Der Weg zum Menschen (2)

Die Frühmenschen

Die Forscher gehen heute davon aus, dass der Beginn der Eiszeiten in den nördlichen Breiten und das daraus resultierende kältere und trocknere Klima in Afrika die treibende Kraft zur Menschwerdung waren.

Vor 2,8 bis 2,5 Millionen Jahren gingen die Temperaturen weltweit zum Teil dramatisch zurück, beide Polkappen vereisten und der Meeresspiegel sank. Gleichzeitig gab es deutlich weniger Niederschläge. Für die Geologen beginnt damit eine neue Epoche , das Eiszeitalter oder Pleistozän, das von circa 26 Millionen Jahren bis 11 700 Jahren vor heute dauerte. Eiszeit auf den Nordkontinenten bedeutet Trockenklima im äquatorialen Bereich. Auch in Afrika wurde es daher im Jahresmittel nicht nur kühler, sondern vor allem immer trockener. Dies führte dazu, dass sich schlagartig der nun schon seit Millionen von Jahren herrschende Zerfall großräumiger Waldbiotope verstärkt fortsetzte und die letzten Waldgebiet in Ost- und Südafrika verschwanden. Offene Flächen mit knie- bis hüfthohen Gräsern und dornigen Sträuchern nahmen zu, die Feuchtsavanne wurde vielerorts zur Trockensavanne. Lediglich entlang der Flussläufe blieben Galeriewälder erhalten.

Die Populationen der Vormenschen hatten sich an unterschiedliche Umweltbedingungen angepasst, die sich über weite Zeiträume nur ganz langsam verändert hatten. Nun aber übten schnelle, heftige Wechsel zwischen feuchten und trockenen Perioden einen zusätzlichen Anpassungsdruck aus. Denn in deren Gefolge änderten sich Vegetation, Wasserstellen und Wanderbewegungen der großen Tierherden. Lebensräume (Habitate) dehnten sich periodisch aus und schrumpften wieder – und es kam immer wieder zur Isolierung von Populationen. Vor allem in den ökologischen Randgebieten, wo der Selektionsdruck zur Entwicklung neuer Fertigkeiten groß ist, könnte eine verstärkte Auslese stattgefunden haben. (Auch Antilopen haben in dieser Zeit eine intensive Evolution durchgemacht. Mehr als drei Dutzend neuer Arten tauchten auf, darunter Gnus und Oryx-Antilopen.)

Die Nahrung nahm wohl jetzt beträchtlichen Einfluss auf die Evolution. Das Angebot an Essbarem hing oft von der Jahreszeit ab und änderte sich fortwährend. Trockenzeiten in der Savanne bedeuten für Pflanzenesser ein knappes Nahrungsangebot. Früchte und zartes Blattgrün wurden rarer und fanden sich nur noch unregelmäßig verteilt. Das bedeutet erhöhte Nahrungskonkurrenz. Hatten sich die Vormenschen zuvor vergleichsweise mühelos ernähren können, waren sie nun gezwungen, mehr Aufwand zu betreiben. Und die Fähigkeit, einen vielseitigen Speiseplan zu nutzen, konnte das Überleben in schlechten Zeiten sichern. Eher unflexible Linien starben damals offenbar aus.

Die natürliche Selektion wirkte offenbar auch dahin, sich immer energiehaltigere Nahrung zu beschaffen. In der zunehmend trockner und karger werdenden Savanne wurden aber Nüsse und Samen ungewöhnlich dickwandig und hartschalig, Wurzeln und Knollen verholzten. Darauf waren die meisten Australopithecinen von ihren Zähnen und ihrem Verdauungstrakt her nicht gut eingerichtet. Sie passten sich den neuen Bedingungen in zwei Richtungen an, die sich lange nebeneinander bewährten.

