Hund und Mensch

Ein einzigartiges Gespann seit vielen Jahrtausenden

Vom Wolf zum Hund

Menschen und Wölfe lebten vor etwa 40 000 Jahren in Eurasien nebeneinander und jagten oft die gleiche Beute. Besonders in Zeiten, in denen die Nahrung knapp war, kamen sich beide Arten vermutlich näher. Womöglich verfütterten Jäger und Sammler Fleischreste an die Wölfe, die sie selbst nicht mehr verzehrten. Nach Berechnungen finnischer Wissenschaftler um Maria Lahtinen waren die Menschen in den eisigen Zeiten mit Proteinen gut versorgt. Andererseits sind sie nicht vollkommen an eine karnivore Ernährung angepasst und können Proteine auch nicht gut verdauen. Daher konnten die Wildbeuter übrig gebliebenes Fleisch ohne Nachteil für sich selbst Wölfen in ihrer Nähe vorwerfen. Diese These ist auch geografisch plausibel, denn die frühesten Hinweise auf eine Annäherung von Mensch und Wolf stammen vornehmlich aus Regionen, in denen es damals extrem kalt war. Vielleicht war es also ein Wolf, der diese auf zwei Beinen laufenden Wesen attraktiv fand, weil sie oft Reste übrig ließen, die ihm die anstrengende Jagd ersparte.

Die amerikanischen Biologen Raymond und Lorna Coppinger stellten die These auf, nicht der Mensch habe den Hund domestiziert, sondern der Hund sich selbst. Dessen Vorfahren seien von ihrem Rudel verstoßene Wölfe gewesen, die sich um menschliche Siedlungen scharten und von den Abfällen ernährten – wie es verwilderte Hunde heute noch tun. „Das Verhalten der Menschen hatte dabei einen wesentlichen Einfluss darauf, welche Tiere in den Genuss ihrer Nähe kamen“, erklären die Forscher. Wer überleben wollte, musste freundlich sein , die Gepflogenheiten der Zweibeiner beachten und immer die Augen offen halten. So sei der Wolf zum Hund geworden.

Die Wölfe gewöhnten sich jedenfalls an die Zweibeiner und wurden zutraulich. Sie lebten nahe bei den Menschen und vermehrten sich untereinander weiter. Dies führte letztlich zu der Abhängigkeit vom Menschen – der Hund war entstanden. Es ist denkbar, dass zuerst von der Mutter verlassene, niedliche Wolfswelpen in die menschliche Gesellschaft aufgenommen und aufgezogen wurden. Eine Zähmung musste vor der dritten Woche geschehen, wozu Milch benötigt wurde. Die einzige Milchquelle war zu der Zeit der wahrscheinlichsten Domestikation der Wölfe – die Frau.

Die Gemeinschaft nutzte beiden Partnern. Zunächst teilten sich Mensch und Hund lediglich Schlafplatz und Nahrung miteinander. Zunehmend wurden die Tiere als Wächter gegen Raubtiere und Eindringlinge und als Begleiter und Helfer bei der Jagd genutzt. Sie mögen auch schon mal in Notzeiten als Lieferanten für Fleisch oder Bekleidungsmaterial gedient haben. Später wurden sie wohl auch als Lastenträger eingesetzt, beispielsweise, um Schlitten zu ziehen. Auf sog. Stangenschleifen (Travois) kann ein Hund Lasten bis zu 27 Kilogramm befördern.

Wann sich die Linien von Wolf und Hund genau spalteten, lässt sich schwer berechnen, denn immer wieder paarten sich Wölfinnen mit paarungswilligen Hunderüden. (Umgekehrt paarten sich Wolfsmänner selten mit Hündinnen, denn männliche Wölfe müssen mehrere Wochen mit einer läufigen Hündin verbringen, damit sie Testosteron ausschütten und sich überhaupt Spermien bilden. Hunde hingegen sind immer paarungsbereit.) So gab es im Lauf der Wolf-Hund-Geschichte einen konstanten Genaustausch, so dass keine der Linien ganz rein ist.

