Die Zeit der Megalith-Bauten

Die Kultur der Bandkeramiker ging um 7000 v. h. allmählich unter. Das europäische bandkeramische Gebiet zerfiel in kleinräumige Provinzen mit unterschiedlichem Schönheitsempfinden. Die Archäologen unterscheiden im siebten Jahrtausend v. h. mindestens sieben Keramikkulturen, z. B. die Rössener Kultur (in Süd- und Westdeutschland), die Stichbandkeramik-Kultur (in Mitteldeutschland) und die Lengyel-Kultur (von Böhmen/Mähren bis Kroatien). Letztere verbreiteten sich rasch über Österreich (Schwerpunkt Niederösterreich) und Polen bis in den Westen Deutschlands. Im heutigen Polen entwickelte sich die Trichterbecherkultur, die langgestreckte Grabhügel errichtete und trichterförmige Keramik anfertigte. Sie breitete sich weiter nach Westen aus und gewann im Lauf der Zeit immer mehr an Einfluss. Die Michelsberger Kultur bildete sich wahrscheinlich um 6400 v. h. im Pariser Becken heraus, bevor die Bauerngruppen auch ins Elsass und nach Deutschland zogen.

Während zur Zeit der Bandkeramiker noch einzelne Familien in verstreut gelegenen, riesigen Langhäusern wohnten, lebten die Menschen nun mit mehreren Familien in einem Haus oder drängten sich in Dörfern mit großer Einwohnerzahl zusammen und nutzten bestimmte Einrichtungen gemeinsam. Die Bevölkerung war gewachsen, die Gesellschaft bereits streng hierarchisch (in Schichten) gegliedert. In West- und Mitteleuropa war es wohl eine dunkle Zeit gesellschaftlicher Krisen. Es kam öfters zu Auseinandersetzungen mit anderen Gruppen. So grenzte man sich stärker voneinander ab – nicht nur in den keramischen Stilen. Die Siedlungen wurden jetzt eindeutig wehrhaft strukturiert und erhielten eine schützende Umfriedung mit Gräben, Wällen und Palisaden.

Kreisgrabenanlagen

Schon zur Zeit der Bandkeramiker hatte es vereinzelt ring- oder ellipsenförmige Graben- und Wallkonstruktionen in Dörfern gegeben. Ab 7000 v. h. wurden solche Anlagen möglicherweise das Wahrzeichen eines jeden Dorfes, mit dem Macht und Reichtum demonstriert wurde. Mit einem Alter von fast 7000 Jahren gehört die unweit von Nebra (Mitteldeutschland) gelegene Kreisgrabenanlage von Goseck zu den ältesten ihrer Art. Vor allem in Niederösterreich im Raum nördlich von Wien, aber auch in Bayern zeigen rund 200 Kreisgrabenanlagen, die fast gleichzeitig vor etwa 6800 Jahren entstanden, die fundamentale Veränderung der damaligen Gesellschaft.

Die niederösterreichischen Anlagen gürteten sich mit bis zu vier Gräben – drei bis sechs Meter breit. Sie umschlossen einen Innenraum mit einem Durchmesser zwischen 40 und 160 Metern. Ein bis fünf Stege führten als schmale Zugänge über die tiefen Gräben. Im Innenbereich umschlossen zwei Reihen Palisaden einen Innenraum, wodurch der Blick auf den Mittelpunkt der Anlage gänzlich versperrt blieb.

Die Kreisanlagen (auch Rondelle genannt) lagen immer von der Siedlung isoliert, oft auf Hügeln. Es waren wohl bedeutende Zentralplätze für gesellschaftliche, religiöse und politische Zusammenkünfte, für Feste, Kulte und Opfer, vielleicht auch Friedhof, Gerichts- und Handelsplätze – ähnlich Marktplätzen im Mittelalter. Besonders in Niederösterreich, Südwest- und Mitteldeutschland folgten sie auch einer astronomischen Ausrichtung; einige sind regelrechte Kalenderbauten, Uhren für wichtige Zeitpunkte des Jahres (z. B. Sonnenwendtage).

