Wohl jeder glaubt zu wissen, was Denken ist. Doch selbst wenn Fachleute wie Philosophen, Psychologen und Hirnforscher es genauer definieren sollen, haben sie große Schwierigkeiten. Etwa 2000 Jahre lang beruhte die allgemeine Vorstellung davon, was Denken ist, auf der sauberen Definition von Begriffen und deren schlussfolgernder Kombination nach den Regeln der Logik. Als Urbild und Ideal aller Denkvorgänge galt der Syllogismus des Aristoteles, eine Vorschrift zur Erzeugung richtiger Schlussfolgerungen, z. B.: „Alle Menschen sind sterblich. Sokrates ist ein Mensch. Also ist Sokrates sterblich.“
Der Begriff „Denken“ wird heute uneinheitlich angewendet. In kürzester Form wird heute oft definiert: Denken ist inneres, nicht automatisiertes Problemlösen – auch „verinnerlichtes Handeln“ oder „Hantieren im Vorstellungsraum“ genannt. Es geht dem tatsächlichen Handeln voraus und ersetzt viele konkrete Versuche. Dazu ist es erforderlich, Ursachen und Wirkungswahrscheinlichkeiten, also Kausalzusammenhängen zwischen verschiedenen Dingen und Ereignissen erfassen zu können. Psychologen bevorzugen heute statt „Denken“ oft den weiteren Begriff „Kognition“ (von lateinisch „cognitio“ = Erkenntnis), der ein ganzes Spektrum zerebraler Prozesse umfasst: neben Denken im Sinne von Nachdenken auch Wahrnehmen, Schlussfolgern, Erinnern, Problemlösen und Entscheiden.
Netzwerke
Denken gründet jedenfalls auf neuronalen Prozessen im Gehirn. Räumlich organisierte Nervenzellen (Neurone) kommunizieren dabei mittels verschiedener elektrochemischer Signale über ein Vielzahl von Synapsen miteinander. Aus den strukturellen Verflechtungen der Neurone entstehen funktionale, flexible Netzwerke. Erst diese hochkomplexen Netzwerke (das Zusammenspiel vieler Neurone) ermöglichen also kognitive Leistungen wie das Denken.
Wie im Gehirn die Fluten elektrochemischer Impulse, die über die Nervenzellen strömen, in Gedanken übersetzt werden, wird von Neurophysiologen salopp als neuronaler Code, als Sprache des Gehirns, bezeichnet. Ihn zu entschlüsseln ist für die Hirnforschung immer noch aufgrund der unvorstellbar komplexen Organisation des Gehirns und seiner verwirrend komplizierten Funktionsweise eine große Herausforderung. Vielleicht 80 bis 100 Nervenzellen bilden durch exakte Synchronisation ihrer Entladungen eine Ad-hoc-Funktionseinheit, d. h. sie sind (im Bereich weniger tausendstel Sekunden) gleichgeschaltet. Es wird eine Denkleistung erbracht.
Danach kann dieses Ensemble von Nervenzellen wieder auseinander fallen. Die Zellen stehen somit wieder für andere Aufgaben zur Verfügung und können sich anders verschalten. Ein denkendes, also arbeitendes Gehirn verändert ständig die Struktur seiner Netzwerke, reorganisiert und erweitert sie unablässig. Schnelle Veränderungen der Übertragungsstärke an den Synapsen sind entscheidend dafür, dass wir die in den Signalmustern repräsentierten Konzepte miteinander kombinieren können. Aus den ungezählten und immer neuen mentalen Inhalten kristallisieren sich die Gedanken heraus.
Wenn unser Gehirn über etwas „nachdenkt“, sind viele Großhirnregionen aktiv. Es laufen viele parallele und gleichzeitige Prozesse ab. Daten werden erfasst, mit Erfahrungen und Gefühlen verknüpft und die Situation bewertet. Dabei bestimmt nicht nur die Quantität der Synapsen, sondern vor allem ihre Qualität im Netzwerk die kognitiven Kapazitäten. Die Feinabstimmung der Neuronennetze ermöglicht es erst, Signale adäquat zu verarbeiten. Ihre Konfigurationen sind auf maximale Effizienz zugeschnitten: schnellstmögliche Informationsverarbeitung bei minimalem Aufwand.