Seit Langem wird vermutet, dass Wölfe an mehreren Orten und zu unterschiedlichen Zeiten gezähmt wurden. Der amerikanische Zoologe Robert K. Wayne setzt den Beginn des besonderen Verhältnisses von Wolf und Mensch vor gut 40 000 Jahren an. Sicher ist, dass irgendwann zwischen 36 000 und 15 000 Jahren beide zum ersten Mal zusammen lebten. Die ältesten bekannten Hundeknochen stammen aus Belgien, wo in den Höhlen von Goyet mehrere Schädel gefunden. Einer davon, 36 000 Jahre alt, stach heraus, denn seine Anatomie glich weniger einem Wolf als 17 000 bis 13 000 Jahre alten Hunden aus Westrussland. Es konnte allerdings noch nicht geklärt werden, ob das Tier noch Wolf oder schon Hund war. Laut fossilen Funden haben sibirische Jäger auf jeden Fall bereits vor 33 000 Jahren Wölfe domestiziert. Der erste bekannte eindeutige Hund starb zu dieser Zeit in der Razboinichya-Höhle im Altai-Gebirge. Doch mit den heutigen Hunden ist auch er nicht verwandt. Er gehörte zu einem heute ausgestorbenen Seitenzweig, der laut Genanalysen ebenfalls aus einer ausgestorbenen Wolfsart hervorging.

Erbgutanalysen deuten darauf hin, dass die Trennung der chinesischen Hunde von Wölfen wohl vor 32 000 Jahren, wahrscheinlich „irgendwo in Asien“, stattfand. Molekulargenetische Vergleiche von Menschenknochen und Hundeknochen, die in Sibirien, Beringia und Nordamerika ans Licht kamen, ergaben, dass Hunde vermutlich vor 26 000 bis 19 700 Jahren in Sibirien domestiziert wurden. Damals, im letzten eiszeitlichen Maximum auf der Nordhalbkugel war es in Sibirien besonders kalt und unwirtlich. Unter diesen harschen Bedingungen waren Eiszweitwölfe und Menschen vermutlich noch enger zusammengerückt.

Weitere genetische Untersuchungen legen nahe, dass in Europa Hunde vor 32 000 bis 18 000 Jahren vom Wolf getrennte Wege gingen. Während des Maximums der letzten Eiszeit bevölkerten noch zwei Arten von Wölfen die Wälder Europas. Im kalten Norden lebten große, robuste Wölfe, die sich von Tieren ernährten, die an die Kälte angepasst waren. Im Süden dagegen streiften kleinere, schlankere Wölfe umher. Als dann mit der Erderwärmung viele an die Kälte angepasste Spezies ausstarben, verschwanden mit diesen Arten auch ihre Jäger wie der nordische Wolf. Seine südlichen Verwandten sind die Vorfahren der heutigen Wölfe. Der Hund dagegen ist genetisch eng mit dem ausgestorbenen nordischen Wolf verwandt.

Als vor spätestens 15 000 Jahren die ersten Menschen von Sibirien aus den amerikanischen Kontinent erreichten, brachten sie ihre Hunde mit. Darauf deutet das Erbgut der Hundefossilien in Nordamerika hin, das eine enge Verwandtschaft dieser Tiere mit den Hunden in der Arktis offenbart, deren Vorfahren vor 15 000 Jahren in Sibirien lebten. Die Hunde könnten bei der Wanderung nach Amerika als Lastenträger gedient haben. Mit nur 13 Kilogramm beladen sind Hunde in der Lage, bei kühlen Temperaturen bis zu 27 Kilometer zurückzulegen.

Von den ersten europäischen Hunden tragen heutige europäische Rassen nur noch wenige Spuren in sich. Die ältesten bekannten Überreste eines Hundes, der als direkter Vorfahre der heutigen Haustiere identifiziert wurde, stammen aus einem steinzeitlichen Grab am Fundplatz in Bonn-Oberkassel (Deutschland), wo vor rund 15 000 Jahren zwei Hunde neben zwei Menschen bestattet worden waren. Eines der Tiere war ein 27 bis 28 Wochen alter schwer kranker Welpe, der an Hundestaupe litt. Auf sich allein gestellt wäre er wohl schon nach dem ersten Schub gestorben. Jemand muss ihn liebevoll bis zu seinem Tod gepflegt haben.