Schon früh hatten die Menschen einen geheimen Zusammenhang zwischen dem Himmel und der Erde entdeckt, eine kosmische Ordnung. Das Aufgehen oder letztmalige Erscheinen von Sternbildern läutete bestimmte landwirtschaftliche Tätigkeiten ein. Das Prinzip war relativ einfach: Wenn das Sternbild des Schützen zu sehen ist, kann nicht Winter sein, da im Winter die Sonne das Sternbild überstrahlt. Sind dagegen die Zwillinge zu sehen, dann kann aus den gleichen Gründen nicht Sommer sein. Auch das Sternbild Orion, das im Herbst am östlichen Morgenhimmel erscheint, während des Winters aber in Richtung Süden wandert, um im Frühjahr am westlichen Abendhimmel zu erscheinen, gab wichtige Hinweise zum Jahresverlauf.

Die Beobachtung des Sonnenlaufs und der nächtlichen Sternbilder ermöglichte den Ackerbauern, ohne schriftliche Aufzeichnungen die für das Bauernjahr wichtigen Fixpunkte zu definieren. So konnten also Frühjahrs- und Herbstbeginn exakt vorhergesagt und damit der Anfang der Aussaat und der richtige Zeitpunkt für das Einbringen der Ernte festgelegt werden.

Überschätzen sollte man aber das astronomische Wissen dieser Zeit allerdings nicht. Die Kreisgrabenanlagen dienten in erster Linie wohl dem Kult. Die Menschen begleiteten die Stationen des Vegetationszyklus mit Festen, Opfern und Ritualen. Opfergruben, Tierknochenreste und vereinzelte Gräber in der Nähe der Anlagen geben davon Zeugnis. Wenn die Sonne an den Wendepunkten am rechten Ort unterging, befand sich die Welt im Einklang mit dem Himmel. Fast noch wichtiger als die Sommersonnenwende war wohl die Wintersonnenwende, mit der das Ende des Mangels und die Rückkehr des Lebens verbunden war. Um 6500 v. h. – 300 Jahre nach dem Bau der ersten Anlagen – wurden die Kreisgrabenanlagen größtenteils wieder aufgelassen. Vielleicht waren sie außer Mode gekommen.

Megalithe (von griech.: megas=groß und lithos=Stein)

Vor ungefähr 7000 Jahren begannen die Menschen in Westeuropa auch, riesige Steine aufzustellen und für die damalige Zeit gigantische Grabanlagen zu errichteten. Es waren Vorläufer der vielfältigen „Megalith-Architektur„, die im Nordwesten des heutigen Frankreich – in der Bretagne – offenbar in nur rund 200 bis 300 Jahren entstand.

Eines der frühen und imposantesten Bauwerke der „Megalithkultur“ ist der trapezförmige Cairn (gälisch: Steinmal) von Barnenez auf einer bretonischen Halbinsel. Das große, längliche Grab (75 Meter lang, bis zu 25 Meter breit und 8 Meter hoch) aus geschichteten seitlichen Steinplatten und Decksteinen kann begangen werden (Ganggrab). Seine Entstehung wird auf 6500 v. h. datiert (Teile davon sogar auf 6800 v. h.). Es ist damit wohl das älteste Bauwerk in ganz Europa und enthält insgesamt elf Gemeinschaftsgräber.

Während die Cairns für Gemeinschaftsbegräbnisse genutzt wurden, waren die kleineren Dolmen (bretonisch: dol=Tisch und men=Stein) meist Einzelgrabstätten. Von ihnen wurden bisher mehr als 1000 in der Bretagne gefunden. Das Grundprinzip der Megalithgräber, die überall im Norden und Westen des Kontinents zu finden sind, ist oft ähnlich: Auf senkrecht stehenden, tonnenschweren Felsblöcken liegen waagerechte Decksteine. Baumaterial waren in der Regel Findlinge, große Granitblöcke, bis zu 50 Tonnen schwer. Mit Hilfe von Zugseilen und einfachen hölzernen Rollen schleiften und hebelten die Menschen die Steingiganten kilometerweit zu ihrem Bestimmungsort. (Erst aus späterer Zeit gibt es auch Hinweise auf Wagen.)