Einige Vormenschen-Arten, die robusten Australopithecinen, entwickelten massive Kiefer, eine kraftvolle Kaumuskulatur und überdimensionierte Zähne. Nach Analysen von Nahrungsspuren auf Letzteren deutet alles darauf hin, dass sie sich bevorzugt von harten, faserreichen tropischen Gräsern ernährten, aber auch Produkte von Bäumen und Büschen nicht verschmähten. Mit ihrem kräftigen Gebiss konnten sie sogar Äste und dickschalige Nüsse knacken.

Zu den robusten Australopithecinen, die den Gattungsnamen Paranthropus erhielten, gehörten zu der damaligen Zeit der Australopithecus (Paranthropus) robustus im südlichen Afrika (1,10 m bis 1,30 m groß und 37 bis 57 kg schwer) und der Australopithecus (Paranthropus) boisei in Ostafrika (1,20 bis 1,40 m groß und 40 bis 80 kg schwer). Die Größen- und Gewichtsunterschiede innerhalb beider Arten resultieren aus einem ausgeprägten Geschlechtsdimorphismus. Das Hirnvolumen der Paranthropinen betrug durchschnittlich 500 bis 510 cm3, wobei sich im Laufe der Zeit kein Trend zu einer Vergrößerung erkennen lässt.

Eine andere Linie der Australopithecinen, aus der vermutlich die Gattung Homo hervorging, entwickelte keine massigen Kiefer. Ihre Vertreter waren höchstens einige Zentimeter größer, aber zierlicher gebaut als die Paranthropinen. Sie lebten in stabilen Gruppen, die gemeinsam auf die Suche nach Nahrung gingen und diese vermutlich auch schon miteinander teilten. Ihre Nahrung bestand im Wesentlichen aus hochwertiger Pflanzennahrung: Wurzeln und Samen, Nüssen und Früchten. In zunehmendem Maße kamen Kleintiere – Termiten, Käfer und andere Insekten, Würmer, Muscheln und Schnecken, Eidechsen -, aber auch Vogeleier hinzu, manchmal sogar ein Stück Fleisch, wenn die Gruppe zufällig einen Kadaver oder ein frisch getötetes Tier fanden. Fleisch hat einen erheblichen Nahrungsvorteil: Mit einem großen Stück Fleisch können 10 Personen ernährt werden, allein das Knochenmark einer ausgewachsenen Impala-Antilope enthält immerhin 1500 Kilokalorien Nährwert. Von Beeren und Samen hätte man dafür schon eine riesige Menge sammeln müssen.

Entstehung der Gattung Homo

Offensichtlich waren Steinwerkzeuge für diese Australopithecinen eine geeignete Alternative, um auch einer zunehmend härteren Nahrung Paroli zu bieten. Vielleicht griffen sie zu einem Hammerstein, um Nüsse und harte Samen aufzuschlagen. Oder sie benutzten scharfe Steine, die sich in den Vulkangebieten Ostafrikas, besonders in den Flusstälern, häufig finden, um beispielsweise Maden aus der Baumrinde zu kratzen. Werkzeugspuren auf Tierknochen deuten darauf hin, dass sie möglicherweise auch zufällig entstandene scharfkantige Abschläge zum Schneiden einsetzten.

Am Fluss Kada Gona (Äthiopien), an der Grenze zu Kenia, wurden auf ein Alter von 2,6 Millionen Jahre gedeutete Steinwerkzeuge gefunden, die zu recht groben Schabern behauen waren und sich dazu geeignet hätten, das Fleisch von Tierkadavern von den Knochen zu lösen. Die ersten solcher grob gefertigten Steingeräte – Schaber und Chopper (beschlagene Geräte mit scharfer Kante) – waren in der Olduvai-Schlucht (Tansania) gefunden worden. Daher bezeichnet man diese Steinzeittechnologie auch als Oldowan-Kultur.

