Anfänge religiösen Denkens und Handelns

Religion ist ein ebenso zeitloser wie universeller Bestandteil menschlicher Kulturen. Zwar existiert keine allgemein akzeptierte Definition von Religion, aber es gibt einige Merkmale, die heute als charakteristisch für jede Religion postuliert werden: Da ist zunächst der Glaube an eine oder mehrere außer- bzw. überirdische Mächte: Seelen, Ahnen, Geister oder Götter. Zur Religion gehören auch Erlebnisse des Einswerden mit diesen und dem ganzen Universum, die Erfahrung des „Heiligen“ und ein Gefühl der Abhängigkeit. Durch Mythen und Offenbarungen wird die Welt erklärt, ihr Anfang und Ende, eventuell verbunden mit einem Heils- und Erlösungsversprechen.

Eine Religion gibt der Welt und dem Leben einen Sinn. Die Gläubigen leben in einer Gemeinschaft mit einer Ordnung aus Ge- und Verboten, die transzendent begründet ist. Gemeinsame Rituale, z. B. zur Verehrung der überirdischen Mächte oder zur Abwendung von Bedrohungen, verbinden sozial und emotional.

Die Adaptationtheorie geht davon aus, dass die Fähigkeit zu spirituellem und religiösem Denken bis zu unseren steinzeitlichen Vorfahren zurückreicht und sich evolutionsbiologisch herleiten lässt. Selbst wenn Religion auch keinen direkten Vorteil in der Evolution besessen haben sollte, könnte sie dennoch ein evolutionäres „Nebenprodukt“ sein, sagen die Biologen: Ein Begleiteffekt kognitiver Fähigkeiten, die selbst das Ergebnis einer Anpassung sind.

Das Gehirn entwickelte sich im Laufe der Menschheitsgeschichte zu einem effektiven Organ zur Mustererkennung und Regelsuche. Es scheint ein typisches menschliches Verhalten und Ergebnis unserer biologischen Evolution zu sein, nach Sinn und Zweck von Vorgängen in der Natur und im Zusammenleben zu suchen und Regelmäßigkeiten und Zusammenhänge in der Umwelt zu erkennen – oder auch Erlebnissen erst einen Sinn zuzuschreiben. Amerikanische Psychologen sprechen vom „ontologischen Sehnen“, dem Verlangen, das grundlegende Wesen unserer Welt zu verstehen, anstatt es einfach auf sich beruhen zu lassen. Zufall erscheint uns oft als ungenügende Erklärung, lieber nehmen wir Zusammenhänge an, die es überhaupt nicht gibt.

Schon in der Frühzeit übertrugen unsere Vorfahren Gedanken und Gefühle auch auf nichtmenschliche Lebewesen, Gegenstände und Fantasiegebilde. Es ist anzunehmen, dass die Frühmenschen ihre gesamte Umwelt als beseelt betrachteten: Tiere und Pflanzen, vielleicht sogar den Fels, der ihnen den Feuerstein für Äxte, Messer und Pfeilspitzen lieferte. Die Wasser spendenden Quellen und bestimmte andere Plätze sahen sie von Geistern oder verstorbenen Ahnen bewohnt. Es waren die Bäume, die Gräser, die Tiere, die zu ihnen sprachen. In seinen Mythen fühlte sich der prähistorische Mensch als Teil der Natur, als verwandt mit allen ihren Geschöpfen. Die großen Ahnen, von denen die Mythen erzählen, haben immer die Gestalt von Tieren.

Allmählich gingen unsere Vorfahren dazu über, in sämtlichen Naturereignissen und anderen lebenswichtigen Phänomenen nach Erklärungen zu suchen. Offenbar war das menschliche Gehirn schon damals darauf angelegt, Vorgänge in der Umgebung sehr freigebig als absichtsvolle, gezielte Handlungen zu deuten. So interpretierten die Menschen schon bald alle Naturereignisse als absichtliche Aktionen unbekannter Mächte.

Die Jäger und Sammler brauchten aber noch keine sozialen Hierarchien, kein Oben und kein Unten. Wichtig waren für sie andere Dinge, etwa die Erfahrungen der Stammesmitglieder, die die besten Jagdtechniken und die Zugwege der Tierherden kannten und um die Geheimnisse der Natur wussten.