Zum Bau der Gräber wurde zunächst ein Erdhaufen aufgeschüttet. An den Rändern des Haufens wurden Löcher ausgehoben, in die mit Hebelwerkzeugen die seitlichen Platten eingepasst wurden. Anschließend wurden die Decksteine über eine aufgeschüttete Erdrampe über Baumstämme auf die Seitensteine gerollt. Dann trug man die Erde im Inneren wieder ab und hatte den perfekten Raum für das Grab. Die äußere Rampe blieb bestehen und wurde weiter über den Deckstein erweitert. Für diese Bauweise sollen nicht mehr als ein paar Dutzend Männer und zwei bis vier Ochsen nötig gewesen sein.

Die Menschen in der Bretagne stellten auch besonders hohen Einzelsteine auf: Menhire (bretonisch für Langstein). So wurde um 6500 v. h. eine 21 Meter hohe und 280 Tonnen schwere, mit der Abbildung einer Axt verzierte Steinsäule errichtet. (Der höchste Menhir maß sogar 35 Meter!) Auch auf den Britischen Inseln und auf der Iberischen Halbinsel fand man große, bis zu acht Meter hohe Menhire. Nirgendwo sonst sind die Hinkelsteine aber so konzentriert wie in Carnac (Bretagne), wo Menhire in drei großen, kilometerlangen Steinreihen aufgestellt sind. Die parallel angeordneten Reihen enden jeweils in einem Oval aus Steinsäulen, Cromlech (gälisch: Steinkreis) genannt. Knapp 2800 Steine sind heute noch in Carnac zu finden.

Während die Dolmen relativ einfach als Teil einer jungsteinzeitlichen Begräbniskultur zu deuten sind, geben Menhire und Steinreihen den Wissenschaftlern immer noch Rätsel auf. Ihr Sinn und Zweck ist bis heute nicht geklärt. Einige Forscher glauben, dass nur tief empfundene Religiosität die Menschen zum Errichten der Hinkelsteine bewegt haben konnte. Vielleicht wurden sie von örtlichen Clans aufgestellt und sollten einen besonderen Ort kennzeichnen, hatten also eine kultische Bedeutung. Manche Forscher interpretieren sie als Grenzsteine zur Markierung des Territoriums gegenüber anderen Gruppen. Immerhin lebten damals bereits schätzungsweise 100 000 Menschen in der Region.

Eine einheitliche Deutung der megalithischen Bauwerke ist also nicht möglich. Die meisten waren wohl dem Totenkult gewidmet. Die Menschen schufen diese Monumente nicht nur als letzte Ruhestätte für die Verstorbenen, sondern auch als Kultstätten für sich selbst. Hierher kamen sie zu rituellen Feiern und brachten Speise- und Trankopfer dar. In Norddeutschland fand man als Opfergaben im Moor versenkte Trommeln, die wohl bei den Megalithgräbern gespielt wurden. Die weithin sichtbaren Stätten verliehen den Menschen das Gefühl, Teil einer langen Reihe von Vorfahren zu sein (Ahnenkult!).

Mitunter entwickelten sich so die Orte zu Zentralheiligtümern mit starker Bindewirkung. Im gemeinsamen Gedenken an die Toten beschwörten und festigten die Menschen ihre Gemeinschaft. Schon der Transport der Steine (oft über viele Kilometer) und die Errichtung der Anlage erforderten die Gemeinschaftsleistung einer größeren und gut organisierten Gesellschaft. Möglicherweise wurden so auch benachbarte Gemeinschaften rituell miteinander verbunden. So gaben die megalithischen Monumente den Menschen in einer Umbruchzeit voller Unsicherheit und Verwirrung räumliche und religiöse, physische und metaphysische Ankerpunkte – Stabilität in einer wilden Zeit.

