Dunkle Materie

Das Standardmodell der Kosmologie beschreibt viele Eigenschaften unseres Universums sehr gut. Mindestens drei Parameter mussten aber eingeführt werden, um irritierende astronomische Daten zu erklären: die Dunkle Materie, die die Dynamik der Galaxien beherrscht, eine Dunkle Energie, die die anscheinend beschleunigte Ausdehnung des Weltraums antreibt, und ein hypothetisches Feld namens Inflaton, das unser Weltall im ersten Sekundenbruchteil nach dem Urknall durch die sogenannte Inflation überhaupt erst groß gemacht hat. Diese liefert auch eine Erklärung für die fast perfekte Homogenität des Universums.

Dunkle Materie, Dunkle Energie und Inflation können zwar mit ihren Eigenschaften in den Rahmen der Allgemeinen Relativitätstheorie eingebaut werden, wobei auch eine Erweiterung der Elementarteilchenphysik oder eine Modifikation der Gravitationstheorie hilft. Aber die eingeführten Größen könnten auch dafür sprechen, dass irgendeine an sich gut etablierte Grundannahme falsch oder das Kosmologische Prinzip ein Irrweg ist. Vielleicht brauchen wir eine ganz neue Physik mit bisher unbekannten Effekten und Gesetzen. Wir könnten ein kosmologisches Modell entwickeln, das ganz ohne Dunkle Materie, Dunkle Energie und Inflation auskommt und ihre Wirkungen lediglich auf Effekte einer abgewandelten Gravitationstheorie zurückführt. Die Mehrheit der Wissenschaftler ist allerdings zurzeit, trotz durchaus gewichtiger Argumente, nicht dieser Meinung.

  1. Dunkle Materie

Bereits vor knapp 90 Jahren hat der Schweizer Astronom Fritz Zwicky festgestellt, dass die circa tausend Galaxien im 300 Millionen Lichtjahre entfernten Coma-Haufen schneller um ihr gemeinsames Schwerkraftzentrum schwirren, als es gemäß der Masse der leuchtenden Materie von Gas und Sternen eigentlich möglich ist. Bei vielen anderen Galaxienhaufen wurde seither Ähnliches festgestellt. Auch die Außenbezirke einzelner Spiralgalaxien rotieren rascher, als es die Gesetze der Schwerkraft erlauben, nämlich fast genauso schnell wie Regionen nahe am Zentrum. Eigentlich müssten sie je weiter vom Gravitationszentrum entfernt umso langsamer sein. Auch unser Sonnensystem bewegt es sich zu schnell um das Zentrum der Milchstraße herum, nämlich mit einer Geschwindigkeit von 220 km/s, denn die Masse aller bekannten Materie reicht nicht aus, um es auf seiner Umlaufbahn zu halten.

Diese Beobachtungen liefern Hinweise auf die Existenz einer unbekannten Materie, die weder elektromagnetische Strahlung emittiert noch absorbiert und nur durch ihre Gravitation für uns wahrnehmbar ist. Ohne diese „Dunkle Materie“ lassen sich also die eindeutig beobachteten Sternbewegungen oder das dynamische Verhalten der Sternsysteme nicht erklären. Ohne sie müssten Galaxien und Galaxienhaufen auseinander fliegen. Sie könnte auch die Ursache für die Materieverteilung sein, die sich ergibt, wenn zwei Haufen miteinander kollidieren.

Nach Computersimulationen durchziehen Dunkle-Materie-Filamente mit vielen Millionen Lichtjahren Länge das gigantische Spinnennetz der gewöhnlichen Materie im Universum. An den Kreuzungspunkten der Filamente, wo wir große Massenanhäufungen in Form von Galaxienhaufen erblicken, soll sich auch eine große Ansammlung von Dunkler Materie befinden. Die Wissenschaftler haben berechnet, dass bis zu circa sechs Mal mehr Dunkle Materie als sichtbare helle Materie die einzelnen Galaxienhaufen und Galaxien durchsetzt und durch ihren gravitativen Einfluss zusammenhält. Sie ist sozusagen der unsichtbare Kitt unseres Universums.

