ist. Niemand ist dessen so sicher, dass, mag der Mensch von Tieren stammen oder nicht, er zuverlässig nicht eins derselben ist.“ (Aldous Huxley 1883) Mit der Anschauung von der Sonderstellung ist die Beherrschung der Natur mit Hilfe von Wissenschaft und Technik verknüpft. Bis in die Gegenwart hinein wurde sogar von Biologen die Sonderstellung des Menschen kaum in Zweifel gezogen.

Durch die Neuro- und Kognitionswissenschaften wurde im 20. Jahrhundert das Zusammenspiel von Körper und Geist neu hinterfragt. Und je genauer die Funktionen unseres Gehirns verstanden wurden, desto mehr schienen seine Aktivitäten und das, was man meist „Seele“ nannte, miteinander verwoben zu sein. Es zeigte sich, dass die Vorstellung von der Doppelnatur des Menschen als körperliches und geistiges Wesen überholt ist. Alle unsere geistigen Fähigkeiten sind untrennbar an ein funktionsfähiges Gehirn geknüpft. Der Mensch scheint also mittels Neurologie und Physiologie und letzten Endes im Rahmen von Physik und Geschichte erklärbar zu sein.

2. Gefühlter Wertverlust

Wo immer wir Menschen bisher glaubten, wir wären etwas Besonderes, haben wir uns geirrt. Wir mussten die Vorstellung aufgeben, das Zentrum des Universums zu sein. Nach Darwin mussten wir uns von der Idee lösen, etwas anderes als biologische Wesen zu sein. Und wir mussten erkennen, dass der Lauf der Natur keine vorgesehene Richtung und keinen Plan hat.

Der englische Philosoph Bertrand Russell schrieb 1903 in einer Abhandlung: „…Dass der Mensch das Produkt blinder, zielloser Ursachen ist, dass sein Ursprung, seine Entwicklungen, seine Hoffnungen und Ängste, sein Lieben und sein Glauben nichts anderes als das Ergebnis zufälliger Zusammenstöße von Atomen sind; dass keine Leidenschaft, kein Heldenmut, keine Kraft des Denkens oder Fühlens das individuelle Leben über das Grab hinaus bewahren kann; dass all das jahrhundertelange Mühen, all die Hingabe, all die Inspiration, all die strahlende Helle des menschlichen Genies im Gefolge des umfassenden Todes des Sonnensystems zur Auslöschung verdammt sind und dass der ganze Tempel der menschlichen Errungenschaften unausweichlich unter dem Schutt eines zerstörten Universums begraben werden soll – all dies ist, wenn nicht schon über jeden Zweifel erhaben, so doch derart wahrscheinlich, dass keine Philosophie, die das abstreitet, Aussicht hat zu bestehen.“

Es fiel und fällt uns nicht leicht, die neuen Erkenntnisse zu verarbeiten. Schließlich haben wir uns über Jahrhunderte hinweg an unsere herausragende und privilegierte Rolle im Kosmos gewöhnt. Und diese Vorstellung lässt sich nicht so ohne Weiteres beseitigen. „Alle Religionen, fast alle Philosophien und zum Teil sogar die Wissenschaft zeugen von der unermüdlichen Anstrengung der Menschheit, ihre eigene Zufälligkeit zu verleugnen“, schrieb der französische Biologe Jacques Monod (1910-1976). Daher empfinden viele Menschen zunehmend ein tiefes Gefühl der Enttäuschung, wovon nicht nur unser Selbstverständnis, sondern auch unser Selbstwertgefühl nicht unberührt blieb.

Freud schrieb von einer Kränkung, ja sogar Demütigung durch die Wissenschaft: „Zwei große Kränkungen ihrer naiven Eigenliebe hat die Menschheit im Laufe der Zeiten von der Wissenschaft erdulden müssen. Die erste, als sie erfuhr, dass unsere Erde nicht der Mittelpunkt des Weltalls ist, sondern ein winziges Teilchen eines in seiner Größe kaum vorstellbaren Weltsystems. (…) Die zweite dann, als die biologische Forschung das angebliche Schöpfungsvorrecht des Menschen zunichte machte, ihn auf die Abstammung aus dem Tierreich und die Unvertilgbarkeit seiner animalischen Natur verwies. Die dritte und empfindlichste Kränkung aber soll die menschliche Größensucht durch die heutige psychologische Forschung erfahren, welche dem Ich nachweisen will, dass es nicht einmal Herr ist im eigenen Hause, sondern auf kärgliche Nachrichten angewiesen bleibt von dem, was unbewusst in seinem Seelenleben vorgeht.“

Der Katalog der Kränkungen des Menschen ließe sich heute erweitern: Der amerikanische Genforscher Richard Dawkins und manch andere Genetiker und Soziobiologen sehen im Organismus des Menschen nur eine „Überlebensmaschine der Gene“ (Dawkins), die Eiweißstoffe produzieren. Jaques Monod hält (ähnlich wie Vertreter der Kognitiven Psychologie) den Menschen in diesem Sinne für nichts anderes als eine Zusammenballung von Proteinen und Enzymen, eine biochemische Maschine, die von der Evolution entwickelt wurde und durch einen genetischen Mechanismus gesteuert wird. Einige ernstzunehmende Wissenschaftler betrachten den Menschen als komplizierten, selbstreproduzierenden, kommunizierenden Automaten, der ein Universum bevölkert, das so mechanische ist wie eine Spieluhr (Radikaler Reduktionismus).

Einige Computerwissenschaftler meinen gar, der Mensch sei allein durch „Information“ zu definieren. Der Körper sei lediglich als Informationsträger zu betrachten. Unsere Intelligenz sei nichts anderes als ein Rechenprogramm, und selbst unsere Gefühlswelt soll nicht anders sein wie bei einem Roboter der neuen Generation. Könnte man die vollständige Information eines Menschen auf einen Computer übertragen, wäre folglich der Computer mit dem informationsspendenden Menschen identisch. Er sei dann computertechnisch gesehen nur eine große Zahl, die digital beliebig oft zu kopieren und damit unsterblich zu machen wäre.

Nach Kopernikus, Darwin und Freud erleben wir jetzt also den letzten großen Angriff auf unser traditionelles Bild vom Menschen: Die Entthronung des Menschen als freies, denkendes Wesen, der „Wegfall“ der vermeintlichen Willensfreiheit und die Möglichkeit, das eigene Ich zu reproduzieren. Das ist nichts anderes als die Erkenntnis, dass wir als Personen ersetzbar und als Menschen bedeutungslos geworden wären.

Der Physiker und Philosoph Carl Friedrich von Weizsäcker (1912-2007) vertrat die Überzeugung, dass sich der Mensch nur dann versteht, wenn er sich in der Natur und ihrer Geschichte verankert sieht. Wir müssen akzeptieren, dass wir Teil der gesamten Biosphäre sind – auch wenn wir als einzige Lebewesen Beton mischen, Bomben herstellen, Bücher schreiben und auch lesen können. Mensch und Natur, Mensch und Biosphäre, aber auch Mensch und Erde und Mensch und Universum müssen untrennbar zusammengedacht werden wie ihre gemeinsame Geschichte. Ein japanischer Zen-Meister drückte es so aus:

„Der Mond bin ich, ich bin der Mond.

Was ist der Mond, was bin ich?

Man kann es nicht unterscheiden.

Mein Geist und der Mond sind vollkommen verschmolzen.“

Mit der Vorstellung von einer Sonderstellung läuft der Mensch heute Gefahr, sowohl seine geschichtliche wie auch aktuelle Abhängigkeit von der Biosphäre zu ignorieren und sich als „Entlassener aus der Natur“ von biotischen Beschränkungen weitestgehend frei zu wähnen. Die „natürliche“ Umwelt würde vorwiegend als Objekt der Weltbewältigung verstanden und im Sinne von tatsächlichen oder vermeintlichen Bedürfnissen ausgebeutet, umgestaltet und zerstört. Die Folge sind globale ökologische Krisen, wie wir sie heute erleben. „Wenn wir die Flexibilität verlieren und uns nicht mehr anzupassen vermögen, werden auch wir aussterben. Andere Arten werden unseren Platz einnehmen, unsere Nische ausfüllen, und den Evolutionsprozess fortsetzen – es sei denn, wir würden dabei die Lebensbedingungen so sehr verändern, dass keiner der bestehenden Organismen überleben kann.“ (Die amerikanische Archäologin Betty Meggers)

REM

Zwei Geschlechter – aber viele Varianten

Entwicklung der Bisexualität

Ein Meilenstein in der Evolution des Lebens war die Entwicklung der Bisexualität und der sexuellen Fortpflanzung. Sie erwies sich als optimale Lösung für eine erfolgreiche Vermehrung. Allerdings ist die evolutionsgeschichtlich viel ältere asexuelle Vermehrung durch Teilung, die erbgleiche Individuen (Klone) erzeugt, bis heute in der Natur weit verbreitet. Sie ist weit weniger kompliziert und aufwändig als die sexuelle Fortpflanzung, außerdem wächst eine Population durch sie viel schneller. Unter einer knallharten Kosten-Nutzen-Rechnung sollte sich im evolutionären Wettrennen also eigentlich die Fortpflanzung durch Teilung durchsetzen. Das bestätigen Computersimulationen, nach denen beim Wettstreit einer sexuellen mit einer asexuellen Art die sexuelle nach nur zehn Generationen ausstirbt.

Aber die sexuelle Fortpflanzung hat einen universellen Selektionsvorteil, wenn sich die Umwelt verändert: Durch die Durchmischung und Neukombination väterlicher und mütterlicher Anlagen erhöht sich die genetische Vielfalt. Nach Studien sind dadurch Lebewesen, die sich miteinander kreuzen, biologisch anderthalbmal so fit wie solche, die sich durch Teilung vermehren, denn ihre Population kann insgesamt schneller auf neue Probleme reagieren und sich anpassen. In einer ewig gleichen Umwelt dagegen brauchen Lebewesen normalerweise keine Sexualität. Hier genügt eine optimale Anpassung an die Umwelt durch Mutationen.

Bei sich überwiegend parthenogenetisch fortpflanzenden Arten, bei denen die Nachkommen aus unbefruchteten Eiern entstehen, wird sogar von Zeit zu Zeit eine sexuelle Rekombination eingefügt. So vermehren sich Läuse im Sommer, wenn ein hohes Nahrungsangebot zur Verfügung steht, ungeschlechtlich und produzieren nur Weibchen. Im Herbst werden die Umweltverhältnisse schlechter, die Nahrungsangebote kleiner. Nun treten auch Männchen auf. Durch die jetzt mögliche sexuelle Fortpflanzung werden die Gene durchmischt: Neukombinationen erhöhen die Anpassungsfähigkeit an die härteren Bedingungen.

Nach der Hypothese der amerikanischen Biologen van Walen und Bell wird durch die ständige Neukombination des Erbguts bei der sexuellen Fortpflanzung auch das genetische Repertoire im Abwehrkampf gegen Mikroben permanent verändert. Dies sei ein entscheidender Vorteil in der Evolution, denn Parasiten und Krankheitserreger sind sehr unterschiedlich und mutieren zudem rasend schnell.

Als ein wichtiges Indiz wird eine neuseeländische Zwergdeckelschnecke (Potamopyrgus antipodarum) angeführt. Sie besitzt beide Methoden der Fortpflanzung, eingeschlechtlich und zweigeschlechtlich. Solange der Parasitenbefall durch einen bestimmten Wurm gering ist, wählt die Schnecke vorwiegend die erste Variante. Da dabei nur ein Elternteil benötigt wird, um Nachkommen zu haben, vermehrt sich die Schnecke rund doppelt so schnell wie bei der geschlechtlichen Variante. Steigt der Parasitenbefall an, schaltet das Tier zunehmend auf sexuelle Fortpflanzung. Unter diesen Bedingungen scheint es günstiger, weniger Nachkommen zu erzeugen, dafür aber solche mit großer genetischer Vielfalt.

Der genetische Unterschied

Im Laufe der Evolution entstanden bei Säugern – und unabhängig davon auch bei anderen Tierarten, z. B. Vögeln und einigen Insekten – aus einem gewöhnlichen (homologen) Chromosomenpaar zwei Geschlechtschromosomen. Aus ihnen entwickelten sich das heutige „weibliche“ Geschlechtschromosom X und das „männliche“ Geschlechtschromosom Y. Während weibliche Säuger das X doppelt besitzen (XX), haben männliche Individuen jeweils ein X und ein Y (XY). Das Y-Chromosom ist also verantwortlich für die Ausprägung des männlichen Geschlechts.

Die Entwicklung des Y-Chromosoms begann vermutlich vor vielleicht 350 Millionen Jahren bei reptilienartigen Vorfahren der Säugetiere, als auf einem Partner der beiden gleichartigen Chromosomen ein neues Gen entstand, das die weitere Entwicklung zum männlichen Phänotyp (Erscheinungsbild) lenkte: das SRY („sex-determining region Y“ / „geschlechtsbestimmende Region Y“). In der Folgezeit kam es mehrfach zu dramatischen Umstrukturierungen dieses Chromosoms. Während das X unbeschädigt überdauerte, schrumpfte das Y immer weiter zusammen. Es bewahrte sich nur eine Handvoll überlebenswichtiger Gene, zog aber auch für die männliche Fruchtbarkeit wichtige an sich.

Auf der Ebene der Geschlechtschromosomen treten neben der Kombination XX und XY auch einige Varianten auf, etwa solche mit einer fehlenden, einer zusätzlichen oder einer unvollständigen Kopie eines Geschlechtschromosoms. Beispiele sind die Monosomie X0 (Turner-Syndrom), das XXX- und XYY-Syndrom, sowie das XXY-Syndrom (Klinefelter-Syndrom). Menschen mit diesen Syndromen sind auch anatomisch keinem Geschlecht eindeutig zuzuordnen und werden deshalb Intersexuelle (auch Hermaphrodite oder Zwitter) bezeichnet. Sie sind häufig unfruchtbar und haben oft weitere individuell unterschiedlich ausgeprägte Beeinträchtigungen.

Aber auch schon kleinere genetische Veränderungen auf den Geschlechtschromosomen können durchaus nachhaltig Wirkung entfalten. Gelangt z. B. das Gen SRY durch einen Genaustausch während der Reifeteilung (Meiose) vom Y-Gen auf das X-Gen, so wird bei Frauen mit normalem Geschlechtschromosomensatz (XX) das für die Keimdrüsen angelegte Gewebe dennoch in Hoden ausdifferenziert, so dass sie vom äußeren Habitus her als Mann erscheinen. Diese Form der sexuellen Differenzierung wird als „XX-Mann“ oder „De-la-Chapelle-Syndrom“ bezeichnet. Dagegen bilden Menschen mit männlichem XY-Chromosomensatz, bei denen das SRY-Gen fehlt oder defekt ist (Swyer-Syndrom), eine – oft verkürzte – Vagina oder einen Uterus aus. Dieses Syndrom wird meist erst in der Pubertät bemerkt, wenn die Geschlechtsentwicklung stockt. Bis dahin erscheinen die Betroffenen eindeutig als Mädchen.

Unterschiede in der Entwicklung

In utero sind wir am Anfang alle weiblich, d. h. jeder Embryo besteht zunächst aus rein mütterlichem Gewebe mit den Anlagen für die weiblichen Geschlechtsorgane. Er entwickelt standardmäßig die weiblichen Geschlechtsmerkmale, wenn nicht das Gen SRY auf dem Y-Chromosom den Schalter in Richtung „männlich“ umlegt. Das nun gebildete Hodengewebe sorgt für die verstärkte Erzeugung des Sexualhormons Testosteron und die Umwandlung der weiblichen Genitalien in männliche, woran auch noch andere Hormone beteiligt sind. Ohne SRY (und die Hoden-Hormone) bildet der Organismus hingegen vermehrt die Hormone Östradiol (ein Östrogen) und Progesteron. Sie führen zur Ausbildung von Uterus und Eierstöcken und den anderen weiblichen Geschlechtsmerkmalen. Mädchen sind sozusagen der Standardfall der Natur.

In der zweiten Schwangerschaftshälfte – nachdem die Entwicklung der Geschlechtsorgane abgeschlossen ist – formt sich durch die Geschlechtshormone im Fötus auch ein mehr oder weniger männliches oder weibliches Gehirn. Es ist der jeweilige „Hormoncocktail„, der lenkend auf Organisation und Verdrahtung des sich entwickelnden Organs einwirkt und Struktur und Neuronendichte verschiedener Bereiche beeinflusst. Nach Ergebnissen aus Tierversuchen wirkt sich Testosteron u. a. auf die Hirngröße aus, indem es die Produktion eines Wachstumsfaktors (des BDNF – „Brain Derived Neurotrophic Factor“) anregt. So reift das männliche Gehirn zwar im Schnitt langsamer, wird aber am Ende größer als das weibliche. Testosteron scheint beim Fötus im Mutterleib auch die Ausbildung der rechten Gehirnhälfte verstärkt zu fördern – und die trägt besonders viel zum musikalischen und räumlichen Verständnis eine Menschen bei. Daher könnten Musikalität und räumliches Denken ursächlich miteinander zusammenhängen – könnten aber auch unabhängig voneinander Leistungen erbringen, die jeweils vom Testosteron beeinflusst werden.

Bei weiblichen Föten entwickelt sich dagegen die linke Gehirnhälfte schneller, weshalb Frauen gemäß dem britischen Psychologen Simon Baron-Cohen von Anfang an einen Vorsprung in Bezug auf Sprache und soziale Intelligenz haben. Beim Jungen hingegen werde die Entwicklung der linken Gehirnhälfte verzögert. Ursache sei das Testosteron. Je niedriger der Testosteronspiegel während und nach der Schwangerschaft sei, um so einfühlsamer und sprachbegabter werde das Kind; je höher der Wert, umso geringere Sozialkompetenzen und umso spezialisiertere Interessen werde es später entwickeln. Das Gehirn eines Autisten ist demnach die Extremform des männlichen Denkorgans: Hoch systematisch, aber zur Empathie unfähig.

Unterschiede in der Gehirnanatomie

Die Korrelation zwischen der Größe einer Hirnregion bei Erwachsenen und der Wirkung von Sexualhormonen in der Gebärmutter deutet darauf hin, dass zumindest einige der geschlechtsspezifischen Unterschiede in den kognitiven Funktionen nicht durch kulturelle Einflüsse oder hormonelle Änderungen während der Pubertät entstehen – sie sind von Geburt an vorhanden. So haben Männer durchschnittlich ein um rund 12% größeres und schwereres Gehirn als Frauen; nach Studien sind Männerhirne im Mittel 1241 cm3 groß, Frauen rund 1100 cm3. Dabei existiert aber ein erheblicher Überlappungsbereich zwischen beiden Gruppen. Betrachtet man das relative Gehirnvolumen (also bei Berücksichtigung der individuellen Köperabmessungen) reduzieren sich die geschlechtsspezifischen Größenunterschiede um zwei Drittel.

Nach den vorliegenden Daten wirkt sich der Größenunterschied nicht auf die kognitive Leistungsfähigkeit aus. Frauen machen den Nachteil des kleineren Gehirns durch mehr Hirnwindungen wett, denn die Leistungsfähigkeit des Kortex (der Großhirnrinde) ist bekanntlich proportional zu seiner Oberfläche. Und eine stärkere Furchung des Gehirns führt zu einer Vergrößerung seiner Oberfläche, ohne das Volumen zu erhöhen.

Zwischen den Gehirn eines Mannes und einer Frau gibt es aber auch eine erstaunliche Palette an strukturellen, chemischen und funktionellen Unterschieden. Sie sind möglicherweise das Resultat von Selektionsdrücken während der Evolution und beeinflussen (mehr oder weniger) offenbar viele Bereiche der Kognition und des Verhaltens, z. B. Gedächtnis, Emotionen, Sehen, Hören, das Verarbeiten von Gesichtern und die Reaktion des Gehirns auf Stresshormone. Diese Unterschiede werden heute allerdings kontrovers diskutiert.

Erwiesen ist, dass Männer mehr graues Hirngewebe, also eine etwas dickere Hirnrinde, haben, Frauen mehr weiße Substanz. Die graue Substanz ist bei Frauen aber deutlich dichter gepackt. Manche geschlechtsspezifische Unterschiede hängen vermutlich eng mit der Lateralisierung des menschlichen Gehirns, also der Spezialisierung der Gehirnhälften, zusammen, deren Ausmaß deutlich mit dem Geschlecht variiert. Während Männer rechtshemisphärische Funktionen wie große zielgerichtete Bewegungen (wie z. B. beim Werfen) besser beherrschen – sie besitzen ein größeres Volumen des verantwortlichen Areals -, sind Frauen in von der linken Hemisphäre gesteuerten Aufgaben, wie z. B. feinmotorischen Bewegungen, überlegen. Umstritten ist, ob es eine signifikante Differenz der Geschlechter in der Verbindung zwischen den beiden Gehirnhälften gibt. Bei Frauen scheinen sich beide Gehirnhälften bei der Bewältigung verschiedener Aufgaben gleichmäßiger zu beteiligen, während Männer vermehrt jeweils eine Hirnhälfte aktivieren. Die Sprachproduktion, auf die die linke Hirnhälfte spezialisiert ist, scheint jedenfalls bei Frauen weniger lateralisiert, was zu höherer Wortflüssigkeit beiträgt.

Frauen sind unter dem Strich mitfühlender und reagieren sensibler auf emotionale Reize als Männer. Sie verarbeiten die Betonungsinformation – die emotionale Information, die mit einem Wort mitschwingt – Millisekunden früher, Männer dagegen zuerst den Inhalt des Wortes. Forscher vermuten, dass die hemisphärenbezogenen funktionellen Geschlechtsunterschiede auch dazu führen, dass Frauen mit höherer Wahrscheinlichkeit Details von emotionalen Ereignissen behalten, Männer dagegen eher den Hauptinhalt. Bei Frauen ist das Verhältnis zwischen einer Region, die an der Kontrolle von Gefühlen beteiligt ist (Orbitofrontalregion), und den Mandelkernen, die eher für die Erzeugung von Gefühlen zuständig sind, bedeutend größer als bei Männern, was bedeuten könnte, dass Frauen im Schnitt emotionale Reaktionen besser in den Griff bekommen. Bei Schizophrenen ist dieses Verhältnis bei Frauen kleiner, bei Männern merkwürdigerweise größer, was vermuten lässt, dass Schizophrenie bei Männern und Frauen eine jeweils etwas andere Krankheit ist und auf das Geschlecht bezogen behandelt werden müsste.

Das Sehzentrum von Frauen und Männern ist unterschiedlich aufgebaut, so dass Frauen eher zusammenpassende Objekte erkennen können und über eine höhere Wahrnehmungsgeschwindigkeit verfügen. Bei räumlichen Aufgaben schneiden sie aber schlechter ab, wobei das Ergebnis der Frauen allerdings abhängig ist vom Hormonstatus des Menstruationszyklus (s. u.). Männer verfügen allgemein über ein besseres räumliches Vorstellungsvermögen und lösen leichter Aufgaben, bei denen ein Gegenstand in der Vorstellung gedreht werden muss oder die Orientierung über einen Weg verlangt wird. Offenbar gehen Männer eher „holistisch“ an visuell-räumliche Aufgaben heran. Sie schätzen eher Entfernung und Richtung ab und lassen sich von Details nicht so leicht aus dem Konzept bringen, während Frauen eher analytisch vorgehen und sich an Landmarken orientieren. (Ähnliche Unterschiede zeigen sich schon bei wenigen Monate alten Babys.) Beide Geschlechter verwenden also andere Strategien aufgrund unterschiedlicher Vernetzungen im Gehirn, um sich in ihrer Umgebung zu orientieren.

Insgesamt können Männer und Frauen, so stellten neuere Studien fest, Denkaufgaben gleich gut bewältigen, nutzen dafür aber teilweise andere Gehirnareale. Über die Ursache dafür kann man derzeit nur spekulieren.

Wirkung der Geschlechtshormone

Hormone sind maßgeblich an der Entstehung von Unterschieden im Denken und Fühlen und dem Verhalten von Männern und Frauen beteiligt. So kann der gerade vorherrschende Hormonhaushalt die neuronale Verarbeitung verändern. Beispielsweise bewältigen Frauen zu Beginn des Menstruationszyklus – also während der Periode, wenn weniger Östradiol und mehr Testosteron in ihren Gehirnen vorhanden ist – Testaufgaben besser als in der Mitte des Zyklus. Der Rückgang der visuell-räumlichen Vorstellungskraft in der Zyklusmitte hängt statistisch also vor allem eng mit hohen Östradiolwerten zusammen. Da sich bei Männern der Testosteronlevel im Herbst deutlich verändert und höher ist als im Frühling, schneiden sie in dieser Jahreszeit bei räumlichen Vorstellungs-Tests etwas besser ab als während des restlichen Jahres. Frauen finden während ihrer fruchtbaren Phase kurz vor dem Eisprung typisch männliche Gesichtsmerkmale (z. B. ein breites Kinn) besonders attraktiv. Auf Männer wiederum wirken Frauen mit einem hohen Östrogenspiegel allgemein attraktiver, weiblicher und gesünder.

Die Forscher vermuten, dass das SRY-Gen die Stressreaktion durch vermehrte Ausschüttung von Katecholaminen (z. B. Adrenalin) und die damit verbundene Erhöhung des Blutdrucks im männlichen Organismus vorbereitet, was zu einer Stimulierung der aggressiven Grundstimmung führt. Dagegen sollen Östrogene und die Ausschüttung von körpereigenen Opiaten, die eigentlich der Schmerzlinderung dienen, bei Frauen aggressive Reaktionen bremsen. Östrogen steigert offenbar die Sensibilität für das Stresshormon Cortisol, was möglicherweise dazu beiträgt, dass Frauen häufiger an Depressionen erkranken als Männer. Es macht sie ängstlicher und hindert sie daran, dominant aufzutreten. Testosteron dagegen fördert wettbewerbsorientiertes Verhalten. Daher geht es in Männergruppen oft aggressiver und kompetitiver zu und es kommt eher zur Bildung einer Hackordnung als in rein weiblichen Ensembles.

Auch bei psychischen Störungen unterscheiden sich offenbar Frauen und Männer. So stellen Männer mit einer posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) im Mittel 52% mehr Serotonin (ein Hormon, das die Stimmung hebt) her als Frauen, was ebenfalls miterklären könnte, warum diese eher zu Depressionen neigen. Östrogen scheint die Ausschüttung des Hormons Dopamin, das in bestimmten Schaltkreisen des Gehirns positive Gefühle vermittelt, in jenen Hirnregionen zu steigern, die für die Regulation von drogengerichtetem Verhalten bedeutsam sind. Daher erliegen Frauen leichter den Wirkungen von Drogen wie Kokain und Amphetaminen und werden gewöhnlich schneller als Männer abhängig.

Die Neurowissenschaftler sind aber noch weit davon entfernt, all die geschlechtsbezogenen anatomischen und hormonellen Unterschiede im Gehirn und ihren genauen Einfluss auf kognitive Fähigkeiten und Krankheitsanfälligkeiten zu kennen. Ihre Auswirkungen, aber auch ihre Ursachen, sind auf alle Fälle sehr komplex.

Relativität der Unterschiede

Die Tatsache, dass jemand als Mädchen oder Junge erzogen wird und oft unterschiedlichen Lernwelten ausgesetzt ist, hat biologische Auswirkungen auf das Gehirn. Bis heute gibt es allerdings keine stichhaltigen Beweise dafür, dass soziale Faktoren unsere Geschlechtsidentität im späteren Leben tiefgreifend verändern. Nach Verhaltensstudien gehen Spielzeugvorlieben von Kindern zumindest teilweise auf angeborene biologische Unterschiede zurück. Laut Melissa Hines von der University of Cambridge (England) hantieren Jungen besonders gern mit solchen Gegenständen, die rollen können oder sich anderweitig durch den Raum bewegen – wie Fahrzeuge oder Bälle. Typisches Mädchenspielzeug sei dagegen eher ortsgebunden. Vergleichbare geschlechtskonforme Vorlieben unter Menschenaffen deuten auf mögliche evolutionäre Wurzeln hin.