Bei der Anlage der Megalithgräber wird auch die Astronomie eine Rolle gespielt haben. Die damalige Bevölkerung – gleich ob Jäger, Hirten oder Bauern – verfügte ja schon über einige astronomische Kenntnisse. Daher dürfte bei der Konzeption der Anlagen der Lichteinfall zu bestimmten Zeiten wichtig gewesen sein. Auch stellte man später megalithische Steinreihen so im Kreis auf, dass sie einer astronomischen Ausrichtung folgten wie bei den Kreisgrabenanlagen mit ihren hölzernen Palisaden. Damit bestimmten dann die Priester-Astronomen wichtige Fixpunkte (z. B. Sonnenwendtage) für die landwirtschaftliche Tätigkeit.

Ausbreitung der Megalithe

Die Megalith-Idee hatte sich allmählich von Westfrankreich aus weiter ausgebreitet. Eindeutig ist ein Muster von drei Ausbreitungswellen über mögliche Seerouten zu erkennen. Megalithbauten entstanden in Skandinavien (Dänemark, Schweden), auf der Iberischen Halbinsel sowie den Britischen Inseln, aber auch auf Inseln und in küstennahen Regionen des Mittelmeerraums und in Mitteleuropa. Vielleicht wurden mit der Ausbreitung der Megalithe auch Knowhow und religiöse und gesellschaftliche Vorstellungen in die Ferne getragen.

Auf der Mittelmeer-Insel Malta und der Nachbarinsel Gozo errichteten die Menschen von 5800 bis 3500 v. h. Dutzende Tempel aus tonnenschweren Monolithen, rund 12 Meter hoch. Die ersten wurden hier vermutlich von Einwanderern aus Sizilien erbaut. Als sich das Klima um 5800 v. h. in Europa abkühlte, bauten auch z. B. die Menschen der Trichterbecherkultur in Norddeutschland aus eiszeitlichen Findlingen die ersten von Hügeln bedeckten Dolmen und Ganggräber. 10 000 solcher Bauwerke sind aus der Zeit vor 5500 bis 4800 Jahren v. h. (vor allem zwischen 5200 und 5000 v. h.) gefunden worden, oft von Erdwällen und einem oder mehreren Gräben umgeben. Die prestigeträchtigen Megalithanlagen zeugen davon, dass die Menschen die religiösen Ideen ihrer Nachbarn aus dem Südwesten übernommen hatten.

Um 6000 v. h. wurden die ersten Megalithgräber auf den Britischen Inseln errichtet. Eine der größten bekannten Anlagen, der West Kennet Long Barrow im Südwesten Englands, wurde vor etwa 5600 Jahren zunächst wohl als Grab erbaut. In Irland befindet sich der 5150 Jahre alte Grabkomplex von Newgrange, eine der weltweit bedeutendsten Megalithanlagen, in dessen Nähe sich noch zwei Vorläufer befinden.

In dieser Zeit tauchten auch kreisförmige Megalith-Monumente (Steinkreise) auf. Man fand diese und ähnliche Strukturen sowohl in der Dimension als auch vom Bauprinzip in großer Zahl auf den Britischen Inseln. Ein berühmtes Beispiel ist der Ring of Brodgar auf den Orkney-Inseln, ein Kreis aus 60 Steinriesen, den die Menschen für mystische Zeremonien aufsuchten. Sein Durchmesser beträgt 104 Meter. Manche Forscher nehmen an, dass solche Steinkreise Allianzen zwischen verschiedenen Gruppen schmieden sollten. Der britische Wissenschaftler Mike Parker Pearson vermutet, dass jeder Stein den Vorfahren einer Gruppe symbolisierte.