Manche Gehirn arbeiten effizienter als andere, sie haben schnellere und zum Teil auch komplexere Verbindungen – ihre Besitzer sind kognitiv besonders leistungsfähig. Tatsächlich haben intelligente Menschen eine fokussiertere Hirnaktivität als weniger intelligente, wenn sie eine schwierige Aufgabe lösen müssen. Zudem verbraucht ihr Denkorgan weniger Energie. Der Unterschied zwischen Genie und „Normalo“ liegt also in der neuronalen Verknüpfung, nicht in der Größe einzelner Hirnteile.
Die kurzfristige Modulation von neuronalen Kontakten im präfrontalen Kortex, dem vorderen Teil des Stirnhirns, ist die Grundlage des Denkens. Das Areal steht mit anderen Teilen des Gehirns, auch tiefer sitzenden Strukturen, in Verbindung und mischt auch bei vielen anderen kognitiven Prozessen mit. Die meisten Nervenbahnen bilden Rückkopplungsschleifen. Die Schleifen innerhalb der neuronalen Netzwerke, in denen die Aktivität zirkulieren kann, sind notwendig, um die neuronalen Aktivitätsmuster – etwa für die Dauer eines Gedankens (oder einer Handlung) – für längere Zeit aufrechtzuerhalten. So können mentale Vorgänge im Gehirn als „autonome zentrale Prozesse“ unabhängig von äußeren Reizen ablaufen: die Grundlage von Kognition.
Informationsverarbeitung
In der Regel ist Denken – also das Sich-Befassen mit inneren Bildern – ein bewusster geistiger Vorgang, der sich auf äußere, seltener auch auf innere Gegenstände, insbesondere auf zukünftige eigene Handlungen bezieht. Wir führen uns diese vor Augen, denken über Alternativen nach und setzen sie in umfassende Handlungsstränge ein. Sogar ohne äußeren Anlass können wir uns vollkommen neue Szenarien vorzustellen, um aus solchen mentalen Übungen rationale Schlüsse zu ziehen.
Im Alltag, beim alltäglichen Nachdenken und Schlussfolgern, scheinen wir aber explizit und bewusst logische Prinzipien kaum anzuwenden. Korrektes logisches Schlussfolgern geschieht oft so schnell und unbewusst, dass wir es selbst gar nicht bemerken, z. B. das Benutzen grammatikalischer Regeln. Kognitive Vorgänge sind also nicht unbedingt Resultate eines autonomen, rationalen Bewusstseins. Der Psychologe Daniel Kahnemann unterscheidet zwei Arten des Denkens: das bewusste und anstrengende Überlegen (langsam) und eines, das fortwährend Eindrücke, Gefühle, Intuitionen und Absichten erzeugt (schnell). Letztere arbeitet meist, ohne dass wir und dessen bewusst sind.
Erste Bewertungen einer Situation werden durch unser Vorwissen, unsere früher gesammelten Erfahrungen, und unsere Gefühle bereits erzeugt oder abgerufen, bevor die Information ins Großhirn, wo die kognitive Verarbeitung stattfindet, gelangen. Nach dem Konzept der „Affektlogik“ sind Fühlen und Denken, Emotionen und kognitive Vorgänge, Affekte und Logik, untrennbar miteinander verknüpft. Luc Ciompi spricht von dem Wechselspiel eines qualifizierenden Fühlsystems und eines quantifizierend-abstrakten Denksystems, das sich im Laufe der Evolution bis zum heutigen Menschen enorm verfeinert hat (1993). Durch die Erfahrungen, die im Laufe des Lebens gemacht werden, verbinden sich Fühl- und Denksystem „zu funktionell integrierten affektiv-kognitiven Bezugssystemen“. In ihrer Kombination bilden diese ein hochdifferenziertes Gesamtsystem zur Bewältigung der Alltagswirklichkeit.