Aber das verhaltensbiologische Erbe wird in nahezu allen Gesellschaften heute von kulturellen Einflüssen überlagert. Manche Forscher behaupten, psychologische und soziale Faktoren beeinflussten geschlechtsspezifische Verhaltensweisen stärker als angeborene biologische Unterschiede und färbten auf die Geschlechtsidentität ab. Inwieweit menschliche Verhaltensweisen tatsächlich biologische Wurzeln haben und inwieweit sie kulturell-moralischen Normen folgen, ist oft aber schwer zu entscheiden.

Die Plastizität unseres Nervensystems machen es problematisch, von dem Männerhirn oder dem Frauenhirn zu sprechen. Studien legen zwar nahe, dass sich bestimmte Hirnregionen zwischen Männern und Frauen unterscheiden, allerdings nur im Mittel. Nach einer Studie enthielt ein Drittel der untersuchten Gehirne sowohl typisch männliche als auch typisch weibliche Anteile. Dagegen waren nur sehr wenige Gehirne ausschließlich männlich oder weiblich. Der Rest lag irgendwo dazwischen. Die Gehirne der meisten Menschen scheinen demnach Mosaike mit weiblichen und männlichen Eigenschaften zu sein. Oft fallen die Geschlechtsunterschiede im Gehirn so marginal aus, dass geschlechtsspezifische Stereotype kaum zu rechtfertigen sind.

Das biologische Geschlecht ist also selten ganz eindeutig. Die häufig gestellten Fragen nach „typisch männlich“ und „typisch weiblich“ enthalten daher schon im Ansatz typologische Vereinfachungen, indem die tatsächlich überlappende geschlechtstypische Häufigkeitsverteilung der Merkmalsausprägungen ausgeklammert wird. Daher ist es sachlich nicht gerechtfertigt, aus den Durchschnitten von Individuen „natürliche“ oder „biologisch bedingte“ Rollenvorschriften oder Gegensätze zwischen den Geschlechtern abzuleiten. Wenn den Geschlechtern traditionell verschiedene Rollen zugeordnet werden, wie etwa „die Frau ist besser geeignet für … (z. B. Erziehung der Kinder)“, „der Mann ist besser geeignet für … (z. B. Berufe mit schwerer Arbeit)“, wird also leicht übersehen, dass es die Frau und den Mann überhaupt nicht gibt.

Genau genommen gibt es daher in den Verhaltensmerkmalen keine klaren Unterschiede zwischen weiblich und männlich. Vielmehr scheinen bei den meisten Merkmalen Zwischenformen fast jeden Grades möglich. Die amerikanische Psychologin Janet Hyde formulierte die „Hypothese der Geschlechterähnlichkeit„, wonach die Übereinstimmungen der psychologischen Profile von Männern und Frauen größer sind als die Unterschiede.

Transidentität

Zwischen „männlich“ und „weiblich“ liegen also viele Übergangsstadien – und alles ist immer eine Frage der Definition. Geschlechtszugehörigkeit wird nicht allein von körperlichen Geschlechtsmerkmalen, sondern wesentlich von der subjektiven Geschlechtsidentität bestimmt. Transidente (transgeschlechtliche) Menschen empfinden das ihnen bei der Geburt zugeschriebene Geschlecht als falsch. Sie können sich mit ihrem Körper nicht identifizieren, sondern fühlen sich dem anderen Geschlecht zugehörig. Es gibt Trans* Männer (Frau-zu-Mann) und Trans*Frauen (Mann-zu-Frau). (Das Sternchen soll Raum für mögliche Identitäten lassen.)

Transident sind auch Menschen, die sich geschlechtlich nicht eindeutig verorten lassen oder nicht verorten lassen wollen. Diese sog. Transgender fühlen sich durch ihr biologisches Geschlecht unzureichend beschrieben. Manche von ihnen leben zwischen den Geschlechtern, andere beschreiben sich als „weder-noch“ oder lehnen das Zweigeschlechtersystem ganz ab. (Zu ihnen gehören auch die Intersexuellen; s. o.) Die meisten Wissenschaftler gehen davon aus, dass Transidentität angeboren ist, also biologische Ursachen hat – etwa in der vorgeburtlichen Hirnentwicklung. Da sich das Gehirn des Embryos erst in der zweiten Hälfte der Schwangerschaft formt, wenn die körperliche Ausprägung schon abgeschlossen ist, können körperliches und Gehirngeschlecht voneinander abgekoppelt sein und sich verschieden entwickeln, glaubt der Neurowissenschaftler Dick Swaab von der Universität Amsterdam. Dazu passt, dass manche Transidente schon als kleine Kinder wissen, dass sie „anders“ sind.

Auf einigen Südseeinseln ist Transsexualität voll akzeptiert. Die Betroffenen sind gesellschaftlich angesehen und arbeiten traditionell als Hebammen. Der Wunsch nach einer geschlechtsangleichenden Operation belächeln sie als „westlichen Import“. Man sieht: Toleranz entsteht aus der Akzeptanz biologischer Tatsachen.

Transsexuelle besitzen statt der für ihr Geburtsgeschlecht typischen Neuronenzahl eine, die typisch ist für das Geschlecht, dem sie sich zugehörig fühlen. Während ein Abschnitt (BSTc) des Hypothalamus (der u. a. das Sexualverhalten steuert), bei Männern etwa doppelt so groß ist wie bei Frauen, ist er bei Transsexuellen genauso ausgeprägt wie beim „gefühlten“ Geschlecht. Ein weiteres Areal des Hypothalamus (INAH-3) fällt bei Transfrauen (gefühlte Frauen mit männlichem Körper) kleiner aus als bei Männern – das Volumen entspricht jenem heterosexueller Frauen. (Ähnliches gilt für die Homosexualität: So ist z. B. bei Homosexuellen die spezielle Zellgruppe INAH-3 im Hypothalamus kleiner als bei heterogenen Männern – ungefähr so groß wie bei Frauen.) Das Gehirn Transsexueller ist wahrscheinlich auch anders verschaltet.

Vermutlich führt ein Zusammenspiel verschiedener Faktoren zur Transidentität. Denn auch frühkindliche Prägung könnte eine Rolle bei der Entstehung der Identitätsstörung spielen, z. B. der Einfluss eines sehr dominanten Elternteils. Eine übermächtige Mutter könne etwa ihren Sohn in eine weibliche Rolle drängen. Auch diskutieren Forscher seit langem , ob es nicht auch eine sog. sekundäre Transgeschlechtlichkeit gibt, die erst im Erwachsenenalter auftritt, da manche Menschen erst im Laufe ihres Lebens plötzlich ihr Geschlecht ändern wollen.

Es gibt Beispiele im Tierreich dafür, dass männliches und weibliches Verhalten in Sekundenschnelle – und ohne Mitwirkung von Sexualhormonen – an- oder ausgeknipst werden kann. Forscher fanden im Gehirn von Mäuseweibchen Neuronenschaltkreise, die das männliche Paarungsverhalten steuern. Umgekehrt wurden Netzwerke für mütterliches Verhalten auch bei männlichen Mäusen nachgewiesen. Wenn man nur den richtigen Schalter in ihrem Gehirn umlegt, können diese Netzwerke aktiviert werden. Der Schalter dafür liegt im Vomeronasalorgan, das beim Weibchen im Normalfall den männlichen, beim Männchen den weiblichen Weg blockiert. Das ist mit hoher Wahrscheinlichkeit bei allen Wirbeltieren so, vom Fisch bis zum Homo sapiens. Ziemlich sicher aber ist auch, dass bei uns der Schalter nicht durch Manipulation am Riechorgan umgelegt werden kann. Beim Menschen könnte ein visueller Schalter beteiligt sein, oder auch ein sozialer.

Der natürliche Prozess, bestimmte Einzeleigenschaften von Geschlechtern nach Bedarf in einem Lebewesen zu mischen, wird offenbar von der Anforderungen im Evolutionsprozess angestoßen. Er kann mit recht komplexen Veränderungen der Genstruktur einhergehen, die in der Folge dann die genetische Regulation verändern. (Junge Blaupunkt-Korallengrundeln, eine Fischart in Australien, besetzen einen Brutplatz und warten auf einen Partner. Dessen Geschlecht ist ihnen egal, denn sie nehmen einfach das gegenteilige an. – Beim Maulwurf sehen Tiere mit zwei X-Chromosomen zwar säugertypisch wie Weibchen aus und bekommen Nachwuchs. Sie können aber ebenso das Geschlecht wechseln oder Zwitter sein. Wie diese Vielfalt im Körper reguliert wird, ist verwirrend komplex.) Dieser Mechanismus wurde bisher womöglich unterschätzt. Es ist denkbar, dass er häufiger als gedacht hinter bislang ungelösten Rätseln phänotypischer Varianten und Anpassungen im Tierreich steckt.

Fazit

Ein feines Zusammenspiel von Genen, Hormonen und Enzymen sowie Umweltfaktoren leiten also insgesamt die geistige und psychische Entwicklung der Geschlechter. Sicher ist heute, dass vor allem frühe Einflüsse vor der Geburt, vor allem der individuelle „Hormoncocktail“ in der Gebärmutter, die Geschlechtsentwicklung mitbestimmen. Sie entscheiden oft, in welchem Grad sich männliche und weibliche Merkmale ausbilden und prägen auch die Geschlechtsidentität im späteren Leben. Schon graduelle Verschiebungen in der Hormonzusammensetzung können diese Prozesse beeinflussen. Neue Techniken der Zellbiologie und DNA-Sequenzierung verdeutlichen: Fast jeder Mensch hat sein eigenes Geschlecht. (Es findet sich sogar manchmal in Körperzellen ein Geschlecht, das nicht zum Rest des Körpers zu passen scheint.)

REM

Der Weg zu den Homininen

Es gibt keine gerade Linie vom Ursprung des Lebens bis hin zum Menschen, kein stetes Fortschreiten vom Einfachen zum Komplexen, keinen zielgerichteten Prozess. Die Evolution des Menschen ist eher eine Kette von miteinander verschränkten Ereignissen und wechselhaftem Geschehen, wobei vor allem tektonische und klimatische Einflüsse eine große Rolle spielten. Das Prinzip „Zufall“ hätte an jedem einschneidenden Ereignis dem Evolutionsgeschehen eine andere Richtung geben können.

Im Kambrium (vor 541 bis 485 Millionen Jahren) lebte das Chordatier Pikaia, ein ursprüngliches Mitglied unseres eigenen Stammes. An der Wende zum Devon wurde fast die gesamte Tierwelt dieser Zeitepoche vernichtet. Hätte Pikaia nicht überlebt (was schon relativ unwahrscheinlich war), wären wir bereits damals aus der künftigen Geschichte getilgt worden – und nicht nur wir, sondern alle Wirbeltiere: Vom Hai über Frösche, Echsen, Vögel bis zu den Primaten. Wenn wir also die ewige Frage stellen möchten, warum der Mensch existiert, muss die Antwort wissenschaftlich gesehen lauten: Weil Pikaia die erdgeschichtliche Katastrophe am Ende des Kambriums überlebte.

Und wäre es nicht vor 66 Millionen Jahren durch einen Meteoriteneinschlag zu einer erdumfassenden Katastrophe gekommen und hätte die Dinosaurier ausgelöscht, wären die Säuger möglicherweise nie aus einem Randdasein hinausgekommen, und wenn, dann unter anderen Bedingungen. Dann hätten die Saurier wohl ähnlich intelligente Arten wie den Menschen hervorgebracht.

Der kanadische Paläontologe Dale Russel hat ein „Hirnsauriermodell“ entwickelt – ein leicht makabres Wesen von menschlicher Gestalt, schlangenhaft „kalten“ Augen mit großem, nacktem Schädel, in dem ein voluminöses Gehirn bequem Platz gefunden hätte. Es ist die konsequente Weiterentwicklung des Stenorhyncho-Sauriers, eines behenden Zweibeiners, der es bei 1,75 Meter Größe auf eine große Gehirnmasse bringen konnte. (Ob er irgendwann aber Intelligenz hervorgebracht hätte wie der Mensch, ist allerdings unmöglich zu sagen. Denn Intelligenz ist nur eine Anpassung oder Überlebensmethode für eine Tiergruppe, die nicht notwendigerweise besser oder anderen Anpassungen überlegen ist.)

Wir verdanken unsere Existenz als große denkende Säugetiere also einer Abfolge von (Un)Glücksfällen, an der erdgeschichtliche Ereignisse ungerichtet und planlos mitwirkten. In gleicher Weise verdankt jeder einzelne Mensch seine persönliche Existenz geschichtlichen Zufällen.

Von den Anfängen bis zum Miozän

Wir gehören biologisch bekanntermaßen ins Reich der Tiere, in den Stamm der Wirbeltiere, der Klasse der Säuger und – zusammen mit Halbaffen, Affen und Menschenaffen – in die Ordnung der Primaten. Diese artenreiche Gruppe tauchte vor über 80 Millionen Jahren auf, nachdem die Säuger schon ihre ersten 100 Millionen Jahre, zwei Drittel ihrer gesamten bisherigen Geschichte, als kleine Geschöpfe in den Winkeln und Ritzen der Dinosaurier-Welt zugebracht hatten. Die Primaten erklommen als erste Säuger die Baumwipfel, was eine ganze Reihe anatomischer Veränderungen -vor allem der Fortbewegungsorgane (spitze Krallen, leicht abspreizbarer erster Finger) und Sinnesorgane (Augen) – sowie der geistigen Fähigkeiten erforderte. Ihr ursprüngliches Aussehen und ihre Lebensweise dürften ähnlich denen einiger heutiger Spitzhörnchen gewesen sein. Wie sehr die Umwelt Lebewesen formte und immer wieder neue, passende Fähigkeiten hervorbrachte, wird an ihrer weiteren Entwicklung deutlich.

Ohne das Massensterben vor 66 Millionen Jahren wäre die Erde wohl eine Saurierwelt geblieben, und die Säuger hätten sich wahrscheinlich nicht weiter ausbreiten können. So aber vermehrten sie sich nach der Katastrophe rasch und spalteten sich in zahlreiche unterschiedliche Arten auf, darunter einige, die größer und kräftiger wurden. Schon vor 60 Millionen Jahren zweigten bei den Primaten die Trockennasenaffen von den ursprünglicheren Feuchtnasenaffen, zu denen heute die auf Madagaskar lebenden Lemuren und die Loris gehören, ab. Immer wieder sorgten in der Folgezeit großräumige klimatische Umschwünge für einen Selektionsdruck und die Bildung neuer Arten.

Vor 55 Millionen Jahren kam es zu einer besonders heißen Phase der Erdgeschichte, in der die Temperaturen um 4 bis 5°C stiegen. Ursache für die kurzzeitige Erwärmung war wohl der Zerfall größerer Mengen Methanhydrat im Meeresboden, ausgelöst durch eine aus dem Erdinneren aufgestiegenen Blase heißer Materie unter dem Nordatlantik. Methan und sein Zerfallsprodukt Kohlenstoffdioxid gelangten in die Atmosphäre und ließen die Temperatur steigen. Die Arktis wurde damals völlig eisfrei, subtropischer Wald bedeckte den größten Teil der Landmassen. Überall zeichnete sich nun ein für jene Zeit außerordentlich dynamisches Evolutionsgeschehen ab. Viele der bis dahin dominierenden Säugetierarten verschwanden von der Erde.

In dem dreidimensionalen, vielfältigen Lebensraum im Geäst der Wälder kam es zu einer weiteren Aufspaltung der Primatenarten. Bei den Echten Affen rückten die Augen weiter nach vorn und enger zusammen, so dass binokulares, räumliche Sehen (Fernorientierung) möglich wurde. Damit verbunden war der Rückgang der Geruchsfunktion. Die akustische Kommunikation spielte jetzt eine größere Rolle. Die neue Koordination der Sinnesleistungen machte eine Umstrukturierung des Gehirns notwendig und gab den Anstoß zu einer galoppierenden Vergrößerung des Denkapparats.

Nachdem sich Südamerika und Afrika voneinander getrennt hatten, entstanden vor rund 40 Millionen Jahren in Afrika und Asien die sog. Altwelt- oder Schmalnasenaffen, in Südamerika die Neuwelt- oder Breitnasenaffen. Die Altweltaffen entwickelten flache Nägel an Fingern und Zehen und tastempfindliche Kuppen an den Fingerspitzen. Die Finger selbst waren einzeln bewegbar, und der Daumen konnte aktiv den übrigen Fingern gegenüber gestellt werden. Dadurch waren feinmotorische Greifbewegungen – für soziale Fell- und Hautpflege, für Nahrungssuche und zum Ertasten und Erkunden von Gegenständen – möglich.

Am Ende des Eozäns vor knapp 34 Millionen Jahren kam es zu einem weiteren ungewöhnlichen Klimawandel, möglicherweise ausgelöst durch einen Meteoriteneinschlag. Gleichzeitig mit dem Absinken der Temperaturen trieben die Nordkontinente auseinander. Im Zuge dieser Entwicklung veränderten sich die Lebensräume, wobei die Waldflächen schrumpften. Es ereignete sich ein mittelschweres Artensterben, das Nischen für neue Arten freimachte. Die Altweltaffen spalteten sich in Tieraffen – auch Hundsaffen oder Schwanzaffen genannt (z. B. Makaken, Paviane, Languren und Rhesusaffen) – und Menschenaffen (Hominoidae) auf. Ihre gemeinsame Basisgruppe waren vermutlich die Propliopithecidae, von deren bekanntestem Vertreter Aegyptopithecus 30 bis 45 Millionen Jahren alte Funde existieren. Der Entdeckung eines etwa 15 bis 20 Kilogramm schweren Primaten im westlichen Saudi-Arabien lässt darauf schließen, dass sich die endgültige Spaltung der Altweltaffen frühestens vor 29 Millionen Jahren vollzog – später, als sich eigentlich aus Genomanalysen ergibt.

Die Menschenaffen lebten zunächst noch primär auf Bäumen, liefen im typischen Vierfüßergang am Boden und in den Zweigen und konnten gut klettern und springen. Ihre Ernährung war breiter gefächert als heute, vorwiegend Obst, aber auch Blätter, Früchte oder Nüsse. Mit der Zeit wurden einige dieser Arten größer und schwerer. Um sich ungestört auf den Bäumen bewegen zu können, mussten sie ihr Gewicht verteilen. Die Schulterblätter spreizten sich nach außen und verbreiterten so den Körper. Die Wirbelsäule war sehr biegsam und im unteren Teil recht lang. Da sie zum Springen zu schwer waren, brauchten sie keinen Schwanz oder besonders lange Beine. Hüften, Schulter-, Hand-, und Fußgelenke waren bereits beweglicher als bei Tieraffen. Verlängerte Arme und die beweglichen Handgelenke befähigten sie, aus nahezu jedem Winkel an etwas heranzureichen, zu drehen und zu greifen. Das Ellenbogengelenk ließ sich vollständig öffnen, so dass sie an Ästen hängen konnten. Aber noch immer waren sie besser dafür gerüstet, an und auf Ästen entlang zu klettern.

Ein charakteristischer Evolutionstrend von Primaten war die zunehmende soziale Lebensweise. Soziales Leben lässt sich mit starren, angeborenen Verhaltensweisen nicht meistern, es verlangt vielmehr ein ausgeprägtes Lernvermögen. Voraussetzung dafür war die Verlängerung der Säuglingsphase und der nachfolgenden Zeit bis zum Jugendalter. In der verlängerten Jugendzeit konnten soziale Verhaltensweisen, soziale Rollen und Nahrungstraditionen der jeweiligen Primatensozietät spielend-erprobend übernommen werden. Primatentypisch innerhalb des Sozialverhaltens ist vor allem das Erkennen von Vertrautheitsgraden. Es ermöglichte das Entstehen komplexer Sozialsysteme.

Ob das Sozialgefüge oder eher eine energiereiche Ernährung für die Vergrößerung des Gehirns der Auslöser war, ist seit langem umstritten. Amerikanische Anthropologen kamen zu dem Ergebnis, dass Primaten, die sich von Früchten ernähren, im Durchschnitt ein 25% größeres Gehirn haben als Blätterfresser. Hingegen fanden die Forscher keinen Einfluss des Soziallebens auf das Hirnvolumen. Allerdings haben sich wohl komplexe Ernährungsstrategien, soziale Strukturen und kognitive Fähigkeiten in der Primatenevolution abhängig voneinander entwickelt.

Frühes und mittleres Miozän (vor 23 bis 11,6 Millionen Jahre)

Bis ins frühe Miozän war Afrika beidseits des Äquators von einem riesigen tropischen Regenwaldgürtel bedeckt. Vor etwa 21 Millionen Jahren entstand die erste einer Reihe von Landbrücken von dem damaligen Inselkontinent zur Arabischen Halbinsel. Über diese gelangten zahllose Arten afrikanischer Landtiere nach Eurasien, darunter Giraffen, Elefanten, Nagetiere, aber auch Primaten. Wahrscheinlich sind die ersten Menschenaffen vor rund 16,5 Millionen Jahren nach Eurasien gelangt, spätestens aber vor etwa 15 Millionen Jahren. Sie fanden in den immergrünen Regen- und laubabwerfenden Feuchtwäldern, die sich bis ins südliche Ostasien erstreckten, eine stabile Umwelt mit reichlich Früchten bei Temperaturen wie im tropischen Afrika. Einer der ersten, dessen Nachfahren Eurasien eroberten, war Proconsul, der bekannteste Vertreter der frühen Menschenaffen in Afrika, der vor 21 bis 14 Millionen Jahren lebte. Er hatte noch ein relativ kleines Gehirn und war in den Gelenken nicht ganz so beweglich wie die modernen Arten.

Die Evolution der europäischen Menschenaffen war ein wildes Herumprobieren: Hangeln, klettern, auf zwei oder vier Beinen gehen usw. In nur 1,5 Millionen Jahren, erdgeschichtlich ein Augenblick, entwickelten sich mindestens acht neue Formen in mindestens fünf Gattungen. Als es kälter und trockener wurde, lösten allmählich Savannen und aufgelockerte Waldgebiete die dichten Wälder ab. Früchte wurden im Winter rar. Den Fossilien zufolge hielten sich die meisten kraftvoll gebauten Menschenaffen jetzt vorwiegend am Boden auf. Wahrscheinlich erweiterten sie damit ihren Aktionsradius und konnten so unter den vorherrschenden Verhältnissen ihre Nahrungsbedürfnisse besser befriedigen. Die Tiere erschlossen sich eine Vielzahl von neuen Umwelten und Nahrungsquellen, die einem Proconsul nicht zugänglich waren. Aus Abnutzungsspuren an ihren Zähnen und dem dickeren Zahnschmelz kann man schließen, dass sie oft Knollen und Wurzeln, also eine bis dahin verschmähte Nahrung, zu sich nahmen.

Es gab eine Reihe von Skelettveränderungen. So entwickelten sich anatomische Spezialisierungen für die schwingend-kletternde Fortbewegung, die sog. Brachiation: Weniger Wirbel und eine starre Wirbelsäule, die half, den Körper aufrecht zu halten. Dazu kam ein deutlich höheres Körpergewicht, äußerst bewegliche Gliedmaßen und sehr große und kräftige Hände. Mehrere Formen experimentierten mit dem aufrechten Gang (z. B. Danuvius, Pierolapithecus).

Eurasien dürfte vor 15 bis 8 Millionen Jahren eine besondere Bedeutung für die Evolution der Menschenaffen gehabt haben. Proconsul könnte der letzte gemeinsame Vorfahr der modernen Kleinen und Großen Menschenaffen gewesen sein, die sich nach bisherigen Erkenntnissen vor 16 bis 11 Millionen Jahren trennten. Heute umfasst die Gruppe der Kleinen Menschenaffen Gibbons und Siamangs, während man Orang-Utans, Gorillas, Schimpansen und Bonobos sowie den Menschen zu den Großen Menschenaffen zählt.

Vor knapp 13 Millionen Jahren lebten in Eurasien Große Menschenaffen-Arten wie Dryopithecus (in Europa) und Sivapithecus (in Asien). Sie ernährten sich von Früchten. Ihre verkürzte Schnauze deutet darauf hin, dass für sie Sehen wichtiger war als Riechen. Der Bau der Gliedmaßen und die langen, hakenartigen Hände ähnelten schon in vielem denen moderner Menschenaffen. Zusammen mit dem kurzen, steifen Rumpf und einer geraden Wirbelsäule waren sie sehr gut zum Hangeln geeignet.

Dryopithecus besaß wahrscheinlich ein ebenso großes Gehirn wie ein gleich großer Schimpanse. Seine systematische Stellung innerhalb der Hominiden ist allerdings noch umstritten. Manche Forscher halten ihn für einen Verwandten der asiatischen Menschenaffen, andere bezeichnen ihn als den Urahn aller heutigen afrikanischen Großen Menschenaffen und damit auch des Menschen. Er lebte nachweislich noch vor 12 bis 9 Millionen Jahren. In Sivapithecus sah man lange aufgrund der überraschenden Ähnlichkeit des Schädels einen Vorfahren der modernen Orang-Utans. Der DNA nach stammen diese jedoch wohl von Pongo ab, einem Menschenaffe, der sich vor mindestens 12 Millionen Jahren von der Entwicklungslinie anderer Menschenaffen abgespalten hat.

Fossilien der Großen Menschenaffen hat man bisher nur in Eurasien gefunden. Zwar könnte es sein, dass im Miozän in Afrika und Eurasien ähnliche Arten lebten – doch das ist unwahrscheinlich. Vielmehr sahen die Menschenaffen in jener Zeit in Afrika wohl noch immer so ursprünglich aus wie im frühen Miozän. Die Großen Menschenaffen Eurasiens blieben zunächst durch die Schrumpfung ihrer Lebensräume infolge der globalen Abkühlung von Afrika abgeschnitten.

Als im Äquatorbereich Afrikas das große Regenwaldgebiet zerfiel, starb das Gros der kleinen afrikanischen Menschenaffen, die sich hauptsächlich von Früchten ernährten, bald aus. Die übrig gebliebenen Arten, die vorwiegend Blätter aßen, verschwanden später wohl aufgrund der überlegenen Konkurrenz durch die Stummelaffen, die sich just in jener Zeit entwickelt hatten. Diese konnten wegen eines anders gebauten Verdauungstrakts Blätter weit besser verdauen. Eines der letzten Tiere aus der einst großen Gruppe der relativ kleinen Menschenaffen in Afrika war der kleinste bisher bekannte Menschenaffe, Simiolus minutus (3,5 Kilogramm schwer), der im Westen Kenias lebte.

Spätes Miozän (11,6 bis 5,3 Millionen Jahren)

Im späten Miozän erfolgte ein massiver Klimaumschwung, als sich die Alpen, der Himalaja und die Gebirge Ostafrikas weiter aufschoben und sich die Meeresströmungen verlagerten. Das Klima kühlte sich weltweit ab und es wurde trockener. Einige der europäischen Linien der Menschenaffen, beispielsweise Dryopithecus oder Kenyapithecus kizili, gelangten ins tropische Afrika, von dem sie lange Zeit abgeschnitten waren. Hier waren die Umweltbedingungen ähnlich denen, an die sie sich in Europa angepasst hatten. Von diesen Arten stammen wahrscheinlich die modernen afrikanischen Großen Menschenaffen und der Mensch ab. Viele Fragen sind jedoch noch offen, denn es besteht zwischen den europäischen Vorläufern und den afrikanischen Formen geografisch wie zeitlich eine beachtliche Fossilienlücke. Man geht aber davon aus, dass sich vor etwa 10 bis 8 Millionen Jahren die Linien trennten, von denen eine zum Gorilla und die andere zum Schimpansen und Menschen führte.

Vor etwa 8 Millionen Jahren wurde das Mittelmeer vom Atlantik abgeschnitten. Durch den fehlenden Wasseraustausch mit den Weltmeeren und den abgeschnittenen Zufluss vom asiatischen Festlandsbereich verringerte sich die Wassermenge und große Mengen Salz lagerten sich im trocken fallenden Mittelmeerbecken ab („Mediterrane Salzkrise“). Diese Salzablagerung dauerte, geologisch gesehen, nur sehr kurze Zeit, vielleicht wenige 100 000 Jahre, bewirkte aber eine drastische Klimaveränderung. Die Temperatur auf der Erde sank plötzlich stark ab, um 5°C, und die polaren Eiskappen begannen sich zu bilden. In Asien entstanden die noch heute vorhandenen Monsunzyklen.

Offenbar hielten die eurasischen Großen Menschenaffen den Klimaumschwung nicht aus. Die meisten ihrer Linien starben aus. In Europa waren sie endgültig vor rund 7 Millionen Jahren verschwunden. Einige tauchten noch im Osten Eurasiens auf (wie z. B. Sivapithecus in Südostasien und Pongo). Aus ihnen gingen die Orang-Utans hervor.

