Religionen sind heute universelle Bestandteile menschlicher Kulturen. Sie umfassen die Gesamtheit der übernatürlichen Vorstellungen und manifestieren sich in einer gemeinschaftlich tradierten Form des Verhaltens. Als Vorläufer der Naturwissenschaft versuchen sie, Naturerscheinungen zu erklären und Fragen nach der Herkunft des Kosmos und des Menschen zu beantworten. Meist gehört der Glaube an eine oder mehrere außer- und übernatürlicher Mächte – Ahnen, Geister, Götter – und irgendeine Form des Weiterlebens nach dem Tod dazu.
Offenbar kommt keine Gesellschaft und Kultur ohne Religion aus. Diese soll Orientierung schaffen, Sinn vermitteln und Trost spenden und menschliche Bedürfnisse in sozialverträgliche Bahnen lenken. Religionen versuchen eine Gesamtdeutung der Wirklichkeit zu geben und das scheinbar Sinnlose des individuellen Schicksals – die vielen Facetten von Pech, Unfreiheit, Ungerechtigkeit, Krankheit, Tod oder, um mit Albert Camus zu sprechen, die Absurdität im Leben und des Lebens selbst – einzubetten in etwas, was Sinn ist. Eine mögliche Sinnlosigkeit der Welt und unserer Existenz halten wir offensichtlich nicht aus. Insbesondere die Unkontrollierbarkeit und dass es uns einmal nicht mehr geben wird, jagt uns Angst ein.
Die frühgeschichtlichen Totenkulte legen die Vermutung nahe, dass die Vision vom Weiterleben nach dem Tod etwas Urmenschliches ist, etwas, das tief in uns sitzt – wie etwa der Fortpflanzungs- oder Selbsterhaltungstrieb – und unlösbar zum Menschsein dazu gehört. „Unser Unterbewusstsein glaubt nicht an den eigenen Tod“, meinte Sigmund Freud, „es gebärdet sich unsterblich.“ Kinder glauben intuitiv an ein Fortbestehen nach dem Tod und eine übernatürliche Instanz. Durch den Glauben an ein ewiges Leben lässt sich das existenzielle Dilemma der menschlichen Situation, die Angst, irgendwann nicht mehr auf der Welt zu sein, überwinden.
Eine jenseitige Realität kann die Phänomene der Welt angesichts einer absoluten Grenze unserer Erkenntnis in einer größtmöglichen Weise widerspruchsfrei und harmonisch vernetzen. Religionen liefern den Menschen so ein Mindestmaß an Gewissheit und erleichtern ihnen die unangenehme Gedanken an die eigene Sterblichkeit. Das Gefühl, nicht allein gelassen zu sein mit den Ängsten und Nöten des Lebens, gibt ihnen Kraft und Stütze und ein Gefühl der Kontrolle, insbesondere über Dinge, die sie beunruhigen. Werden in einer Kultur spezielle Glaubensvorstellungen wie das Leben nach dem Tod von vielen geteilt, verstärkt sich die beruhigende Wirkung auf den Einzelnen. Gläubige haben allgemein weniger Furcht vor dem Tod, leben unbeschwerter und bewältigen kritische Lebenssituationen häufig besser. Ähnlich positive Effekte ergeben Studien zur psychologischen Wirkung von bewusst gelebter Spiritualität.
Mit dem Glauben an Kräfte, die jenseits des unmittelbaren Zugriffs des Menschen liegen, werden weltliche Verhaltensregeln verbunden. So entsteht eine transzendent begründete Ordnung aus Ge- und Verboten, die das individuelle und soziale Verhalten leiten. Sie bildet die Basis, um „nicht verwandten Individuen ein Zusammenleben ohne Mord und Totschlag zu ermöglichen“. Gemeinsame Glaubensüberzeugungen stärken auch das Vertrauen und die Kooperation in der Gruppe. Religiöse Rituale bürgen für die Loyalität gegenüber der Gemeinschaft und fördern damit deren Stabilität. Schon in der Vorzeit stärkte die Entstehung der „religio„, der Bindung an höhere Wesen, den Zusammenhalt von Gruppen, die sich für die Jagd und Nachwuchspflege zusammenschlossen und so anderen Gruppen überlegen waren.