Auch die leuchtende Scheibe der Milchstraße schwebt offenbar nicht isoliert im Raum, sondern scheint in einen riesigen Halo Dunkler Materie – viel größer als die Milchstraße selbst – eingebettet zu sein: mit einem Durchmesser von mindestens 600 000 Lichtjahren (vielleicht sogar zwei Millionen Lichtjahren). Er hält nach den Modellrechnungen ihre Spiralstruktur aufrecht. Nur mit der Annahme, dass hier diese große anziehende Masse existiert, lässt sich auch ihre Dynamik (z. B. die Rotationsgeschwindigkeit) erklären. Das ursprüngliche Wegdriften der Andromeda-Galaxie (unserer benachbarten Spiralgalaxie) könnte nicht in die heute beobachtete Annäherung an die Milchstraße übergegangen sein, wenn nicht auch beide Galaxien große Mengen von dieser rätselhaften Materie enthalten würden.

Nach den Berechnungen durchdringt Dunkle Materie also das gesamte Weltall und ist überall dort, wo sich auch die normale aus Atomen bestehende Materie befindet. Aber man kann ihre Existenz nicht beweisen; sie ist bisher nur über ihre Massenanziehung erschließbar. Jedoch hat man inzwischen außer deutlichen indirekten Anzeichen auch handfeste Hinweise auf sie gefunden. Die spektakulärsten scheinen Gravitationslinsen zu liefern, die in den meisten großen Galaxienhaufen beobachtet werden. Bei diesem Phänomen beugt ein Gravitationsfeld das von einem noch weiter entfernten Hintergrundobjekt ausgehende Licht, so das Zerrbilder entstehen. Die Gravitationslinsen scheinen in den meisten Fällen Ansammlungen Dunkler Materie zu sein. Ein anderer Hinweis auf Dunkle Materie war die Beobachtung eines winzigen Sterns, der sich langsam aufhellte und dann – im Laufe von 100 Tagen – wieder verdunkelte. Dieses einmalige Aufflackern ist eigentlich nur damit zu erklären, dass Dunkle Materie vor dem Stern hergezogen ist und dessen Licht gebündelt hat.

Entstehung der Dunklen Materie

Die Dunkle Materie sollte – wenn es sie denn gibt – ebenso wir die gewöhnliche Materie kurz nach dem Urknall entstanden sein. Während in der heißen und dichten Frühphase des Universums die Materieteilchen immer wieder erzeugt und durch hochenergetische Kollisionen wieder vernichtet wurden, reichte bei dessen fortschreitender Ausdehnung und Abkühlung rund 10 Nanosekunden (10 Milliardstel Sekunden / 10-10 s) nach dem Urknall die Energie zur Erzeugung neuer Dunkle-Materie-Teilchen nicht mehr aus. Die geringer werdende Teilchendichte verhinderte die Häufigkeit von Zusammenstößen und damit die gegenseitige Vernichtung der existierenden Teilchen, bis die Kollisionen ganz aufhörten. Gleichzeitig müssten sich die Dunkle-Materie-Teilchen vom Rest der Materie „entkoppelt“ haben, also praktisch nicht mehr mit ihr reagiert haben. Fortan blieb ihre Anzahl im Universum konstant. Seitdem sausen die Teilchen der Dunklen Materie, ähnlich den allerdings fast masselosen Neutrinos, scharenweise durchs All.

Zunächst gleichförmig im Weltraum verteilt, ballten sie sich schon sehr bald zu vielen kleinen Dunkle-Materie-Halos zusammen, von denen etliche miteinander kollidierten und zu größeren Halos verschmolzen. Meistens verleibten sie sich dann in einer Art „Dunkle-Halo-Kannibalismus“ Zwerghalos ein und wuchsen so zu stattlicher Größe heran. Die Dunkle-Materie-Halos zogen dann dank ihrer Schwerkraftwirkung auch gewöhnliche Materie an, so dass sich Galaxien wie unsere Milchstraße bilden konnten. Ohne die Dunkle Materie hätte das Universum nicht genug Zeit gehabt, aus den Dichteunterschieden des frühen Universums bis heute die Sterne, Galaxien, Galaxienhaufen und -superhaufen zu formen und ihre Entwicklung zu prägen.

[In den Simulationen wuchsen die Strukturen aus Dunkler Materie aber zu schnell heran, als es astronomische Beobachtungen nahelegen. Daher brachte das Standardmodell noch die sog. Dunkle Energie ins Spiel. Diese verlangsamt das Heranwachsen der Dunkle-Materie-Strukturen, so dass die errechnete Materieverteilung nun mit den Beobachtungen im Einklang steht.]