In dieser Zeit begannen auch die tropischen Regenwälder Afrikas, die bis dahin von West- nach Ostafrika reichten, zu schrumpfen. In einer breiten Randzone dünnte sich der Urwald nach und nach zu einem Flickenteppich aus einzelnen Baumgruppen aus. Nun mussten die bisherigen Waldbewohner bei der Nahrungssuche zwangsläufig öfter auf den Boden, wobei die im Vorteil waren, die aufrecht gehen konnten. Jetzt trennten sich auch die Linien, die zu Schimpansen und Menschen führten.

[Bei serologischen Tests, Proteinanalysen und DNA-Untersuchungen ergibt sich jeweils eindeutig, dass afrikanische Menschenaffen und Menschen einander ähnlicher sind als beide im Vergleich mit den Orang-Utans. Daher stellen viele Systematiker schon seit einiger Zeit die afrikanischen Menschenaffen in die Familie der Hominiden (Menschenartige). Der Orang-Utan stellt danach eine eigene Familie, die der Pongide, zu der die afrikanischen Menschenaffen und der Mensch zusammen die Schwestergruppe bilden. Innerhalb der Hominiden unterscheidet man Hominine (Menschenähnliche), Panine (Schimpansenähnliche) und Gorilline (Gorillaähnliche), zu denen man auch entsprechende fossile Formen zählt. (Nach einer anderen Version ordnet man Mensch, Schimpanse und Gorilla in die Unterfamilie Hominine und die des Orang in eine parallele Unterfamilie Pongine, die gemeinsam die Familie der Hominiden bilden.)

Die genetische Verwandtschaft der afrikanischen Menschenaffen und der Menschen ist so eng, dass die Beziehungen innerhalb dieser Gruppe von vielen molekularbiologischen Untersuchungen zunächst nicht eindeutig zu klären waren. Ungefähr 97% der Gene haben sie gemeinsam. Dabei beträgt die genetische Distanz zwischen Mensch und Schimpanse 1,6%, zwischen Mensch und Gorilla sowie zwischen Schimpanse und Gorilla aber 2,3%. Schimpanse und Mensch bilden demnach eine evolutionäre Schwestergruppe zum Gorilla.]

Der letzte gemeinsame Vorfahre von ihnen lebte nach heutiger Kenntnis vor höchstens 8 bis mindestens 5 Millionen Jahren. Genauer lässt sich das noch nicht abschätzen. Die Wissenschaftler vermuten, dass es ein schimpansenähnlicher Waldbewohner war, der auf dem Boden lief, aber auch im Geäst kletterte, und sich hauptsächlich von Früchten ernährte, aber auch kleinere Tiere tötete und verzehrte. Er benutzte hin und wieder Werkzeuge und lebte in komplexen, dynamischen Horden – wie Schimpansen und Menschen heute.

Manche denken, dass er im Knöchelgang lief wie heutige Schimpansen und Gorillas. Dabei stützen sich die Tiere auf die mittleren Fingerglieder. Entsprechend ist die Form der Handwurzelknochen an diese Fortbewegungsweise angepasst. Beim Menschen findet sich aber kein Hinweis auf eine Abstammung von Knöchelgängern. Daher könnte der Knöchelgang der Schimpansen erst jüngeren Datums sein und scheint, wie auch die langen Finger und der kurze Daumen, eine moderne Anpassung an das Leben in Bäumen darzustellen. Die baumbewohnende Lebensweise wäre demnach ein Sonderweg unter den afrikanischen Hominiden, der erst nach der Trennung von der Menschenlinie eingeschlagen wurde und die Veränderung der Hand nach sich zog. In der Hand des modernen Menschen seien dagegen viele archaische Merkmale konserviert; sie würde also eher der von den ursprünglichen Vorfahren ähneln. Ardipithecus ramidus, ein 4,4 Millionen Jahre alter ausgestorbener Seitenzweig in der Menschheitsentwicklung aus Äthiopien, scheint dem gemeinsamen Urahnen von Schimpansen und Menschen anatomisch am nächsten zu stehen.

Die ersten Homininen

Es scheint zum jetzigen Zeitpunkt wahrscheinlich, dass die östliche Mittelmeerregion (Nordafrika oder Südeuropa), genauso wie das tropische Afrika (ein breiter Gürtel, der das ostafrikanische Rifttal ebenso einschließt wie die Tschadsenke) für den Ursprung der Homininen in Betracht gezogen werden müssen. Über den genauen Verlauf ihrer Entstehung und Entwicklung haben wir keine genaue Kenntnis, da Fossilien von frühen Homininen und auch den übrigen Menschenaffen aus der Zeit von vor 8 bis 5 Millionen Jahre nur sehr spärlich sind. Einig ist sich die Wissenschaft, dass der Großteil der Evolution der Homininen auf jeden Fall in Afrika stattgefunden hat.

Die ältesten homininen Vorfahren haben wahrscheinlich das Klettern und den Aufrechtgang bevorzugt. Beim Stemmgreifklettern werden die gleichen Muskeln aktiviert wie beim Gehen. Beide Fortbewegungsarten existierten auch bei den späteren Australopithecinen noch nebeneinander. Bei solchen Mehrfachfunktionen kann durch Selektion eine der Funktionen mit der Zeit bevorzugt werden, die andere kann weniger Bedeutung erhalten oder ganz wegfallen. Das ermöglicht einen langsamen Wandel im Körperbau, ohne dass alle Teile gleichzeitig erfasst werden. So veränderten sich auf dem Weg zum ausdauernden Aufrechtgang tatsächlich auch zuerst Becken und Beine und erst später Schultergürtel und Brustkorb.

Ein sehr früher und der derzeit mutmaßlich älteste Vertreter unter den homininen Ahnen des Menschen könnte der Sahelanthropus gewesen sein, der vor 7,2 bis 6,8 Millionen Jahren im heutigen Tschad lebte. Zumindest stand dieser Primat hautnah an dem Zeitpunkt, als die Menschen- und Schimpansenlinie sich trennten. Er scheint manche Merkmale aufzuweisen, die unser letzter gemeinsamer Vorfahre noch nicht besessen haben dürfte. So hatte er schon einen flachen Gesichtsschädel, der auch einem nur 1,7 Millionen Jahre alten Australopithecus gehören könnte, recht kleine Eckzähne und dicken Schmelz auf den Backenzähnen. Aber er hatte auch noch gewaltige Augenwülste und einen winzigen Hinterkopf, was mehr an einen Schimpansen erinnert.

Die Wissenschaftler nehmen eine frühe Radiation der Homininen in zahlreiche verschiedene Arten an. Das Klima dürfte dabei weiterhin zu den wichtigsten Einflussfaktoren gehört haben. Neben häufigen kurzfristigen Klimawechseln, in denen sich die Lebensräume wandelten, gab es auf dem Weg zum Menschen noch mindestens drei große Klimaveränderungen. Diese Ereignisse erhöhten den Selektionsdruck und dürften sich auf die Homininen vielfältig ausgewirkt haben. Ein bestimmter Körperbau, eine Ernährungsweise oder Art der Fortbewegung, die zu einer Zeit und in einem bestimmten Lebensraum gut passten, waren zu einer anderen Zeit weniger ideal. Die Entwicklung schritt also nicht gleichmäßig in derselben Richtung voran, sondern eher mal hierhin, mal dorthin. Bestimmte Merkmale entwickelten sich auch mehrfach in isolierten Habitaten unabhängig voneinander.

So ist offenbar eine große Diversität unter den Homininen entstanden, wobei jede Art oder Gruppe jeweils ein Mosaik aus ursprünglichen und abgeleiteten Merkmalen besaß. Vielerorts vermischten sich die aufrecht gehende Vormenschen-Varianten von Zeit zu Zeit wieder miteinander und zeugten vielgestaltige Nachkommen, von denen eine große Zahl ausstarb, andere aber überlebten und schließlich den Menschen hervorbrachten.

REM

Intelligentes Leben im Universum? (2)

Das Fermi-Paradoxon

Das schlagendste Argument gegen die Existenz vieler außerirdischer Zivilisationen in der Milchstraße ist das sogenannte Fermi-Paradoxon – nach dem Physiker Enrico Fermi (1901-1954) benannt. Es basiert auf vier Annahmen:

  1. Da sich Leben, Intelligenz, Technik usw. hier auf der Erde entwickelt haben, müssen wir davon ausgehen, dass dies auch an anderen Stellen im Universum möglich ist. Unsere Zivilisation sollte daher nicht die einzige technologische in der Milchstraße sein.
  2. Unsere Zivilisation ist durchschnittlich und typisch – und somit nicht die erste, nicht die am weitesten fortgeschrittene und nicht die einzige, die Kontakt sucht. (Das entspricht dem Prinzip der Mittelmäßigkeit – oder Kopernikanisches Prinzip -, nach dem im kosmischen Maßstab weder an der Erde noch an den Menschen irgendetwas Besonderes oder Einmaliges ist.)
  3. Interstellare Reisen sind nicht zu schwierig für hoch entwickelte Zivilisationen.
  4. Eine Kolonisierung der Galaxis mit Generationenraumschiffe oder durch Roboter geht relativ schnell, in weniger als einer Milliarde Jahren.

Fermi vermutete also, dass es für fortgeschrittene Superzivilisationen nicht schwer sei, die Milchstraße mit Leben zu füllen. Da wir aber in keiner Form Kenntnis von ihnen haben, gebe es solche Zivilisationen aber offenbar nicht. Dieser Ansicht sind auch heutige Skeptiker. Die Menschheit wäre demnach tatsächlich die erste und einzige technologisch-intelligente Zivilisation zumindest in der Milchstraße. Vielleicht hat die Evolution wirklich noch nicht genug Zeit gehabt oder die nötigen Bedingungen sind zu unwahrscheinlich, dass sich eine andere Spezies entwickeln konnte. Danach wäre das Leben auf der Erde extrem frühreif.

Andere Lösungsvorschläge

Inzwischen diskutieren Wissenschaftler und Philosophen weitere Lösungsvorschläge für das Fermi-Paradoxon.

So könnten intelligente Zivilisationen jeden Kontakt mit uns bewusst meiden. Da wir gerade erst angefangen haben, Radioastronomie und Raumfahrt zu betreiben, dürften sie wohl wesentlich älter und weiterentwickelt sein als wir. Sie haben deshalb kein Interesse, mit einer so rückständigen Gesellschaft in Kontakt zu treten. Oder sie interessieren sich nur rein wissenschaftlich für uns und studieren unsere Entwicklung aus der Ferne („Zoohypothese“).

Wenn sie uns geistig und moralisch überlegen sind, könnten sie sich auch aus Fürsorge eine Kontaktsperre mit uns verordnet haben („Embargo-Hypothese“). Eine Konfrontation mit einer hoch überlegenen Zivilisation könnte für uns unweigerlich zu einem Kontaktschock führen oder sogar in einer Katastrophe enden. Wenn extraterrestrische Wesen tatsächlich seit Jahrmillionen existieren, ohne sich selbst in den Untergang gestürzt zu haben, dann verfügen sie sehr wahrscheinlich über ein entsprechend hohes Maß an ethischer Disziplin und würden einen Eingriff in die Entwicklung einer jungen Spezies vermeiden wollen.

Vielleicht existieren auch Zivilisationen in der Milchstraße, die sich aus Furcht vor Entdeckung vor uns oder anderen Extraterrestriern verbergen, weil sie feindliche Reaktionen befürchten. Tarnung hat sich überall in unserer Natur als erfolgreiche Strategie durchgesetzt, sowohl bei Jägern wie bei Beutetieren. Beide wollen nicht entdeckt werden und erhöhen so ihre Überlebenschance.

Die Zahl geeigneter Welten für intelligentes Leben könnte auch von Region zu Region stark schwanken. So wäre es ganz normal, dass die Erde weit weg von belebten Zonen in der Milchstraße liegt und daher bislang nicht von Außerirdischen kontaktiert wurde – selbst wenn diese in den Weiten der Galaxis häufig sind („Galaktischer Archipel“-Szenario). Vielleicht wurden wir auf der Erde früher auch schon einmal besucht – etwa als noch Dinosaurier den Planeten beherrschten -, und irgendwann wieder verlassen. Die Spuren des technologischen Lebens wären mit der Zeit verschwunden. Nach mehr als einer Million Jahren sind bloß noch isotopische oder chemische Anomalien im Erdboden auffindbar, etwa in Form synthetischer Moleküle, Kunststoffe oder radioaktiven Fallouts.

Heute lebten wir also in einer Periode kosmischer Isolation. Die große Frage wäre, ob unsere Zivilisation noch existiert, wenn wir Lebenszeichen von einer anderen erhalten würden. Keiner weiß, wie lange die Phase von intelligentem Leben und einer technischen Zivilisation auf einem Planeten gewöhnlich dauert. Viele Wissenschaftler gehen von einer relativ kurzen Zeitspanne aus. Sie nehmen an, dass sich die meisten Völker durch ökologischen Raubbau oder verheerende Kriege selbst irgendwann vernichten. Schon Fermi hatte befürchtet, dass sich jede fortgeschrittene technologische Zivilisation, kaum hat sie das Radio erfunden, selbst wieder in die Luft sprengt.

Aber auch expansive Imperien könnten regelmäßig zu Fall gebracht werden, z. B. durch extreme Naturkatastrophen wie Supernova-Explosionen oder Ausbrüche des Schwarzen Lochs im Zentrum der Galaxie. Wenn intelligente Zivilisationen im Durchschnitt z. B. „nur“ 10 Millionen Jahre überdauern würden, könnten viele bereits wieder ausgestorben sein. könnte. Ihre Signale haben uns vielleicht zu einer Zeit erreicht, als auf unserem Planeten die Menschen noch in der Steinzeit lebten. Noch vor 100 Jahren hätten uns Außerirdische mit Hilfe von Radiosignalen wohl niemals gefunden, weil wir technologisch noch nicht in der Lage waren, diese zu empfangen. Es könnte also sein, dass intelligente Zivilisationen zwar häufig entstehen, sich untereinander aber schlicht verpassen. Demnach ließe sich das Fermi-Paradoxon nicht nur durch zu kleine räumliche Nischen, sondern auch durch zu kurze zeitliche Fenster erklären.

Oft wird auch das Energie-Problem zu wenig berücksichtigt. Es ist die Frage, ob z. B. Kulturen wie die irdische über ausreichende Ressourcen zum Aufbau eines interstellaren Kommunikationssystems verfügen. Wir wissen selbst nicht, ob wir in 100 Jahren z. B. noch Radioastronomie betreiben können und werden – vermutlich ja, aber sicher sein können wir nicht. Auch in fortgeschrittenen, interstellar kommunikationsfähigen Zivilisationen könnten die Ressourcengrundlagen schon nach kurzer Zeit versiegen oder rasch zerstört werden. So könnten die Außerirdischen ihre Bemühungen nicht nur aus fehlendem Interesse an interstellarer Kommunikation, sondern auch aus Kostengründen (Energieverschwendung!) wieder eingestellt haben.

Interstellare Raumfahrt

Theoretisch müsste für eine Zivilisation, die über eine viel höher entwickelte Technologie als wir verfügt, interstellare Raumfahrt möglich sein. So könnte sie sich mit Kolonien in anderen Sternsystemen und gigantischen Raumstationen im interstellaren Raum ausbreiten. Nach Berechnungen von Astronomen wäre es – unter plausiblen Annahmen – im Lauf von Jahrmilliarden möglich, die gesamte Milchstraße zu kolonisieren, zumal die natürlichen Bewegungen der Sterne die Verbreitung noch fördern würden.

Noch wissen wir allerdings wenig über die Technologie, die für interstellare Raumflüge nötig ist. Ob Reisen mit Lichtgeschwindigkeit – was nach der Allgemeinen Relativitätstheorie grundsätzlich durchaus möglich wäre – oder gar Überlichtgeschwindigkeit (die für intergalaktische Flüge notwendig wäre) überhaupt jemals realisierbar sind, ist äußerst zweifelhaft.

Der theoretische Physiker Peter Coles glaubt an ein Wurmloch. Dessen Existenz ist eine logische Möglichkeit der Allgemeinen Relativitätstheorie, und auch von der Quantengravitation erlaubt. Wenn es unseren Nachfolgern gelänge, solche Raumzeittunnel ausfindig zu machen oder selbst zu erzeugen – was immense Energiemengen verschlingen würde -, wären interstellare oder gar intergalaktische Reisen kein Problem. Rein wissenschaftlich spräche also zunächst einmal nichts dagegen.

Mit heutiger Raketentechnik benötigen wir rund 10 Jahre bis an die Grenzen unseres Sonnensystems. Viele Wissenschaftler zweifeln allein an der Überwindung dieser Grenze mit bemannten Raumfahrzeugen. Bis zu den nächsten Sternen bräuchten wir viele Jahrhunderte oder sogar Jahrtausende. Selbst wenn es im Abstand von 1000 Lichtjahren eine Zivilisation gäbe, würde wir heute 10 Millionen Jahre brauchen, um diese Zivilisation zu erreichen. Die nächste Galaxis, die Andromeda-Galaxie, ist bereits mehr als zwei Millionen Lichtjahre entfernt. (Mit 10% der Lichtgeschwindigkeit – was unsere technischen Möglichkeiten derzeit noch weit übertrifft – würde es 20 Millionen Jahre dauern, diese Strecke zu überbrücken.)

Mit Hilfe der Kernfusion ist wahrscheinlich eine Höchstgeschwindigkeit von 12% der Lichtgeschwindigkeit möglich. Über andere denkbare Antriebe (z. B. Sonnenenergie oder Antimaterie) wird viel diskutiert. Man bräuchte aber für interstellare Flüge auch riesige Schiffe, die vielen Generationen als Habitat dienen müssten. Selbst sehr weit entwickelte Außerirdische ständen wegen des enormen Ressourcenverbrauchs vor einem schier unüberwindbaren Hindernis.

Angenommen, ein Generationenraumschiff mit einer Mindestbesatzung von 200 Personen würde mit einem Zehntel der Lichtgeschwindigkeit einen 30 Lichtjahre entfernten Stern ansteuern: Die Reise dauerte dann 300 Jahre, rund 10 Generationen. Die Gesamtmasse des Raumschiffs müsste rund 100 000 Tonnen betragen. Zum Beschleunigen und Abbremsen des Raumschiffs wäre das 200-fache der Energie nötig, welche die gesamte Erdbevölkerung in einem Jahr verbraucht.

Selbst bei phantastisch neuen Antriebsquellen wäre eine interstellare oder gar intergalaktische Raumfahrt auf die Dauer womöglich schlicht zu aufwändig und zu teuer, abgesehen von dem Zeitaufwand und den Risiken. Probleme sind neben den großen Anforderungen in der Antriebstechnik und den hohen Kosten auch die gigantischen Herausforderungen an die Lebenserhaltung, die Strahlenbelastung im All und der körperliche Verfall in der Schwerelosigkeit. Für lange Flüge durchs Universum und die harschen Weltraumbedingungen sind empfindliche Kohlenstoff-Lebensformen wie unsere nicht gut geeignet.

Aus diesen Gründen ist die Raumfahrt einer außerirdischen Intelligenz möglicherweise immer wieder erlahmt, so dass wir heute nur lokale Zivilisationsblasen in den Galaxien finden. Statt in die Ferne zu reisen, würden sich diese Gesellschaften auf sich selbst besinnen und eine komplett nachhaltige Existenz anstreben, wobei eine technische Stagnation ihre Überlebenschancen auf lange Sicht allerdings mindern würde.

Dysonsches SETI

Die SETI-Forscher Bradbury, Mirkovic und Dvorsky haben einen komplementären Ansatz für die Suche nach Außerirdischen entwickelt: Dysonsches SETI (benannt nach dem Quantenphysiker Freeman Dyson, der neue Suchstrategien nach Außerirdischen angeregt hatte). Sie gehen davon aus, dass die Existenz außerirdischer Artefakte nicht weniger plausibel ist als extraterrestrische Funkbotschaften. Im Vordergrund steht für sie daher die Suche nach fortgeschrittenen technischen Produkten und Signaturen (z. B. Megastrukturen) im All.

Einige Astronomen wollen systematisch und quantitativ die Atmosphären von Exoplaneten nach infraroter Abwärme und Umweltverschmutzungen von möglichen technischen Zivilisationen absuchen. Das SETI-Institut plant eine Untersuchung, für die 96 Kameras über die Erde verteilt werden und den Himmel 24 Stunden am Tag nach Lasersignalen absuchen sollen. Dahinter steckt die Idee, dass eine intelligente Zivilisation Laser zur Kommunikation benutzt, oder dass die Abgabe von Laserlicht ein Nebeneffekt von anderen Technologien ist. Dank einer großzügigen Spende der von einem russischen Internet-Milliardär gegründeten Juri-Milner-Foundation startete 2015 das Projekt „Breakthrough-Listen“. Es soll in den kommenden 10 Jahren eine Million Sterne nach technischen Signaturen absuchen, darunter einige Tausend in der Sonnenumgebung und außerdem auch viele in den hundert nächsten Galaxien. Zudem soll die Suche nach Hinterlassenschaften denkbarer Besuche aus der fernen Vergangenheit und Zeugnissen untergegangener kosmischer Kulturen forciert werden: Wissenschaftliche Instrumente, „Zeitkapseln“ oder andere gezielt abgesetzte Botschaften (vielleicht sogar extra markiert und an markanten Orten positioniert), sowie Müll und Grabungsspuren.

Andere Forscher halten Ausschau nach robotischen Erkundungssonden. Manche Wissenschaftler sind überzeugt, dass außerirdische Intelligenzen mit kleinen, künstlich-intelligenten robotischen Sonden, die in der Lage sind, sich zu vermehren, ganze Galaxien erforschen könnten. Auf diese Weise ließe sich die ganze Milchstraße innerhalb von 10 bis 100 Millionen Jahren durchstreifen und große Datenmengen sammeln.

Der britische Astronom Martin Rees ist der Überzeugung, dass wir uns selbst in einer relativ kurzen Übergangsphase in der Entwicklung zu einer postbiotischen Intelligenz befinden. „Organische Intelligenz ist nur ein kurzes Zwischenspiel, bevor die Maschinen übernehmen“, meint Rees. In dem Sinne stünde auch die Menschheit bereits an der Schwelle zu einer posthumanen Existenz. Offen bliebe allenfalls, ob diese organisch sei in Form von Cyborgs (Mensch-Maschinen-Wesen) oder ganz anorganisch in Form von Robotern oder Nanomaschinen mit künstlicher Intelligenz (KI). Möglicherweise erschaffen wir also gerade unsere Nachfahren, die nächste intelligente Spezies auf der Erde, die uns kognitiv weit überlegen wäre.

Denkbar wäre, dass wir bereits in einem postbiologischen Universum leben, das von künstlichen Intelligenzen beherrscht wird. In einer robotischen Technosphäre wäre eine Suche nach biologischen Markern sinnlos. Aber auch für robotische Wesen wäre das Sternenlicht die einfachste und nachhaltigste Energiequelle. Sonst können wir uns nur Schwarze Löcher oder eine bislang unbekannte Physik als Energielieferanten vorstellen. Daher sollten wir einfach auf ungewöhnliche und bizarre Phänomene im Universum achten: Z. B. interstellare Gaswolken mit anomal wenig Deuterium, falls dieser schwere Wasserstoff zur Energieerzeugung in Kernfusionsreaktoren gesammelt wurde; oder ungewöhnliche Mengen an Infrarotstrahlung bei Sternen oder in den Zentren anderer Galaxien, was auf die Abwärme gigantischer Energiekollektoren hinweisen könnte. In den letzten Jahren wurde danach bereits ausgiebig gesucht – doch bisher ohne Ergebnis.

[Von den mehr als 150 000 Sternen, welche die Keplersonde katalogisiert hat, zeigt ein einziger – KIC 8462852 („Tabbys Stern“), ein nach allen Messungen durchschnittlicher Himmelskörper mittleren Alters – eine völlig unerklärliche Lichtkurve. Gelegentlich trübte sich seine Strahlung um rund 1%, dann wiederum um 20%. Kein vorstellbares Planetensystem kann eine derart extreme und unregelmäßige Lichtkurve hervorrufen. Wie sich auch herausstellte, nahm die Helligkeit des Sterns während der Keplermission um 3% ab. Dieser Effekt ist ebenso ungewöhnlich wie die kurzfristigen Sprünge der Lichtkurve. Alle natürlichen Erklärungen (Scheibe aus Staub und Gas, Kometenschwarm, Wolke im interstellaren Medium oder im Sonnensystem, Schwankungen der stellaren Leuchtkraft oder Schwarze Löcher) können nicht voll überzeugen. Die sensationellste Möglichkeit wäre ein künstliches Riesengebilde einer außerirdischen technologischen Zivilisation, das den Stern umkreist. Bislang ist allerdings die Plausibilität dieser Hypothese unklar.]

Folgen eines Kontakts

Stephen Hawking riet vehement davon ab, leichtsinnig Botschaften ins All zu funken, um Außerirdische auf uns aufmerksam zu machen, denn das könnte seiner Meinung nach verheerende Folgen für unsere Zivilisation haben. Die Risiken seien viel größer als die Chancen, da die Außerirdischen nicht unbedingt friedfertig, altruistisch und weise sein müssen – was die Menschen auch zwar gerne wären, aber nicht sind. Sie könnten uns als künftige Konkurrenten um Ressourcen betrachten und ihr Machtinteresse wecken. Es wäre also nicht unbedingt angenehm, wenn wir von höher entwickelten Außerirdischen vereinnahmt würden.

Der Schriftsteller Artur C. Cole meinte allerdings, aggressive Arten würden sich eliminieren, bevor sie zu den Sternen fliegen könnten. Er hält die Kombination einer hoch entwickelte Wissenschaft und einer unterentwickelten Moral auf Dauer für instabil und selbstzerstörend.

Sicher könnte die Auffindung von außerirdischen intelligenten Lebewesen phänomenal wichtig für die Menschheit sein. Man stelle sich vor, was wir alles aus dem Zusammentreffen mit Außerirdischen gewinnen könnten, beispielsweise wissenschaftliche Erkenntnisse, für die wir mit unseren Mitteln noch Hunderte von Jahren brauchen würden. Aber könnten wir, wenn es denn zu einem Kontakt käme, tatsächlich in einen sinnvollen Dialog mit den Außerirdischen eintreten? Das Informationssignal wird nach Ansicht der meisten Forscher aus einer Ansammlung von Impulsen bestehen. Die Frage ist, ob wir überhaupt in der Lage sein werden, daraus eine Botschaft zu lesen. Wir gehen zwar davon aus, dass die Gesetze der Mathematik, Physik und Chemie im gesamten Universum gelten und auch von Außerirdischen gekannt und angewandt werden. Aber ihre wissenschaftliche und technologische Entwicklung hat sicher früher begonnen und ist wahrscheinlich ganz anders verlaufen als bei uns. Die Wahrscheinlichkeit, dass sie dieselbe Art von Wissenschaft betreiben wie wir, sei im Prinzip gleich null oder zumindest vernachlässigbar gering, sagt der Philosoph Nicholas Rescher. Wäre ein Informationsaustausch trotzdem möglich, so wäre ihre Wissenschaft für uns nicht verständlicher, als es das Schaltdiagramm eines Personalcomputers für einen traditionell lebenden Ureinwohner einer abgelegenen Insel wäre.

Auch wären die Motive und Ziele der Außerirdischen für uns wohl unverständlich und so gut wie nicht vorhersagbar. Wenn sich die Zivilisationen aber völlig fremd sind und sie überhaupt nichts gemeinsam haben, wird aus einem Signal – wenn es überhaupt entzifferbar wäre – buchstäblich nichts zu lernen sein. Der Nutzen einer Botschaft von den Sternen wird also letztlich davon abhängen, ob eine außerirdische Zivilisation der unseren hinreichend nahe steht.

Abgesehen davon wäre der Kontakt mit Außerirdischen ein Projekt, das viele aufeinander folgende Generationen umfassen würde. Sollte es, wie manche Theoretiker annehmen, in rund 1000 Lichtjahren eine intelligente Zivilisation geben, bräuchte eine Botschaft dorthin mit Lichtgeschwindigkeit demnach 1000 Jahre. Sie bräuchte dann wieder 1000 Jahre zurück, aber wer weiß, was in 1000 bis 5000 Jahren auf der Erde sein wird. Extrem langfristige Planung einer einigen Menschheit wären notwendig, um eine Zwei-Wege-Konversation über Jahrtausende aufrechtzuerhalten.