In den allermeisten Lebenssituationen wissen wir viel zu wenig, um uns wirklich zuverlässig und logisch konsistent entscheiden zu können. Bei dürftiger Informationslage oder in komplexen Situationen versuchen wir daher zunächst, ein Problem oder eine Aufgabe mit minimalem Aufwand zu lösen, d. h. mit gewohnten Denk- und Verhaltensmustern („Anker-Effekt„). Automatismen erleichtern das Alltagsleben. Und wir kombinieren Eindrücke, die zusammenzupassen scheinen, zu einem einigermaßen plausibel wirkenden Bild, wobei wir dazu neigen, Wissenslücken durch Inhalte und Gedanken zu ergänzen, die uns gerade durch den Kopf gehen.
Dabei zeichnet sich unser Denken eher darin aus, logische Regeln öfter mal zu ignorieren. Der Sinn dieser Tendenz, zunächst nach anschaulicher Plausibilität und Stimmigkeit und erst in zweiter Linie – wenn überhaupt – nach strenger logischer Konsistenz zu suchen, scheint auf den ersten Blick schwer verständlich. Jedoch scheint es durchaus vorstellbar, dass die intuitive, anschauliche Strategie die i. A. praktisch bestmögliche für uns ist, wenn wir uns sehr schnell aus wenigen Informationen ein Bild machen oder uns rasch entscheiden bzw. urteilen müssen.
Dass solche kognitiven Verzerrungen oft unser Denken prägen, werden wir häufig nicht gewahr. Ja, wir glauben Zusammenhänge und Übereinstimmungen zu erkennen, wo in Wirklichkeit gar keine existieren, einfach nur, weil wir sie erkennen „möchten„. Es könnte sein, dass wir umso primitivere Theorien bevorzugen, je hilfloser und bedrohter wir uns in einer objektiv unverstandenen Situation fühlen. Der Psychologe Dietrich Dörner bringt denn auch die beobachtete Tendenz zu einfachen („billigen“) Erklärungen mit Argumentationsmustern totalitären Denkens in Zusammenhang, die die Welt mit Hilfe von simplen, einprägsamen Vorstellungen erklären wollen.
Ein auf diese Weise erst einmal zusammengedrechseltes Gedankengebäude kann stabiler sein als echtes Wissen. Vor allem bei sich rasch wandelnden Situationen, mit denen wir häufig konfrontiert werden, ist unsere Fähigkeit zu einer Veränderung unserer Denkmuster überfordert. Wir neigen eher dazu, hartnäckig an alten Mustern festzuhalten und sogar neue Informationen zu verdrehen, um sie in diese Schemata einzupassen, als dass wir bereit wären, unsere Denkweise zu ändern. Offensichtlich fällt es uns schwer, einmal geglaubte und „verstandene“ Erklärungen grundsätzlich in Frage zu stellen und so der damit verbundenen geistigen Unsicherheit auszusetzen.
Allerdings sind wir dem natürlich nicht vollkommen hilflos ausgeliefert: Schon das Wissen, dass unsere schnellen Überzeugungen und langsamen Vorurteile, dass Konformitätsdruck, Fixierungen, die sog. Ankereffekte und andere Phänomene Urteilsqualität und Fantasie beeinträchtigen, kann uns helfen, das Denkhindernis im Bedarfsfall zu erkennen. Trotzdem bleibt ein unheimliches Gefühl, dass unser Denken immer vorläufig und höchst irrtumsanfällig ist.
Intuition
Die inneren Modelle („Karten„) helfen uns grundsätzlich, die Umwelt und das Geschehen um uns herum zu verstehen und richtig einzuordnen. Sie werden gefestigt, indem das Gehirn in Ruhezeiten die neuen Informationen immer wieder im Schnelldurchlauf durchspielt. Unser Denkorgan benötigt diesen Ruhezustand (Default-Modus), um auf künftige Aktionen vorbereitet zu sein und auf äußere Ereignisse (z. b. einem Perspektivwechsel) abgestimmt und prompt reagieren zu können.