Die Dunkle Materie soll heute die Galaxien als kugelförmige, nichtleuchtende Partikelwolke einhüllen und sie zusammenhalten, ohne die „normale“ Materie zu stören. Ihre Teilchen verteilen sich allerdings auf kleinen Skalen keineswegs homogen, sondern können Ströme und Klumpen bilden. Deren Schwerkraft kann so zur Bildung von Zwerggalaxien führen, wenn genügend normale Materie in der Nähe ist. Zwerggalaxien besitzen zwar nur wenige zehntausend bis hunderttausend Sterne – in ihnen sollen aber viele Dutzend Millionen Sonnenmassen an unsichtbarer Materie stecken. Ohne Dunkle Materie könnten Zwerggalaxien wahrscheinlich gar nicht existieren.

Abhängig von den Jahreszeiten durchfluten ständig viele Dunkle-Materie-Teilchen auch unseren Heimatplaneten. Dabei sollen große Mengen von ihnen auch unsere Körper durchdringen, ohne dass wir sie sehen oder spüren. In jedem Liter Luft, den wir atmen, könnten einige Dutzend dieser Teilchen vorhanden sein, wie auch in jedem Liter „leeren Raums“ im ganzen Universum.

Was ist Dunkle Materie?

So erdrückend die Indizien für die Dunkle Materie inzwischen auch sind – bis heute ist ungeklärt, welcher Art diese Materie ist und welche detaillierten Eigenschaften sie besitzt. Es gibt schon interessante Ansätze zur Lösung, aber noch keine akzeptierte Hypothese. Prinzipiell unterscheidet man zwei Möglichkeiten: Dunkle Materie ist von einer „anderen Art„, d. h. einer Form, die sich von der aus Protonen, Neutronen und Elektronen bestehenden „normalen“ Materie (baryonische Materie), aus der auch jedes Atom auf der Erde gebildet wird, stark unterscheidet – oder sie setzt sich aus Brocken gewöhnlicher Materie zusammen, die nicht leuchtet und deshalb unsichtbar ist.

Für den möglichen baryonischen Anteil der Dunklen Materie gibt es aussichtsreiche Kandidaten: Kleine oder große kalte Brocken (z. B. Asteroiden), Planeten, Braune, Rote und Schwarze Zwerge oder ausgekühlte Weiße Zwerge. Sie können aber unmöglich den Hauptbestandteil der Dunklen Materie bilden. Ein anderer Vorschlag ist die sogenannte heiße Dunkle Materie (HDM), für die als plausibelste Kandidaten Neutrinos in Frage kommen. Diese sind die mit Abstand häufigsten Teilchen im Universum (in jedem Kubikmeter soll es über 300 Millionen geben) und haben einige der für die Teilchen der Dunklen Materie gewünschte Eigenschaften. Aber die heiße Dunkle Materie würde höchstens zwei Prozent zu der Gesamtmasse des Universums beitragen – und wegen ihrer Schnelligkeit könnte sie nicht genügend kleinskalige Verklumpungen bilden, wo die Galaxien entstanden.

Am besten passt die sogenannte kalte Dunkle Materie (KDM) zu den astronomischen Beobachtungen. „Kalt“ bedeutet, dass sich ihre Teilchen mit Geschwindigkeiten bewegen, die im Vergleich mit der Lichtgeschwindigkeit klein sind. Kalte Materie kann sich leichter verdichten als warme oder gar heiße. Zwar schafft die KDM ihre eigenen Probleme bei der Erklärung kosmischer Strukturen. Dennoch halten die meisten Kosmologen diese Nachteile für gering gegenüber den Schwierigkeiten alternativer Hypothesen.

Die Teilchen der KDM müssen eine verhältnismäßig große Ruhemasse besitzen und dürfen kaum (außer durch Gravitation) mit gewöhnlicher Materie wechselwirken. Sie machen, wenn es sie denn gibt, nach den Berechnungen im Rahmen des Kosmologischen Standardmodells fast ein Drittel der Gesamtdichte des Universums aus. Das gegenwärtige Standardmodell der Elementarteilchen bietet aber keine Partikel an, die dafür in Betracht kommen, doch Erweiterungen des Modells liefern eine ganze Schar plausibler Kandidaten, sogenannte hypothetische bzw. exotische Teilchen. Dazu gehören die WIMPs („weakly interacting massive particles“ = schwach wechselwirkende Teilchen mit Masse). Theorien sagen eine WIMP-Masse irgendwo zwischen dem 10- und 1000-fachen der Protonenmasse voraus, nach normalem Maßstab also schwere und stabile Teilchen. Innerhalb der Genauigkeit der Schätzungen entspricht die Masse der aus der Frühzeit des Universums übriggebliebenen WIMPs erstaunlicherweise genau jener, die zur Erklärung der heutigen kosmischen Dunklen Materie nötig ist. Diese bemerkenswerte Übereinstimmung bezeichnen Physiker als WIMPs-Koinzidenz.