Fazit

Es gibt so viele Sterne und Planeten allein in der Milchstraße, dass intelligente Zivilisationen auch anderswo wahrscheinlich sind. Für den Physiker Harald Lesch spricht aber alles dafür, „dass es zur Zeit keine kommunikationsbereiten Zivilisationen in der Milchstraße gibt“. Auch angesichts der ungeheuren Distanzen und gewaltigen Zeiträume ist ein Kontakt relativ unwahrscheinlich. Die Lichtgeschwindigkeit stellt eine fast unüberwindbare Grenze dar, so dass einige Forscher glauben, jede Suchaktion oder gar eine Reise durchs Weltall sei von vorneherein zum Scheitern verurteilt.

Die theoretischen Überlegungen der meisten Astrophysiker laufen darauf hinaus, dass wir auf jeden Fall noch Jahrhunderte oder Jahrtausende suchen müssen, bis wir Außerirdische oder Signale von ihnen aufspüren würden. Ihr Nachweis scheint eine „reine Glückssache“ zu sein, was nicht heißt, dass wir nicht danach suchen sollten. Denn die Frage nach einer außerirdischen Zivilisation ist so fundamental, dass wir ihr auf jeden Fall nachgehen müssen.

Sollte es tatsächlich zu einem Kontakt kommen, wäre es das schwerwiegendste Ereignis in der Geschichte der Menschheit und würde unser Weltbild völlig verändern. Und es würde eine immense Herausforderung für uns bedeuten.

REM

Intelligentes Leben im Universum ? (1)

  1. Die Suche

Es gibt keinen plausiblen Grund anzunehmen, dass nur auf unserem Planeten intelligentes Leben entstanden ist. Das Universum ist „zu kreativ und zu groß“, als dass wir die einzige intelligente Lebensform sein könnten, meinen Forscher. Der griechische Philosoph Epikur hatte im 4. Jahrhundert v. Chr. gegen das zentrische Universum des Aristoteles opponiert und bereits spekuliert: „Die Welten sind grenzenlos an Zahl, teils unserer ähnlich, teils unähnlich.“

2000 Jahre lang dominierte die aristotelische Sicht die Kosmologie des Abendlandes. Aber schon im 13. Jahrhundert hatte der Theologe und Philosoph Albertus Magnus gefragt: „Gibt es viele Welten oder gibt es derer nur eine einzige?“ Und zu Beginn der abendländischen Neuzeit, nachdem Nikolaus Kopernikus die Erde aus ihrer zentralen Stelle im Universum gerückt hatte, spekulierten Naturforscher über fremde Intelligenzen – so z. B. Johannes Keppler, Immanuel Kant, Otto von Guericke und Gottfried Wilhelm Leibniz. Der Dominikanermönch Giordano Bruno endete im Jahre 1600 sogar auf dem Scheiterhaufen, weil er u. a. die Vision eines unendlichen Alls, angefüllt mit belebten Welten, kundgetan hatte. Heute sind alle Astronomen bekennende Epikuräer.

Für die Wahrscheinlichkeit von extraterrestrischem intelligentem Leben gibt es drei Hauptargumente: 1. Bei entsprechenden Voraussetzungen und im geeigneten Milieu muss Leben zwangsläufig entstehen. 2. Angesichts der riesigen Zahl von Sternen und Planetensystemen allein in der Milchstraße kann die Erde nicht der einzige Planet sein, auf dem sich Leben entwickelt hat. 3. Unter weitgehend stabilen Bedingungen über Milliarden Jahre hinweg führt eine Evolution der Organismen wie auf der Erde zur Herausbildung von Intelligenz.

Demnach könnte unser Universum voll mit Lebewesen sein, von denen viele auch Intelligenz hervorgebracht haben oder hervorbringen werden. Allein in der Milchstraße dürften sich heute eine Milliarde erdgroße Planeten befinden. Eine Hochrechnung des Space Telescope Science Institute in Baltimore/Maryland ergab, dass sich die meisten Planeten schon vor langer Zeit gebildet haben. 80% der erdähnlichen Welten existierten danach bereits vor 4,6 Milliarden Jahren, als sich unser Sonnensystem formte. Erdähnliches Leben könnte so im Durchschnitt fast zwei Milliarden Jahre mehr Zeit gehabt haben, um sich zu entwickeln. Falls die Evolution der menschlichen Intelligenz nicht eine einzigartige kosmische Ausnahme ist und warum auch immer besonders rasch erfolgte, müssten anderswo weitaus früher technische Zivilisationen entstanden sein.

Wo ist intelligentes Leben am ehesten zu finden?

Galaxien, die höheres Leben, wie wir es kennen, beherbergen, sollten einen Durchmesser von mindestens 12 000 Lichtjahren und eine Masse von 10 Milliarden Sonnen haben. Einer statistischen Abschätzung zufolge besitzen aber nur 10% dieser großen Galaxien eine gute Chance für die Entwicklung intelligenten Lebens. Am ehesten findet man außerirdische Lebewesen wohl in Spiralgalaxien, meint der Astrophysiker Daniel P. Whitmire, womit er einer Studie von 2015 widerspricht, die die Entwicklung technologisch fortgeschrittener Zivilisationen eher in elliptischen Galaxien vermutet. (In elliptischen Galaxien gibt es zwar mehr Planeten, aber diese seien wegen häufigerer Supernova-Explosionen und den aktiveren Galaxienkernen deutlich seltener bewohnbar.)

Früher waren lebensfreundliche Galaxien noch dünner gesät, sie waren kleiner und dichter benachbart. Und es gab weniger schwere Elemente, so dass Riesensterne entstehen konnten, die in besonders heftigen Explosionen endeten. Die dabei entstehenden Gammablitze konnten höhere Lebensformen immer wieder vernichtet und Galaxien über Jahrmilliarden „sterilisiert“ haben. Gegenwärtig endet die katastrophale Phase, weil kaum mehr Riesensterne entstehen.

Auch die Jahrmilliarden andauernde Jugendzeit der Milchstraße war von häufigen Supernova-Explosionen und wahrscheinlich auch von einem sehr viel aktiveren Schwarzen Loch im Zentrum geprägt. Die inneren 30 000 Lichtjahre sind wohl häufig durch tödliche Strahlenschauer sterilisiert worden. Mit über 90% Wahrscheinlichkeit hat auch unsere Erde mindestens eine lebensbedrohliche Dosis abbekommen, sind die Forscher überzeugt. So könnte mindestens eines der bekannten Masseaussterben, z. B. die Katastrophe im späten Ordovizium vor 450 Millionen Jahren, auf einen Gammablitz zurückgehen. Würde ein solcher heute die Erde treffen, wäre das eine globale Katastrophe – und vielleicht sogar der Untergang der Menschheit. Unser Milchstraßensystem scheint aber heute , auch im Hinblick auf weitere Eigenschaften, ein vergleichsweise komfortabler Ort zu sein. Es sei denkbar, dass sich jetzt in unserer Galaxis Zivilisationen relativ ungestört entwickeln können und in den Weltraum spähen, spekuliert der amerikanische Wissenschaftler James Annis.

Einige Forscher, so z. B. der US-amerikanische Physiker Paul Horowitz, halten es daher für theoretisch möglich, dass wir in unserer Milchstraße in einer Entfernung von 1000 Lichtjahren auf eine Kolonie intelligenter Lebewesen stoßen könnten. Die gesamte Galaxis sollte dann rund 1000 solcher Zivilisationen beherbergen. Andere, noch größere Optimisten mutmaßen sogar, dass einige zehntausend oder sogar Millionen Zivilisationen in der Milchstraße beheimatet sind. So rechnet z. B. der deutsche Astrophysiker Peter Ulmschneider mit über zwei Millionen intelligenten Völkern (Zivilisationen).

Wie voll die Milchstraße tatsächlich ist, hängt aber zunächst von der Anzahl der Planeten ab, auf denen tatsächlich eine Evolution von den ersten Mikroben bis hin zu intelligenten Wesen stattgefunden hat. Ihre Zahl schätzen die Forscher allerdings sehr unterschiedlich ein. Nur wenn Leben lange genug existiert, kann es Intelligenz hervorbringen, sind die meisten Wissenschaftler überzeugt. Dazu muss ein Planet über lange Zeit (für eine Entwicklung wie auf der Erde sind etwa vier Milliarden Jahre erforderlich) eine nahezu konstante Wärmezufuhr durch den Zentralstern erfahren und vor kosmischen Katastrophen – z. B. den Einschlägen schwerer Asteroiden oder Kometen – geschützt sein. (Nicht jedes Planetensystem enthält z. B. einen massereichen Gasriesen wie Jupiter, der aufgrund seiner Gravitation fast alle gefährlichen planetaren Kleinkörper einfängt.)

Entscheidend dafür ist auch die Lage eines Planeten im galaktischen Lebensgürtel, wie man das Gebiet mit der höchsten Wahrscheinlichkeit für langfristig lebensfreundliche Bedingungen in einer Galaxie bezeichnet. Meist handelt es sich dabei um die Außenbezirke großer älterer Galaxien. Kugelsternhaufen, das galaktische Zentralgebiet und die Randbezirke einer Galaxie weisen indes höchstens geringe Wahrscheinlichkeiten für die Entwicklung intelligenten Lebens auf. Allerdings verändert sich der galaktische Lebensgürtel im Lauf der Zeit.

Die Besonderheiten unseres Sonnensystems zeigen außerdem, wie viele Zufälle im Spiel gewesen sein müssen, um schließlich den heutigen Menschen hervorzubringen. Das Hauptproblem für die Entstehung intelligenten Lebens scheinen die sog. „kritischen Evolutionsschritte“ zu sein. Wie viele es davon gibt, ist allerdings umstritten. Auf den ersten Blick sind es wohl mindestens fünf, manche Biologen führen mehrere Dutzend an.

Als kritischer Schritt wird beispielsweise der Übergang von unbelebter Materie zu den ersten Organismen angeführt, als ein anderer die Erfindung der Fotosynthese. Ein dritter wichtiger Schritt war wohl die Entstehung der Vielzelligkeit. Immerhin hatten drei Milliarden Jahre lang ausschließlich Einzeller die Erde bevölkert. Auch der Übergang von höher entwickelten Lebensformen zu intelligenten wird keinesfalls als selbstverständlich angesehen. Gemäß dem Evolutionsbiologen Stephen Jay Gould gibt es in der Natur nicht nur keine eingebaute Entwicklungsrichtung zu größerer Komplexität, sondern erst recht keine zu Intelligenz.

Die Evolution sei einzig und allein vom Überleben der Arten bestimmt, meinte auch Stephen Hawking, und es sei absolut nicht klar, dass Intelligenz ein Vorteil für das Überleben darstelle. In diesem Sinne schreiben Dirk Schulze-Makuch und William Baines in ihrem Buch „Das lebendige Universum“, Intelligenz sei sogar instinktiven Reflexen hinsichtlich Schnelligkeit und Zuverlässigkeit unterlegen. Zudem verschlängen komplexe Nervensysteme viele Ressourcen, so dass sich die Frage stellt, ob sich ein so hoher Preis lohne.

Allerdings handelt es sich bei fast allen wichtigen Entwicklungsschritten des Lebens um Viel-Wege-Schritte, d. h. die meisten von ihnen ließen sich vermutlich auf vielerlei Weise realisieren. So auch die Entstehung von Leben, die Fähigkeit, Sonnenlicht einzufangen und seine Energie zu nutzen, oder die Entstehung höherer Zellen (Eukaryoten). Lediglich der Übergang zu einer technologisch fortgeschrittenen Intelligenz wird von manchen Forschern als besonders kritischer Punkt gesehen.

Selbst wenn es also in großer Zahl Orte in unserer Galaxis gibt, die ähnlich angenehme Bedingungen bieten wie unser Heimatplanet, muss die biologische Entwicklung nicht zwangsläufig stets zu intelligenten Wesen oder gar zu technologisch hochentwickelten Kulturen führen. Eine flächendeckende Besiedlung der Galaxis durch intelligente Zivilisationen erscheint tatsächlich eher unwahrscheinlich. Zudem spielt auch die Überlebensdauer einer Zivilisation eine wichtige Rolle. Verringert man dann z. B. die Anzahl der nutzbaren Planeten und geht von Spezies aus, die nur etwa 100 000 Jahre bestehen, erhält man eine sehr leere Galaxie.

Nach den neuesten Erkenntnissen gibt es heute bestenfalls nur ganz wenige intelligente Zivilisationen in unserer Galaxie – zumindest zur Zeit. Es könnte sogar sein, dass wir gerade jetzt in unserer Heimatgalaxie alleine sind. Die Wahrscheinlichkeit, außerirdisches Leben zu finden, scheint derzeit daher sehr gering.

Suche nach der Nadel im Heuhaufen

Wenn aber tatsächlich irgendwo intelligentes Leben existiert, sollte es nach Meinung vieler Forscher möglich sein, Kontakt aufzunehmen. Als Verständigungsgrundlage sollte die Naturwissenschaft dienen, die wir „entwickelt“ oder besser gesagt „gefunden“ haben. Es gibt gute Gründe zur Annahme, dass die physikalischen Gesetze (Naturgesetze) universell sind, d. h. auch ohne uns herrschen. Auf dieser Grundlage könnten auch außerirdische Intelligenzen versuchen, mit uns in Kontakt zu kommen.

Schon seit etwa 100 Jahren gibt es Bestrebungen, Signale aufzufangen, die technologischen Ursprungs ein könnten und sich nicht durch natürliche astrophysikalische Prozesse erklären lassen. Es müsste ein Signal sein, das so fremdartig ist, dass es künstlich sein muss, sagen die Wissenschaftler. So wie das berühmt gewordene Wow-Signal, das 1977 auftauchte. Der Name stammt von einer handschriftlichen Notiz auf einem Messprotokoll, nachdem ein Astronom für wenige Sekunden ein unerwartet starkes Signal im Sternbild Schütze registriert hatte, das aber von anderen Radioteleskopen nicht bestätigt werden konnte. Es wurde auch nie wieder empfangen und ist bis heute ungeklärt. Höchstwahrscheinlich hatte das Signal eine natürliche Ursache.

Das Problem bei der Suche ist die fast unerschöpfliche Vielfalt möglicher Wellenlängen, Polarisationen, Zeittakte und Kodierungen. Aus Gründen der Ökonomie ist zu erwarten, dass die Art von Signal, die ein Außerirdischer aussenden würde, in mindestens zwei Teilen ankommt: Als Richtstrahl, der unsere Aufmerksamkeit erregen soll, sowie als zweites Signal, das die eigentliche Information, die übermittelt werden soll, enthält. Diese beiden Arten von Signalen stellen ganz unterschiedliche Anforderungen an die Frequenz, auf der sie gesendet werden. Um auf größtmögliche Entfernung Aufmerksamkeit zu erregen, muss die ganze Kraft des Senders in einer einzigen Wellenlänge gebündelt werden, der sich vom kosmischen Hintergrund abhebt. Wenn man dagegen Information sendet, kann man umso mehr davon ausstrahlen, je breiter das Spektrum der Frequenzen ist, auf dem man senden kann.

Bezüglich des Richtstrahls konzentrierte sich die Fachwelt zunächst vor allem auf die Radiowellen-Emission des Wasserstoffs. Der Wasserstoff ist das einfachste und am häufigsten vorkommende Atom des Universums. Sein Signal ist so einmalig wie eine bestimmte Farbe des Lichts. Man nimmt an, dass auch die Außerirdischen vermutlich Radiosignale auf der Wellenlänge des am meisten verbreiteten Signals im All nutzen würden, wenn sie sich mit uns oder anderen aufstrebenden Gesellschaften in Verbindung setzen wollten. Die ankommenden Signale wären aber auf jeden Fall relativ schwach, so dass unsere Teleskope wohl eine sehr hohe Auflösung haben müssen, um den Richtstrahl zu empfangen.

Leider dauert es bedeutend länger, die Frequenzen in kleinen Schritten abzusuchen, als in einem Rutsch. Daher gibt es zwei gegenläufige Strategien: Eine gezielte Suche mit hoher Empfindlichkeit bei nahen Sternen oder eine weniger empfindliche Durchmusterung von großen Himmelsarealen mit vielen Sternen. Eine Kompromisslösung ist die Suche in dichten Sternfeldern, d. h. in speziellen Bereichen der galaktischen Ebene, Sternhaufen und benachbarten Galaxien. Mit 100 sorgfältig ausgesuchten Zielregionen lassen sich Millionen von Sternen in der Milchstraße und Milliarden in anderen Galaxien sehr effektiv durchmustern.

1992 begann das Projekt SETI (Search for Extraterrestric Intelligence), von der NASA initiiert, heute privat finanziert, das anfangs vor allem auf den Frequenzbereichen von Wasserstoff und dem Hydroxylradikal (OH) nach Radiosignalen fahndete. Die SETI-Programme haben bisher tatsächlich einige verdächtige Signale registriert, die bekannten Rausch- und Störungsquellen überhaupt nicht ähneln und sich auch sonst nicht erklären lassen. Aber keines von ihnen wiederholte sich. Ob diese Radiosignale terrestrischen oder extraterrestrischen Ursprungs waren, weiß niemand. Vermutlich wurde aber der ein oder andere Fehlalarm durch regelmäßige Signale von Quasaren oder vorbei fliegenden Flugzeugen ausgelöst.

Die Suche nach Außerirdischen gleicht jedenfalls der nach der Nadel im Heuhaufen. Das untersuchte Frequenzband ist bisher einfach viel zu schmal, beklagen viele Forscher. Der Anteil der möglichen Signale oder Signalquellen, den Menschen bisher unter die Lupe genommen haben, entspricht etwa einer Badewanne im Vergleich zum Ozean. Es wäre unter diesen Umständen ein enormer Zufall gewesen, wenn wir bereits jetzt auf eine außerirdische Intelligenz gestoßen wären. Um die Wahrscheinlichkeit eines Treffers zu erhöhen, ist es sinnvoll, neben Radiowellen vermehrt andere Bereiche des elektromagnetischen Spektrums zu durchsuchen, in erster Linie im Infrarotbereich. Daher sucht SETI heute auch in anderen Frequenzbereichen.

Seit 2017 betreibt das SETI-Institut das Allen Telescope Array (ATA), wo 42 Antennen im Frequenzbereich zwischen 0,5 und 11,2 Gigahertz nach Signalen suchen. Das Observatorium stellt mit Sensitivität, Beobachtungszeit und -volumen alle bisherigen Projekte weit in den Schatten. Geplant ist, nach und nach bis schließlich 350 Antennen in einem Abstand von 900 Metern zusammenzuschalten, die damit eins der besten Radioteleskope der Welt bilden würden.

Die Jagd nach potentiellen extraterrestrischen Radiobotschaften läuft heute so effektiv und effizient wie nie zuvor. Trotzdem bleibt die Chance sehr gering, eine gezielt an uns gerichtete außerirdische Botschaft aufzufangen. Denn dazu müsste ein Teleskop genau zum richtigen Zeitpunkt die richtige Raumregion auf der richtigen Wellenlänge „abhören“. Selbst ein echter Treffer würde lediglich wie ein kurzes unmerkliches Flackern erscheinen. Mögliche Signale sind auch deshalb schwer zu erkennen und zu deuten, weil die Extraterrestrier nicht auf den Frequenzen senden, die wir von ihnen erwarten, oder weil sie nur sporadisch senden.

Der amerikanische Physiker Paul LaViolette argumentiert, dass technisch hoch entwickelte Außerirdische z. B. in der Lage sein könnten, die Abstrahlung von Pulsaren zu fokussieren. Wir hätten dann ein Signal vor Augen und würden es einem natürlichen Ursprung zuordnen.

Für manche gleicht daher SETI einem Blinden, der in einem dunklen Raum nach einer schwarzen Katze sucht, die es vielleicht gar nicht gibt.

[Es ist zwar leichter zu empfangen als zu senden, aber trotzdem wurde bereits 1974 eine erste Botschaft von dem damals größten Teleskop der Welt in Arecibo, an der Nordküste Puerto Ricos, aus ins All geschickt: Ein Radiostrahl von beispielloser Leistung, kurzfristig über 20 Terawatt (1 Terawatt = 1 Billion Watt). Das Signal, zusammengesetzt aus einer Sequenz von 1679 binären Einsen und Nullen, wurde am 16.11.74 knapp drei Minuten auf der Frequenz 2380 Megahertz bei einer Bandbreite von 10 Hertz ausgesendet – ein minutenlanger Fluss von binären Informationen. Würde die Nachricht am Zielort dekodiert, gäbe das entstehende Bild Auskunft über den Sender und seinen Standort: Atome, den Menschen, die Erde und das Teleskop. Alles ganz logisch und direkt – aber man muss den Schlüssel dazu kennen.

Dieses Signal wurde in das Herz eines Kugelsternhaufens (M13) ausgestrahlt, einer Ansammlung von 300 000 Sternen im Sternbild Herkules, rund 25 000 Lichtjahre von der Erde entfernt. Es war wohl eher ein symbolischer Versuch, denn selbst mit Lichtgeschwindigkeit erreicht die Information den Zielort erst in 25 000 Jahren!]

REM

Das Urknall-Modell

Naturwissenschaft, Philosophie und Religion liefern Deutungsversuche unseres Universums und seines Anfangs In der Wissenschaft war bis vor etwa 100 Jahren das vorherrschende Bild des Universums das einer Inselgalaxie, die eingebettet ist in einen weitgehend leeren Raum. Der russische Mathematiker und Physiker Alexander Friedmann hatte schon 1922 erkannt, dass ein gleichförmiges Universum nach den Gleichungen der Allgemeinen Relativitätstheorie Albert Einsteins instabil wäre: Die kleinste Störung würde es expandieren oder kontrahieren lassen. Nachdem Vesto Slipher schon 1923 auf den Befund gestoßen war, dass sich fast alle Spiralgalaxien von uns fortbewegen, das All sich also offensichtlich ausdehnt, stellte der belgische Physiker und Astronom Georges Edouard Lemaitre 1927 die Vermutung auf, dass die Expansion des Universums zu einem äußerst dichten Zustand zurückverfolgt werden könne. Aus diesem uranfänglichen „Super-Atom“, wie er es nannte – unvorstellbar klein, unvorstellbar dicht, unvorstellbar heiß, mit einem unendlich stark gekrümmten Raum -, sei das Weltall hervorgegangen.

Zu dieser Vorstellung war bis in die Sechziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts ein ewiges statisches Universum die bedeutendste Alternative. Sie besagt, dass es trotz steigender Expansion im Durchschnitt unveränderlich sei und weder Anfang noch Ende habe. Das Absinken der Massedichte aufgrund der Expansion werde ausgeglichen durch fortwährende Entstehung neuer Materie im intergalaktischen Raum (dem leeren Raum zwischen den Galaxien). Allerdings konnte diese sogenannte Steady-State-Theorie zwei fundamentale Beobachtungen nicht erklären: Den Anteil des Heliums im Universum und die kosmische Hintergrundstrahlung. Außerdem sollten nach ihr nahe Ansammlungen von Galaxien im statistischen Mittel genau so aussehen, wie weit entfernte, was nach den astronomischen Beobachtungen nicht der Fall ist. Daher war die Theorie nicht mehr haltbar.

Urknall-Theorie

Nach der Urknalltheorie hat sich die kosmische Materie und Strahlung aus einem nahezu strukturlosen, heißen und dichten Frühzustand in einer explosionsartigen schnellen Ausdehnung zu dem komplexen Universum entwickelt, das wir heute beobachten. Ironischerweise stammt der Ausdruck „Urknall“ („Big Bang“) für den Beginn des Universums wohl von einem der wichtigsten Vertreter und energischsten Verfechter der Steady-State-Hypothese, dem britischen Physiker Fred Hoyle, der den Ausdruck gebrauchte, um in BBC-Rundfunkvorträgen die damit verbundene Theorie lächerlich zu machen.

Der Urknall hat sicher nichts mit einem lauten Knall zu tun; er vollzog sich in absoluter Stille, denn es gab damals keine Atmosphäre, keine Schallwellen, keine Ohren. Er gleicht auch nicht einer Explosion, die von einem Punkt im Raum, einem Explosionszentrum, ausgeht. Es existierte kein bestehender Raum, in den hinein sich das Universum ausgedehnt haben könnte – es war eine Ausdehnung des Raumes selbst.

An der Urknall-Theorie gibt es zurzeit keine grundsätzlichen Zweifel. Sie geht auf astronomische Beobachtungen zurück und wird von einer Fülle von Indizien gestützt. Allerdings sind manche Aspekte noch ungelöst. Trotz dieser Probleme muss sie aber nach den heutigen Einsichten als gesichert betrachtet werden. Jede neue Theorie wird auf ihr aufbauen müssen. Die Wissenschaft hat eine ganze Reihe von Modellen zur Urknall-Theorie entwickelt , die mit den Messungen im Einklang sind. Im Sinne einiger typischer Eigenschaften , die die meisten dieser Modelle gemeinsam haben, sprechen die Astronomen von einem „Standard-Urknallmodell“.

Zum Zeitpunkt des Urknalls hatte das Universums die Struktur einer Energieblase – ein Punkt, unvorstellbar klein, mit unendlich hoher Dichte und unendlich hoher Temperatur. Die Raumzeitkrümmung war unendlich groß, Raum und Zeit existierten nicht, Zukunft und Vergangenheit waren ununterscheidbar. An diesem Punkt bricht die Physik der Allgemeinen Relativitätstheorie zusammen, d. h. die klassischen physikalischen Gesetze versagen, sie machen keine sinnvollen Aussagen mehr und verlieren ihre Gültigkeit.

Immer dann, wenn irgendein Wert unendlich, also nicht mehr mit Gleichungen handhabbar wird – eine mathematische Ausnahmesituation -, spricht man von einer Singularität. Was diesem mathematischen Artefakt Singularität in der Realität entspricht, weiß allerdings niemand. Die Urknall-Singularität erklärt nichts, sondern bedeutet das Ende aller Erklärungen: Es macht keinen Sinn, physikalische Größen als unendlich aufzufassen. Daher sind Singularitäten Mathematikern und Physikern äußerst unsympathisch. Die meisten Wissenschaftler halten sie für eine Grenzüberschreitung der spekulativen Vernunft.

Kaum noch jemand glaubt heute, dass es wirklich eine Singularität am Anfang des Universums gab. Auch wenn das Urknall-Modell im Einklang mit den Beobachtungen steht, sei die relativistische Beschreibung in einer wesentlichen Weise ohne Zweifel unvollständig. Ob der Urknall der Anfang aller Dinge war, lässt sich erst klären, wenn man herausfindet, was ihn verursacht hat. Also muss jede Theorie, die den Ursprung des Alls erklären will, ein Gesetz enthalten, aus dem sich die Anfangsbedingungen selbst herleiten lassen. Die Singularität muss demnach durch eine realistische physikalische Beschreibung überwunden werden. Sie zu finden und zu formulieren, gehört heute zu den größten Herausforderungen der Kosmologie und Theoretischen Physik.

Wie eine Singularität als Artefakt einer unzureichenden Theorie entstehen und durch eine leistungsfähigere Theorie überwunden werden kann, illustriert folgende Analogie: Trifft Sonnenlicht auf eine Glaslinse, werden die parallel einfallenden Strahlen darin gebündelt und im Brennpunkt hinter ihr fokussiert. Das lässt sich gut mit Hilfe der Strahlungsoptik beschreiben. Allerdings müsste dabei die Energiedichte im Brennpunkt unendlich groß sein – er ist in der Strahlungsoptik eine Singularität. Tatsächlich kann es dort so heiß werden, dass sich damit ein Feuer entfachen lässt; doch zu einem unendlichen Temperaturanstieg kommt es nicht. Die Strahlungsoptik verliert also hier ihre Gültigkeit. Betrachtet man Licht als ein Wellenphänomen, kann man die Vorgänge auch mit der Wellenoptik beschreiben. Damit lässt sich sogar berechnen, was mit dem Licht jenseits des Brennpunkts geschieht – wie es auseinander läuft und vielleicht auf eine neue Linse trifft.