Stonehenge

In den Preseli-Bergen im westlichen Wales haben Archäologen die spärlichen Reste des Steinkreises von Waun Mawn aufgedeckt, des drittgrößten Großbritanniens. Er wurde zwischen 5600 und spätestens 5200 v. h. errichtet bzw. frühestens danach wieder entfernt. Auch in der Umgebung stießen die Forscher auf zahlreiche Dolmen, Steingrabkammern und weitere Anlagen, die mit Erdwällen und Palisaden umringt waren.

Die Menschen hatten in Waun Mawn bläulich schimmernde Steine – insgesamt rund 50 jeweils gut zwei Tonnen schwere Doleritblöcke, zweieinhalb Meter hoch – aus den nahen Steinbrüchen geholt und zum Kreis aufgestellt. Möglicherweise hatten die Gegend als auch die Steine für die Erbauer eine besondere, vielleicht magische Anziehungskraft. Doch nach nur wenigen Jahrhunderten der Nutzung verlieren sich nach 5200 v. h. plötzlich die Spuren der Menschen. Vermutlich sind auch zu dieser Zeit viele Steine entfernt worden – nur vier blieben übrig. Einige Forscher spekulieren, dass die ehemaligen Bewohner die Steine – ihre angestammte Identität – mitgenommen haben.

In der Salisbury Plain, wo später die Steinstrukturen von Stonehenge aufgestellt wurden, entstanden um 5000 v. h. Wall und Graben. Der fertige Erdkreis stand in Verbindung mit anderen benachbarten Anlagen, z. B. dem Henge (Graben und Wall) von Durrington Walls. Dieser befand sich im Zentrum einer noch größeren Anlage, deren Dimension alles bis dahin in den Schatten stellte: Eine Steinkreisanlage mit einem Gesamtdurchmesser von zwei Kilometern – eine Ritualstätte, zu der die Menschen kamen, um Angehörige zu begraben.

Stonehenge entstand über mehrere Jahrhunderte und veränderte mehrfach sein Gesicht. Gegen 4500 v. h. wurde die Anlage als Rund aus 30 breiten Sandsteinpfeilern arrangiert, auf denen weitere 30 Steine als Sturz ruhten. Innerhalb des Kreises errichteten die Erbauer ein Hufeisen aus fünf Trilithen (ebenfalls aus Sandstein), torähnlichen Bauten aus je zwei Stützen und einem Balken, deutlich höher und mächtiger als die Außenpfeiler. Dazwischen stellten sie die Blausteine in Kreisform auf. An der Hauptachse des Monuments ließ sich – und lässt sich noch heute – zweimal jährlich der Sonnenauf- und Sonnenuntergang beobachten – im Nordosten während der Sommersonnenwende und im Südwesten während der Wintersonnenwende. In seiner Anmutung und seiner Komplexität, in seinem Anspruch und seiner Strahlkraft übertrifft Stonehenge alle anderen Megalithbauten.

Der Archäologe Pearson ist sich sicher: Die früheste Phase des Steinkreises von Stonehenge war ursprünglich eine Kopie von Waun Mauwn. Der Durchmesser von 110 Metern und das Baumaterial (Blausteine) gleichen sich. Beide Anlagen hatten zudem den auf die Sommersonnenwende angelegten Zugang im Nordosten. Nach der Theorie von Pearson bauten die Menschen von Waun Mawn den Ring aus Blausteinen ab, transportierten sie rund 280 Kilometer weit in die Salisbury Plain und richteten sie dort als Stonehenge wieder auf. Interessanterweise fand man in Stonehenge 5000 Jahre alte Gräber von Menschen, die zu 16% aus Westbritannien – also womöglich aus der Gegend der Preseli-Berge – stammten.

Trotzdem ist die These von Pearson gewagt. Die Daten sind im Detail schwer zu interpretieren. Ob in Stonehenge um 5000 v. h. tatsächlich schon Blausteine standen, oder doch erst um 4500 v. h., scheint noch nicht geklärt. Dies bedeutet: Die Hypothese, die Menschen seien mit Blausteinen von Waun Mawn nach Stonehenge migriert, klingt zwar plausibel, ist aber längst nicht gesichert.