Um mit seiner Umwelt voller Gefahren und Ungewissheit, die ihn tief verunsicherte, fertig zu werden, brauchte der frühe Mensch offenbar auch die Magie. Durch Rituale musste das übermächtige Tier, das die Sicherheit aller bedrohte, besänftigt werden. Die gemeinsamen rituellen Handlungen und Zeremonien stärkten den Zusammenhalt zwischen den nichtverwandten Individuen, die sich für die Jagd und Nachwuchspflege zusammengeschlossen hatten. Sie sorgten für die Stabilität der Gemeinschaft.

Ansätze aus der Evolutionsbiologie zeigen, dass religiöse Überzeugungen die Bereitschaft von Individuen fördern, sich bestimmten sozialen Normen zu unterwerfen. Nicht nur Kinder gehorchen besser, wenn überirdische Wesen im Spiel sind. Gemeinsamer Glauben belohnt die Mitglieder einer Gemeinschaft auch mit sozialer Sicherheit. Nur so lässt sich erklären, warum der Mensch in religiöse Praktiken so viel Zeit investierte, statt sich um Nahrungssuche oder Fortpflanzung zu kümmern.

Magie und Metaphysik erwiesen sich also als höchst nützlich im Kampf ums Überleben in einer feindlichen Umwelt mit ihren immer neuen Herausforderungen. Sie gaben aber nicht nur Halt, Schutz und Geborgenheit, sondern lieferten auch Antworten auf drängende Fragen. Die am Lagerfeuer erzählten Mythen erfüllten für den größten Teil der menschlichen Geschichte das Bedürfnis nach Erklärung der Welt. Die unverständlichen Phänomene des Lebens, die Welt und der eigene Platz darin wurden begreifbar. Das schuf Orientierung und minderte die kosmische und existenzielle Bedrohung. Das alltägliche Dasein konnte leichter bewältigt werden. Wir wissen heute, dass allein die Fähigkeit, an etwas zu glauben, sich, unabhängig von den Inhalten, als ein Erfolgsprinzip erweist, um das Leben zu meistern.

Die Mythen halfen auch, Leben und Tod zu begreifen. Die Sorge um die Toten stand vermutlich am Beginn der menschlichen Religiosität, meint die Religionswissenschaftlerin Ina Wunn. Die Menschen wollten nicht, dass der Leichnam von wilden Tieren weggezerrt, zerrissen und gefressen wurde. Es gibt Hinweise, dass z. B. Homo naledi, wohl eine ausgestorbene Nebenlinie des Menschen, die vor 335 000 bis 236 000 Jahren in Südafrika lebte, seine Toten im Rising-Star-Höhlensystem gezielt an schwer zugänglichen Orten deponierte. Anzeichen für ähnliches Verhalten gegenüber den Verstorbenen gibt es bei Homo heidelbergensis, einer späten Form von Homo erectus, die vor rund 600 000 bis 200 000 Jahren in Europa lebte. Gelegentlich gab er seinen Toten auch schon Gegenstände mit. In der Höhle Sima de los Huesos, in der spanischen Provinz Burgos, wurde ein 430 000 Jahre alter, aus wertvollem Material (rotem Quarzit) hergestellter Faustkeil gefunden, der offensichtlich der Bestattung eines Gruppenmitglieds beigegeben wurde.

Forscher haben weitere Hinweise gefunden, dass Faustkeile zur damaligen Zeit nicht nur als Gebrauchsgegenstände, sondern in besonderer Form auch als Statussymbole hergestellt wurden. So fand man auch in einem über 370 000 Jahre alten Lager nahe des heutigen Bilzingsleben einen besonders sorgfältig bearbeiteten Riesenfaustkeil, der wohl nur als Schaustück gedient haben konnte. Dazu gab es in dem Lager u. a. auch einen fast runden Platz, dicht mit Steinen und flachen Knochenstücken gepflastert, aber frei von jeglichen anderen alltäglichen Gegenständen. Er nahm im Alltagsleben der Gruppe offensichtlich eine herausragende Stellung ein und scheint eine besondere kulturelle Bedeutung gehabt zu haben. Manche Archäologen sprechen aufgrund von dort aufgefundenen Schädelfragmenten sogar von einem postmortalen Schädelkult (also einem Kult, in dem Schädel verstorbener Gruppenmitglieder eine Rolle spielten). Auch an anderen Orten aus der Zeit des Homo heidelbergensis wurden die Schädel von Verstorbenen an die Lagerplätze gebracht und dort eine Zeit lang aufbewahrt. (Einige Forscher glauben, dass man diese Teile nur vor Aasfressern schützen wollte.)