Ganz ähnlich könnte es auch mit dem Urknall sein, spekulieren theoretische Physiker. Die Beziehung zwischen Strahlenoptik und Wellenoptik ist nämlich vergleichbar mit der Beziehung zwischen klassischer Physik – der Physik Newtons und Einsteins – und der Quantenphysik. Denn immer, wenn es um mikroskopische Größenskalen und extrem hohe Energien geht, kommen Quanteneffekte ins Spiel, die die Unendlichkeiten zähmen können. Die Urknall-Theorie muss also in der Sprache der Quantentheorie formuliert werden.

Quanteneffekte

Die systematische Anwendung der Quantenphysik auf die Kosmologie, also auf das Universum als Ganzes, die sogenannte Quantenkosmologie, hat zu neuen Einsichten über den Anfang des Universums geführt. 1973 schlug der amerikanische Physiker Edward Tyron im Rahmen der Quantenkosmologie vor, dass unser Universum einfach eine (wenn auch langlebige) Quantenfluktuation des Vakuums ist.

Wir wissen heute, dass das Vakuum nicht vollständig leer ist. In Laborexperimenten wurde zweifelsfrei nachgewiesen, dass selbst das perfekteste Vakuum von virtuellen Teilchen wimmelt, die spontan entstehen und sofort wieder verschwinden. Der Grund sind Energiefelder, die den leeren Raum durchziehen. Ist genügend Energie vorhanden, können virtuelle Teilchen des Vakuums auch zu realen Teilchen werden: Potenzialität kann in der Quantenphysik zu Realität werden.

Schießt man im Experiment Elektronen und Positronen mit nahezu Lichtgeschwindigkeit aufeinander, vernichten sie sich gegenseitig, und es entsteht ein Raumgebiet, in dem viel Energie konzentriert ist. Die aus der Vernichtung der Elektron-Positron-Paare stammende Energie ermöglicht es den Teilchen des Vakuums, zu realen Teilchen zu werden. So tauchen plötzlich ein Proton, ein Anti-Proton, zwei Photonen und weitere Teilchen auf.

Ein ähnlicher Effekt könnte beim Urknall eine Rolle gespielt haben. Wie Teilchen, können durch massive Fluktuationen auch Energieblasen im Vakuum entstehen – und wieder verschwinden. (Nach der Quantentheorie können sich große Energiemengen auf ein kleines Volumen konzentrieren, wenn nur die Zeit entsprechend kurz ist.) Möglicherweise können diese Blasen – unter besonderen Umständen – aber auch erhalten bleiben und real werden. So könnte unser Universum auf eine „natürliche“ Weise hervorgebracht worden sein. Die Welt wäre nicht aus dem Nichts (ex nihilo), sondern im Nichts (in nihilo) entstanden!

Der englische Mathematiker und theoretische Physiker Roger Penrose (*1931) arbeitete 2012 das Modell der Konformen Zyklischen Kosmologie aus. Er hatte in den 1950er Jahren das nach ihm benannte Penrose-Dreieck geschaffen, eine real unmögliche Figur, die in der Kunst berühmt wurde. In seiner Kosmologie birgt ein sich selbst entleerendes und schließlich sogar seiner Zeit beraubendes Universum aufgrund von Quantenprozessen auch die Möglichkeit einer Wiedergeburt der Zeit in sich. Unser Urknall wäre in diesem Fall keine Schöpfung aus dem Nichts, sondern dem Ende einer früheren Epoche entsprungen. Das alles hört sich verwirrend, ja paradox an. Die Konforme Zyklische Kosmologie ist zunächst einfach nur ein Weltmodell mehr im Potpourrie der konkurrierenden Hypothesen.

Quantengravitation

Ohne eine Quantisierung der Gravitation, also eine quantentheoretische Erklärung der Schwerkraft, wird man die Vorgänge während des Urknalls wohl nicht berechnen können. Daher scheint eine Theorie der Quantengravitation, die Allgemeine Relativitätstheorie und Quantentheorie miteinander verbindet, für ein Verständnis des Urknalls unerlässlich zu sein. Sie wäre in der Lage, die Singularität zu eliminieren, ist aber derzeit noch in weiter Ferne. Trotzdem haben Kosmologen schon verschiedene Ansätze und konkurrierende Modelle einer Quantengravitation entworfen, die eine Erklärung des Urknalls liefern können. Solche Spekulationen über den Anfang des Universums sollte man wie eine Art Experiment sehen: Die Physiker probieren aus, wie die verschiedenen Ansätze mit dem Modell des Universums in Einklang gebracht werden können. Die einzelnen Annahmen müssen dann gedanklich durchgespielt und getestet werden. Zwei solcher Modelle sollen hier kurz dargestellt werden:

Stringtheorie

Nach Meinung vieler theoretischer Physiker ist die Stringtheorie eine der besten Aspiranten auf eine Theorie der Quantengravitation. Sie liefert gleich mehrere Szenarien für den Beginn des Universums, die es ermöglichen, die ominöse Anfangssingularität des Weltalls mit ihrer physikalisch unrealistischen – nämlich unendlichen – Krümmung, Temperatur und Energiedichte zu vermeiden. Danach könnte das Universum anfangs fast leer gewesen sein und sich allmählich bis zum Urknall verdichtet haben. Oder es könnte einen Zyklus von Entstehen und Vergehen durchlaufen haben – der Umkehrmoment wäre dann ein Urknall. In allen Fällen hätte die Zeit weder Anfang noch Ende. Das ekpyrotische Modell (von Ekpyrose, einem Begriff der antiken Stoiker: „Entstehung aus Feuer“) geht sogar davon aus, dass viele Universen in einem höherdimensionalen Raum herumtreiben. Kollidieren zwei, kommt es zu einem Urknall.

Auf den ersten Blick wirken die Szenarios eher wie Metaphysik – interessante Ideen, die sich empirisch weder beweisen noch widerlegen lassen. Die Modelle der Stringtheorie leiden daran, dass es keine Rechnung gibt, welche die Zeit vor dem Urknall mit der danach konsistent verbindet. Das liegt daran, dass ihre Gleichungen eine kontinuierliche Raumzeit voraussetzen, doch diese bricht bekanntlich beim Urknall zusammen. Die String-Modelle lösen also die Singularität selten ganz auf; in der Regel brauchen sie zusätzliche Annahmen über die Vorgänge an diesem heiklen Punkt. Ein weiterer Grund zur Skepsis sind für viele Kosmologen unbewiesene Grundannahmen der Stringtheorie selbst, etwa über die Existenz von zusätzlichen Raumdimensionen, für die es derzeit keinerlei experimentelle Hinweise gibt. Immerhin versprechen die Modelle Lösungen für die kosmologischen Probleme.

Schleifen-Quantengravitation

In der Schleifen-Quantengravitation sind Raum und Zeit nicht kontinuierlich fließend wie in der Relativitätstheorie und der Quantentheorie, sondern der Raum ist ein submikroskopisches Gewebe winziger eindimensionaler Quantenfäden (Spin-Netzwerk) und die Zeit ist getaktet, läuft also, mikroskopisch betrachtet, gleichsam schrittweise ab. Das Gewebe ist so fein, dass es uns wie ein Kontinuum erscheint. Unter extremen Bedingungen wie beim Urknall zerreißt das Gewebe, wir können es dann nicht mehr als Kontinuum beschreiben, sondern müssen das Schicksal einzelner Quantenfäden berechnen.

Wenn die Annahmen korrekt sind, stürzte also ein Vorläufer-Universum in sich zusammen. Als es die maximal zulässige Dichte (entsprechend der Größe der Quantenfäden) erreichte, explodierte es wieder. Der Umschwung, „Big Bounce“ genannt, erfolgte, weil die Schwerkraft unter diesen Extrembedingungen repulsiv, also abstoßend wirkte. Die Raumzeit wäre also im dichtestmöglichen Zustand gleichsam zurückgeprallt – wie ein Ball, der gegen eine Wand geschleudert wurde, und hätte die Expansion unseres Universums in Gang gesetzt. Was genau dabei geschah, bleibt allerdings unklar. In jedem Fall hätte sich die Zeit fortgesetzt.

Es gibt eine Analogie zum Lebensende massereicher Sterne. Haben diese ihren nuklearen Brennstoff verbrannt, kollabieren sie aufgrund der Gravitationskraft. Der klassischen Physik nach würde sich der Kollaps fortsetzen, bis der gesamte Stern auf ein winziges Volumen zusammengepresst wäre. Dazu kommt es jedoch nicht, weil die Quanteneigenschaften der Materie (Pauli-Prinzip) bedeutsam werden und den Kollaps aufhalten.

Die Schleifen-Quantengravitation strapaziert (wie auch die Stringtheorie) das Vorstellungsvermögen des Alltagsverstands extrem. Ihre kosmologische Anwendung hat sich aber als ein hochentwickeltes physikalisches Werkzeug erwiesen, um die schmerzliche Lücke in der Allgemeinen Relativitätstheorie zu schließen und die Singularität zu eliminieren. Das Modell hat viele Vorteile: Abgesehen von der Quantengeometrie mit ihren neuen physikalischen Prinzipien (u. a. bestimmte Abänderungen sowohl in der Relativitäts- wie auch in der Quantentheorie, um diese zu vereinen) werden keine neuen Annahmen benötigt – etwa exotische Materie oder spezielle Anfangsbedingungen. Die Entwicklung ist deterministisch und eindeutig, mögliche Schwankungen sind mathematisch unter Kontrolle. Auch ist klar definiert, inwiefern und wann das Universum mit Relativitäts- und Quantentheorie beschrieben werden kann – nämlich bis dicht an den Urknall. Die Inflation – das jähe , exponentielle Aufbäumen kurz nach dem Urknall -, das den üblichen Modellen eher ad hoc hinzugefügt wird, um diese den Beobachtungen anzupassen, folgt ganz natürlich aus der Beschaffenheit der Raumzeit.

Freilich sind zahlreiche Details noch ungeklärt Und leider sind die Gleichungen der Schleifen-Quantentheorie höchst kompliziert. Wer daraus zu physikalischen Erkenntnissen kommen will, muss – zum Teil drastisch – vereinfachen. Es konnte auch noch nicht gezeigt werden, inwieweit manche grundlegende Vereinfachungen des Modells tatsächlich zulässig sind. Leider ist zu erwarten, dass charakteristische Effekte erst bei experimentell unerreichbar hohen Energien und kurzen Entfernungen wichtig werden. Deshalb bleibt nur der Ausweg, das Universum selbst als Labor zu betrachten und Vorhersagen mit kosmologischen Beobachtungen zu konfrontieren.

Die Urknall-Theorie heute

Die klassische Urknall-Theorie beschreibt also eigentlich nicht die Entstehung der Welt, sondern nur ihre Entwicklung. Es wird nichts darüber gesagt, ob alles mit dem Urknall begann oder etwas vorher geschah. Der Urknall selbst ist ein Horizont. Er bildet die Grenze zu einem Bereich, über den wir nichts wissen. Aber es ist wie beim Horizont am Meer: Keiner würde behaupten, dass das Wasser am Horizont aufhört, weil man es nicht mehr sehen kann. In dem Buch „Der Wille zur Macht“, nach seinem Tod erstmals 1901 veröffentlicht, schreibt der deutsche Philosoph Friedrich Nietzsche, es habe die Welt schon immer gegeben und sie werde für immer existieren.

In der Quantenkosmologie sind (siehe oben) Modelle wieder in Mode gekommen, nach denen sich das Universum in einer unendlichen Folge von Zyklen immer wieder neu zusammenfügt. Eine „Ewige Wiederkehr“ spielt auch in vielen Naturauffassungen und Religionen eine zentrale Rolle. Darin kennt das Denken keine lineare, einmalig ablaufende Zeit; ihre Weltbilder sind zyklisch angelegt, gehen also von einer ewigen Dauer der Welt aus. Das indische Rad der Wiederkehr ist wohl das bekannteste Symbol für die Abfolge von Zeitaltern, Symbol für den ewigen Lauf der Welt, ohne Anfang und Ende. Dieses Gedankengut mag ein Überbleibsel einer gemeinsamen Ur-Religion sein. Offenbar sind die immer wiederkehrenden Jahreszeiten das Grundmuster für die Vorstellung von einem dementsprechenden kosmologischen Ablauf.

Der Urknall könnte also eine Brücke zwischen einem kontrahierenden Vorgänger-Universum und unserem expandierenden All gewesen sein. Ob beim Zurückprall (Bounce) gleichsam zwei zeitlich gegenläufige Universen miteinander kollidierten oder das Vorläufer-Universum seine Zeitrichtung wechselte und zu unserem wurde, lässt sich schwer nachweisen. Theoretisch könnte es aber im All sogar noch Spuren des Vorgänger-Universums geben – eingraviert beispielsweise in den Gravitationswellen-Hintergrund oder, indirekt, im Temperaturverteilungsmuster der Hintergrundstrahlung. Das endgültige „Machtwort“ zur Entstehung unseres Universums ist jedenfalls noch lange nicht gesprochen.

Kosmologische Modelle setzen den Zeitpunkt der Entstehung unseres Universums 10-43 Sekunden (ein Hundertmillionstel eines Billionstel eines Billionstel des Billionstel einer Sekunde) nach dem Urknall an. Damit endete die sogenannte Planck-Ära und die heutigen Gesetze der Physik traten in Kraft. Die Energieblase dehnte sich aus – und die klassische Raumzeit entstand. Der Raum expandierte in alle Richtungen, wobei er gleichsam innerlich wuchs (wie eine Luftballonhülle). Kosmische Maßbänder würden sich demnach über Millionen Lichtjahre hinweg wie Gummibänder gedehnt haben. So ging aus einem winzigen Raumgebiet das gesamte von uns beobachtbare Universum hervor.

Fazit

Quantengravitation, Stringtheorie, Universen mit zusätzlichen Raumdimensionen, Multiversen – nichts garantiert, dass diese Hypothesen die Welt korrekt beschreiben; sie besitzen keinerlei experimentelle Absicherung, und kein Mensch würde es wagen, auf die Korrektheit ihrer Vorhersagen zu setzen. Und dennoch arbeiten seit Jahrzehnten Tausende von Forschern an solchen spekulativen Konstruktionen. Die wissenschaftlichen Hypothesen sind trotzdem legitim. Sie sind gewiss spekulativ, aber die Theoretiker haben nichts Besseres, um die Welt auch jenseits dessen zu begreifen, was wir gerade wissen. Doch auch die heute etablierten Theorien waren einst einmal spekulativ und ungesichert!

Die moderne Physik ist diejenige wissenschaftliche Disziplin, die das Weltbild wieder für Geheimnisse geöffnet hat – eine Metaphysik im buchstäblichen Sinn. Der britische Physiker Paul Davies hält die modernen Naturwissenschaften für nichts Geringeres als die Fortsetzung der Metaphysik mit anderen Mitteln. Ihr Vorteil gegenüber allen anderen Arten, sich der Wirklichkeit zu nähern, ist aber, dass Wissenschaft über ihre eigenen Prämissen reflektieren und sie nötigenfalls korrigieren kann. In dem Sinne haben Quantenwissenschaftler, also analytisch geschulte Naturwissenschaftler, und Philosophen von östlichen Weisheitslehren eine gemeinsame Geisteshaltung: Staunende Demut gegenüber den Geheimnissen des Universums und die Bereitschaft, eigene Gewissheiten auf die Probe zu stellen und Dingen auf den Grund zu gehen. So empfahl auch Buddha für den langen Weg zur Erleuchtung, vermeintliche Gewissheiten immer wieder zu prüfen und Dogmen in Frage zu stellen.

REM

Anfänge religiösen Denkens und Handelns

Religion ist ein ebenso zeitloser wie universeller Bestandteil menschlicher Kulturen. Zwar existiert keine allgemein akzeptierte Definition von Religion, aber es gibt einige Merkmale, die heute als charakteristisch für jede Religion postuliert werden: Da ist zunächst der Glaube an eine oder mehrere außer- bzw. überirdische Mächte: Seelen, Ahnen, Geister oder Götter. Zur Religion gehören auch Erlebnisse des Einswerden mit diesen und dem ganzen Universum, die Erfahrung des „Heiligen“ und ein Gefühl der Abhängigkeit. Durch Mythen und Offenbarungen wird die Welt erklärt, ihr Anfang und Ende, eventuell verbunden mit einem Heils- und Erlösungsversprechen.

Eine Religion gibt der Welt und dem Leben einen Sinn. Die Gläubigen leben in einer Gemeinschaft mit einer Ordnung aus Ge- und Verboten, die transzendent begründet ist. Gemeinsame Rituale, z. B. zur Verehrung der überirdischen Mächte oder zur Abwendung von Bedrohungen, verbinden sozial und emotional.

Die Adaptationtheorie geht davon aus, dass die Fähigkeit zu spirituellem und religiösem Denken bis zu unseren steinzeitlichen Vorfahren zurückreicht und sich evolutionsbiologisch herleiten lässt. Selbst wenn Religion auch keinen direkten Vorteil in der Evolution besessen haben sollte, könnte sie dennoch ein evolutionäres „Nebenprodukt“ sein, sagen die Biologen: Ein Begleiteffekt kognitiver Fähigkeiten, die selbst das Ergebnis einer Anpassung sind.

Das Gehirn entwickelte sich im Laufe der Menschheitsgeschichte zu einem effektiven Organ zur Mustererkennung und Regelsuche. Es scheint ein typisches menschliches Verhalten und Ergebnis unserer biologischen Evolution zu sein, nach Sinn und Zweck von Vorgängen in der Natur und im Zusammenleben zu suchen und Regelmäßigkeiten und Zusammenhänge in der Umwelt zu erkennen – oder auch Erlebnissen erst einen Sinn zuzuschreiben. Amerikanische Psychologen sprechen vom „ontologischen Sehnen“, dem Verlangen, das grundlegende Wesen unserer Welt zu verstehen, anstatt es einfach auf sich beruhen zu lassen. Zufall erscheint uns oft als ungenügende Erklärung, lieber nehmen wir Zusammenhänge an, die es überhaupt nicht gibt.

Schon in der Frühzeit übertrugen unsere Vorfahren Gedanken und Gefühle auch auf nichtmenschliche Lebewesen, Gegenstände und Fantasiegebilde. Es ist anzunehmen, dass die Frühmenschen ihre gesamte Umwelt als beseelt betrachteten: Tiere und Pflanzen, vielleicht sogar den Fels, der ihnen den Feuerstein für Äxte, Messer und Pfeilspitzen lieferte. Die Wasser spendenden Quellen und bestimmte andere Plätze sahen sie von Geistern oder verstorbenen Ahnen bewohnt. Es waren die Bäume, die Gräser, die Tiere, die zu ihnen sprachen. In seinen Mythen fühlte sich der prähistorische Mensch als Teil der Natur, als verwandt mit allen ihren Geschöpfen. Die großen Ahnen, von denen die Mythen erzählen, haben immer die Gestalt von Tieren.

Allmählich gingen unsere Vorfahren dazu über, in sämtlichen Naturereignissen und anderen lebenswichtigen Phänomenen nach Erklärungen zu suchen. Offenbar war das menschliche Gehirn schon damals darauf angelegt, Vorgänge in der Umgebung sehr freigebig als absichtsvolle, gezielte Handlungen zu deuten. So interpretierten die Menschen schon bald alle Naturereignisse als absichtliche Aktionen unbekannter Mächte.

Die Jäger und Sammler brauchten aber noch keine sozialen Hierarchien, kein Oben und kein Unten. Wichtig waren für sie andere Dinge, etwa die Erfahrungen der Stammesmitglieder, die die besten Jagdtechniken und die Zugwege der Tierherden kannten und um die Geheimnisse der Natur wussten.

Um mit seiner Umwelt voller Gefahren und Ungewissheit, die ihn tief verunsicherte, fertig zu werden, brauchte der frühe Mensch offenbar auch die Magie. Durch Rituale musste das übermächtige Tier, das die Sicherheit aller bedrohte, besänftigt werden. Die gemeinsamen rituellen Handlungen und Zeremonien stärkten den Zusammenhalt zwischen den nichtverwandten Individuen, die sich für die Jagd und Nachwuchspflege zusammengeschlossen hatten. Sie sorgten für die Stabilität der Gemeinschaft.

Ansätze aus der Evolutionsbiologie zeigen, dass religiöse Überzeugungen die Bereitschaft von Individuen fördern, sich bestimmten sozialen Normen zu unterwerfen. Nicht nur Kinder gehorchen besser, wenn überirdische Wesen im Spiel sind. Gemeinsamer Glauben belohnt die Mitglieder einer Gemeinschaft auch mit sozialer Sicherheit. Nur so lässt sich erklären, warum der Mensch in religiöse Praktiken so viel Zeit investierte, statt sich um Nahrungssuche oder Fortpflanzung zu kümmern.

Magie und Metaphysik erwiesen sich also als höchst nützlich im Kampf ums Überleben in einer feindlichen Umwelt mit ihren immer neuen Herausforderungen. Sie gaben aber nicht nur Halt, Schutz und Geborgenheit, sondern lieferten auch Antworten auf drängende Fragen. Die am Lagerfeuer erzählten Mythen erfüllten für den größten Teil der menschlichen Geschichte das Bedürfnis nach Erklärung der Welt. Die unverständlichen Phänomene des Lebens, die Welt und der eigene Platz darin wurden begreifbar. Das schuf Orientierung und minderte die kosmische und existenzielle Bedrohung. Das alltägliche Dasein konnte leichter bewältigt werden. Wir wissen heute, dass allein die Fähigkeit, an etwas zu glauben, sich, unabhängig von den Inhalten, als ein Erfolgsprinzip erweist, um das Leben zu meistern.

Die Mythen halfen auch, Leben und Tod zu begreifen. Die Sorge um die Toten stand vermutlich am Beginn der menschlichen Religiosität, meint die Religionswissenschaftlerin Ina Wunn. Die Menschen wollten nicht, dass der Leichnam von wilden Tieren weggezerrt, zerrissen und gefressen wurde. Es gibt Hinweise, dass z. B. Homo naledi, wohl eine ausgestorbene Nebenlinie des Menschen, die vor 335 000 bis 236 000 Jahren in Südafrika lebte, seine Toten im Rising-Star-Höhlensystem gezielt an schwer zugänglichen Orten deponierte. Anzeichen für ähnliches Verhalten gegenüber den Verstorbenen gibt es bei Homo heidelbergensis, einer späten Form von Homo erectus, die vor rund 600 000 bis 200 000 Jahren in Europa lebte. Gelegentlich gab er seinen Toten auch schon Gegenstände mit. In der Höhle Sima de los Huesos, in der spanischen Provinz Burgos, wurde ein 430 000 Jahre alter, aus wertvollem Material (rotem Quarzit) hergestellter Faustkeil gefunden, der offensichtlich der Bestattung eines Gruppenmitglieds beigegeben wurde.

Forscher haben weitere Hinweise gefunden, dass Faustkeile zur damaligen Zeit nicht nur als Gebrauchsgegenstände, sondern in besonderer Form auch als Statussymbole hergestellt wurden. So fand man auch in einem über 370 000 Jahre alten Lager nahe des heutigen Bilzingsleben einen besonders sorgfältig bearbeiteten Riesenfaustkeil, der wohl nur als Schaustück gedient haben konnte. Dazu gab es in dem Lager u. a. auch einen fast runden Platz, dicht mit Steinen und flachen Knochenstücken gepflastert, aber frei von jeglichen anderen alltäglichen Gegenständen. Er nahm im Alltagsleben der Gruppe offensichtlich eine herausragende Stellung ein und scheint eine besondere kulturelle Bedeutung gehabt zu haben. Manche Archäologen sprechen aufgrund von dort aufgefundenen Schädelfragmenten sogar von einem postmortalen Schädelkult (also einem Kult, in dem Schädel verstorbener Gruppenmitglieder eine Rolle spielten). Auch an anderen Orten aus der Zeit des Homo heidelbergensis wurden die Schädel von Verstorbenen an die Lagerplätze gebracht und dort eine Zeit lang aufbewahrt. (Einige Forscher glauben, dass man diese Teile nur vor Aasfressern schützen wollte.)

Die Hinweise auf religiöses Denken in dieser frühen Zeit sind aber noch sehr dürftig und auch nicht unumstritten. Manche Wissenschaftler sind der Meinung, dass religiöses Verhalten erst im Zuge des Anwachsens des Stirnhirns (des präfrontalen Kortex), also wohl erst bei Neandertaler und Homo sapiens, auftrat. Diese Hirnregion steht mit biografischen Erinnerungen, Vorausplanung, Abwägung und Impulskontrolle in Zusammenhang. Mit ihrer Ausbildung erwarb der Mensch die Fähigkeit, sein eigenes Leben zu reflektieren. Das warf dann auch die Frage nach dessen Ende auf. Wann die ungeheuerliche Erkenntnis von der Auslöschung der eigenen Existenz unsere Vorfahren zum ersten Mal traf, ist unbekannt.

Bestattungen

Der sicherste Hinweis für religiöses Denken und Handeln in der Vorzeit scheint in der Tatsache der Bestattung zu liegen. Die mit ihr verbundenen Tätigkeiten kann man im weitesten Sinn einem Ritual zuordnen. Ob man daraus direkt darauf schließen kann, dass schon über eine transzendente Welt und ein Weiterleben nach dem Tod nachgedacht wurde, muss offen bleiben. Doch wenn Verstorbene bestattet werden, liegt es nahe, dass man sich nicht nur darüber im Klaren ist, dass das Leben ein Ende hat und jeder einmal sterben muss.

Die frühgeschichtlichen Totenkulte legen jedenfalls die Vermutung nahe, dass die Begräbnisrituale den Tod erträglich machen sollten. Der Glaube an ein Weiterleben im Jenseits konnte dabei Trost spenden. Die Wissenschaftler sind sich einig, dass Leichname erst dann soziale Bedeutung gewinnen, wenn sie im Kontext von Weltbildern stehen, die keinen definierten Tod kennen. Wirklich stichhaltige Anzeichen für den Glauben an jenseitiges Leben gibt es aber eigentlich erst, als Tote mit Schmuck oder mit anderen Beigaben in ausgebauten Gräbern bestattet wurden.

Der Evolution blieb, um den Lebenswillen und die Erhaltung der Art zu garantieren, nach Meinung vieler Wissenschaftler nichts anderes übrig, als den Glauben an ein Weiterleben nach dem Tod zu erfinden. Er hat den Sinn, das Leben in vernünftiger Weise durchzubringen und nicht am Ende nachlässig zu werden. Nach Dürrenmatt hat der Mensch allein „aus Angst vor dem Tod das Jenseits erfunden“.

Möglicherweise haben die Neandertaler schon so etwas wie weltanschauliche oder religiöse Vorstellungen gehabt und sich bewusst mit dem Tod auseinandergesetzt. Nach Meinung mancher Forscher entwickelten sie schon vor 200 000 Jahren ein Mythensystem, basierend auf der Vorstellung von einem Leben nach dem Tod. Für zeremonielle Bestattungsriten oder Begräbniszeremonien gibt es aber für diese Zeit noch keine Beweise. Gesichert ist, dass in der mittleren Altsteinzeit vor mindestens 120 000 Jahren Homo sapiens und Neandertaler Fürsorge für ihre Toten zeigten und sie in rituellem Rahmen begruben. Zahl und Komplexität dieser ersten Grablegungen nahmen danach schnell zu.

Im westlichen Europa und im Nahen Osten wurden viele Neandertaler-Skelette unter Vertiefungen unter Abris (Felsüberhängen) oder in Höhlen gefunden – vielleicht am zeitweiligen Wohnplatz der Lebenden -, in denen die Verstorbenen beigesetzt worden waren. Die Toten lagen mit angewinkelten Armen und oft in markanter Hockstellung, also quasi in Schlafstellung, in den Gräbern, die meist in West-Ost-Richtung orientiert waren. Häufig sind regelrechte „Friedhöfe“ mit mehreren Gräbern wie unter dem Abri von La Ferrassie in der Dordogne (Frankreich). (Einige Wissenschaftler interpretieren diese Bestattungen auch lediglich als Markierung des Territoriums.)