WIMPs kommen in vielen supersymmetrischen Erweiterungen des Standardmodells der Elementarteilchen vor. Die „Supersymmetrie“ (kurz SUSY) ist eine extrem elegante und schlüssige Erweiterung des bisherigen Weltmodells. Die vielen Varianten setzen eine fundamentale, bisher allerdings hypothetische Symmetrie in der Natur voraus. Sie liefern zu jedem bekannten Teilchen einen supersymmetrischen Partner, postulieren also eine komplett neue Teilchenfamilie. Die Supersymmetrie entzieht sich aber gegenwärtig ihrer Bestätigung.

Als nahezu idealer Kandidat für die Dunkle Materie gilt unter den supersymmetrischen Teilchen das leichteste der vier sogenannten Neutralinos. Es ist eine hypothetische Mischung aus den Superpartnern des Photons (das die elektromagnetische Kraft überträgt), des Z-Bosons (Träger der Schwachen Kernkraft) und vielleicht noch anderer Teilchentypen. Das Neutralino ist stabil und nach normalen Maßstäben schwer, zudem elektrisch neutral, und verfügt über die „richtigen“ Wechselwirkungen.

Inzwischen gibt es sehr gute Gründe dafür, dass als Bausteine der Dunklen Materie auch sehr leichte, sehr schwach wechselwirkende Teilchen in Frage kommen: sogenannte WISPs („weakly interacting slim particles“ = schwach wechselwirkende leichte Teilchen). In ihrer Abneigung, mit gewöhnlicher Materie zu wechselwirken, übertreffen sie die WIMPs sogar noch bei Weitem. Auch einige astrophysikalische Beobachtungen deuten auf die Existenz von WISPs hin.

Das vielleicht am besten verstandene WISP und der wahrscheinlichste und am wenigsten exotische Kandidat für die Dunkle Materie ist das Axion, ein sehr leichtes, neutrales Teilchen. Es wurde von Theoretikern Ende der 1970er Jahre postuliert, um eine Anomalie bei der Beschreibung der Starken Kernkraft zu beheben. (Auch viele stringtheoretische Ansätze legen die Existenz einer ganzen Reihe leichter Teilchen nahe, von denen manche dem Axion ähneln.) Da Axionen sehr leicht sind, müsste es sehr viel von ihnen geben, um die Gesamtmasse an Dunkler Materie im Universum zu erzeugen. In jedem Kubikzentimeter um uns herum müssten sich dutzende und sogar hunderte Billionen Axionen befinden, was durchaus als plausibel gilt.

Das supersymmetrische Konzept lässt auch andere Szenarien zu, in denen mehrere andere Teilchentypen an die Stelle der WIMPs treten. Einige Wissenschaftler vermuten einen wahren Zoo von Teilchen (Super-WIMPs), zwischen denen neuartige Naturkräfte herrschen. Demnach sollte die Dunkle Materie eine eigene Welt sein, ähnlich komplex wie die gewöhnliche Materie – mit vielen Teilchen, eigenen Kräften und einer fremden Form von Licht -, die für uns unsichtbar ist, aber die mit unserem Kosmos über die Schwerkraft wechselwirkt.