Die Hinweise auf religiöses Denken in dieser frühen Zeit sind aber noch sehr dürftig und auch nicht unumstritten. Manche Wissenschaftler sind der Meinung, dass religiöses Verhalten erst im Zuge des Anwachsens des Stirnhirns (des präfrontalen Kortex), also wohl erst bei Neandertaler und Homo sapiens, auftrat. Diese Hirnregion steht mit biografischen Erinnerungen, Vorausplanung, Abwägung und Impulskontrolle in Zusammenhang. Mit ihrer Ausbildung erwarb der Mensch die Fähigkeit, sein eigenes Leben zu reflektieren. Das warf dann auch die Frage nach dessen Ende auf. Wann die ungeheuerliche Erkenntnis von der Auslöschung der eigenen Existenz unsere Vorfahren zum ersten Mal traf, ist unbekannt.

Bestattungen

Der sicherste Hinweis für religiöses Denken und Handeln in der Vorzeit scheint in der Tatsache der Bestattung zu liegen. Die mit ihr verbundenen Tätigkeiten kann man im weitesten Sinn einem Ritual zuordnen. Ob man daraus direkt darauf schließen kann, dass schon über eine transzendente Welt und ein Weiterleben nach dem Tod nachgedacht wurde, muss offen bleiben. Doch wenn Verstorbene bestattet werden, liegt es nahe, dass man sich nicht nur darüber im Klaren ist, dass das Leben ein Ende hat und jeder einmal sterben muss.

Die frühgeschichtlichen Totenkulte legen jedenfalls die Vermutung nahe, dass die Begräbnisrituale den Tod erträglich machen sollten. Der Glaube an ein Weiterleben im Jenseits konnte dabei Trost spenden. Die Wissenschaftler sind sich einig, dass Leichname erst dann soziale Bedeutung gewinnen, wenn sie im Kontext von Weltbildern stehen, die keinen definierten Tod kennen. Wirklich stichhaltige Anzeichen für den Glauben an jenseitiges Leben gibt es aber eigentlich erst, als Tote mit Schmuck oder mit anderen Beigaben in ausgebauten Gräbern bestattet wurden.

Der Evolution blieb, um den Lebenswillen und die Erhaltung der Art zu garantieren, nach Meinung vieler Wissenschaftler nichts anderes übrig, als den Glauben an ein Weiterleben nach dem Tod zu erfinden. Er hat den Sinn, das Leben in vernünftiger Weise durchzubringen und nicht am Ende nachlässig zu werden. Nach Dürrenmatt hat der Mensch allein „aus Angst vor dem Tod das Jenseits erfunden“.

Möglicherweise haben die Neandertaler schon so etwas wie weltanschauliche oder religiöse Vorstellungen gehabt und sich bewusst mit dem Tod auseinandergesetzt. Nach Meinung mancher Forscher entwickelten sie schon vor 200 000 Jahren ein Mythensystem, basierend auf der Vorstellung von einem Leben nach dem Tod. Für zeremonielle Bestattungsriten oder Begräbniszeremonien gibt es aber für diese Zeit noch keine Beweise. Gesichert ist, dass in der mittleren Altsteinzeit vor mindestens 120 000 Jahren Homo sapiens und Neandertaler Fürsorge für ihre Toten zeigten und sie in rituellem Rahmen begruben. Zahl und Komplexität dieser ersten Grablegungen nahmen danach schnell zu.