Die Artefakte und andere weitere Funde aus dieser Zeit wirken schon so raffiniert bearbeitet, dass sie wohl kaum erste Versuche einer Werkzeugherstellung gewesen sein können. Ihre Hersteller waren schon relativ geschickt und gingen planmäßig vor. Sie nahmen eine Kernstein in die eine Hand und schlugen mit einem Hammerstein in der anderen Hand gezielt Stücke mit scharfen Kanten ab. Es muss weniger perfekte Vorläufer gegeben haben und somit eine Tradition, durch die sich das nötige Wissen und Können mit der Zeit herausgeschält hat. Allerdings existiert keine Verbindung zu den 700 000 Jahre älteren Lomekwi-Geräten, die möglicherweise schon von Vormenschen hergestellt worden waren.

Die Oldowan-Kultur ist für die Zeit von vor 2,6 Millionen bis vor 1,5 Millionen Jahren nachgewiesen. Allerdings variieren die Stile zwischen den Fundorten und Zeithorizonten, weswegen manche Archäologen lieber von Oldowan-Kulturen im Plural sprechen.

Erste Menschen

In allmählicher Anpassung an die zunehmend trockneren afrikanischen Landschaften waren jetzt die ersten entscheidenden Etappen zum Menschen zurückgelegt: Erwerb des aufrechten Ganges, Umstellung in der Ernährung (von reinen Pflanzenessern zu Nahrungsgeneralisten), Herstellung (und Nutzung) von Werkzeugen. Die Anforderungen im neuen Lebensraum waren groß: Nahrung war schwer zu beschaffen, große Gefahren durch wilde Tiere – vor allem Großkatzen – drohten allüberall. Um den schnellen und starken Konkurrenten zu begegnen, musste der Mangel an körperlicher Stärke durch Kopfarbeit und Kooperation mit Artgenossen ausgeglichen werden. Es entwickelte sich ein immer ausgefeilteres Sozialleben, das Gehirnvolumen nahm (zunächst allerdings in geringem Maße) zu.

Wahrscheinlich existierten mehr als eine Million Jahre lang mehrere Homininen-Arten nebeneinander. In Ostafrika waren es zwischen 2,5 und 2,0 Millionen Jahren mindestens vier bis fünf. Wie viele Arten es in diesen Zeiten in Afrika insgesamt gab, welche davon Geräte herstellten und wie ihr Gang beschaffen war, ist aber noch ein Rätsel. Es gibt zu wenige Fossilien aus dieser Übergangsphase, die meisten davon Bruchstücke.

Dabei macht die einsetzende adaptive Radiation es schwierig, die genauen phylogenetischen Beziehungen zwischen den Australopithecinen und den Frühmenschen zu rekonstruieren und eine eindeutige Grenze zwischen ihnen zu ziehen. Typisch menschliche Charakteristika traten immer wieder in unterschiedlichen Merkmalskombinationen auf. Eine unanfechtbare Definition, ab wann von einem Menschen gesprochen werden kann oder soll, bleibt aber letztlich willkürlich. Viele Wissenschaftler sprechen ab einem Gehirnvolumen von 600 cm3 von einem Menschen (Homo).

Welche der bisher bekannten Fossilien die erste Homo-Art oder zumindest eine ihr nahestehende Spezies repräsentieren und wie die einzelnen Evolutionsschritte abliefen, lässt sich also wohl nicht exakt klären. Als ältesten Vertreter der Gattung Homo nimmt man den Homo rudolfensis an, der spätestens vor 2,5 Millionen Jahren gemeinsam mit den robusten Australopithecinen u. a. das Gebiet des Malawi-Riffs bevölkerte. Er war über 1,50 m groß und hatte schon ein Gehirnvolumen zwischen 600 und 800 cm3. Vom Homo habilis, dessen frühe Vertreter auch erstmals vor 2,8 bis 2,5 Millionen Jahren auftraten, sind mehrere Arten oder Varianten bekannt. Er war auch vielleicht um die 1,50 m groß und hatte ein Gehirnvolumen von mindestens 600 cm3. Werkzeuggebrauch ist auch bei ihm eindeutig belegt.