Bisher sind Dunkele-Materie-Teilchen, ob WIMPs oder WISPs, noch in keinem Experiment aufgetaucht. Außerdem gibt es eine Reihe von Unstimmigkeiten: So lässt sich Dunkle Materie mit einigen astrophysikalischen Daten nicht vereinbaren. Daher haben einige Physiker den Verdacht, dass sich die Wissenschaft hier in einer Sackgasse befindet und nach Alternativen zur Dunklen Materie suchen sollte. Dazu müsste aber eine Abweichung von den Standardgesetzen hingenommen werden, z. B. ein anderes Verständnis der Gravitation in Galaxien, d. h. eine Neuformulierung der Gravitationsgesetze. Das quadratische Abstandsgesetz (z. B. die Schallausbreitung oder die Abnahme der Strahlungsintensität im Raum) ist zwar in weiten Bereichen hervorragend bestätigt. Aber es lässt sich bislang nicht ausschließen, dass die Schwerkraft doch nicht überall linear proportional zur Beschleunigung ist, wie es Newton postuliert hat. In Galaxien könnte die sichtbare, baryonische Materie leicht stärkere Kräfte verursachen.

Immerhin haben sich ja schon zwei drastische Änderungen der Newtonschen Physik als notwendig erwiesen: Die erste führte zur Relativitätstheorie – sowohl zur Speziellen, die das Zweite Newtonsche Gesetz abändert, als auch zur Allgemeinen, die das Gravitationsgesetz völlig neu formuliert. Eine zweite Modifikation führte zur Quantentheorie, die das Verhalten mikroskopischer – in Spezialfällen auch makroskopischer – Systeme beschreibt. Diese bewährten Erweiterungen der Newtonschen Dynamik wirken sich in der Regel nur unter extremen Bedingungen merklich aus: die Spezielle Relativitätstheorie z. B. bei sehr hohen Geschwindigkeiten, die Allgemeine Relativitätstheorie bei extrem starker Gravitation. Möglicherweise versagt die Newtonsche Mechanik auch für die Größenordnung galaktischer Systeme.

Aus wissenschaftlichen Gründen spricht viel dafür, dass eine solche Alternative konzeptionell sogar einfacher ist als die Dunkle-Materie-Hypothese – und auch das Standardmodell der Elementarteilchen nicht ergänzt werden müsste. Eine allgemein akzeptierte, konkrete Formulierung einer solchen modifizierten Gravitation gibt es bis heute allerdings noch nicht. Momentan befinden sich einige Alternativen im Wettstreit.

Alternativen

Am bekanntesten ist wohl die MOND (Modifizierte Newtonsche Dynamik), erstmals Anfang der 1980er Jahren von dem israelischen Physiker Mordehai Milgrom formuliert (1983 publiziert). Sie basiert auf einer weiteren Modifikation des Zweiten Newtonschen Gesetzes, demzufolge die auf einen Körper wirkende Kraft proportional zu dessen Beschleunigung ist. MOND sagt im Kern, dass die Anziehungskraft zwischen zwei Körpern nicht mit dem Abstand im Quadrat abnimmt, sondern bei extrem kleinen Beschleunigungen sogar verstärkt wird – ein Effekt, der nur in galaktischen Größenordnungen eine gewisse, aber eben entscheidende Rolle spielt. Solche Abweichungen treten, Milgrom zufolge, z. B. bei Beschleunigungen auf, wie sie in den entferntesten Regionen von Galaxien herrschen, wo der Schwereeinfluss gering ist.

Durch MOND wird eine neue Naturkonstante namens a0 eingeführt, die die Dimension einer Beschleunigung hat. Ist die jeweilige Beschleunigung wesentlich größer als a0, dann gilt Newtons Gesetz wie gehabt: Die Kraft ist proportional zur Beschleunigung. Wird die Beschleunigung jedoch klein gegen a0, verändert sich das Gesetz. Dadurch ist die für eine bestimmet Beschleunigung benötigte Kraft stets kleiner als gemäß der Newtonschen Dynamik. Im Falle der beobachteten Beschleunigungen in Galaxien sagt MOND eine kleinere Kraft – und somit eine geringere gravitationserzeugende Masse – voraus.

Indem Milgrom die Formeln des Zweiten Newtonschen Gesetzes für solche Fälle modifizierte, konnte er die beobachtete Dynamik der Galaxien perfekt beschreiben (sogar besser als mit Dunkler Materie). Im Gegensatz zu Simulationen mit der unbekannten Materie kann MOND auch erklären, wie sich kleine Galaxien im Schwerefeld größerer Galaxien verhalten. So sagen die Berechnungen erfolgreich vorher, wie diverse jüngst entdeckte Zwerggalaxien um unseren nächsten großen Nachbarn, die Andromeda-Galaxie, wirbeln.