Das Default-Netzwerk wird also dann aktiv, wenn wir die Augen schließen, abschalten und uns entspannen, die Gedanken schweifen lassen oder über uns selbst nachdenken, wenn also nichts unsere Aufmerksamkeit fordert. Es wurde auch bei Tagträumerei, im Schlaf (in frühen Schlafphasen), nach der Gabe von Beruhigungsmitteln und bei komatösen Patienten nachgewiesen. Das Netzwerk gleicht dem „Offline“-Modus eines intelligenten Computers, dem man die Internetverbindung gekappt hat und der in der Zwischenzeit die Daten auf seiner Festplatte sichtet und sortiert. Beschäftigen wir uns mit unserer Umgebung, verstummt das Netzwerk.
Bei kreativen Menschen sind andere Schaltkreise des Default-Mode-Netzwerks beteiligt. Kreatives Denken geht über das Gewohnte hinaus und stellt bekannte Lösungen in Frage. Es kann intuitiv-vorbewusst, aber auch bewusst-rational geschehen (wenn ein konkreter Zweck vorliegt, etwa beim Problemlösen), wobei unsere Fähigkeit hierzu notorisch beschränkt ist. Die Dynamik zwischen Kreativität und Kontrolle ist ein wichtiger Bestandteil unseres Denkens.
Schöpferische Ideen entstehen aber meist nicht im Zustand der engen Fokussierung, sondern dann, wenn man entspannt, analog und bildhaft denkt – am ehesten in Zuständen der Verträumtheit, der Meditation oder beim Übergang vom Schlaf zur Wachheit und umgekehrt. Das Gehirn muss den Weg freimachen und Gedanken und Erinnerungen erst einmal unkontrolliert in viele Richtungen schweifen lassen (weitfokussiertes Denken). Je niedriger der Fokus ist, desto assoziativer und scheinbar konfuser wird der Gedankengang. Logische Regeln, Kontext und Vorwissen werden ignoriert, es wird „um die Ecke gedacht“. Man sagt: Wir denken divergent. Divergentes Denken hat das Ziel, möglichst viele mögliche Lösungen hervorzubringen, auch solche außerhalb der Rationalität. Im Gegensatz dazu zielt konvergentes Denken direkt auf die einzig richtige Lösungsmöglichkeit eines bestimmten Problems ab.
Der Reichtum an Assoziationen wird durch Filterprozesse im Gehirn geregelt, bei denen Nervenüberträgerstoffe wie Dopamin und Serotonin auf mehreren Gehirnebenen eine Rolle spielen. Wie stark, hängt auch von unserer individuellen genetischen Ausstattung ab. Bestimmte Hirnwellen im rechten Schläfenlappen (Alphawellen – zwischen 8 und 13 Hz) unterdrücken dabei gewöhnliche Assoziationen.
Durch übermäßige Assoziationen können Details nicht mehr erfasst werden und eine eventuelle logisch korrekte Antwort überlagern. Wir gelangen zu falschen Schlüssen, obwohl die „richtige“ Antwort im Gehirn verfügbar gewesen wäre. Der Extremzustand sind schließlich Halluzinationen und Träume, bei denen der Mensch den Gedankenbildern völlig ausgeliefert ist. Unter Stress wiederum büßen wir an Ideenreichtum ein. Reizüberflutung wird zum Nachteil, wenn wir auf der Suche nach neuen Ideen sind.
Die meisten Ideen, die uns beim weitfokussierten Denken erscheinen, sind ohne Nutzen und versinken so schnell wie sie aufgetaucht sind. Aber hin und wieder erscheinen in diesen Augenblicken mit der eigenartigen Freiheit des Denkens und der halluzinatorischen Vorstellungstätigkeit durchaus brauchbare, sinnvolle, ja höchst produktive Gedanken. (Im Schlaf werden neu und unbewusst eingegangene Informationen mit schon länger im Gedächtnis gespeichertem Wissen verknüpft, was z. B. zur Lösung eines lange reifenden Problems ganz unvermittelt beitragen kann.)