Im westlichen Europa und im Nahen Osten wurden viele Neandertaler-Skelette unter Vertiefungen unter Abris (Felsüberhängen) oder in Höhlen gefunden – vielleicht am zeitweiligen Wohnplatz der Lebenden -, in denen die Verstorbenen beigesetzt worden waren. Die Toten lagen mit angewinkelten Armen und oft in markanter Hockstellung, also quasi in Schlafstellung, in den Gräbern, die meist in West-Ost-Richtung orientiert waren. Häufig sind regelrechte „Friedhöfe“ mit mehreren Gräbern wie unter dem Abri von La Ferrassie in der Dordogne (Frankreich). (Einige Wissenschaftler interpretieren diese Bestattungen auch lediglich als Markierung des Territoriums.)

Bei 15% aller Neandertalerausgrabungen wurden Grabbeigaben gefunden, z. B Geweihe, Steinwerkzeuge und Nahrungsgefäße. Einem zweijährigen Kind wurde ein kleiner, dreieckiger Feuerstein mit ins Grab gegeben, so platziert, dass er im Skelett an der Stelle des Herzens lag. In manchen Gräbern fand man viele Pollen von auffällig blühenden Pflanzen und Muschelschmuck. An vielen Fundstellen sind die Verstorbenen offenbar mit rotem Ocker bestreut, vielleicht ein Symbol für Blut oder Leben. Ob dies aber eine religiöse Bedeutung hatte, werden wir wohl nie wissen, zumal auch Gegenstände außerhalb der Gräber Ockerspuren zeigen. Häufig fand man isolierte Schädelteile. Denkbar ist, dass die Schädeldecke als Schöpfgerät oder Schale verwendet wurde, für viele Forscher ein Beleg für einen rituell-religiösen Schädelkult.

Im Nahen Osten finden sich auch die ersten Grabstätten des Homo sapiens, manche davon mit Grabbeigaben. Einige der ältesten von ihnen – aus der Qafzeh-Höhle nahe dem heutigen Nazareth – sind immerhin 100 000 Jahre alt. Auch hier fanden sich u. a. Dutzende von Ockerstücken, die möglicherweise bei Begräbnisritualen Verwendung fanden. Die späteren Grabstätten vor 28 000 bis 11 000 Jahren sind buchstäblich durchtränkt mit Ocker. Manche der Forscher erwägen die Möglichkeit, dass dieser von einer intensiven Körperbemalung auf der Haut der Bestatteten stammt. Vielleicht wurden die Toten mit Ockerpulver bestreut, um den Verfall zu verlangsamen und den Fäulnisgeruch zu dämpfen. Ob die Vorliebe für Rot ein Indiz für Spiritualität ist, bleibt also fraglich.

Ocker war ein universell brauchbares Polier- und Schleifmittel, um z. B. Elfenbeigegenstände zum Glänzen zu bringen. Mit Tierfett zu einer Paste vermengt, eignet sich gemahlener Ocker auch dazu, um Tierhäute zu gerben und in Leder zu verwandeln. Auf die Haut geschmiert hält ein Ocker-Fett-Gemisch stechende Parasiten auf Distanz, schirmt vor UV-Strahlung ab und wirkt antimikrobiell (siehe dazu die Gewohnheiten der Himbas in Namibia).

Häufig wurden in Gräbern des Homo sapiens in ganz Europa Schmuckbeigaben aus Schneckenhäusern oder Muscheln gefunden. Im Lapedo-Tal im heutigen Portugal wurde das fast vollständige Skelett eines vierjährigen Kindes entdeckt, das auf einem Bett aus verbrannten Pflanzen gelagert und mit rotem Ocker bedeckt war. Dabei lagen durchbohrte Hirschzähne und eine Meeresmuschel. In Russland fand man in 24 000 bis 28 000 Jahren alten Gräbern auch Beigaben von Perlen aus Elfenbein.

Schamanismus

Der Evolutionspsychologe Robert Dunbar meint, dass es vor der Sesshaftwerdung des Menschen – also vor dem Zeitalter der Jungsteinzeit (Neolithikum), das vor etwa 11 500 Jahren begann – nur schamanische Formen der Religion gab. Unter Schamanismus versteht man ein System aus Glauben, Darstellungen und Riten, das den Mittelpunkt des Dreiecks aus Natur, Mensch und Geistern bildet. Es ist signifikant verbunden mit einer nichtagrarischen Lebensweise und einer geringen Komplexität der Gesellschaft. Das klassische Beispiel sind Jäger-Sammler-Gruppen.