Zwischen 14 000 und 6400 Jahren vor heute sollen Hunde mit Menschen aus Asien nach Europa gelangt sein und haben die Populationen aus dem Westen verdrängt. Vermutlich war es nur eine kleine Gruppe von Hunden, denn die genetische Vielfalt ihrer Rassen verringerte sich in dieser Zeit hier, während sie am östlichen Ende des eurasischen Kontinents (ihrer ursprünglichen Heimat) nach DNA-Analysen auch heute noch wesentlich größer ist.

Folgen der Domestikation

Infolge der Domestikation hat sich das Erbgut der Hunde über Jahrtausende erheblich verändert. Dabei setzten sich jene Gene durch, welche die Anpassung an menschliche Gemeinschaften begünstigen. Die Mentalität veränderte sich: Sie wurden ruhiger und abhängiger vom Menschen. Durch die Domestizierung trat auch eine Gestaltänderung ein, ein Phänomen, das sogar bei Füchsen auf Pelzfarmen beobachtet wurde. So treten bei nahezu allen Tierrassen durch Domestikation kürzere und breitere Schnauzen, kleinere Hirnschalen, Ringelschwänze, hängende Ohren und weiße Flecken im Fell auf.

Nach der Sesshaftwerdung des Homo sapiens setzten genetische Veränderungen Hunde in die Lage, stärkehaltiges Futter zu fressen und zu verdauen, so dass sie sich auch von den pflanzlichen Nahrungsresten und Abfällen der Bauern ernähren konnten. Hunde sind heute Allesfresser. Allerdings hatte das enge Zusammenleben für den Menschen auch den Nachteil, dass Krankheitsüberträger wie z. B. Flöhe von Hunden (oder anderen Haustieren) leicht auf ihre Besitzer überspringen konnten. Mit diesen Insekten breiteten sich Infektionen wie Fleckfieber, Gelbfieber, die Schlafkrankheit und wahrscheinlich auch die Pest rasch aus.

Der ungarische Verhaltensforscher und Hundeexperte Adam Miklosi ist davon überzeugt, dass der Hormonhaushalt, der sich infolge der Domestizierung veränderte, verantwortlich ist für die heutigen charakteristischen Eigenschaften der Hunde. Vermutlich spielen auch – wie beim Menschen – die Hormone Oxytocin und Vasopressin (für das Bindungsverhalten) und Serotonin (beruhigender Botenstoff) eine Rolle. Hunde betrachten den Menschen als sozialen Weggefährten. Ihre Vorfahren hatten vermutlich schnell gelernt, dass sie mit menschlichen Bezugspersonen kooperieren und ihnen vertrauen müssen, um erfolgreich zu sein. Diese Strategie bewährte sich, denn der Mensch löste fortan die meisten ihrer Probleme, sei es, wenn sie Hunger hatten, vor verschlossenen Türen standen oder Schutz benötigten.

Sozialkompetenz

Hunde lernen schnell, durch Beobachtung Dinge nachzuahmen und Probleme zu lösen. Andere imitieren zu können, verlangt die Fähigkeit, die Perspektive des anderen einzunehmen, eine geistige Leistung, die man lange nur von wenigen Tierarten, z. B. Menschenaffen und Raben, kannte. Sie gilt als erster Schritt zu erkennen, was andere wissen oder fühlen, und das eigene Verhalten danach auszurichten. Diese hochentwickelte Fähigkeiten ermöglicht es Hunden offenbar auch, sich die notwendigen Regeln anzueignen, um sich in eine Gruppe von Menschen problemlos einzufügen, wobei sie ihre Bedürfnisse, Erwartungen und Verhaltensweisen mit denen der Gemeinschaft in Einklang bringen und sich den charakteristischen Gewohnheiten ihrer Besitzer anpassen. Psychologen sprechen von einer sehr hoch entwickelten Sozialkompetenz. Im Laufe der Jahrtausende hat der Hund auf diese Weise ein Sozialverhalten entwickelt, das sich jenem von Herrchen und Frauchen immer mehr angeglichen hat.