Den hervorragenden Bestätigungen der einsteinschen Allgemeinen Relativitätstheorie widerspricht dies nicht, denn die entsprechenden Experimente zu jener fanden stets auf kleinen Skalen statt. Die Gravitationsgesetze erklären daher perfekt alle Phänomene, die sich auf Größenordnungen von Millimetern bis zu den Bahnen der Planeten abspielen, müssen aber nicht notwendigerweise auch auf der Ebene von Galaxien gelten. Warum es zu dieser Abweichung vom Newtonschen Gesetz kommt, kann das Modell Milgroms allerdings nicht erklären.

Häufige Einwände gegen MOND-Theorien ist auch ihre heutige Vielfalt und ihre uneleganten mathematischen Formen, die ungewohnt und schwierig zu handhaben sind. Und trotz mancher Erfolge bereitet die modifizierte Gravitation bei anderen Vorhersagen auch ernsthafte Probleme. So kann sie beispielsweise die Bewegung von Galaxienhaufen nicht vorhersagen. Um das Verhalten des Weltraums als Ganzes nachzuvollziehen, ist sie sogar völlig ungeeignet. Hier funktioniert die Dunkle Materie besser.

Eine andere Alternative, die Modified Gravity (MOG) des kanadischen Physikers John Moffat, basiert darauf, im Fall schwacher Felder eine weitere Kraft zur Gravitation zu addieren. Erik Verlinde erklärt dagegen die Schwerkraft zu einem Produkt quantenmechanischer Wechselwirkungen, wäre also ein emergentes Phänomen und ginge auf großen Skalen aus dem Zusammenspiel kleinster Elemente hervor.

Neuerdings wird auch über eine andere Erklärung für die unsichtbare und rätselhafte Dunkle Materie spekuliert: primordiale Schwarze Löcher. Sie sind eine besonders leichte Form der Schwarzen Löcher, die nach manchen theoretischen Modellen in riesigen Mengen aus dem heißen und dichten Plasma hervorgegangen sein könnte, das kaum eine Sekunde nach dem Urknall den Kosmos erfüllte. Wenn es primordiale Schwarze Löcher denn wirklich gibt, wären es an sich ideale Kandidaten, da sie kein Licht aussenden. Ihre massereichen Vertreter würden auf einen Schlag nicht nur das Rätsel der Dunklen Materie, sondern auch weitere kosmologische Probleme lösen. Sie könnten vor allem auch das sogenannte Rätsel um die fehlenden Begleiter aufklären: den scheinbaren Mangel an Zwerggalaxien, die sich um massereiche Galaxien wie unsere Milchstraße gebildet haben müssten.

Computersimulationen sagen die Existenz einer großen Zahl an Zwerggalaxien in Galaxiengruppen voraus, doch Astronomen fanden bisher nur wenige Dutzend von ihnen. Nach kosmologischen Simulationsrechnungen könnten es z. B. tausende Zwerggalaxien in der Lokalen Gruppe geben, allein rund 500, die die Milchstraße umkreisen. Falls die Dunkle Materie tatsächlich aus primordialen Schwarzen Löchern besteht, die wenige Dutzend bis Hundert Lichtjahre große Ansammlungen bilden, hätten diese das meiste Gas in ihrer Umgebung verschlungen, so dass sich hier kaum mehr Sterne bilden konnten. Die Zwerggalaxien würden dann gar nicht fehlen, sondern wären häufig vorhanden – aber mangels Sternen sehr lichtschwach und damit schlicht unsichtbar.

Für das Szenario sprechen viele Beobachtungen der letzten Zeit. So lässt sich die Entdeckung unerwartet häufiger Röntgenquellen im frühen Universum am einfachsten durch große Mengen primordialer Schwarzer Löcher erklären, die knapp eine Milliarde Lichtjahre nach dem Urknall Gas verschlangen und dabei Röntgenstrahlen aussandten. Und gerade die jüngsten Messungen von Gravitationswellen lassen es möglich oder sogar plausibel erscheinen, dass primordiale Schwarze Löcher zu den Quellen der Signale gehören. Aber es existiert eben noch kein einziger definitiver Hinweis auf ihre Existenz und wie sie entstanden ist.

Mit der Aufdeckung des Geheimnisses der Dunklen Materie würden unsere Vorstellungen über unser Universum noch einmal stark verändert werden. Sollte es keine Teilchen der Dunklen Materie gibt, wäre das aber auch eine große Niederlage für die Physik.

REM

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