Die genauen Eigenschaften von Homo habilis und Homo rudolfensis und ihre exakte taxonomische Stellung sind aber nach wie vor unsicher. Einige Wissenschaftler halten den Gattungsbegriff Homo für die ihnen zugeordneten Fossilien für reichlich weit gefasst. Zumindest den älteren Habilis muss man nach den strengen Kriterien der wissenschaftlichen Klassifikation nicht zwingend unserer eigenen Gattung zuordnen, denn sein Körperbau unterscheidet sich sehr stark von unserem. Daher wird er in manchen neueren Stammbaumdarstellungen auch als Seitenast der eigentlichen Homo-Linie bezeichnet oder gar der Australopithecus-Linie zugeordnet.

Der Homo rudolfensis existierte vermutlich bis vor 1,8 Millionen Jahren. Ein Homo habilis „im engeren Sinne“ tauchte nach Meinung mancher Forscher erst vor gut zwei Millionen Jahren auf und lebte nahezu unverändert bis vor rund 1,5 Millionen Jahren. Damit liegt nahe, dass er fast eine halbe Million Jahre auch mit dem Homo erectus (s. u.) Seite an Seite in Ostafrika lebte. Die Wissenschaftler vermuten, dass sie unterschiedliche ökologische Nischen besetzten und nicht miteinander konkurrierten. Homo habilis war wohl ein „opportunistischer Allesverzehrer“ (der Paläontologe Yves Coppens), wohingegen Homo erectus Fleischnahrung bevorzugte. Einige Forscher sind überzeugt, dass beide Arten von einem gemeinsamen Vorfahren abstammen, der vor zwei bis drei Millionen Jahren in Afrika lebte, von dem aber noch keine Reste gefunden wurden.

Fleischnahrung

Steinwerkzeuge dürften von den Frühmenschen vielseitig eingesetzt worden sein. Mit einfachen Kerngeräten konnten nicht nur hartschalige Samen geknackt, sondern auch Röhrenknochen zertrümmert werden, so dass das energiereiches Mark freigelegt wurde. Werkzeuge dienten wohl auch zur Bearbeitung von Holzstöcken und anderen Gegenständen. Durch Funde lässt sich das schlecht belegen, da die meisten Dinge aus Knochen, Holz oder Horn längst in den Kreislauf der Natur zurückgekehrt sind.

Mit der beginnenden Werkzeugkultur konnten unsere Vorfahren also die Folgen des Klimawandels abfangen. Neue Nahrungsquellen konnten besser genutzt und damit der Speiseplan beträchtlich erweitert werden als bei jeder anderen Homininen-Art zuvor. Damit begann gleichzeitig die Unabhängigkeit von der Umwelt und die Abhängigkeit von den Werkzeugen – nach der Entstehung des aufrechten Gangs ein weiterer Meilenstein in der Geschichte der Menschwerdung.

Die Verarbeitung fleischlicher Nahrung wurde durch Steinwerkzeuge erleichtert. Bei allem, was größer ist als ein Hase, ist das Gebiss eines Menschen ebenso wie seine bloßen Hände für das Zerlegen des Tieres wenig geeignet, es sei denn, das Fleisch ist verfault.

Aas wurde aber wohl nicht verwertet. Das dokumentieren Schnittspuren an Knochen, z. B. in Olduvai, nach denen das Maximum an großen Fleischpartien durch gezielte Schnitte abgelöst wurde. Aasverwertende Homininen hätten lediglich Gewebereste von den Knochen heruntergeschabt und dabei ganz andere Spuren hinterlassen, als wir heute finden. Außerdem fehlten unseren Ahnen wohl auch die starken Magensäfte, um die Toxine der Bakterien, die bei der Verwesung entstehen, abzubauen.