Die Schamanen nahmen in den Jäger-Sammler-Gemeinschaften eine herausgehobene Stellung ein. Der Schamane kannte und erzählte die Mythen der Gruppe und hielt die Gemeinschaft zusammen. Er war der Hüter eines großen Gleichgewichts zwischen Natur und Mensch, ohne das das Leben aller gefährdet war, und als solcher Jagd- und Wetterzauberer, Seher, Seelenbegleiter und Heilkundiger. Er musste eine Brücke schlagen zwischen der sichtbaren und unsichtbaren Welt, indem er in magischen Ritualen mit den Geistern der Parallelwelt in Verbindung trat, um mit ihnen zu verhandeln und die alltäglichen Probleme zu lösen, z. B. wenn es kein Wild mehr gab. Im Unterschied zu Göttern unterliegen Geister Gesetzen, so dass man sie beeinflussen und bezwingen kann.

In der Meisterung ekstatischer Zustände liegt nach dem rumänischen Religionswissenschaftler und Philosophen Mircea Eliade das Hauptmerkmal der Schamanen. Sie hatten beherrschten die Kunst, mit Hilfe von Drogen („Pflanzen, die lehren“), Tanz und Musik „außer sich“ sein zu können. Dieser „veränderte Bewusstseinszustand“, wie wir heute sagen würden, war Grundlage jeder magischen und schamanischen Entrücktheit. In Trance stellten die Schamanen die Verbindung zu der Geisterwelt her. Noch heute wird in vielen traditionellen Gesellschaften den mit sehr hoher Empfänglichkeit für Trancezustände begabten Menschen eine Rolle als Schamane oder Prophet zugesprochen.

Kunst

Als weiterer Hinweis auf die Existenz religiöser Vorstellungen in der Vorgeschichte gelten neben Grabstätten die Zeugnisse der eiszeitlichen Kunst, die vor mehr als 40 000 Jahren bis vor 10 000 Jahren auftauchten: Wandmalereien und Plastiken. Bei ihnen kann nicht genau zwischen Kunst und Religion unterschieden werden. Es unterliegt aber zumindest keinem Zweifel, dass diese frühesten Kunstwerke irgendeine die ökonomischen Notwendigkeiten übersteigende Funktion hatten.

An zahlreichen Orten Ost- und Westeuropas entdeckte man aus Knochen, Stein, Elfenbein und Rentierhorn geschnitzte oder aus Lehm geformte Venusfiguren. Sie sind meist nur einige Zentimeter lang und stellen nackte, oft offenbar schwangere Frauen dar – mit kurzen Ärmchen, hängenden Brüsten, einem schweren Bauch und einem ausladenden Gesäß. Mehr als 100 solcher Statuetten sind inzwischen bekannt. Als ältestes figürliches Kunstwerk der Welt gilt die aus Mammut-Elfenbein gefertigte „Venus vom Hohle-Fels“, zwischen 42 000 und 40 000 Jahre alt.

Manche Wissenschaftler halten die üppige Frauen wegen der starken Betonung der Geschlechtsmerkmale für Fruchtbarkeitssymbole. Es könnte sich demnach um Bildnisse von Mutter- oder Fruchtbarkeitsgöttinnen handeln. Der Anthropologe Randall White bringt sie mit Schwangerschaft und Geburt in Verbindung und meint, dass die Figuren von Frauen geschnitzt und an die Töchtergenerationen weitervererbt wurden. Sie könnten dem Zweck gedient haben, den Frauen bei der Geburt zu helfen.