Dass manchmal ein tiefer Gedanke gewissermaßen fix und fertig in die Vorstellungswelt eindringt, hat viel Ähnlichkeit mit mystischer Erfahrung. Wir haben nicht den Eindruck, die zündende Idee selbst herbeigeführt zu haben, obwohl wir sie durchaus für die eigene Erkenntnis halten. Diese Vorgänge erinnern auch an die Entstehung großer Musik. Johannes Brahms schrieb: „Komponieren ist ein traumartiger Zustand zwischen Schlafen und Wachen. Ich bin bei Bewusstsein, aber hart an der Grenze, das Bewusstsein zu verlieren. In solchen Augenblicken strömen die inspirierenden Ideen in mich ein.“ Es denkt in uns – so könnte man die Erkenntnis zusammenfassen.
Sprache und Denken
Rene Descartes (1596-16509) erhob die menschliche Sprache zum einzigen Kriterium für Denken: „Eine solche Sprache nämlich ist das einzige sichere Indiz dafür, dass hinter der Fassade des Körpers ein Denken verborgen ist, …“ Über das Verhältnis von Sprache und Denken ist vielfach gedacht und diskutiert worden. Formt Sprache das Denken oder Denken die Sprache – oder ist beides unabhängig voneinander? Man kann es sich einfach machen und das Denken definitorisch an die Sprache binden, z. B. Denken als „inneres Sprechen„, wie es auch der antike Philosoph Platon (428-348 v. Chr.) tat: Denken als „inneres Gespräch der Seele mit sich selbst“.
Nach der berühmten Sapir-Whorf-Hypothese, auch linguistisches Relativitätsprinzip genannt, können wir das, wofür wir keine Worte haben, auch nicht denken. Es gibt experimentelle Hinweise, dass auch beim reinen Nachdenken, also beim „stillen Sprechen“, alle Ebenen der Wortproduktion benutzt werden, bis hin zur Silbentrennung und einer leichten Aktivierung der motorischen Zentren. Ein Netzwerk im Gehirn weist auf eine enge Verbindung von Denken und Sprache hin.
Es gibt zwei Einwände gegen die These, Denken sei sprachabhängig: Erstens ist es unbestreitbar, dass wir Sprache auch erwerben müssen. Man kann einen sprachlichen Ausdruck nicht erlernen, wenn man den zugehörigen Gedanken noch gar nicht denken kann. Der zweite generelle Einwand beruht darauf, dass man bei nichtsprachlichen Wesen wie Tieren und Kleinkindern inzwischen ein sehr weites Spektrum an kognitiven Fähigkeiten kennt, die sich nicht grundlegend von denen erwachsener Menschen unterscheiden. Die geistige Vorstellung (Repräsentation) von Situationen und äußeren Gegebenheiten, die Verfügung über Erinnerungen und das Vermögen, zukünftige Situationen vorausahnen zu können – Voraussetzung für elementares Denken – ist unabhängig vom Vorhandensein und vom Gebrauch einer Wortsprache.
Unsere Alltagserfahrung liefert uns genügend Beispiele, die diese Vermutung stützen. So zeigt etwa das gelegentliche Ringen um Worte für einen Gedanken, der klar vor dem geistigen Auge steht, das Denken nicht generell an Sprache oder sprachähnliche Konstruktionen gebunden sein kann. Viele Dinge erfassen wir gedanklich, können sie aber nicht gut versprachlichen, denken wie an geometrische oder räumliche Beziehungen, Geschmack, Duft usw.