Die scharfkantigen Steinwerkzeuge ersetzten also gleichsam die Klauen und Reißzähne der Raubtiere und ermöglichten den Frühmenschen die Zerlegung großer Kadaver von Gras fressenden Tieren. So erweiterten die ersten Vertreter der Gattung Homo ihre Nahrungsstrategie neben weiteren hochenergetischen Nährstoffen um Fleisch und nutzten dazu das Angebot der Savanne. Dabei war auch das sehr fetthaltige Knochenmark für die Homininen interessant. Tierisches Fett und Protein wurden immer wichtiger. Erste Beweise für den Verzehr von Fleisch findet man aus der Zeit vor 2,3 Millionen Jahren, danach wird er immer gebräuchlicher.

Viele Modelle der Menschwerdung nehmen allerdings an, dass Fleisch während der gesamten Evolution zum Menschen immer nur Zusatzkost war und nicht die größte Rolle spielte. Der Magen des Menschen ist nicht auf reine Fleischnahrung eingestellt. Der Frühmensch verfügte noch über eine Reihe anderer Möglichkeiten, um an proteinreiche Nahrung zu gelangen, z. B. indem er Insekten verspeiste. Der größter Vorteil gegenüber anderen Homininen-Arten war jedoch ihre Flexibilität, je nach Angebotslage reagieren zu können. Gab es keine Tierkadaver, sammelten sie Früchte und Knollen oder zerhämmerten Nüsse und Samen; war plötzlich Fleisch verfügbar, ernährten sie sich davon.

Da die Frühmenschen nicht auf eine regelmäßige Versorgung mit Fleisch angewiesen waren, kann sich das Erbeuten von Großtieren allmählich entwickelt haben, ohne dass komplexe Verhaltensweisen von Beginn an vorausgesetzt werden müssen. Durch die Fülle großer Pflanzenfresser in der Savanne ergaben sich wahrscheinlich vielerlei Gelegenheiten, ohne große Probleme an Fleisch zu kommen. So blieben nach Steppenbränden viele frisch verendete Kadaver zurück. Bei der Geburt verstorbene Tiere der jahreszeitlich wandernden großen Herden waren leicht aufzufinden (z. B. durch Beobachtung von Geiern). Durch Verletzungen geschwächte oder kranke Tiere konnten an ihrem Verhalten erkannt und systematisch verfolgt werden, bis sie starben. Außerdem beobachteten die frühen Menschen möglicherweise Raubtiere bei der Jagd. Was diese von ihrem Riss übrigließen, war oft mehr als genug. (Löwen lassen bis zu 50% liegen, Leoparden bis zu 20%.)

Mit der Hinwendung zu Fleischnahrung hatte die Homo-Linie einen sehr erfolgreichen Weg gewählt. Die Vorteile des gelegentlichen Fleischverzehrs („opportunistische Großwildbeuter“) lagen in der hohen Qualität der Nahrung, der Transportierbarkeit und eben dem häufigen Vorkommen in der Trockenzeit, wodurch die saisonalen Schwankungen im Nahrungsangebot ausgeglichen werden konnten. Die reichhaltige, fett-, eiweiß- und phosphatreiche Nahrung schuf Voraussetzungen, dank derer in der Gattung Homo später das energiehungrige Gehirn größer und leistungsfähiger wurde. Während sich also die robusten Homininen-Formen mit ihrem mächtigen Kauapparat als Nahrungsexperten für harte Kost etablierten, lag der Vorteil der Homo-Sippe mit zierlichen Kiefern, weniger Kaumuskulatur und schwächeren Backenzähnen im sich stetig vergrößernden Gehirn.

Aber nicht das Erbeuten von Großtierkadavern und die Fleischnahrung selbst sind als typisch menschliche Verhaltensweisen herauszustellen, sondern die Nahrungsteilung. Allein die Größe der Beutetiere könnte diese Form des sozialen Verhaltens bewirkt haben. Da große Beutetiere weder von einem Individuum noch von einer sehr kleinen Verwandtschaftsgruppe allein verspeist werden können, erfordert deren vollständige (optimale) Nutzung geradezu eine Nahrungsteilung in einer größeren Gemeinschaft. Diese hatte wohl einen nachhaltigen Einfluss auf die Entwicklung der Sozialstrukturen und weiterer menschlicher Verhaltenseigenschaften gehabt, was zu einem erheblichen Selektionsvorteil geführt haben musste.