Bei 15% aller Neandertalerausgrabungen wurden Grabbeigaben gefunden, z. B Geweihe, Steinwerkzeuge und Nahrungsgefäße. Einem zweijährigen Kind wurde ein kleiner, dreieckiger Feuerstein mit ins Grab gegeben, so platziert, dass er im Skelett an der Stelle des Herzens lag. In manchen Gräbern fand man viele Pollen von auffällig blühenden Pflanzen und Muschelschmuck. An vielen Fundstellen sind die Verstorbenen offenbar mit rotem Ocker bestreut, vielleicht ein Symbol für Blut oder Leben. Ob dies aber eine religiöse Bedeutung hatte, werden wir wohl nie wissen, zumal auch Gegenstände außerhalb der Gräber Ockerspuren zeigen. Häufig fand man isolierte Schädelteile. Denkbar ist, dass die Schädeldecke als Schöpfgerät oder Schale verwendet wurde, für viele Forscher ein Beleg für einen rituell-religiösen Schädelkult.

Im Nahen Osten finden sich auch die ersten Grabstätten des Homo sapiens, manche davon mit Grabbeigaben. Einige der ältesten von ihnen – aus der Qafzeh-Höhle nahe dem heutigen Nazareth – sind immerhin 100 000 Jahre alt. Auch hier fanden sich u. a. Dutzende von Ockerstücken, die möglicherweise bei Begräbnisritualen Verwendung fanden. Die späteren Grabstätten vor 28 000 bis 11 000 Jahren sind buchstäblich durchtränkt mit Ocker. Manche der Forscher erwägen die Möglichkeit, dass dieser von einer intensiven Körperbemalung auf der Haut der Bestatteten stammt. Vielleicht wurden die Toten mit Ockerpulver bestreut, um den Verfall zu verlangsamen und den Fäulnisgeruch zu dämpfen. Ob die Vorliebe für Rot ein Indiz für Spiritualität ist, bleibt also fraglich.

Ocker war ein universell brauchbares Polier- und Schleifmittel, um z. B. Elfenbeigegenstände zum Glänzen zu bringen. Mit Tierfett zu einer Paste vermengt, eignet sich gemahlener Ocker auch dazu, um Tierhäute zu gerben und in Leder zu verwandeln. Auf die Haut geschmiert hält ein Ocker-Fett-Gemisch stechende Parasiten auf Distanz, schirmt vor UV-Strahlung ab und wirkt antimikrobiell (siehe dazu die Gewohnheiten der Himbas in Namibia).

Häufig wurden in Gräbern des Homo sapiens in ganz Europa Schmuckbeigaben aus Schneckenhäusern oder Muscheln gefunden. Im Lapedo-Tal im heutigen Portugal wurde das fast vollständige Skelett eines vierjährigen Kindes entdeckt, das auf einem Bett aus verbrannten Pflanzen gelagert und mit rotem Ocker bedeckt war. Dabei lagen durchbohrte Hirschzähne und eine Meeresmuschel. In Russland fand man in 24 000 bis 28 000 Jahren alten Gräbern auch Beigaben von Perlen aus Elfenbein.

Schamanismus

Der Evolutionspsychologe Robert Dunbar meint, dass es vor der Sesshaftwerdung des Menschen – also vor dem Zeitalter der Jungsteinzeit (Neolithikum), das vor etwa 11 500 Jahren begann – nur schamanische Formen der Religion gab. Unter Schamanismus versteht man ein System aus Glauben, Darstellungen und Riten, das den Mittelpunkt des Dreiecks aus Natur, Mensch und Geistern bildet. Es ist signifikant verbunden mit einer nichtagrarischen Lebensweise und einer geringen Komplexität der Gesellschaft. Das klassische Beispiel sind Jäger-Sammler-Gruppen.

Die Schamanen nahmen in den Jäger-Sammler-Gemeinschaften eine herausgehobene Stellung ein. Der Schamane kannte und erzählte die Mythen der Gruppe und hielt die Gemeinschaft zusammen. Er war der Hüter eines großen Gleichgewichts zwischen Natur und Mensch, ohne das das Leben aller gefährdet war, und als solcher Jagd- und Wetterzauberer, Seher, Seelenbegleiter und Heilkundiger. Er musste eine Brücke schlagen zwischen der sichtbaren und unsichtbaren Welt, indem er in magischen Ritualen mit den Geistern der Parallelwelt in Verbindung trat, um mit ihnen zu verhandeln und die alltäglichen Probleme zu lösen, z. B. wenn es kein Wild mehr gab. Im Unterschied zu Göttern unterliegen Geister Gesetzen, so dass man sie beeinflussen und bezwingen kann.

In der Meisterung ekstatischer Zustände liegt nach dem rumänischen Religionswissenschaftler und Philosophen Mircea Eliade das Hauptmerkmal der Schamanen. Sie hatten beherrschten die Kunst, mit Hilfe von Drogen („Pflanzen, die lehren“), Tanz und Musik „außer sich“ sein zu können. Dieser „veränderte Bewusstseinszustand“, wie wir heute sagen würden, war Grundlage jeder magischen und schamanischen Entrücktheit. In Trance stellten die Schamanen die Verbindung zu der Geisterwelt her. Noch heute wird in vielen traditionellen Gesellschaften den mit sehr hoher Empfänglichkeit für Trancezustände begabten Menschen eine Rolle als Schamane oder Prophet zugesprochen.

Kunst

Als weiterer Hinweis auf die Existenz religiöser Vorstellungen in der Vorgeschichte gelten neben Grabstätten die Zeugnisse der eiszeitlichen Kunst, die vor mehr als 40 000 Jahren bis vor 10 000 Jahren auftauchten: Wandmalereien und Plastiken. Bei ihnen kann nicht genau zwischen Kunst und Religion unterschieden werden. Es unterliegt aber zumindest keinem Zweifel, dass diese frühesten Kunstwerke irgendeine die ökonomischen Notwendigkeiten übersteigende Funktion hatten.

An zahlreichen Orten Ost- und Westeuropas entdeckte man aus Knochen, Stein, Elfenbein und Rentierhorn geschnitzte oder aus Lehm geformte Venusfiguren. Sie sind meist nur einige Zentimeter lang und stellen nackte, oft offenbar schwangere Frauen dar – mit kurzen Ärmchen, hängenden Brüsten, einem schweren Bauch und einem ausladenden Gesäß. Mehr als 100 solcher Statuetten sind inzwischen bekannt. Als ältestes figürliches Kunstwerk der Welt gilt die aus Mammut-Elfenbein gefertigte „Venus vom Hohle-Fels“, zwischen 42 000 und 40 000 Jahre alt.

Manche Wissenschaftler halten die üppige Frauen wegen der starken Betonung der Geschlechtsmerkmale für Fruchtbarkeitssymbole. Es könnte sich demnach um Bildnisse von Mutter- oder Fruchtbarkeitsgöttinnen handeln. Der Anthropologe Randall White bringt sie mit Schwangerschaft und Geburt in Verbindung und meint, dass die Figuren von Frauen geschnitzt und an die Töchtergenerationen weitervererbt wurden. Sie könnten dem Zweck gedient haben, den Frauen bei der Geburt zu helfen.

Häufig wurden auch Tierfigürchen aus Mammutelfenbein (Pferde, Löwen, Mammuts, Wisente, Bären und Leoparde) gefunden, die etwa als Utensilien für Schamanen oder als Zeichen der Clan-Zugehörigkeit dienten. Beeindruckend sind Mischwesen aus Tier und Mensch, am faszinierendsten wohl der Löwenmensch, ein 2 1/2 Zentimeter großes Mischwesen, auch aus der „Hohle-Fels-Höhle“ im Achtal nahe Ulm – zwischen 33 000 und 31 000 Jahre alt. Die Statue wurde wahrscheinlich gemeinschaftlich genutzt und vielleicht sogar von Generation zu Generation weitergegeben. Dies weist auf schamanistische Glaubensvorstellungen und Praktiken hin, in denen Mischwesen aus Raubkatze und Mensch eine Rolle spielten. Der Tiermensch könnte die Vision eines Schamanen wiedergeben, der ihm bei seiner ekstatischer Reise ins Jenseits begegnet war.

Die Höhlenmalerei scheint vor mehr als 40 000 Jahren etwa zeitgleich in Europa und Asien (erst später auch in Amerika und Australien) aufgekommen zu sein. Möglich ist eine zweifache, voneinander unabhängige Erfindung, aber sie könnte auch bereits vorher Bestandteil des kulturellen Repertoires des modernen Menschen gewesen sein, bevor er sich in Asien und Europa und der übrigen Welt ausbreitete.

Die Stätten der Malerei waren mitunter nur schwer zugänglich, oft lagen sie tief in Höhlen. Für die Menschen der Vorzeit lag hier eine Welt des Übernatürlichen, die Welt der Ahnen, Geister und Toten. Sie gingen wohl hierhin, um ihre uralten Mythen darzustellen sowie wichtige Kulthandlungen, z. B. Initiationsriten, zu vollziehen. Auch die Akustik spielte wohl eine Rolle. In den Höhlen hallt und schallt es oft wie in einer Kathedrale. Manche Forscher sind sich sicher, dass hier auch gelegentlich Musik gemacht, vielleicht sogar getanzt wurde. (In einigen Höhlen hängen Stalaktiten von der Decke – und man fand Spuren, dass dagegen geschlagen wurde.)

Viele Forscher halten auch die prähistorische Malereien in den Höhlen für einen Teil der schamanistischen Kultur. Praktisch alle Menschendarstellungen auf den gemalten Bildern sind wundersame Mischwesen, halb Mensch, halb Tier, also wohl Schamanen. Wir finden ähnliche Zeichnungen auch in heutigen Schamanen-Kulturen, z. B. bei den San in Südafrika oder bei den Inuit. Tief in der Höhle nahm der Schamane auf seiner spirituellen Reise Kontakt zu der parallelen Welt und den übernatürlichen Mächten auf. Die Malerei könnte als Vermittler gedient haben. Nach Ansicht einiger Forscher stellen die Felsbilder Halluzinationen der Schamanen dar, Abbilder von Visionen, die sie in der Trance erlebten. Das könnte zumindest einen großen Teil der Bilder erklären.

Die Schamanen malten demnach ihre Visionen von Tiergeistern auf den Fels, um vielleicht Hilfe für ihren Clan oder Jagdglück zu beschwören. Da nur ein Bruchteil der damals lebenden Tiere abgebildet wurden, waren die Ausgewählten offenbar Träger von Bedeutungen, die wir heute nicht mehr kennen. Es waren alles Tiere, die mächtiger waren als der Mensch, z. B. das Mammut, der Höhlenlöwe oder der Höhlenbär, Wölfe und der Bison. Das Pferd ist das Tier, das am häufigsten in den Höhlen und Felsnischen dargestellt ist. Es spielte offensichtlich eine besondere Rolle in den Mythen, Legenden und Riten der damals lebenden Menschen.

In den eiszeitlichen Höhlen fand man neben den figürlichen Darstellungen auch viele geometrische Zeichen und Reihen farbiger Punkte- und Gittermustern, deren Bedeutung noch rätselhaft ist. Wenn Menschen ungewöhnliche veränderte Bewusstseinszustände erleben – in Trance, aber auch bei Depressionen und Schlaganfällen -, dann sehen sie ebenfalls geometrische Muster. Solche Strukturen scheinen ein universelles Produkt der menschlichen Gehirnstruktur zu sein.

Die Erfahrungen der Schamanen in Trance sind überall auf der Welt immer dieselben. Nach den Erkenntnissen der Neuropsychologie durchläuft die Trance stets drei Stufen: Zuerst eine Phase mit geometrischen Mustern wie Gittern und Punkten, danach eine Phase mit mit schlangen- oder röhrenartig gekrümmten Strukturen. In der dritten und tiefsten Trancephase durchlaufe der Halluzinierende einen Tunnel, an dessen Ende es hell wird. Nach dem Hindurchtreten träfe er bizarre Gestalten – sprechende Tiere, die Mensch und Tier zugleich sind – und bilde sich ein, fliegen zu können und sich selbst in andere Wesen zu verwandeln.

Auch die San haben vor einigen hundert Jahren in den Drakensbergen Südafrikas Felsbilder gemalt, die den uralten Felsbildern ähneln und offenbar eine komplexe Welt aus Geschichten und Mythen erzählen. Die Deutungen, die von einer religiösen oder magischen Funktion solcher Kunstwerke ausgehen, sind jedenfalls in sich schlüssig. Aber es gibt auch andere Deutungen. Die Spekulationen reichen von Markierungen von Tierwanderungen bis zu Fallen. Für die französische Forscherin Chantal Jegues-Wolkiewiecz haben zumindest die Malereien in Südfrankreich mit der Betrachtung des Himmels zu tun. Die Altsteinzeitler verfolgten eingehend die Jahreszeiten und beobachteten den Lauf der Gestirne. Das exakte Wissen darum erleichterte den Menschen der Altsteinzeit die Planung des Jagens und Sammelns sowie die Vorbereitung der jahreszeitlich bedingten Wanderungen. Dieses Wissen hätten sie in der Kunst zum Ausdruck gebracht, sagt die Forscherin.

Fazit

Ob unsere frühen Vorfahren Jagdmagie betrieben, ob sie Fruchtbarkeitsgöttinnen verehrten, ob sie zwischen männlichem und weiblichem Prinzip auch religiös unterschieden, das alles wissen wir nach dem derzeitigen Stand der Forschung nicht und werden es wohl auch nie genau wissen. Genauso wenig lässt sich etwas Exaktes über Riten und Mythen sagen, über Gottesvorstellungen oder Jenseitsglauben. Es ist aber deutlich, dass die frühen Menschen nicht nur über die physische Realität ihres alltäglichen Daseins nachdachten. Sie beschäftigten sich schon mit den transzendenten Aspekten der Welt und bedienten sich dabei der Kunst, um die verschiedenen Welten darzustellen. Sigmund Freud bezeichnete religiöse Vorstellungen als die „ältesten, stärksten, dringendsten Wünsche der Menschheit“.

Vor allem die Entstehung der Landwirtschaft hat nach Auffassung der Wissenschaftler die Religionen weiter entwickelt. In den Agrargemeinschaften gewannen plötzlich Fragen an Bedeutung, die sich zuvor weniger gestellt hatten, etwa die nach den Ursachen für Regen, Trockenheit und vernichtende Gewitter. Auf der Suche nach der Steuerung der Vorgänge in der Umwelt glaubte der Mensch überirdische Wesenheiten zu entdecken: Regengötter, Wolkengötter usw. Vielleicht erst jetzt, in den agrarischen Gesellschaften, entstanden Religionen, die auf einer Glaubenslehre basierten und mit festgelegten, komplexen Ritualen begangen wurden – mit ausgeprägter Hierarchie und Priestern an der Spitze. Die Menschen brauchten ein Pantheon voller menschenähnlicher Götter, die man um eine ertragreiche Ernte bitten konnte.

Die Geschichte der Religion ist also aufs Engste verknüpft mit dem, was es bedeutet. Mensch zu sein. Anfangs trieben vor allem biologische Prozesse die religiöse Entwicklung voran, später kulturelle. Es war ein langer Weg vom Glauben der Sammler und Jäger, die Natur sei beseelt, über die Sorge um das Schicksal der Toten bis zu den Religionen, die mit der sesshaften Lebensweise der Ackerbauern verbunden sind. Ursprüngliche Spiritualität wurde dabei immer mehr von der Kultur des Menschen ge- und überformt: von der Sprache, von Traditionen, von Formen des Zusammenlebens, Wirtschaftens und Herrschens.

REM

Der atomare Mensch

Zellen und Atome

Die Körper aller vielzelligen Lebewesen auf der Erde, also auch der Menschen, sind aus kleinsten Organisationseinheiten, den Zellen, aufgebaut. Das entzieht sich unseren Wahrnehmungen und widerspricht unseren Erfahrungen. Denn die meisten Zellen sind für unsere Augen nicht sichtbar; sie sind winzig klein, zwischen zwei und 40 Mikrometern (1 Mikrometer = 1/1000 Millimeter). Im menschlichen Körper gibt es grob geschätzt 100 Billionen (1014) davon. Allein die Zahl der Lymphozyten in unserem Immunsystem beträgt weit über eine Billion. Alle Zellen unseres Körpers gehen letztlich auf die befruchtete menschliche Eizelle zurück, die sich teilt und zu einem Zellhaufen entwickelt. Im weiteren Verlauf der Entwicklung beginnen sich die Zellen dann in höchst unterschiedliche Typen zu differenzieren.

Jede Zelle ist eine selbstorganisierte, wahnsinnig faszinierende und komplizierte Ansammlung von molekularen Nanomaschinen, die für die lebensnotwendigen Stoffwechselvorgänge (vor allem die Energieerzeugung) sorgen. Die Moleküle sind wiederum aus Atomen aufgebaut. Eine Zelle ist letztendlich ein kleines Universum aus Molekülen und Atomen, deren Anordnung und Aktivität auf den Gesetzen der Physik und Chemie beruht.

Ein Atom ist dabei für die Zelle das, was die Zelle für den vielzelligen Organismus ist: Ein Bauteil, mit dem ein komplexes System konstruiert wird. Die Anzahl der Atome in einer Zelle entspricht etwa der der Zellen im menschlichen Körper. Nach einer groben Schätzung der Washington University gibt es 1014, also 100 Billionen Atome in einer menschlichen Zelle. Insgesamt machen 1028 Atome einen menschlichen Körper aus.

Die Organismen auf der Erde – und damit auch der menschliche Körper – setzen sich aus insgesamt 92 Sorten von Atomen zusammen. Den Hauptanteil an ihnen hat in unserem Organismus der Wasserstoff (63%), gefolgt von Sauerstoff (25,5%), Kohlenstoff (9,5%) und Stickstoff (1,4%). Dazu kommen als danach wichtigste Elemente Phosphor und Schwefel. Nukleinsäuren wie die DNA bestehen beispielsweise ausschließlich aus Kohlenstoff, Wasserstoff, Sauerstoff, Stickstoff und Phosphor; Aminosäuren enthalten vor allem die Elemente Kohlenstoff, Wasserstoff, Sauerstoff und Stickstoff. (In manchen Aminosäuren kommt außerdem Schwefel vor.) Fette und Kohlenhydrate setzen sich ausschließlich aus Kohlenstoff, Wasserstoff und Sauerstoff zusammen. Weitere wichtige Elemente sind beispielsweise Kalzium, Eisen, Magnesium, Zink, Kalium und Natrium.

Am einfachsten lässt sich die Häufigkeit bestimmter Elemente mit ihrer Verfügbarkeit am Anfang der Entwicklung des Lebens erklären. Radioaktive Elemente und Elemente, die nur schwer Verbindungen mit anderen Elementen eingehen können, kamen nicht in Frage. Da sich Leben wohl in flüssigem Wasser entwickelt hat, bestehen auch heutige Zellen immer noch zu einem Großteil daraus. Wasser setzt sich zusammen aus den Elementen Wasserstoff und Sauerstoff (chemisch: H2O) und ist ein gutes Lösungsmittel für viele organische und anorganische Verbindungen. Die ganze komplizierte Chemie des Lebens basiert auf flüssigem Wasser. Die Ionenzusammensetzung des Zellsaftes ist der des Meerwassers auffallend ähnlich – ein starkes Indiz für die Entstehung der ersten Lebewesen im Meer.

Im Zentrum aller Biomoleküle steht der Kohlenstoff, der vier Bindungsstellen zu anderen Atomen und Molekülen besitzt und damit vielfältige Verbindungen aufbauen kann – von kleinen Molekülen wie Methan bis zu großen Molekülen wie komplexen Zuckern. Jedes Lebewesen auf der Erde ist also ein Kohlenstoff-Wesen. Allein im Körper eines erwachsenen Menschen befinden sich im Schnitt etwa 16 Kilogramm dieses Elements – insgesamt gut 800 Quadrillionen Kohlenstoffatome.

Kohlenstoffketten bilden das innere Gerüst eines Moleküls und geben ihnen Stabilität. Lange Kettenmoleküle aus Hunderten, Tausenden, ja sogar Millionen von einzelnen Atomen können gebildet werden, womit sich unterschiedlichste Stoffe erzeugen und verschiedene Gebilde formen lassen: Außer Ketten auch Ringe, Gitter, Kugeln, Scheiben, Stäbchen und Röhren. Vor allem wegen dieser Eigenart erfüllt Kohlenstoff eine Schlüsselrolle beim Aufbau von Biomolekülen. Die Chemie des Lebens ist im Grunde genommen Kohlenstoffchemie.

Wasserstoff ist nicht nur Teil der Wassermoleküle, sondern auch Bestandteil von allen Biomolekülen und spielt für universelle Vorgänge zur Energiegewinnung eine herausragende Rolle. Sauerstoff ist zu mehr als 99% in Wasser gebunden, aber auch am Aufbau zahlreicher Biomoleküle beteiligt. Stickstoff ist als Molekül sehr reaktionsträge. Er ist vor allem ein Baustein aller Aminosäuren und daher in sämtlichen Eiweißen vorhanden. Schwefel kommt etwa als Bestandteil von Eiweißen vor. Phosphor ist Bestandteil der DNA und Teil der Gerüstsubstanz der Knochen.

Mengenmäßig bedeutsam sind außerdem die Mineralstoffe Natrium, Kalium, Chlor, Kalzium und Magnesium. Im menschlichen Körper haben sie einen Anteil von mehr als 50 Milligramm pro Kilogramm und werden deshalb im Gegensatz zu Spurenelementen, die in deutlich geringeren Anteilen vorliegen, als Mengenelemente bezeichnet.

Natrium, Kalium, Kalzium und Magnesium spielen z. B. eine tragende Rolle bei der Impulsweiterleitung im Nervensystem. Magnesium-Ionen stabilisieren außerdem verschiedene Biomoleküle und regulieren das Elektrolytgleichgewicht. Chlorid ist Bestandteil der Magensäure, und Kalzium-Ionen sind an der Blutgerinnung sowie an der Aktivierung mancher Proteine beteiligt. Kalzium spielt u. a. auch für den Aufbau harter Strukturen wie Knochen und Zähnen eine Rolle.

Spurenelemente wie Eisen, Iod, Zink und Kupfer kommen im menschlichen Organismus nur in winzigen Mengen vor, sind aber trotzdem für viele Prozesse lebensnotwendig. Oft sind sie Bestandteile von wichtigen Enzymen. Andere Lebewesen, vor allem Pflanzen und Mikroorganismen, benötigen sie zum Teil in anderen Mengen oder verwenden andere Spurenelemente.

Die Illusion der körperlichen Einheit und Permanenz

Rein physikalisch betrachtet enthält ein etwa 70 Kilogramm schwerer Mensch rund 1029 Atomkernteilchen (also Protonen und Neutronen) sowie genauso viele Elektronen, gebündelt über die Kräfte in Atomen, Molekülen und Molekülverbänden. Die Atome und Moleküle unseres Körpers vibrieren unentwegt. Ein Atom als Ganzes schwingt mit ca. 1015 Hertz (Hz), also billiardenmal in der Sekunde, Moleküle schwingen mit ca. 109 Hz, Zellen insgesamt mit ca. 103 Hz, also tausendmal in der Sekunde. Die mittlere Energie von großen Atom- und Molekülmengen empfinden wir als Wärme. Völlige Ruhe entspräche dem absoluten Nullpunkt der Temperatur. Gleichzeitig kollidieren und interagieren Atome und Moleküle ständig. Wir können nicht einmal die molekularen Wechselwirkungen in einer einzigen Zelle vorhersagen, geschweige denn in einem ganzen Organismus.

Der Organismus verändert sich auf molekularem Niveau ständig; auch die Atome selbst sind flüchtig wie die Zeit, sie kommen und gehen. Der Mensch ist also, wie alle Lebewesen, keine dauerhafte, auf sich selbst beruhende Einheit. Er ist ein zusammengesetztes Gebilde, dessen Bestandteile – und damit er selbst – einem ständigen Wechsel unterliegen. Der deutsche Philosoph Gottfried Wilhelm Leibniz schrieb schon 1714 in seiner Monadologie, der Lehre von den letzten Elementen der Wirklichkeit: „Alle Körper sind in immerwährendem Flusse, wie die Ströme, und es treten unaufhörlich Teile ein und aus.“

„Die tatsächlichen physischen Bestandteile unseres Körpers spielen keine spezielle Rolle…“ schreibt der amerikanische Physiker Frank J. Tipler. „Vielmehr ist es das Muster, das sie bilden, welches den physischen Ausdruck unserer fortbestehenden Persönlichkeit schafft.“ (Tipler: „Die Physik der Unsterblichkeit“; S. 292) Im Laufe des Lebens wird nicht die Substanz erhalten, sondern nur das Muster. Das Muster ist das, was das Ich, die Persönlichkeit, die Individualität ausmacht. Identität, Körperstruktur, Aussehen und Bewusstsein bleiben, die Atome aber kommen und gehen. Das Gefühl individueller Kontinuität ist also nicht materiell begründet – materielle Kontinuität gibt es nur in einem größeren Kreislauf.

Dieses Muster kann im Laufe unserer täglichen Neubildung so gut erhalten bleiben, weil es im biologischen System Rückkopplungsprozesse gibt, welche die Fehler, die auftreten, wenn Teile des Musters neu geschaffen werden, korrigieren. Trotzdem bleibt das Muster nicht vollkommen erhalten. Das Phänomen des Alterns ist lediglich ein Ausdruck dieser Tatsache.

Herkunft der leichteren Atome

Das Universum hatte sich nach seiner Entstehung aufgrund der andauernden Ausdehnung nach drei Minuten so weit abgekühlt, dass sich aus Protonen und Neutronen einfache, stabile Kerne bilden konnten. Zuerst verschmolzen je ein Proton und ein Neutron zu Kernen des schweren Wasserstoffs Deuterium. Weitere Kernteilchen konnten eingefangen werden und es ergaben sich Heliumisotope (Helium-3 und Helium-4); auch kleinere Mengen größerer Atomkerne bildeten sich, z. B. Lithium (aus drei Protonen und drei Neutronen).

[Die Ordnungszahl eines chemischen Elements gibt an, wie viele Protonen sich im Atomkern befinden. So hat im Periodensystem Wasserstoff die Ordnungszahl 1, Helium die 2, Lithium die 3. Neben der Ordnungszahl gibt es die Massenzahl, die angibt, wie viele Kernteilchen (Nukleonen, also Protonen und Neutronen) sich in einem Kern befinden. So enthält der Kern von Helium-4 zwei Protonen und zwei Neutronen, das Isotop Helium-3 zwei Protonen und ein Neutron. (Isotope eines Elements haben die gleiche Protonenzahl, aber eine unterschiedliche Anzahl an Neutronen.)]

Die Kosmologen vermuten, dass dieser erste Akt der sog. „primordialen Nukleosynthese“ nach maximal 20 Minuten vorbei war. Dann stagnierte die Kernverschmelzung, da die Temperatur und Dichte nicht mehr hoch genug waren, um auch weniger stabile Kerne mit einer größeren Anzahl von Nukleonen entstehen zu lassen. Zudem kollidierten die leichten Elemente nicht mehr mit der nötigen Wucht, um aneinander haften zu bleiben und auf diese Weise komplexere Kerne zu bilden.

Somit war es nur ein vergleichsweise kurzer Abschnitt, in dem genügend Zusammenstöße zur Bildung einer ausreichend großen Zahl von Atomkernen stattfinden konnte und zugleich die Temperatur niedrig genug war, um den Bestand der neu gewonnenen Kerne zu ermöglichen. Weitere Kernfusionsprozesse fanden vorläufig nicht mehr statt. Rund 25% der Masse der zuvor freien Protonen und Neutronen hatten sich zu Heliumkernen (He-4) verbunden. Deuteriumkerne als Zwischenprodukte der Heliumsynthese überlebten nur mit einem Massenanteil von einem Tausendstel Prozent, Lithiumkerne gar nur mit einem Zehntausendstel Prozent. Für den Aufbau schwererer Kerne war es schon zu kühl. Der Urknall hatte jetzt ausgedient als Produzent chemischer Elemente.

100 000 Jahre nach dem Urknall war das Universum mit einem Plasma aus einer Mischung aus Protonen, Elektronen, Neutrinos und Photonen und der Prise leichter Atomkerne angefüllt, aber auch mit sog. Kalter Dunkler Materie, über die man bis heute nichts Genaueres weiß. Es war noch zu heiß, dass sich Elektronenhüllen um die Atomkerne bilden konnten. Die Strahlung enthielt noch zu viele energiereiche Lichtquanten (Photonen), um so die Bildung von Atomen zu ermöglichen. Jedes Elektron, das von einem Kern eingefangen wurde, wurde sofort wieder von einem hochenergetischen Strahlungsteilchen „befreit“.