Göbekli Tepe

Man zählt heute über den ganzen Kontinent verteilt mehr als 35 000 Dolmengräber, Steinkreise und Hinkelstein-Menhire. Auch in Thrakien (Bulgarien/Griechenland) und Abchasien wurden inzwischen megalithische Dolmen gefunden, die bis heute allerdings kaum untersucht wurden. Megalithische Pendants befinden sich im Nahen Osten: Mazzeben (Plural von hebräisch Mazbot) aus dem semitischen Kulturkreis, aufgerichtete Steine mit religiöser Bedeutung (ab 6000 v. h.). In Europa kamen die großen Megalithbauten ab dem Beginn des 5. Jahrtausends v. h. größtenteils aus der Mode.

Weltweit erste Megalithbauten hatte es sogar schon vor 11 600 Jahren in der heutigen Südosttürkei gegeben. Auf dem Göbekli Tepe schufen Sammler und Jäger, die noch von der Hand in den Mund lebten, eine gewaltige Kulturanlage, wohl das älteste von Menschen errichtete Heiligtum. Riesige, tonnenschwere monolithische Pfeiler, möglicherweise mehr als 200, zum Teil mehr als fünf Meter hoch, waren in Kreisen mit bis zu 20 Metern Durchmesser aufgestellt. Durch die T-Form erhielten die Monolithe ein menschenähnliches Aussehen – das obere Querstück sollte wohl einen Kopf darstellen. Jeweils ein mächtiges, extra großes Pfeilerpaar befand sich im Zentrum jeder Kreisanlage. Manche Forscher interpretieren sie als früheste Götterbilder in der Menschheitsgeschichte.

Naturheiligtümer waren die ersten Weihestätten, bevor die Götter in feste Einrichtungen einzogen. Im Latmos, der mythenträchtigen Gebirgslandschaft an der Westküste der Türkei, findet man in vielen Höhlen prähistorische Felsmalereien. Hier wurde ein Wetter- und Berggott als Personifikation der höchsten Bergspitze verehrt – dargestellt auf den Bildern als große Figur. Die kleineren Figuren gaben die übrigen Bergspitzen des Latmos wieder. Die T-Form der gemalten Köpfe entspricht der T-Form der meterhohen Pfeiler auf dem Göbekli Tepe. Opferten die Menschen hier wie da derselben Gottheit? Fest steht: An beiden Orten vollzogen die Menschen rituelle Handlungen.

Der Bau einer einzelnen Anlage wie auf dem Göbekli Tepe mit 12 Pfeilern und Mauern war ohne organisierte Gemeinschaftsleistung undenkbar. Das Rohmaterial, also die Kalksteine, mussten aus drei Kilometern Entfernung möglicherweise auf hölzernen Rollen herantransportiert werden. Dann mussten Steinmetze sie zurechtschneiden. Ein solches Großprojekt konnten nur mehrere Stämme und Sippen gemeinsam realisieren. Der handwerkliche wie geistige Aufwand für die Anlage des zentralen Ortes setzen eine ausgeprägte Religiosität mit ausgefeilten und tradierten Kultriten voraus und eine bereits sozial klar gegliederte Gesellschaft, die zu diesen aufwändigen Gemeinschaftsaktionen bereit war. Organisiert wurde das sozial-integrierende Projekt von Spezialisten, geleitet vermutlich von einem Priester.

Göbekli Tepe war also wohl eine rituelle Stätte, ein Kult- und eventuell auch ein Machtzentrum für eine ganze Region. Jäger und Sammler kamen aus über 200 Kilometern regelmäßig für Riten oder Begräbnisse hierher. In Nordsyrien am mittleren Euphrat entdeckten syrische und französische Archäologen weitere Kultbauten (Jerf el Ahmar), die etwa zur gleichen Zeit wie die Steinkreise vom Göbekli Tepe entstanden sind und diesen erstaunlich ähneln. Wahrscheinlich trafen sich auch hier viele Menschen aus der Region, tanzten, trommelten – und tranken Gerstenbier.

REM

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