Während andere höher entwickelte Tiere miteinander konkurrieren und sich in Machtkämpfe verzetteln, behalten Hunde – wie auch Menschen – das Wohl ihrer Gruppe im Auge – einer Gruppe, die nicht aus der eigenen Familie bestehen muss, ja nicht einmal aus der eigenen Spezies. Es verwundert daher auch nicht, dass Hunde unter den Haustieren die besten Zieheltern sind, die bisweilen sogar artfremde Tiere wie z. B. Katzen, Igel oder Kaninchen unter ihre Obhut nehmen. Die meisten anderen sozial lebenden Tiere kennen Gruppensolidarität nur, wenn es um Blutsverwandte geht. Im Gegensatz zum Wolf behält der Hund seinen Spieltrieb auch im Alter bei, bleibt neugierig, lernfähig und ohne Angst vor anderen Arten.

Für den Forscher Vilmos Csanyi aus Budapest ist der Hund „eben kein gewöhnliches Tier mehr, sondern ein künstliches Wesen„. Forscher vermuteten bislang, dass die Beziehung des Hundes zum Menschen als die eines Rudelmitglieds zum Leittier betrachtet werden müsse. Der Mensch habe sich an die Spitze der sozialen Rangordnung gesetzt und die Führung übernommen, der die Tiere folgen. Nach Csanyi betrachten die Hunde ihre Herrchen und Frauchen aber keineswegs als „ihr Rudel“. Auch die amerikanische Kognitionspsychologin Alexandra Horowitz schreibt in ihrem Buch „Was denkt der Hund?“, dass die Vierbeiner ihrem Halter gehorchten, läge keineswegs daran, dass sie ihn als Alphatier betrachteten, sondern vielmehr daran, dass er sie mit Futter versorge.

Mensch und Hund bildeten nach Csanyi vielmehr ein lockeres, freundschaftliches Bündnis. Der Vierbeiner könne sogar Befehlsstrukturen variieren und den Grad seines Gehorsams einer Aufgabe anpassen. Bei Blindenhunden trifft der Mensch etwa die Hälfte der Entscheidungen im Straßenverkehr, die andere der Hund. Nur Menschen und Hunde kennen diesen sanften Rollentausch. Die Abwechselung von Dominanz ist die Grundlage ihrer Kooperation.

Hunde sind äußerst aufmerksam und besitzen ein Gespür für die Kommunikationsformen und Emotionen der Menschen. Auf die Stimmungen seines Halters, auf die emotionalen Nuancen seiner Sprache und Rufe, reagiert ein Vierbeiner wie ein sensibler Seismograph. Die Tiere können unsere Gefühle aber nicht nur am Klang unserer Stimme, sondern auch an unserer Mimik und vor allem unserem Geruch erkennen und sich entsprechend verhalten. „Hunde riechen unsere Emotionen. Sie haben die außergewöhnliche Fähigkeit, den Hormoncocktail, den wir ausschütten, wahrzunehmen und zu deuten“, erklärt Horowitz. Sogar 11% aller Hunde von Epileptikern ahnen einen Anfall ihres Besitzers voraus; eine Begabung, die sich nicht andressieren lässt.

Dass Hunde oft mit ihrem Herrchen oder Frauchen mitgähnen, scheint ein weiterer Beweis für ihre große Empathiefähigkeit zu sein, die sich in den Jahrtausenden des Zusammenlebens entwickelt hat. Sie scheinen auch selbst zu sozialen Emotionen wie Mitleid, Verlegenheit, Scham, Neid, Dankbarkeit, Bewunderung, Entrüstung oder Verachtung fähig zu sein. Mancher Hund, der etwas Verbotenes getan hat, lässt deutliche Anzeichen von Verlegenheit erkennen. Andererseits nehmen Hunde es übel, wenn man sie ungerecht behandelt. Sie scheinen auch zu schmerzlichen Gefühlen befähigt zu sein, denn manche verweigern nach dem Tod ihrer Besitzer oft tagelang die Nahrung. Ob es sich dabei wirklich um Trauer handelt, ist allerdings kaum beweisbar.

Unklar bleibt daher weiterhin, ob Hunde wirklich das empfinden, was wir unter den betreffenden Gefühlen verstehen. Wie experimentelle Untersuchungen zeigten, scheint es bei komplexeren Emotionen große Unterschiede zwischen Mensch und Tier zu geben, z. B. beim Schuldgefühl. Manche Forscher vermuten hinter der Reaktion des Hundes eine Art Selbstschutz: Ein Hundebesitzer, der ein Vergehen seines Vierbeiners entdeckt, schimpft ihn eher nicht weiter aus, wenn dieser sich vermeintlich schuldbewusst verhält.