Leben in der Gruppe bedeutet in der Savanne auch immer eine höhere Überlebenschance. Ein einzelner nicht bewaffneter, zweibeiniger Hominine wäre hier wohl angesichts der überall lauernden Gefahren nicht überlebensfähig. Auf langen Nahrungsstreifzügen bot eine Gruppe größeren Schutz. In der Gemeinschaft gelang es, Raubtiere von einem Riss zu vertreiben oder abzuhalten, beispielsweise durch Schreien und Schlagen mit Stöcken oder Werfen mit Steinen und Ästen.

Oft beobachten die San in der Kalahari heute noch Raubtiere bei der Jagd und greifen erst ein, nachdem diese erfolgreich waren. Sie vertreiben z. B. Geparden von ihrer Beute, indem sie laut rufen und auf den Boden schlagen. Es gelingt ihnen sogar bei Löwen, zumindest Teile eines kurzzeitig verlassenen Risses zu erbeuten. Dass dies auch Frühmenschen schafften, wird durch Schnittspuren an fossilen Knochen belegt, die von Steinmessern verursacht wurden und zum Teil über den Fraßspuren von Raubtieren liegen.

Strategische Planung war also schon erforderlich, um in der feindlichen Umwelt bestehen zu können. Hinweise auf eine aktive Jagd gibt es allerdings nicht. Jagdmethoden wie Hetzjagd oder Anschleichen und Auflauern kamen für die Frühmenschen zunächst noch nicht in Frage, da sie einfach körperlich dazu noch nicht in der Lage waren und auch keine Tötungsmittel besaßen.

Homo erectus

Vor spätestens zwei Millionen Jahren betrat mit dem Homo erectus eine großwüchsige und wendige Menschenart die Bühne, die der unseren bereits deutlich ähnelte. Sein Auftreten markiert einen Meilenstein in der Menschen-Evolution. Die Werkzeugkultur änderte sich drastisch. Jetzt sahen die Steinwerkzeuge aus, als wären sie nach einheitlichen Vorgaben fabriziert.

Wahrscheinlich lebte Homo erectus mit anderen Homininen-Arten zusammen. Im südlichen Afrika lebte vor fast zwei Millionen Jahren auch z. B. der Australopithecus sediba, der in bisher nicht gekannter Manier Kennzeichen der Gattung Australopithecus verbunden mit solchen zeigt, die auf die Gattung Homo weisen. Er ging aufrecht und hatte vermutlich schon sehr geschickte Hände. Sein Gehirn ähnelte allerdings bei 420 cm3 Volumen mehr dem eines Schimpansen. Nach Meinung einiger Experten könnte er durchaus ein naher Vorfahr der Gattung Homo gewesen sein; viel wahrscheinlicher scheint aber, dass die südafrikanischen Homininen eine separate Formengruppe mit eigener lokaler Geschichte darstellen.

Die frühen Vertreter des Homo erectus lebten in mehr oder weniger offenen Savannengebieten und in den Galeriewäldern entlang der Flüsse. Durch die Vervollkommnung des aufrechten Gangs waren sie in der Lage, auf ihren Streifzügen große Entfernungen bei geringerem Kalorienumsatz zurückzulegen. Homo erectus hatte sich zu einem Ausdauerläufer entwickelt. Manche Forscher sind der Ansicht, dass er schon in der Lage war, seine Beute bis zur völligen Erschöpfung zu hetzen, wie es die San auch heute noch tun. Zwei Millionen alte Fundstücke vom Ufer des Victoria-Sees in Westkenia, die meisten von jungen Antilopen, halten die Wissenschaftler für die bisher ältesten handfesten Zeugnisse menschlicher Jagd. Über einen langen Zeitraum scheint man dort regelmäßig und in erheblicher Menge Fleisch, Fett, Knochenmark und dergleichen verzehrt zu haben. Auch in der Olduvai-Schlucht fand man einen – auf 1,85 Millionen Jahre datierten – Platz, an der Frühmenschen massenhaft Tiere zerlegt haben.