Häufig wurden auch Tierfigürchen aus Mammutelfenbein (Pferde, Löwen, Mammuts, Wisente, Bären und Leoparde) gefunden, die etwa als Utensilien für Schamanen oder als Zeichen der Clan-Zugehörigkeit dienten. Beeindruckend sind Mischwesen aus Tier und Mensch, am faszinierendsten wohl der Löwenmensch, ein 2 1/2 Zentimeter großes Mischwesen, auch aus der „Hohle-Fels-Höhle“ im Achtal nahe Ulm – zwischen 33 000 und 31 000 Jahre alt. Die Statue wurde wahrscheinlich gemeinschaftlich genutzt und vielleicht sogar von Generation zu Generation weitergegeben. Dies weist auf schamanistische Glaubensvorstellungen und Praktiken hin, in denen Mischwesen aus Raubkatze und Mensch eine Rolle spielten. Der Tiermensch könnte die Vision eines Schamanen wiedergeben, der ihm bei seiner ekstatischer Reise ins Jenseits begegnet war.

Die Höhlenmalerei scheint vor mehr als 40 000 Jahren etwa zeitgleich in Europa und Asien (erst später auch in Amerika und Australien) aufgekommen zu sein. Möglich ist eine zweifache, voneinander unabhängige Erfindung, aber sie könnte auch bereits vorher Bestandteil des kulturellen Repertoires des modernen Menschen gewesen sein, bevor er sich in Asien und Europa und der übrigen Welt ausbreitete.

Die Stätten der Malerei waren mitunter nur schwer zugänglich, oft lagen sie tief in Höhlen. Für die Menschen der Vorzeit lag hier eine Welt des Übernatürlichen, die Welt der Ahnen, Geister und Toten. Sie gingen wohl hierhin, um ihre uralten Mythen darzustellen sowie wichtige Kulthandlungen, z. B. Initiationsriten, zu vollziehen. Auch die Akustik spielte wohl eine Rolle. In den Höhlen hallt und schallt es oft wie in einer Kathedrale. Manche Forscher sind sich sicher, dass hier auch gelegentlich Musik gemacht, vielleicht sogar getanzt wurde. (In einigen Höhlen hängen Stalaktiten von der Decke – und man fand Spuren, dass dagegen geschlagen wurde.)

Viele Forscher halten auch die prähistorische Malereien in den Höhlen für einen Teil der schamanistischen Kultur. Praktisch alle Menschendarstellungen auf den gemalten Bildern sind wundersame Mischwesen, halb Mensch, halb Tier, also wohl Schamanen. Wir finden ähnliche Zeichnungen auch in heutigen Schamanen-Kulturen, z. B. bei den San in Südafrika oder bei den Inuit. Tief in der Höhle nahm der Schamane auf seiner spirituellen Reise Kontakt zu der parallelen Welt und den übernatürlichen Mächten auf. Die Malerei könnte als Vermittler gedient haben. Nach Ansicht einiger Forscher stellen die Felsbilder Halluzinationen der Schamanen dar, Abbilder von Visionen, die sie in der Trance erlebten. Das könnte zumindest einen großen Teil der Bilder erklären.

Die Schamanen malten demnach ihre Visionen von Tiergeistern auf den Fels, um vielleicht Hilfe für ihren Clan oder Jagdglück zu beschwören. Da nur ein Bruchteil der damals lebenden Tiere abgebildet wurden, waren die Ausgewählten offenbar Träger von Bedeutungen, die wir heute nicht mehr kennen. Es waren alles Tiere, die mächtiger waren als der Mensch, z. B. das Mammut, der Höhlenlöwe oder der Höhlenbär, Wölfe und der Bison. Das Pferd ist das Tier, das am häufigsten in den Höhlen und Felsnischen dargestellt ist. Es spielte offensichtlich eine besondere Rolle in den Mythen, Legenden und Riten der damals lebenden Menschen.

In den eiszeitlichen Höhlen fand man neben den figürlichen Darstellungen auch viele geometrische Zeichen und Reihen farbiger Punkte- und Gittermustern, deren Bedeutung noch rätselhaft ist. Wenn Menschen ungewöhnliche veränderte Bewusstseinszustände erleben – in Trance, aber auch bei Depressionen und Schlaganfällen -, dann sehen sie ebenfalls geometrische Muster. Solche Strukturen scheinen ein universelles Produkt der menschlichen Gehirnstruktur zu sein.