Möglicherweise reagieren Hunde also lediglich auf unsere Gefühle. Das menschliche Weinen ähnelt den Schmerz- und Angstlauten von Hunden (und auch von anderen Säugetieren). Schluchzende Laute lösen bei ihnen daher Unruhe aus – und kein Mitleid. Das bestätigten Studien der neuseeländischen Psychologen Min Hooi Yong und Ted Ruffman. Danach verursachen Babyschreie bei Hunden Stress, nachweisbar an steigenden Cortisolwerten im Blut. Wenn sich also ein Hund tröstend an sein unglückliches Frauchen oder Herrchen schmiegt, dann hat er wahrscheinlich kein Mitleid, sondern fühlt sich lediglich selbst gestresst.

In der gemeinsamen Evolution hat sich der Hund jedenfalls perfekt an seine ökologische Nische angepasst. Wie ähnlich sich Mensch und Hund im Laufe ihres schon viele Jahrtausende andauernden Zusammenlebens geworden sind, zeigen auch die überraschenden Erkenntnisse, dass manche Hunde wie Millionen Menschen an Krebs, Epilepsie, Allergien und Herzkrankheiten leiden und viele menschliche Verhaltensauffälligkeiten wie Zwangsneurosen, Panikstörungen und offenbar auch ADHS zeigen. Mindestens die Hälfte aller bei Hunden bekannten Erbkrankheiten gleichen denen von Menschen.

Kommunikation

Hunde können die sozialen und kommunikativen Signale des Menschen besser lesen und interpretieren als jedes andere Tier, vielleicht sogar besser als einige Menschen selbst. In der Wahrnehmungsgabe für menschliche Gestik ähneln Hunde kleinen Kindern. Schon neun Wochen alte Welpen sind in der Lage, aus der Körpersprache der Versuchsleiter Hinweise auf verstecktes Futter zu lesen. Sie folgen ihren Blicken und Gesten (z. B. ausgestreckter Finger!) sogar dann, wenn der Helfer nur als Filmprojektion oder auf dem Videomonitor sichtbar ist. Zwar achten auch Wölfe sehr gut aufeinander und auch auf den Menschen, aber weder sie noch Schimpansen haben im Deuten menschlicher Gesten und der Blickrichtung die Meisterschaft von Hunden erreicht. Vor allem den Blickkontakt zwischen Hund und Mensch halten die Forscher für den Schlüssel zu ihrer besonderen Beziehung. Anders als Kleinkinder, die ähnlich sensibel auf die Blickbewegungen ihres Gegenübers ansprechen, brauchen Hunde allerdings etwas länger, um ein gesuchtes Objekt wirklich zu fixieren. Die Frage, ob den Gemeinsamkeiten auch vergleichbare kognitive Prozesse zugrunde liegen, konnten die Wissenschaftler allerdings noch nicht endgültig beantworten.

Der Wolf kommuniziert noch mit rund 60 verschiedenen Gesichtsausdrücken, um seine Rudelgefährten über seinen Gefühlszustand zu informieren – notwendig für ein erfolgreiches Zusammenleben. Hunde haben aber selbst nur noch einen Bruchteil des Caniden-Repertoires an Gesichtsausdrücken zur Verfügung. Die Versuche, Rudel aus Pudeln und Retrievern zu bilden, scheiterten hauptsächlich an deren mimischer Sprachlosigkeit.