Homo erectus entwickelte sich zum ersten Großwildjäger der Menschheitsgeschichte. Selektionskräfte bewirkten einen Umbau der Schulter, so dass er lernte, mit großer Kraft weit und gezielt zu werfen. Trotzdem machte auch jetzt noch aller Wahrscheinlichkeit nach Großwildfleisch nur einen kleinen Teil seines Nahrungsspektrums aus. Es dürfte gerade mal 10 bis 20% seiner gesamten Kalorienzufuhr ausgemacht haben. Daneben standen bei ihm neben Insekten vor allem energiereiche Pflanzenteile auf dem Speiseplan, z. B. Knollen, wie Zubereitungsspuren an Werkzeugen erkennen lassen.

Diese frühen Menschen waren also Allesesser und überstanden darum wildarme Phasen viel besser als die reinen Fleischfresser, zu denen damals auch Säbelzahnkatzen gehörten. Gerade in Zeiten, in denen die Raubtiere hungerten, fanden diese Homininen immer noch etwas Essbares. Zudem brachten ihnen technische Innovationen und kreative Jagdtechniken mehr Beute ein, so dass sie den Großraubtieren zu einer immer ernsteren Konkurrenz wurden und schließlich zum Aussterben einer Anzahl von ihnen führte.

Australopithecus boisei, eine robuster Australopithecine, lebte noch lange Zeit und auch räumlich dicht mit dem kulturell weiterentwickelten Homo erectus in Ostafrika zusammen. Er starb erst vor etwa einer Million Jahren aus, als Homo erectus bereits die gesamte Alte Welt bevölkerte. Möglicherweise erlaubte ihm seine spezialisierte Lebensweise nicht, sich nochmals auf eine andere Kost umzustellen, als eine neue Kaltzeit Klima und Umwelt veränderten. Vielleicht waren aber auch noch andere Faktoren die Ursachen für sein Aussterben.

Der große Vorteil des Homo erectus lag wohl an seinem größeren Gehirn und der entsprechend höheren Intelligenz und Flexibilität im Vergleich zu den Australopithecinen und anderen frühen Homininen. Sein Gehirnvolumen entwickelte sich von knapp 600 cm3 beim frühen bis auf sage und schreibe 1250 cm3 beim späten Erectus. Seine beträchtliche Anpassungsfähigkeit an ungewohnte ökologische Herausforderungen war wohl die entscheidende Eigenschaft, die es ihm auch ermöglichte, in neue Lebensräume vorzustoßen. Als erste Menschenart überhaupt breitete er sich über ganz Afrika aus und besiedelte den Kontinent von den gemäßigten Zonen Südafrikas bis weit nach Norden. Die erste Auswanderung nach Europa und Asien ließ nicht lange auf sich warten. Er ist damit nach Homo sapiens die am weitesten verbreitete Menschenform aller Zeiten. Auf indonesischen Inseln existierte Homo erectus noch bis vor etwa 100 000 Jahren, während er sich an anderen Orten zu neuen Menschenformen entwickelte oder in nachrückenden Menschenformen aufging.

In Afrika lebten noch bis vor mindestens 400 000 Jahren verschiedene zeitlich und räumlich unterscheidbare Gruppen oder Unterarten des Homo nebeneinander. Dann spaltete sich eine weitere Art als kleine abgeschlossene Population von der Linie des Homo erectus ab und entwickelte sich zum Homo sapiens, der schließlich den gesamten Erdball besiedelte.

REM

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