Nach etwa 379 000 Jahren – das Universum war nur noch tausendmal kleiner als heute – war die Temperatur auf unter 3000°C gesunken. Jetzt war es kühl genug, dass Kerne und Elektronen sich zu stabilen elektrisch neutralen Atomen verbinden konnten – getrieben durch die elektrische Anziehung zwischen der positiven Ladung der Protonen und der negativen der Elektronen (elektromagnetische Kraft). Protonen, von denen 90% ungebunden nach der primären Nukleosynthese übrig geblieben waren, verbanden sich nun zu elektrisch neutralen Wasserstoffatomen, die zu den wichtigsten Bausteinen von Sternen wurden. Auch die Wasserstoffatome in unserem Körper stammen aus dieser Zeit.

Die Deuterium-, Helium- und Lithiumkerne verbanden sich ebenfalls mit freien Elektronen. Die Wissenschaftler sprechen von der Epoche der „Rekombination“. Die Rekombinationszeit dauerte nur kurz und war nach etwa 40 000 Jahren beendet. Noch heute bestehen fast 100% der herkömmlichen Materie des Universums aus Wasserstoff (90%) und Helium (10%), die immer noch im gleichen Verhältnis zueinander stehen wie zu der damaligen Zeit. Bis die weiteren 88 Elemente hinzukamen, welche die restlichen 0,10% (2% Masse-Anteil) ausmachen, sollte noch einige Zeit vergehen.

Unmittelbar nach der Rekombinationszeit breiteten sich die frisch gebildeten Atome über den gesamten Kosmos aus. Sie folgten den Schwerekraftzentren, die die Dunkle Materie vorgab. In ihnen erhöhte sich so die Materiedichte. Nach wenigen hundert Millionen Jahren war in den kleinsten der Dunkle-Materie-Halos die normale Materie soweit verdichtet, dass sie sich nun ohne weitere Hilfe der Dunklen Materie zu mächtigen Gaskugeln zusammenziehen konnte: Das Urgas kollabierte zu Protosternen. Aber erst als sich hundert oder weit mehr Sonnenmassen in ihnen angesammelt hatten, war die Schwerkraft groß genug, um den Kern so stark zusammenzudrücken und die Materie heiß und dicht genug wurde, dass es zum Beginn des Wasserstoffbrennens kam. Es entstand eine erste Generation sog. Blauer Riesensterne, die als selbständige Lichtquellen zu leuchten begannen, mehrere Millionen Mal heller als unsere Sonne heute.

Die ersten Sterne bestanden im Gegensatz zu den heutigen Sternen fast nur aus Wasserstoff und Helium. Ohne schwere Elemente laufen die Kernfusionsprozesse weniger effizient ab. Daher mussten die ersten Riesensterne kompakter (dichter) und damit auch heißer, heller und leuchtkräftiger sein als heutige Sterne.

Wann genau die ersten Sterne aufleuchteten, ist noch nicht ganz klar. Es geschah wohl rund 400 Millionen Jahren (zwischen 200 und 500 Millionen Jahren) nach dem Urknall. Da bei den ersten Riesensternen wegen ihrer enorm großen Massen im Inneren Dichte und Temperatur besonders hoch waren, war der stellare Brennstoff, der sie mittels Kernfusion zum Leuchten brachte, extrem schnell aufgebraucht. Die Sonnen explodierten bereits nach wenigen Millionen Jahren als gigantische Supernovae. Die ersten Sterne lebten also schnell und starben früh.

Entstehung der schweren Atome

Ist der Wasserstoff in einem Stern aufgebraucht, setzt bei 100 bis 200 Millionen Grad das Heliumbrennen ein, das aber weit weniger Energie liefert. Das Energiereservoir ist sehr bald erschöpft, die Materie verdichtet sich schlagartig, Druck und Temperatur steigen gewaltig an. Immer hektischer zünden nun im Stern Fusionsreaktionen schwerer Kerne. Es bildet sich zunächst ein Kohlenstoff-Kern, der sich bei der schnellen Entwicklung der Riesensterne entzündet, ehe er zerfällt. Dabei setzt sich die Kernfusionsleiter in Vierer-Schritten vom Kohlenstoff-12 über Sauerstoff-16 immer weiter fort. Geht der Kohlenstoff zuneige, bildet sich ein Silizium-Kern, der seinerseits entzündet wird (Silizium-Brennen), während der Stern Gleichgewicht zu halten versucht zwischen Gravitation und Gasdruck. Zuletzt verschmilzt bei drei Milliarden Grad Silizium(-28) zu Nickel(-56) und Eisen(-56), der letzten Nuklearasche – das Ende der Verbrennungskette. Dieser Vorgang verläuft bei der ersten Generation der Blauen Riesensterne in weniger als einem Tag.

Aus den Zwischenstufen der Fusionsprozesse und durch den Zerfall von Kernen entstehen all die anderen Elemente des Periodensystems zwischen Wasserstoff und Eisen. In jeder dieser Stufen gibt es nämlich Nebenreaktionen, die einen Teil der Elemente in solche umwandeln, die nicht aus einem geradzahligen Vielfachen eines Alphateilchens (Helium-4-Kern) bestehen. Diese Teilchen, wie etwa Stickstoff-14, werden erzeugt, wenn leichtere Kerne (wie von Kohlenstoff-12) ein oder zwei Protonen aus dem umgebenden superdichten Plasma einfangen, oder wenn bestimmte schwerere Kerne zerfallen und Protonen freisetzen.

Beim Eisen und Nickel sind alle Möglichkeiten für ein weiteres Verschmelzen erschöpft, da eine weitere Fusion ab einer Nukleonenzahl von 60 mehr Energie verbrauchen als freisetzen würde. Es gibt also keine Kernverschmelzung mehr, die unter Freisetzung von Energie noch schwerere Elemente erzeugen könnte. Der Eisen-Nickel-Kern stellt somit den stabilsten, d. h. energieärmsten, Kern dar, der nicht mehr verbrennen kann. Die erzeugte Energie übersteigt jetzt die gesamte Gravitationsenergie des Sterns, es gibt kein Halten mehr: Innerhalb weniger Sekunden wird der Sterngigant in einer gewaltigen Explosion zerrissen. Man schätzt, dass 150 Sonnenmassen schwere Ursterne mit einem Durchmesser von 3,2 Milliarden Kilometern fast 1045 Joule an Energie freisetzten – bei noch schwereren Sternen wäre es ein Vielfaches davon.

Bei der Explosion dringt die Stoßwelle mit rund 30 Millionen km/h – entspricht einigen Prozent der Lichtgeschwindigkeit – in höher liegende Schichten des Sterns, die noch Silizium und Sauerstoff enthalten. Hinter sich her zieht sie eine nuklear brennende Front, in der innerhalb von Sekundenbruchteilen radioaktives Nickel entsteht, das dann über Kobalt-56 zu Eisen-56 zerfällt. Solche Explosionen haben etwa 70% des Eisens geliefert, das heute in unserer Galaxis nachweisbar ist. Zurück lässt die Sternexplosion (Supernova) ein Schwarzes Loch.

Die enorme Hitze in der Explosionswolke der Hypernova, wie Supernovae mit solch gewaltigen Ausmaßen auch bezeichnet werden, ermöglicht Kernreaktionen, die bei Supernova-Explosionen von normalen Sternen nicht ablaufen können. Dabei fängt ein eben „geborener“ Atomkern umgehend etliche Neutronen ein. Meist sind die daraus resultierenden Zwischenprodukte instabil und bilden anschließend durch mehrere radioaktive Zerfälle stabile Kerne. (Bei diesem Betazerfall wird, vereinfacht gesagt, ein Neutron in ein Proton umgewandelt.) Hinter der nach außen laufenden Stoßwelle entstehen so Elemente, die schwerer sind als Eisen. Sie führen zu einer Aufbau-Kette der Elemente, die von Eisen-56 z. B. zu Platin, Gold, Quecksilber und Blei bis zu radioaktiven Kernen wie Uran-235 (Ordnungszahl 92), Plutonium-244 (Ordnungszahl 94) und Californium-254 (Ordnungszahl 98) reicht.

Alle Elemente schwerer als Eisen bildeten sich also nicht durch Kernfusion, sondern durch den (wiederholten) Einfang von Neutronen und durch anschließende Beta-Zerfälle. In den mittlerweile bekannten Sterngreisen wurden tatsächlich neben den leichteren Vertretern der schweren Elemente wie Kohlenstoff, Sauerstoff, Magnesium, Natrium, Titan, Eisen und Nickel usw. auch Neutroneneinfang-Elemente wie Strontium, Barium, Europium, aber auch Thorium und Uran nachgewiesen.

Vor allem verschmelzende Neutronensterne sind heute einer der Orte im Universum, an dem schwerere Elemente entstehen. Ein Großteil der irdischen Edelmetalle, z. B. Gold, Silber und Platin, ist demnach vermutlich einst im Inferno einer Neutronensternkollision erbrütet worden. So gesehen ist in goldenen Ehe- und Verlobungsringen ein Stück Neutronensternmaterie enthalten.

Innerhalb von Minuten fliegen die stellaren Überreste, mit diesen schweren Elementen angereichert, in alle Richtungen auseinander. Die gewaltigen Explosionen der ersten massereichen Sterne sind also dafür verantwortlich, dass viele schwere Elemente, unter ihnen vor allem auch die für das Leben wichtigen Grundbausteine wie Kohlenstoff, Stickstoff und Sauerstoff, erstmals ins Universum gelangten und sich dort anreicherten.

Jedes Jahr entstanden einige tausend neue massereiche Sterne – eine enorme Zahl verglichen mit der nur ein Tausendstel großen Sternentstehungsrate in normalen Galaxien wie unserer Milchstraße. Die Kreisläufe der Sternentstehung und -vernichtung reicherten das interstellare Gas weiter mit schweren Elementen an. Sie dienten der nächsten Generation von Sternen als Rohstoff.

Diese erste heiße Ära war wohl nach 800 Millionen Jahren abgeschlossen. Bis dahin war das anfängliche Wasserstoff-Helium-Gemisch mit allen schweren Elementen angereichert, die wir heute kennen. Diese neigen – im Gegensatz zu Wasserstoff und Helium, die gasförmig vorliegen – zur Bildung von feinem Staub, bestehend aus Wasser-, Kohlenmonoxid- und Ammoniakkristallen sowie Silikaten und Metalloxiden. Bereits nach wenigen hundert Millionen Jahren gab es so im interstellaren Gas Anreicherungen von Kohlenmonoxid und Staub, wie wir sie heute noch, 13 Milliarden Jahre später, im interstellaren Gas benachbarter Galaxien vorfinden. Bald schon konnten so auch neue Sterne mit schon ähnlichen Eigenschaften wie heutige entstehen, insbesondere auch solche von der Größe unserer Sonne – und auch Planeten wie die Erde.

Jede neue Sternengeneration entstand also aus Materie, die mehr der schweren Elemente enthielt als die vorherige. Trotzdem ist deren Anteil am heutigen Universum sehr gering. Auf 3000 Wasserstoff-Atome kommen nur ein Kohlenstoff- und zwei Sauerstoffatome. Dabei sind das die häufigsten schweren Elemente im Universum. Wegen den besonderen Produktionsbedingungen sind die schwersten Elemente sogar relativ selten: Nur ein Uran-Atom kommt auf 100 Milliarden Wasserstoffatome.

Die kosmische Evolution geht auch heute noch weiter, freilich mit abnehmender Intensität, je älter das Universum wird. Das jetzige Stadium des Universums ist gekennzeichnet durch stetige Abkühlung, Kondensation und die Bildung immer größerer, komplexerer Strukturen. Die Häufigkeitsverteilung der Elemente hat sich in jüngerer Vergangenheit nur noch wenig geändert. So unterscheidet sich diejenige im jetzigen interstellaren Gas kaum von derjenigen in der schon fünf Milliarden Jahre alten Sonne.

Kinder des Universums

Die ersten Sterne haben das Universum, wie wir es heute sehen – von Galaxien und Quasaren bis zu Planeten und Lebewesen -, erst möglich gemacht. Durch gewaltige Supernova-Explosionen wurden die in ihnen fusionierten Elemente an das interstellare Medium abgegeben und bildeten nicht nur das Grundmaterial für neue Sterne und Planeten, sondern auch für alle Lebensformen auf unserer Erde. Die Atome fast aller chemischen Elemente, aus denen Erde und Lebewesen bestehen, wurden also mit Ausnahme der Wasserstoffatome, die bereits im Urknall entstanden sind, irgendwann im Inneren von Sternen durch nukleare Prozesse erzeugt. Um alle schweren Elemente für Lebewesen in ausreichenden Mengen zu produzieren, mussten sehr viele Sterne (Tausende, wenn nicht Millionen) entstehen und vergehen.

Das Lebendige ist also Teil des physikalischen Kosmos. Und so ist auch die menschliche Existenz mit den physikalischen Bedingungen der fernsten Vergangenheit des Universums verknüpft. Auch wir sind das Resultat eines Entwicklungsprozesses, der von den einfachsten Anfängen im Urknall bis zu den komplexen Strukturen von Sternen, Planeten und Lebewesen geführt hat. Wir verdanken also unsere Existenz vergangenen Generationen von Sternen, die einen gewaltsamen Tod erlitten und die interstellaren Wolken mit den für uns so wichtigen Elementen Kohlenstoff, Sauerstoff und Stickstoff usw. angereichert haben. Jedes schwere Atom in unserem Körper durchlief diesen Kreislauf. Buchstäblich der gesamte Kosmos war an der Hervorbringung der Materie unseres Körpers beteiligt.

Wir sind Kinder des Kosmos, aus Sternenasche entstanden. Die Erkenntnisse der Kosmologen machen damit einen tiefen Zusammenhang unserer eigenen Existenz mit dem gesamten Kosmos deutlich. Schon die mystischen Überlieferungen hatten den Menschen als untrennbaren Teil des Kosmos beschrieben (siehe z. B. im Ayurveda-System). Auch die neueste Vorstellung der modernen Physik, der Quantentheorie, postuliert, dass es nichts gibt, was getrennt ist. Der Buddhismus erstrebt, als höchstes Ziel, das Einswerden des Menschen mit dem Kosmos. Albert Einstein, der Schöpfer der Relativitätstheorie, schrieb: „Der Mensch ist ein Teil des Ganzen, das wir Universum nennen, ein durch Raum und Zeit begrenzter Teil. Er erlebt sich selbst, seine Gedanken und Gefühle, als etwas von anderem Getrenntes – einer Art optischer Täuschung des Bewusstseins.“

So werden wir, den Sternen gleich, auch wieder zu Staub werden – als Nahrung für neue Sterne -, eine weitere Runde im kosmischen Kreislauf. Novalis drückte es so aus: „Die Sternenwelt wird zerfließen – Zum goldenen Lebenswein. – Wir werden sie genießen – Und lichte Sterne sein.“

REM

Das Kosmologische Standardmodell

Im 6. Jahrhundert v. Chr. versuchte sich eine kleine griechische Denkschule, die wir heute die ionischen Naturphilosophen nennen, an einer neuen Erklärung aller Naturvorgänge. Dabei gingen sie davon aus, dass diese nicht von Göttern verursacht und beeinflusst werden. So führte Anaximander wie schon sein Lehrer Thales die unendliche Vielfalt der Phänomene auf natürliche Veränderungen einer Ursubstanz zurück. Er setzte erstmals auch voraus, dass Himmel und Erde denselben Regeln gehorchen.

Die Kosmologie hat sich inzwischen von einer Spielart der Philosophie zu einer physikalischen Wissenschaft vom Universum als Ganzes – seiner Größe, seiner Gestalt und seinem Alter und seinen Veränderungen im Laufe der Zeit – gemausert. Sie beruht heute auf vier Quellen: Theorie, neuerdings Computersimulationen sowie Beobachtung und Experiment.

Grundlagen

Die wichtigste Grundlage der modernen Kosmologie ist die Allgemeine Relativitätstheorie von Albert Einstein, im Wesentlichen eine klassische Theorie der Gravitation, die Raum, Zeit und Materie miteinander verknüpft. Sie erlaubt eine mathematische Beschreibung des Universums als Ganzes und bietet den Rahmen für eine ganze Reihe von kosmologischen Modellen, die im Einklang mit den astronomischen und teilchenphysikalischen Messungen stehen.

Eine weitere Grundlage ist das Kosmologische Prinzip, die Vorstellung eines isotropen und homogenen Universums. Demnach ist die Materie in wirklich großem Maßstab in alle Richtungen gleichmäßig (isotrop) und überall gleichartig (homogen) verteilt. Das Kosmologische Prinzip besagt also, dass das Universum als Ganzes keine Richtung und keinen Ort bevorzugt: Es sieht an jedem Ort und wohin man auch schaut gleich aus – abgesehen von Unregelmäßigkeiten auf kleinen Skalen. In der Mathematik bedeutet es, dass die Gleichungen, die man zur Beschreibung des Universums nutzt, überall die gleiche mathematische Form haben.

(Die Erklärung für die Gleichförmigkeit liefert das Modell der kosmischen Inflation. Danach soll ein hypothetisches Energiefeld namens Inflaton das Universum unmittelbar nach dem Urknall in Sekundenbruchteilen extrem vergrößert haben, was zu seiner fast perfekten Homogenität geführt habe. Die Physiker wissen allerdings nichts über die Herkunft und die Eigenschaften des Inflatonfeldes. Und sie sind sich nicht einmal sicher, ob es wirklich existierte.)

Das Kosmologische Standardmodell wird nicht nur von einer physikalischen Theorie getragen, sondern auch von Beobachtungen gestützt und mittels Modellrechnungen („Simulationen“) bestätigt, die Theorie und Beobachtung miteinander verknüpfen. Dabei stützt es sich vor allem auf drei Beobachtungen:

  1. Die Expansionsbewegung des Universums

Vesto Slipher stieß bereits 1923 auf den Befund, dass sich fast alle Spiralgalaxien von uns fortbewegen. Entfernungsmessungen Edwin P. Hubbles bewiesen dies 1929 eindeutig. Hubble entdeckte, dass die Geschwindigkeit der Galaxien direkt proportional zu ihrer Entfernung ist. Je weiter also eine Galaxie von der Erde entfernt ist, desto schneller „flieht“ sie. Das Maß dieser „Fluchtbewegung“ ist heute die Hubble-Konstante. Der beobachtete Fluchteffekt der Galaxien ist von jedem Standpunkt im Weltall aus derselbe; wir entschwinden also anderen Himmelskörpern ebenso wie diese von uns wegdriften.

2. Die kosmische Mikrowellen-Hintergrundstrahlung

Die Mikrowellen-Hintergrundstrahlung, die den gesamten Weltraum ausfüllt, entstand durch die ersten Photonen (Lichtteilchen), die 380 000 Jahre nach dem Urknall das Universum durchfluteten. Bei ihrer Entstehung war die Strahlung noch infrarot, ihre Wellenlänge 1000 Nanometer klein. Durch die Ausdehnung des Universums wurde diese immer mehr gedehnt – bis auf ihre heutige Länge von etwa einem Millimeter. Das entspricht einer Temperatur von minus 270°C.

Die Hintergrundstrahlung enthält Informationen über Ausdehnungsrate, Alter, Struktur, Zusammensetzung und Dichteverteilung des damaligen Kosmos, lässt aber auch Rückschlüsse auf eine frühere Epoche sowie auf die spätere Entstehung der ersten Sterne zu.

3. Das Überwiegen der leichten Elemente

Im heißen und dichten Frühstadium des Universums, bei Temperaturen zwischen ein und zehn Milliarden Grad Celsius, konnten für Minuten Wasserstoffkerne zu schwereren verschmelzen, ehe diese Prozesse durch die rasche Expansion des Kosmos und die daraus resultierende Abkühlung wieder gestoppt wurden. Aus jener Zeit stammt der Löwenanteil an Helium, Lithium und Deuterium, der überall im Universum in einem bestimmten Häufigkeitsverhältnis zum Wasserstoff steht. Es ist ein weiterer Beleg für die Entstehung des Universums in einem Urknall und liefert zudem eine genaue Abschätzung der Häufigkeit von Protonen und Neutronen im Kosmos.

Das Standardmodell der Kosmologie, das auf den besten astronomischen Messdaten gegründet ist, lässt sich gegenwärtig zum größten Teil mit nur wenigen Gleichungen und einem halben Dutzend unabhängigen Parametern (darunter die Energie- und Materiedichte und die Hubbel-Konstante) beschreiben. Für den Ursprung der Letzteren haben wir keine befriedigende Erklärung. Die Parameter müssen sehr präzise gewählt werden, um sie mit den Beobachtungen in Einklang zu bringen. Einige konnten bereits mit hoher Präzision bestimmt werden. Mit Hilfe der Parameter lassen sich Weltalter, Ausdehnungsrate, mittlere Materie- und Energiedichte des Universums, seine Geometrie und Krümmung quantitativ gut charakterisieren, doch nicht weiter ableiten.

Erklärung

Mit dem Kosmologischen Standardmodell lassen sich Tausende gemessene Daten erklären – bis an den Rand unseres beobachtbaren Universums. Kein anderes theoretisches Modell ist derzeit auch nur annähernd so erfolgreich. Es beschreibt ein räumlich flaches Universum (*1), dessen Expansion sich zunehmend beschleunigt. Es enthält kalte Dunkle Materie (CDM; cold dark matter; *2) sowie ein Energiefeld, das durch Einsteins Kosmologische Konstante Lambda (heute spricht man von Dunkler Energie; *3) beschrieben wird. Fachlich sprechen wir daher vom LambdaCDM-Modell.

*1: Ein flaches Universum ist das dreidimensionale Gegenstück von einem flachen Blatt Papier oder einer glatten Tischplatte. „Flach“ heißt für Physiker in diesem Fall, dass zwei Lichtstrahlen, die nebeneinander ins All gesendet werden, bis in alle Ewigkeit parallel laufen und niemals wieder an den Ausgangspunkt zurückkehren – und dass die Winkelsumme in einem Dreieck immer 180° ergibt. Wäre sie größer oder kleiner als 180°, wäre der Raum negativ oder positiv gekrümmt, wie ein Sattel oder eine Kugel. In einem flachen Universum entspricht die Summe aus der Massen- und Energiedichte genau der sog. „kritischen Dichte“. Präzise Untersuchungen der kosmischen Hintergrundstrahlung bestätigten endgültig, dass das Universum als Ganzes tatsächlich flach ist.

*2: Dunkle Materie ist eine postulierte Form von Materie, die für uns nicht direkt sichtbar ist, aber über die Gravitation mit der leuchtenden Materie wechselwirkt. Nur mit der Annahme ihrer Existenz sind die Bewegungen der sichtbaren Materie erklärbar, insbesondere der Geschwindigkeit, mit der sichtbare Sterne das Zentrum ihrer Galaxie umkreisen. Woraus Dunkle Materie besteht ist allerdings bislang noch völlig unklar. (Kalt heißt, dass diese Materieform aus schweren Teilchen aufgebaut sein soll, die eher den Atomkernen der „normalen“ Materie ähneln, und nicht aus leichten, schnellen und damit „heißen“ Elementarteilchen.)

*3: Die ebenfalls hypothetische Dunkle Energie soll das gesamte Universum gleichmäßig erfüllen. Nach Ansicht der Theoretiker wirkt sie genau umgekehrt wie die Gravitation, nämlich abstoßend- als eine Art Antischwerkraft. Akzeptiert man diese seltsame Energieform, so lassen sich die astronomischen Beobachtungen problemlos erklären. Sie macht es den Kosmologen möglich, die gefundene niedrige Materiedichte mit ihrem Wunsch nach dem kritischen Grenzwert und dementsprechend flachen Universum zu vereinbaren.

Das Universum besteht nach dem Kosmologischen Standardmodell zu 68% aus Dunkler Energie und zu 27% aus Dunkler Materie, während die normale, sichtbare Materie lediglich die verbliebenen 5% ausmacht. Während die Dichte der Materie durch die Expansion laufend sinkt, bleibt die Dunkle Energie konstant und dominiert die jetzt beschleunigte Phase der Expansion.

Der Aufbau des Universums ist hierarchisch: Sterne (eventuell mit einfachen Planetensystemen), Galaxien, lokale Gruppen (Galaxiengruppen), Galaxienhaufen („Cluster“), Superhaufen („Supercluster“) und schließlich so überdimensionale Gebilden wie die „Große Mauer“ mit mehreren hundert Millionen Lichtjahren Größe. Alle diese Strukturen sind durch die Schwerkraft stabil gebunden.

Das Universum sieht zwar nicht überall gleich aus, ist aber wohl auf jeder Hierarchie-Ebene oder Skala nach den gleichen Prinzipien aufgebaut (die Mathematiker sagen: „skalen-invariant“). Die Galaxien sind in einem verbindungsreichen, fadenförmigen Netzwerk angeordnet. Galaxienhaufen befinden sich dort, wo die Filamente des Netzwerks zusammentreffen. Sie sind wiederum zu langen, fadenartigen Gruppierungen formiert, den Superhaufen, wo sich Zehntausende einzelner Galaxien wie Perlen an einer Halskette aufreihen. Die gigantischen Ketten und Wände der Superhaufen gruppieren sich um riesige Leerräume, imaginäre kosmische Blasen, die über die Hälfte des Universums ausmachen. Es sind mit typischerweise bis zu 400 Millionen Lichtjahren Durchmesser die großräumigsten Strukturen im All. In ihnen ist keine oder nur sehr wenig leuchtende Materie erkennbar, aber Spuren der Dunklen Materie.

Bedeutung

Obwohl die Begriffe Dunkle Energie und Dunkle Materie letzten Endes nur Platzhalter für eine unbekannte Physik sind und auch die sog. Inflation hypothetisch ist, gibt es derzeit kein anderes theoretisches Modell, das auch nur annähernd so erfolgreich ist wie LambdaCDM. Den neuen Präzisionsmessungen zufolge ist unser Universum wohl tatsächlich unendlich groß, dehnt sich in alle Ewigkeit aus, wird von einer mysteriösen Vakuumenergie dominiert und gehorcht den einfachen Gesetzen der euklidischen Geometrie – d. h. es ist im Wesentlichen flach, ohne großräumige Krümmung. Außerdem stimmen Amplitude und Form der großräumigen Materiefluktuationen einigermaßen mit dem Vergrößerungseffekt überein, den die Inflation auf das Quantenvakuum ausüben sollte.

„Erstmals in der Geschichte der modernen Kosmologie ergeben alle Fakten zusammen ein stimmiges Bild“, meint der Astronomie-Historiker Owen Gingerich vom Harvard Smithsonian Centerfor Astrophysics. „… Doch wir sollten uns an das alte Motto erinnern, dass eine astronomische Theorie wahrscheinlich falsch ist, wenn sie mit allen Beobachtungen übereinstimmt, weil sicher einige der Messungen oder Voraussetzungen irrig sind.“

Tatsächlich beschreibt das Standardmodell der Kosmologie zwar viele Eigenschaften unseres Universums sehr gut, und es kann seine Struktur und Dynamik exzellent beschreiben, aber nicht wirklich erklären. Es gibt noch zahllose Probleme mit dem Anbeginn. So fehlt uns eine zufriedenstellende Beschreibung der Geschichte unseres Universums vor der Inflationsphase , d. h. in den ersten 10-35 Sekunden nach dem Urknall. Zudem macht das Modell nicht deutlich, wie sich die verschiedenen Prozesse , die die Struktur des Universums formten, gegenseitig beeinflussten. Und es gibt noch weitere Differenzen, die sich nur in den mathematischen Analysen zeigen und nicht ohne Weiteres anschaulich gemacht werden können.

Dunkle Materie, Dunkle Energie und Inflation sind immer noch weitgehend nicht geklärt. Sie können zwar mit ihren exotischen Eigenschaften gleichsam in den Rahmen der Relativitätstheorie „eingebaut“ werden. In jedem Fall sind aber bisher unbekannte physikalische Effekte oder Gesetze involviert – oder eine an sich gut etablierte Grundannahme ist falsch. Es wäre z. B. möglich, dass Dunkle Energie und Dunkle Materie nichts „Stoffliches“ im All , sondern lediglich Effekte einer abgewandelten Gravitationstheorie sind.

Vielleicht muss also tatsächlich die Allgemeine Relativitätstheorie modifiziert werden – und man könnte ein kosmologisches Modell entwickeln, das ohne Dunkle Materie, Dunkle Energie und Inflation auskommt. Die Mehrheit der Kosmologen ist zwar zurzeit nicht dieser Meinung. Doch haben Vertreter alternativer Theorien durchaus gewichtige Argumente. -Oder das Kosmologische Prinzip ist ein Irrweg.