Hunde verstehen nicht nur, wie der Mensch mit ihnen spricht, sondern auch, was man zu ihnen sagt. Sie erfassen die Bedeutung einzelner Worte wie „Fass!“ oder „Sitz!“, auch wenn sie mit monotoner Stimme vorgetragen werden. Offenbar werden Tonfall und Inhalt im Gehirn der Tiere auf ähnlichen Ebenen wie beim Menschen verarbeitet. So wird der Inhalt von Wörtern, die für sie eine bestimmte Bedeutung haben (wie „Platz!“ oder „Brav“), in Arealen der linken Hirnhemisphäre verarbeitet. Ein lobender und ein neutraler Tonfall aktivieren in unterschiedlichem Maße Areale der rechten Hirnhälfte, und zwar egal bei welchem Wortinhalt. Hunde kombinieren beides, um sich auf das Gehörte einen Reim zu machen. Das Belohnungszentrum der Tiere spricht nur dann an, wenn ein lobender Tonfall und die richtigen Worte („Guuuter Junge!“) zusammenkommen. Dabei aktivieren verbales Lob und Zuwendung das Belohnungszentrum der Tiere sogar stärker als Leckerlis.

Nicht nur, dass das Gehirn der Tiere Wortinhalt und Intonation in verschiedenen Hemisphären wie der Mensch verarbeitet, es stimmt auch die Hierarchie der Sprachverarbeitung mit der im menschlichen Gehirn überein: Zunächst erkennen vor allem subkortikale Bereiche den Tonfall der Worte, für die Entschlüsselung des Inhalts sind dagegen eher nachgeschaltete Kortexareale zuständig. Das Sprachverstehen muss sich demnach also bereits früh im Lauf der Evolution der Säugetiere entwickelt haben und beruht vermutlich auf einem grundlegenden Arbeitsprinzip des Gehirns: Emotional aufgeladene Reize werden eher auf den unteren Verarbeitungsebenen erfasst, während komplexere Inhalte aufwändigere Arbeitsschritte im Gehirn erfordern.

Ein spontan formulierter Satz wie „Steh mal auf, wir gehen eine Runde um die Häuser“ lässt den Hund sofort die Ohren spitzen und aufgeregt auf und ab springen. Dabei reagieren Hunde natürlich nicht nur auf unsere Wörter. Menschen sind Gewohnheitstiere und verhalten sich meist gleich, wenn wir uns beispielsweise anziehen, um auszugehen. Hunde sind unglaublich gut darin, sich solche Ereignisketten zu merken, so dass es uns manchmal vorkommt, als wüssten sie bereits, was wir tun wollen, bevor es uns selbst klar ist. Ihre erstaunliche Abstraktionsgabe erstreckt sich nicht nur auf Wörter und Handlungsabläufe, sie können sogar mit Fotos etwas anfangen. Zeigte die Wissenschaftlerin Juliane Kaminski der Collie-Hündin „Betsy“ das Foto einer Frisbee-Scheibe, kam diese schnurstracks aus dem Nebenraum mit einem Frisbee zurück. Der Hündin ist damit etwas gelungen, womit selbst kleine Kinder Probleme haben können. Sie hat ohne Weiteres verstanden, dass ein Foto mehr sein kann als ein zweidimensionales Stückchen Papier: Es kann ein dreidimensionales Objekt repräsentieren und der Kommunikation dienen.

Vilmos Csanyi und sein Team ermittelten bei einer Umfrage unter Hundehaltern, dass ihre Tiere durchschnittlich 30 bis 40 Wörter der menschlichen Sprache verstehen. Selbst ein „normaler“ Hund kann sogar bis zu 165 Wörter lernen, behauptet der Psychologe Stanley Coren (University of British Columbia). Die Border-Collie-Hündin „Betsy“ beherrscht sogar 340 Wörter. Wissenschaftler in Leipzig stellten fest, dass der neunjährige Border-Collie „Rico“ die Namen von 250 Spielzeugteilen versteht und stets neue dazulernt. Er erkannte auch ein neues Stofftier in seiner Sammlung, obwohl er dessen Namen noch nicht vorher gehört hatte. Offenbar begriff er, dass der unbekannte Ausdruck für das fremde Plüschtier gemeint sein musste: Neues Wort – neues Ding! Dieser logische Schluss setzt eine beachtliche Denkleistung voraus. „Rico“ konnte sich auch nach Wochen noch an das neue Wort erinnern.