In vielen Fällen basiert unser Denken also auf nichtsprachlichen Prozessen. „Inneres Sprechen“ könnte dann lediglich eine Begleiterscheinung des Denkens sein, die für es selbst nicht notwendig ist. Möglicherweise stellt Sprache Strukturen bereit, die vorsprachliches Denken allein nicht hervorbringt. Durch die Interaktion mit anderen erhalten meine Gedanken dann ihren begrifflichen Inhalt. Begriffe können aber auch nichtsprachlich sein, etwa konkrete Begriffe wie Blumen, Bäume oder Werkzeuge. Bei abstrakten Begriffen, etwa bei moralischen, philosophischen oder religiösen, erscheint allerdings die Sapir-Whorf-These eher plausibel. Nach einer zentralen Überzeugung fast alle Logiker ist logisches Denken untrennbar an Sprache gebunden ist. Manche Denkprozesse sind also wohl tatsächlich ohne Sprache undenkbar.
Es kann zumindest kein Zweifel daran bestehen, dass die Existenz eines extrem variablen Kommunikationssystems, wie es die menschliche Sprache darstellt, den Vollzug geistiger Prozesse, etwa im Bereich der Vorstellung und des begrifflichen Denkens, außerordentlich erleichtert. Sprache ist ein enorm wichtiges Instrument, um das Denken zu schärfen und viel effektiver zu machen und ermöglicht uns wesentlich kompliziertere Planungen. Der Philosoph und Physiker Gerhard Vollmer bezeichnet Sprache auch als „Denkzeug„: Wie ein Werkzeug uns hilft, etwas zu bewirken, so hilft uns „Denkzeug“ eben beim Denken. Das können Begriffe und Symbole sein, aber auch Analogien, Bilder oder Perspektivwechsel.
Demnach existieren Denken und Sprache zwar unabhängig voneinander, können sich aber wechselseitig beeinflussen. So prägen Grammatik und Wortschatz bekanntlicherweise unser Denken und unsere Vorstellungen. Beim Denken spielen verschiedene Leistungen zusammen, die eng verbunden sind: Intuition und Wissen, Wissen und Denken, Denken und Sprache. Wir denken mal sprachlich, mal räumlich, mal bildhaft oder musikalisch, wir denken in Formeln und Farben, in Vergleichen und Metaphern, analytisch und intuitiv, wir versetzen uns denkend in andere hinein, blicken in die Zukunft oder stellen uns eine Welt vor, die es nicht gibt. Denken ist kein einheitlicher Prozess.
[Seit einigen Jahren gibt es einen neuen Ansatz: Embodiment oder „verkörpertes Denken“ heißt die Forschungsrichtung, die untersucht, wie kognitive Leistungen durch den Körper und seine Interaktion mit der Umwelt beeinflusst werde. Die Ergebnisse belegen, dass Denken, Wahrnehmen und Motorik (Handeln) miteinander verknüpft sind. Menschliche Gedanken, auch solche über abstrakte Ideen und Konzepte, wurzeln demnach in konkreten körperlichen Erfahrungen.
Körperliche Prozesse prägen unser Denken von klein auf. Wir erlangen Wissen durch Erfahrungen, die wir in Interaktionen mit der Umwelt machen. Zum Beispiel haben wir durch unsere Fähigkeit zu sehen, zu hören und uns zu bewegen, eine räumliche Vorstellung – und diese wirkt sich auf unser Denken aus. So assoziieren wir Glück mit oben und Trauer mit unten. Die Beispiele zeigen also, dass Sinneserfahrungen und Bewegung einen Einfluss auf das Denken haben
Probanden im Hirnscanner aktivieren etwa auch dann Bewegungsareale des motorischen Kortex, wenn sie an Begriffe wie „gehen“ oder „stolpern“ denken. Ausholende Armschwünge fördern in Experimenten kreative Ideen. Oftmals sind unsere Wahrnehmungen und Bewegungen so flüchtig, dass wir ihre Auswirkungen auf unser Denken und Sprechen gar nicht bemerken. Selbst einfache Sinnesreize wie das Gewicht einer Schreibunterlage oder der Eindruck räumlicher Weite beeinflussen kognitive Prozesse.]
REM