Die Kosmologen werden ihr Standardmodell in Zukunft sicher erweitern müssen. Da es in der Wissenschaft keine letzten Wahrheiten und Begründungen gibt, ist es nicht ausgeschlossen, dass schon bald ein junger Wissenschaftler kommt und alles umkrempelt. Wie alle wissenschaftliche Ideen wird dann auch dieses Modell durch ein anderes erweitert bzw. sogar abgelöst werden. Das Weltbild von heute kann immer auch der Fehler von morgen sein.

REM

Der Flores-Mensch – eine Inselverzwergung?

Auf der mittleren der Kleinen Sunda-Inseln, Flores, in der indonesischen Inselkette zwischen Java und Timor gelegen, wurden in Wolo Sege Steinwerkzeuge gefunden, die mindestens 1,02 Millionen Jahre alt sind. Es mussten also damals schon Frühmenschen auf dem Eiland gelebt haben, das auch zu Zeiten des niedrigsten Wasserspiegels stets durch mindestens 19 Kilometer offenes Meer von der westlich gelegenen Nachbarinsel Sumbawa getrennt war.

Zwar lag der Meeresspiegel während des eiszeitlichen Pleistozän (2,6 Millionen bis 11 700 Jahre v. h.), als enorme Mengen Süßwasser in Gletschern und Schnee gebunden waren, periodenweise um 150 Meter tiefer als heute und Java und Bali waren mit dem asiatischen Festland verbunden. Östlich davon befindet sich aber offene See, so dass es wahrscheinlich nie eine Landverbindung zur Nachbarinsel Lombok gab. Diese sog. Wallace-Linie, 25 Kilometer breit, trennt auch die asiatische von der australischen Tierwelt. Während Java und Bali die reiche Fauna Südostasiens aufweisen, ist die Tierwelt auf den östlicheren Inseln (Lombok, Sumbawa, Flores, Sumba, Timor), von Vögeln abgesehen, verarmt. Die Inseln waren auch untereinander und trotz des niedrigeren Meeresspiegels durch breite Wasserstraßen voneinander getrennt. Auf entwurzelten Bäumen oder im Wasser treibendem Gestrüpp waren gelegentlich offenbar Nagetiere sowie Reptilien angeschwemmt worden. Aber für größere Säugetiere war das Meer ein unüberwindliches Hindernis, außer für Elephantide (Stegodonten), die sich gern im Wasser aufhalten und in der Lage sind, bis zu 20 Kilometer von einem Eiland zum nächsten zu schwimmen.

Die Ahnen der Elefanten verließen erst vor 30 Millionen Jahren die Seen und Flussläufe ihrer tropischen afrikanischen Heimat und passten sich an ein Leben zu Land an, suchten aber nach wie vor noch gerne das Wasser auf. Auf den Andamanen- und Nikobaren-Inseln im Indischen Ozean, östlich des indischen Subkontinents, kann man heute noch Elefanten auf hoher See beobachten, die von einer Insel zur nächsten schwimmen.

Weitere etwa 700 000 Jahre alte Steingeräte und Skelette auf Flores zeigen, dass hier Frühmenschen lebten, die bereits über erhebliche technische und kulturelle Fähigkeiten verfügt haben müssen, um mit seetüchtigen Fahrzeugen die offene See zu überbrücken. Es könnte sogar eine Zeit lang einen sozialen Austausch zwischen Frühmenschen auf Flores und den Bewohnern des Festlands gegeben haben, worauf Langzeitparallelen bei der Entwicklung der Steinwerkzeuge hindeuten.

Homo floresiensis

Wer waren die Menschen? Als erstes käme dafür Homo erectus infrage, der vor rund zwei Millionen Jahren als großwüchsige Menschenform in Afrika auftauchte und von dem Populationen spätestens vor 1,8 Millionen Jahren Afrika verließen und bis nach Asien vordrangen. Sicher belegt ist, dass sie sich vor 1,2 Millionen Jahren auch in Ostasien aufhielten. Der australische Archäologe Mike Morwood und seine Kollegen von der University of New England nehmen an, dass Homo erectus schon um diese frühe Zeit mit Bambusbündeln oder -flößen auf Inseln übersetzte, so auch nach Flores. Sie glauben, dass er damals schon sprechen konnte, denn Sprache sei zur Planung und Logistik solcher Meeresüberquerungen notwendig.

Für Kritiker wie den australischen Anthropologen Dr. Colin Groves von der University of Canberra ist die Tektonik der vulkanischen Inseln in Indonesien derart instabil, dass es eventuell doch Landbrücken nach Flores gegeben haben könnte. Allerdings konnten solche bisher nicht durch geologische oder zoologische Befunde gesichert werden.

Die auf Flores gefundenen Werkzeuge waren überwiegend sehr einfach, in ihrer Machart ähnlich der afrikanischer früher Menschen vor fast zwei Millionen Jahren, die man in der Oldovai-Schlucht in Tansania fand (Oldowan-Technik). Am Fundort Mata Menge wurden sie vor 700 000 Jahren aus kleineren Abschläge von Felsgestein hergestellt. Auf ähnlich primitive Weise wurden die meisten Artefakte vom Fundort Liang Bua, 50 Kilometer weiter östlich, hergestellt, die allerdings weniger als 100 000 Jahre alt sind. Um diese einfachen Abschlaggeräte aus vulkanischem Gestein oder Feuerstein herzustellen, hatten die Menschen größere Stücke vom Felsen draußen abgehauen und in die Höhle mitgenommen, um dort kleinere Abschläge zu machen. Vielleicht handelte es sich bei den Liang-Bua-Bewohnern um Nachfahren der Mata-Menge-Bewohner. (Eine Handvoll scheinbar ausgeklügelterer Gerätschaften in Liang Bua halten manche Wissenschaftler für Zufallsprodukte. Das sei bei einer solchen Massenanfertigung , die in die Tausende ging, nichts Besonderes.)

Möglicherweise ernährte sich der Flores-Mensch von dem, was die Raubtiere auf der Insel übrig ließen. Wahrscheinlich ging er aber auch selbst auf die Jagd, worauf Pfeilspitzen hindeuten. Manche Wissenschaftler glauben, dass er regelmäßig Riesenratten und Zwergelefanten jagte. Knochen der Riesenratten fanden sich zu Abertausenden neben denen anderer Rattenarten in der Liang-Bua-Höhle. Von den Stegodons fanden sich hauptsächlich Knochen von Kälbern. Um diese Tiere zu jagen, mussten die Frühmenschen raffinierte Jagdmethoden beherrschen und wohl auch sprachlich kommunizieren können. Sie nutzten schon Feuer, um ihre Mahlzeiten zu bereiten.

Die Sensation waren aber die gefundenen Skelette und Skelettteile. Das erste Skelett, das in der Liang-Bua-Höhle gefunden wurde, stammt von einer etwa 30-jährigen Frau, die nur etwa einen Meter groß und zwischen 16 und 36 Kilogramm schwer war. Ihre Skelettteile haben ein Alter von mindestens 60 000 Jahren. Mittlerweile existieren Überreste von schätzungsweise 14 Individuen aus der Zeit von vor 90 000 bis 60 000 Jahren. Insgesamt wirken die Skelette wie aus archaischen und modernen Merkmalen zusammengewürfelt. Vor allem vom Hals abwärts ähneln sie stärker Vormenschen (Australopithecinen) als der menschlichen Gattung Homo. Es gibt Hinweise auf relativ lange Arme. Das Schlüsselbein ist kurz und gebogen – bei uns länger und gerader. Das Becken war wie eine Schaufel geformt, ähnlich wie bei den Australopithecinen; seit dem Homo erectus hat es Trichterform.

Die Füße hingegen wirken in mancher Hinsicht modern. So weist der große Zeh in die gleiche Richtung wie die anderen – ist also nicht abgewinkelt wie bei Menschenaffen oder Australopithecinen. Im Verhältnis zu den kurzen Beinen waren die Füße aber riesig: 20 Zentimeter lang, im Verhältnis zur Beinlänge sehr viel länger als beim Menschen. Außerdem war der große Zeh ziemlich kurz, die anderen Zehen waren verhältnismäßig lang und leicht gekrümmt. Ein richtiges Fußgewölbe fehlt. Die Menschen gingen zwar mit Sicherheit aufrecht, aber damit zu laufen dürfte nicht einfach gewesen sein. Bei so kurzen Beinen und großen Füßen haben sie die Beine beim Gehen wohl besonders hoch gehoben, vielleicht ähnlich wie wir mit Schwimmflossen vorwärts tappen.

Der Schädel macht die Sache jedoch kompliziert. Auch er frappiert durch eine Kombination alter und moderner Merkmale. Die fliehende Stirn mit dem starken Oberaugenwulst und der kinnlose Unterkiefer sind typisch für frühe Menschen. Das gesamte Gesichtsskelett wirkt dagegen klein und zart wie beim modernen Menschen. Es steht nicht vor, sondern scheint gleichsam unter das Gehirn geschoben. Die Zähne, ungefähr so klein wie unsere, die schmale Nase und die Dicke der Schädelknochen – das alles passt zur Gattung Homo. Aber die Größe des Gehirns ist mickrig: 380 bis 470 Kubikzentimeter – es entspricht eher dem eines Schimpansen.

Ungewöhnlich ist eine solche Kombination von alt und neu in der Menschenevolution nicht – ein moderner Schädel zusammen mit altmodischerem Rumpf und solchen Gliedmaßen. Die ersten Vertreter der Gattung Homo, etwa Homo rudolfensis und Homo habilis, die vor mehr als zwei Millionen Jahren in Afrika lebten, sind dafür gute Beispiele. Angesichts seiner einzigartigen Merkmalskombination klassifiziert man den Flores-Menschen heute als eigene Art, die es dementsprechend schon vor mehr als 700 000 Jahren gegeben haben muss: den Homo floresiensis.

Manche Archäologen erwägen nicht nur eine eventuelle Beziehung zu den ältesten Homininen, sondern sogar zu den Vormenschen (Australopithecinen). Gruppen von ihnen könnten schon einige hunderttausend Jahre früher als Homo erectus Afrika verlassen haben – allerdings eine sehr provokante Hypothese. Für diese Szenarien gibt es nicht den geringsten Anhaltspunkt. Die Anthropologen trauen den primitiven Arten nicht zu, von Afrika bis nach Südostasien gelangt zu sein. Auch gibt es keine einzige Spur von ihnen außerhalb von Flores.

Der Flores-Mensch passt aber auch nicht zu heutigen kleinwüchsigen Menschengruppen, etwa den afrikanischen Pygmäen. Diese sind im Mittel unter 1,50 Meter klein, haben aber ein großes Gehirn; ihr Wachstum verzögert sich erst in der Pubertät, wenn das Gehirn bereits seine endgültige Größe erreicht hat.

Der Kleinwuchs der Pygmäen ist vermutlich eine Begleiterscheinung einer starken Immunität gegenüber ansteckenden Krankheiten. Tatsächlich sind Pygmäen fortlaufend intensiven Attacken durch Krankheitserreger ausgesetzt. Ein starker Selektionsdruck wirkte daher auf eine hohe Widerstandsfähigkeit gegen Infektionen wie Malaria oder Tuberkulose hin. Eines der Gene, die eine wichtige Rolle bei der Regulation des Immunsystems spielen, hemmt auch das menschliche Wachstum.

Der Flores-Mensch ähnelt aber auch nicht heutigen Menschen, die im Wachstum zurückbleiben. Diese haben weitere abnorme Merkmale und erreichen selten das Erwachsenenalter. Auch die Behauptung, das Skelett stamme von einem Homo sapiens, der am Down-Syndrom litt, wurde nach eingehenden anatomischen Untersuchungen eines internationalen Forscherteams widerlegt. Eine Zugehörigkeit zu Homo sapiens kommt daher wohl nicht in Betracht.

Insel-Hypothese

Die Ähnlichkeiten mit den älteren Linien könnten auch nachträglich mit dem Zwergwuchs hervorgetreten sein. Heute halten viele Anthropologen nach wie vor die Einordnung des Flores-Menschen in einen Seitenzweig des Homo erectus, der in Südostasien verbreitet war, für wahrscheinlich, obwohl noch keine eindeutigen Belege für eine enge Verwandtschaft gefunden wurden. Viele Einfaltungen des Gehirns ähneln nach Computermessungen auffällig denen des allerdings erheblich größeren Gehirns des Homo erectus. Die Körperhöhe von einem Meter liege durchaus im Rahmen der genetischen Möglichkeiten der Gattung Homo – nämlich zwischen 60 und 250 Zentimetern.

Die Flores-Menschen könnten demnach späte Nachfahren von einer Form des Homo erectus verkörpern, die vor mehr als einer Million Jahren die Küsten Indonesiens erreichten und damals auf die Insel Flores kamen, als sie z. B. Elefanten folgten oder vor einem heftigen Vulkanausbruch flohen. Sie könnten sich dann im Laufe der Zeit, isoliert von ihren Artgenossen zu einer eigenständigen Art entwickelt haben. Ihre „Verzwergung“ – ein ausgewachsener Jäger brachte es zum Schluss nur noch auf 1,10 Meter – erklären sich die Forscher mit dem „Inseleffekt“.

Inselbewohner sind bekannt für ihre extremen Anpassungen. Unzählige Tierarten, die es erstmalig auf abgelegene Eilande verschlug, haben sich hier dramatisch verändert – und dies manchmal in einem geradezu rasanten Tempo. In relativ wenigen Generationen schrumpften sie zu Miniaturausgaben ihrer selbst – oder sie gewannen enorm an Körpergröße, wie beispielsweise die Schildkröten auf den Galapagos-Inseln.

Auf Madagaskar lebten einst Mini-Flusspferde, die von großen Verwandten auf dem afrikanischen Festland abstammten, auf den Channel-Islands vor Kalifornien winzige Graufüchse und auf der russischen Wrangel-Insel im Nordmeer noch bis vor einige tausend Jahren Wollhaarmammuts in Miniaturausgabe. Ähnliche Miniaturisierungen auf Inseln sind etwa bei Hirschen und Ziegen nachgewiesen. Als vor rund 125 000 Jahren ein Rotwild-Gruppe auf der Insel Jersey vor der französischen Atlantikküste von ihren Artgenossen auf dem Festland abgeschnitten wurde, dauerte es höchstens 6000 Jahre, bis die Tiere auf ein Sechstel ihrer Körpergröße geschrumpft waren. Die auf Sumatra lebende Tigerart wird maximal 140 Kilogramm schwer – ebenso wie die auf den Inseln Bali und Java inzwischen ausgestorbenen insularen Tigerarten. Es sind wahre Leichtgewichte und Kleinausgaben im Vergleich zu dem Sibirischen Tiger und Königstiger, die immerhin bis zu 300 Kilogramm Körpergewicht besitzen.

Auf den Mittelmeerinseln Malta, Sizilien und Zypern lebten im Eiszeitalter vor einigen zehntausend Jahren gerade mal 90 Zentimeter große Zwergelefanten, die sich innerhalb von nur 5000 Jahren aus vier Meter großen Vorläufern entwickelt hatten. Auch Borneo-Elefanten, von denen es heute noch höchstens 2000 gibt, sind mit gut zwei Metern Körperhöhe deutlich kleiner als ihre Verwandten auf dem Festland, deren männliche Tiere drei Meter erreichen. Nachdem sie erst während der letzten Eiszeit zwischen 18 000 und 11 000 Jahren v. h. eingewandert waren, verarmte das Erbgut der kleinen Gruppe nach der Eiszeit, glauben die Wissenschaftler. Den Elefanten machten vermutlich die kargen Böden des geologisch jungen Borneo zu schaffen, weshalb sie nur energiearme Kost fanden und mit der Zeit verkümmerten.

Neue Forschungsergebnisse zeigen, dass fast durchweg die verfügbaren Ressourcen über die Entwicklung der Arten auf einer Insel entscheiden. Tiere haben hier meist einen viel kleineren Lebensraum mit vergleichsweise weniger Ressourcen zur Verfügung als ihre Verwandten auf dem Festland. Kleinere Individuen kommen mit einem knapperen Nahrungsangebot aus. Oft gibt es auf Inseln zudem weniger Feinde. die Größe und Stärke erfordern. Die räumliche Isolation und Inzucht lassen die Nachkommen daher oft immer kleinwüchsiger werden.

Fehlen spezialisierte Räuber, wie das häufig auf Inseln der Fall ist, kann für viele zugewanderte Arten bei ausreichend vorhandenen Nahrungsressourcen auch der Druck sinken, die Körpermaße reduziert zu halten. Ohne natürliche Feinde haben sich auf den Galapagos-Inseln Riesenschildkröten, auf der Insel Jicaron vor der Küste Panamas innerhalb einer evolutionär kurzen Zeitspanne Riesenfrösche entwickelt. Auch Riesenmäuse sind mehrfach unabhängig voneinander entstanden. Vor allem bei territorialen Arten steigt der Körperumfang und auch die Aggressivität, wenn sie auf Dauer Zugang zu Ressourcen verteidigen müssen. Die natürliche Auslese begünstigte daher z. B. auf der Insel Anaho die Entstehung großer Leguane.

Flores selbst ist ein erstklassiges Beispiel für Insel-Evolution: Hier werden Ratten so groß wie Hunde (z. B. die Flores-Riesenratte mit einer Körperlänge von 45 Zentimetern), Eidechsen so groß wie Warane. Die ausgestorbenen Elefanten der Gattung Stegodon dagegen schrumpften hier zu Zwergelefanten, die nicht größer als Kühe waren. Der Marabu-Verwandte Leptoptilos robustus wurde wiederum 1,80 Meter groß.

Verzwergung und Gigantismus auf Inseln ist also nichts Außergewöhnliches. Auch für die Menschen auf Flores könnte das der Grund für ihre Größenabnahme gewesen sein. Ihnen gefährliche Raubfeinde gab es wenige. Nur zwei Riesenechsen bedeuteten für den Zwergmenschen eine Gefahr: Der Komodowaran, der noch in Restbeständen auch auf anderen Inseln vorkommt, sowie ein noch größerer damals lebender Waran.

Es wäre auch möglich, dass die Gründerväter und -mütter der neuen Menschenart keine besonders typischen Vertreter ihrer Ursprungsart gewesen sind. Vielleicht entwickelte sich der Flores-Mensch aus sehr wenigen Individuen, die gar nicht alle typischen Merkmale ihrer Ursprungspopulation mitbrachten. Mike Morwood, einer der Koordinatoren des Liang-Bua-Projekts, vertritt inzwischen die Ansicht, dass schon jene Vorfahren von niedriger Statur gewesen seien, als sie nach Flores kamen – auf jeden Fall viel kleinwüchsiger als selbst die kleinsten bekannten Vertreter von Homo erectus. Vor Ort, meint Morwood, könnte dann noch etwas Inselverzwergung dazu gekommen sein.

Bis heute leben auf Flores kleinwüchsige Ureinwohner, die Flores-Pygmäen, deren körperliche Ähnlichkeit mit den Homo floresiensis-Funden auf eine nahe Verwandtschaft hinzuweisen scheinen. Sie leben in der Nähe zur Höhle, wo die Fossilien der Flores-Menschen gefunden wurden, sind aber nach genetischen Untersuchungen ganz typische moderne Menschen. Allerdings unterscheiden sich bestimmte Regionen im Genom der Flores-Pygmäen von den Sequenzen ihrer nahen Verwandten auf den größeren Inseln wie auf Neuguinea und dem asiatischen Festland. Diese Gene, die u. a. auch die Kleinwüchsigkeit regulieren, haben sich hier über geraume Zeit hinweg stärker verändert als beim Rest der Menschheit. Die Forscher sehen darin eine Bestätigung der Insel-Hypothese.

Der Luzon-Mensch

Hinweise auf Verzwergung von Menschen gibt es auch auf der größten Philippineninsel Luzon. Sie ist seit mindestens 700 000 Jahren von Menschen bewohnt. Damals war ein Nashorn mit schlichten Steinwerkzeugen zerlegt worden. Wie die Menschen auf die Insel gelangten, ist unklar. Sie hätten den Forschern zufolge eine erhebliche Strecke auf dem Meer zurücklegen müssen. Denn auch in den Zeiten, als der Meeresspiegel weit über 100 Meter tiefer lag als heute, war die Insel durch eine Wasserstraße vom asiatischen Festland getrennt, so dass sich hier die Tier- und Pflanzenwelt weitgehend isoliert entwickelte.

Zwischen 2007 und 2019 fand man in der Callao-Höhle auf Luzon 13 zwischen 50 000 und 67 000 Jahre alte Skelettteile, darunter Fuß- und Handknochen, sowie Zähne und einen Oberschenkelknochen, allerdings weder DNA-Reste noch Teile des Gesichtsschädels. Das Skelett, die winzigen Knöchelchen und Zähnchen, erinnern in ihrer Größe und Urtümlichkeit an den Homo floresiensis. Auch erreichten die Luzon-Menschen ebenfalls nur rund einen Meter Körpergröße und hantierten mit einfachen Steinwerkzeugen. Vermutlich war auch ihr Gehirn ähnlich klein.

In anatomischen Details unterscheiden sich die Zwergmenschen von Flores und Luzon allerdings so deutlich, dass sie nicht als Angehörige derselben Art gelten können. Manche Skelettmerkmale des Luzon-Menschen passen sogar eher zu Homo sapiens als zu anderen möglichen Verwandten, was zeitlich schon nicht möglich ist. Sie passen aber nicht zu Homo erectus, dem einzigen Kandidaten, den man nach Lage der Dinge als Vorfahren erwarten würde. Die Anatomie weist teilweise sogar eher in ein urtümlicheres Afrika und erinnert an diverse Australopithecus-Arten. Auch zu den robusten vormenschlichen Paranthropus-Arten und zum Homo habilis gibt es Parallelen. Gebogene Hand- und Fußknochen legen nahe, dass der Mensch von Luzon noch zumindest teilweise an das Klettern angepasst war, aber aufrecht ging.

Aus dem Morphologie-Puzzle ergibt sich jedenfalls der Schluss, dass es sich um eine eigenständige Menschenart handelt, den Homo luzonensis, der hier einen eigenen Entwicklungspfad einschlug. Er war ein Werkzeugmacher und Jäger, wie die Wissenschaftler aus Schnittspuren an einem Hirschknochen schließen. In der Abgeschiedenheit der südostasiatischen Inselwelt hat er wohl bis in jüngste Zeit überdauert – als Zeitgenosse von anderen Menschenarten.

Das Gehirnproblem

Offen ist die Frage, ob es biologisch überhaupt möglich ist, dass vor allem das Gehirn in nur wenigen hunderttausend Jahren so stark und so unverhältnismäßig schrumpft. Mallorca-Gemsen haben für ihre Gehirn-Verkleinerung fünf Millionen Jahre gebraucht. Almut Schüz vom Tübinger Max-Planck-Institut für biologische Kybernetik ist skeptisch. Beim modernen Menschen gelten 800 Kubikzentimeter Gehirnvolumen als absolute Untergrenze. Spätestens darunter kommt es zu massiven Beeinträchtigungen der kognitiven Fähigkeiten, die den Menschen auszeichnen. Zumindest die menschliche Großhirnrinde lässt sich schwerlich noch dichter packen. Sie ermöglicht es uns, Zusammenhänge in dieser Welt zu erschließen. Das Gehirnvolumen des Flores-Menschen unterbietet aber selbst das eines Homo habilis – schätzungsweise immerhin 509 Kubikzentimeter – nochmals um etwa ein Fünftel.

Bei Nahrungsknappheit kann allerdings am Gehirn am meisten Energie eigespart werden. Es verbraucht bei 2% Körpergewichtsanteil über 20% der Körperenergie. Großwildjagd und Geräteherstellung waren den Vorfahren schon bekannt, die Evolution brauchte also nur die Gehirnstrukturen, die diese Fähigkeiten enthielten, zu konservieren. Einige Wissenschaftler argumentieren, dass es bei Hominiden eigentlich generell keine direkte Beziehung zwischen Gehirngröße und Intelligenz gibt. Der Schlüssel liege vielmehr in der Organisation des Gehirns. Dabei könnten die Zwergmenschen auch extrem dicht gepackte Nervenzellen besessen haben.

Manche Menschen leiden an Mikrozephalie. Bei dieser Krankheit beginnen die Stammzellen in der Entwicklung des Organismus möglicherweise zu früh damit, Neurone zu bilden, anstatt sich erst einmal fleißig weiterzuteilen und damit die Zahl an Vorläuferzellen zu vergrößern. Auch andere Ursachen können noch dazu kommen. Die Patienten besitzen am Ende also sehr kleine Gehirne. Verblüffend ist, dass sie trotzdem oft überraschende geistige Fähigkeiten zeigen: „Sie sind zwar geistig langsamer, haben aber durchaus Sprachvermögen, bilden einfache Sätze“, betont die Genetik-Professorin Heidemarie Neitzel.

Beim Enzephalisationsquotient EQ wird in einem komplizierten mathematischen Verfahren absolute Hirngröße und Zu- bzw. Abnahme der Körpergröße zueinander in Beziehung gesetzt. Er ist ein Maß für die überschüssige Gehirnmasse, die im Normalbetrieb eines Säugetierkörpers nicht benötigt wird und die deshalb frei ist für anderes – für Nachdenken beispielsweise. Mit einem EQ von 7 hat Homo sapiens dementsprechend durchschnittlich das Siebenfache dessen, was er unbedingt für sein Überleben brauchen würde – ein Maximalwert, den keine andere Art annähernd erreicht. Schimpansen schaffen Werte von 2, Homo erectus lag bei 3,3 bis 4,4. Homo floresiensis hatte je nach Gewichtsschätzung einen EQ von 2,5 bis 4,6, womit er im selben Bereich liegt wie Homo erectus.

Immerhin fand man am Gehirn des Flores-Menschen eine einzigartige Form, die auch wir und große Menschenaffen besitzen. Bei jenem aber ist sie die größte, die jemals nachgewiesen wurde. Dieser Gehirnteil, Aerea 10 im präfrontalen Kortex, ist besonders wichtig im Zusammenhang mit Hirnfunktionen, die uns zum Menschen machen: Vorausplanung, Initiative ergreifen, Ziele verfolgen.

Aussterben

Anhand der Knochen konnten die Forscher nachvollziehen, wie sich die Umwelt der Liang-Bua-Höhle auf Flores im Lauf der Zeit änderte: Das offene Grasland wich vor 100 000 Jahren nach und nach dichtem Dschungel. Mit der Zeit verschwanden jene Arten, die in offener Landschaft lebten, zugunsten jener, die sich, wie die Riesenratten, unter einem dichten Blätterdach zu Hause fühlten.

Auch Homo floresiensis scheint es am Ende in der Liang-Bua-Höhle nicht mehr behagt zu haben. Vor rund 50 000 Jahren verliert sich seine Spur. Ob die archaischen Menschen zu diesem Zeitpunkt ausstarben oder an noch unentdeckten Orten weiterlebten, ist offen. Die heutigen Ureinwohner von Flores erzählen Geschichten von „Gogo“, der „Großmutter mit dem unersättlichen Appetit“. Das gnomenhafte Fabelwesen trottet, komische Laute murmelnd, auf zwei Beinen durch den Wald. Es soll im Gesicht voll behaart gewesen sein und lange Arme gehabt haben. Die Menschen erzählen sogar, dass man „Ebu gogo“ noch begegnete, als die Holländer im 19. Jahrhundert auf Flores siedelten. Vielleicht versteckten sich die letzten Gruppen in abgeschiedenen Regenwaldgebieten.

Jedenfalls überdauerten die merkwürdigen Frühmenschen in ihrer abgeschiedenen Welt viel länger als Homo erectus in Asien und selbst der Neandertaler in Europa. Möglicherweise beendete ein massiver Vulkanausbruch, dem gleichzeitig alle höheren Säugetiere, wie z. B. auch die Zwergelefanten (Stegodons), zum Opfer fielen, abrupt die Geschichte der Flores-Menschen. Oder es war der moderne Mensch, der ihren Untergang besiegelte. Er muss seine kleinwüchsigen Verwandten jedenfalls noch getroffen haben und lebte vielleicht 20 000 Jahre oder sogar länger mit ihnen zusammen.

REM