Die sechsjährige „Chaser“, eine weitere Border-Collie-Hündin, kennt sogar die Namen von 1022 verschiedenen Stofftieren, ein Wortschatz, der in etwa dem eines dreijährigen Kindes entspricht. Außerdem brachten die Wissenschaftler der cleveren Hündin bei, die bekannten Objekte in verschiedene Kategorien (nach übereinstimmenden Formen oder Funktionen, z. B. Bälle oder Frisbees) einzuordnen und sie auf Zuruf mit der Schnauze oder der Pfote zu berühren. Die Hündin konnte außerdem Bezeichnungen von Orten, Personen und Aktivitäten sinnvoll mit dem Namen der Gegenstände verbinden.

Das Gekläff der Hunde, glaubt Vilmos Csanyi, sei nichts anderes als der Versuch, menschliche Worte zu imitieren. „Ihr soziales Verständnis ist so komplex“, meint er, „dass es ihnen leicht fallen müsste, eine einfache Sprache zu erwerben.“ Die Vokalisation des Hundes sei so variabel, dass sie die Grundlage für ein sprachähnliches System werden können.

Der ungarische Hundeforscher Peter Pongracz glaubt sogar, dass Hunde nicht nur Aspekte der menschlichen Sprache verstehen, sondern schon eine eigene Sprache entwickelt haben, um sich mit dem Menschen zu verständigen. Schließlich bellen nur Haushunde regelmäßig, Wölfe und ausgewachsene Wölfe dagegen äußerst selten. Das Bellen, Kläffen und Knurren scheint spezifische Informationen zu enthalten, die von Menschen ohne Probleme entschlüsselt werden können. „Selbst sechsjährige Kinder und Menschen, die noch nie einen Hund hatten, können diese Muster verstehen“, so Pongracz. „Sie wissen sofort, ob mit dem Bellen Angst, Glück oder Aggression ausgedrückt werden soll.“ Mittlerweile hat die kalifornische Wissenschaftlerin Sophia Yin Spektrogramme von über 4600 hündischen Lautäußerungen analysiert, die sie mit 80-prozentiger Trefferquote bestimmten Situationen zuordnen konnte: Das hohe vereinzelte Bellen etwa, wenn Herrchen außer Sicht ist; oder das harsche, tiefe Bellen, wenn es an der Türe klingelt.

Das Gespann

Wölfe gelten als intelligenter, vorsichtiger und entschlossener als Hunde. In Standardintelligenztests – in Experimenten beispielsweise, in denen Logik gefragt ist – schneiden vor allem Haushunde schlechter ab als Wölfe oder Hunde, die im Garten oder Hof gehalten werden. Das heißt nicht, dass sie sich in bestimmten Situationen clever verhalten können. So sind sie in der Lage, nicht nur zielstrebig die kommunikativen Aspekte unseres Verhaltens herauszufiltern, sondern auch sie zu ihrem Vorteil zu nutzen. Mit der Gewieftheit eines Kindes täuschen sie bestimmte Verhaltensweisen vor, um eine gewünschte Reaktion bei ihrem Besitzer auszulösen. Sie können anhand eines Hinweises auf dem Anrufbeantworter ein Futterversteck finden – und wissen zugleich doch, dass Herrchen per Telefon zwar zu hören ist, sie aber nicht sehen kann. Auf einen Befehl wie „Sitz!“ oder „Platz!“ reagieren sie nämlich nicht. Bei Experimenten schnappten sie nach einem verbotenen Stück Fleisch, wenn der Versuchsleiter wegschaute oder nur die Augen schloss. Für Schimpansen zählte in einer solchen Situation einzig die Anwesenheit des Experimentators und ob sie sein Gesicht sehen konnten, nicht aber sein Blick.

Ohne Mitwirkung der Hunde ist für den britischen Genetiker Brian Sykes die menschliche Kulturgeschichte nicht vorstellbar. Mensch und Hund sind heute echte Partner, Freunde und Helfer des Menschen. Die Vierbeiner sind Spielpartner für die Kinder und verbessern ihre soziale Kompetenz. Für Senioren sind sie eine Bereicherung für den Lebensabend, sie leisten Gesellschaft und sorgen für mehr Aktivität. Mit ihrem ausgezeichneten Geruchssinn und Gehör sind sie Helfer in allen Lebenslagen, vor allem ideal für Polizei und Rettungsdienste. So haben sich Mensch und Hund in einer einzigartiges Gemeinschaft zweier verschiedener Arten zu beiderseitigem Nutzen zusammengefunden.

REM

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