Die Erfahrungen der Schamanen in Trance sind überall auf der Welt immer dieselben. Nach den Erkenntnissen der Neuropsychologie durchläuft die Trance stets drei Stufen: Zuerst eine Phase mit geometrischen Mustern wie Gittern und Punkten, danach eine Phase mit mit schlangen- oder röhrenartig gekrümmten Strukturen. In der dritten und tiefsten Trancephase durchlaufe der Halluzinierende einen Tunnel, an dessen Ende es hell wird. Nach dem Hindurchtreten träfe er bizarre Gestalten – sprechende Tiere, die Mensch und Tier zugleich sind – und bilde sich ein, fliegen zu können und sich selbst in andere Wesen zu verwandeln.

Auch die San haben vor einigen hundert Jahren in den Drakensbergen Südafrikas Felsbilder gemalt, die den uralten Felsbildern ähneln und offenbar eine komplexe Welt aus Geschichten und Mythen erzählen. Die Deutungen, die von einer religiösen oder magischen Funktion solcher Kunstwerke ausgehen, sind jedenfalls in sich schlüssig. Aber es gibt auch andere Deutungen. Die Spekulationen reichen von Markierungen von Tierwanderungen bis zu Fallen. Für die französische Forscherin Chantal Jegues-Wolkiewiecz haben zumindest die Malereien in Südfrankreich mit der Betrachtung des Himmels zu tun. Die Altsteinzeitler verfolgten eingehend die Jahreszeiten und beobachteten den Lauf der Gestirne. Das exakte Wissen darum erleichterte den Menschen der Altsteinzeit die Planung des Jagens und Sammelns sowie die Vorbereitung der jahreszeitlich bedingten Wanderungen. Dieses Wissen hätten sie in der Kunst zum Ausdruck gebracht, sagt die Forscherin.

Fazit

Ob unsere frühen Vorfahren Jagdmagie betrieben, ob sie Fruchtbarkeitsgöttinnen verehrten, ob sie zwischen männlichem und weiblichem Prinzip auch religiös unterschieden, das alles wissen wir nach dem derzeitigen Stand der Forschung nicht und werden es wohl auch nie genau wissen. Genauso wenig lässt sich etwas Exaktes über Riten und Mythen sagen, über Gottesvorstellungen oder Jenseitsglauben. Es ist aber deutlich, dass die frühen Menschen nicht nur über die physische Realität ihres alltäglichen Daseins nachdachten. Sie beschäftigten sich schon mit den transzendenten Aspekten der Welt und bedienten sich dabei der Kunst, um die verschiedenen Welten darzustellen. Sigmund Freud bezeichnete religiöse Vorstellungen als die „ältesten, stärksten, dringendsten Wünsche der Menschheit“.

Vor allem die Entstehung der Landwirtschaft hat nach Auffassung der Wissenschaftler die Religionen weiter entwickelt. In den Agrargemeinschaften gewannen plötzlich Fragen an Bedeutung, die sich zuvor weniger gestellt hatten, etwa die nach den Ursachen für Regen, Trockenheit und vernichtende Gewitter. Auf der Suche nach der Steuerung der Vorgänge in der Umwelt glaubte der Mensch überirdische Wesenheiten zu entdecken: Regengötter, Wolkengötter usw. Vielleicht erst jetzt, in den agrarischen Gesellschaften, entstanden Religionen, die auf einer Glaubenslehre basierten und mit festgelegten, komplexen Ritualen begangen wurden – mit ausgeprägter Hierarchie und Priestern an der Spitze. Die Menschen brauchten ein Pantheon voller menschenähnlicher Götter, die man um eine ertragreiche Ernte bitten konnte.

Die Geschichte der Religion ist also aufs Engste verknüpft mit dem, was es bedeutet. Mensch zu sein. Anfangs trieben vor allem biologische Prozesse die religiöse Entwicklung voran, später kulturelle. Es war ein langer Weg vom Glauben der Sammler und Jäger, die Natur sei beseelt, über die Sorge um das Schicksal der Toten bis zu den Religionen, die mit der sesshaften Lebensweise der Ackerbauern verbunden sind. Ursprüngliche Spiritualität wurde dabei immer mehr von der Kultur des Menschen ge- und überformt: von der Sprache, von Traditionen, von Formen des Zusammenlebens, Wirtschaftens und Herrschens.

REM

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