Leider hat diese Solidarität auch ihre Schattenseiten. In besonders engen Religionsgemeinschaften nehmen nicht nur Vertrauen und Kooperation zu, sondern genauso Abgrenzung gegenüber Andersgläubigen und Atheisten, die Ablehnung von Toleranz und teilweise sogar die Bereitschaft und Rechtfertigung, eigene Interessen gewaltsam durchzusetzen. Auch extremistische und kriminelle Gemeinschaften nutzen religiöse Lehren und Rituale, um den inneren Zusammenhalt gegen ihre Außenwelt zu stärken.
Religionen können zugleich auch Herrschaftsinstrumente sein, um bestehende Machtverhältnisse zu rechtfertigen und zu stabilisieren. Sogar als „Opium des Volkes“ (Marx) oder – von den jeweiligen Machthabern gezielt gefördert – als „Opium für das Volk“ (Lenin) wurden sie charakterisiert. Religion hat also zwar manches Gute in der Welt bewirkt, als Lebenshilfe für die Menschen oder sogar Überlebenshilfe für Völker, aber sie hat auch ein enorm destruktives Potenzial, indem sie guten Menschen erlaubt, Böses zu tun.
Religiöse Erfahrungen
Statistischen Daten zufolge sind heute über 80% der Menschen in der Welt in gewissem Sinne religiös. Religiöse und spirituelle Erfahrungen gehören zu unserem grundlegenden Erbe, über das jeder Mensch verfügt, auch der Atheist. Nach bestätigten Berechnungen liegt der Anteil der Gene, die die Basis für solche Erfahrungen bilden, bei ungefähr 48%. Daher sprechen manche Forscher von Begabung, denn es gibt Hinweise, dass spirituelle Erfahrungen ebenso wie Sprache, Musik oder Kunst in grundlegenden Hirnfunktionen wurzeln. Neben den genetischen Randbedingungen spielen auch die Lebensumstände, die sozialen und psychischen Bedingungen (vor allem Elternhaus und Gesellschaft bzw. Kultur) dafür eine große Rolle, bei welchen Individuen sich spirituelle und religiöse Tendenzen ausprägen und bei welchen eher nicht.
An spirituellen und religiösen Erlebnissen, Einstellungen und Werturteilen sind zahlreiche Hirnregionen beteiligt. Es sind im Grunde dieselben bekannten neuronalen Verarbeitungswege wie im normalen zwischenmenschlichen Bereich, bei der emotionalen Verarbeitung und dem abstrakten Denken und Vorstellungsvermögen. Das Resultat der speziellen Aktivierung dieser verschiedenen Systeme ergebe schließlich das Phänomen Religion. Auch manche psychiatrischen Störungen gehen mit quasireligiösen Empfindungen einher. Neurotheologen gehen sogar so weit zu behaupten, dass Menschen mit einschneidenden religiösen Erlebnissen größtenteils Epileptiker gewesen seien. Zumindest ereigneten sich ihre Erleuchtungserlebnisse wie epileptische Anfälle.
Fast alle Religionen basieren auf der individuellen spirituellen Erfahrung einer oder mehrerer Personen. Spiritualität ist immer eine individuelle Angelegenheit, Religion dagegen immer eine kollektive. Ein spiritueller Mensch ist immer auf der Suche nach Antworten und Fragen und offen für unterschiedliche Traditionen. So kann Spiritualität auch „esoterisch“ und „atheistisch“ sein. Ein religiöser Mensch hingegen braucht diese Suche nicht mehr, da Religionen bereits erstellte Antworten haben. Manche Menschen sind sehr spirituell, aber nicht religiös, andere dagegen strenggläubig und fest in einer religiösen Gemeinschaft verwurzelt, ohne jemals intensive spirituelle Erfahrungen gemacht zu haben. Oft ergänzen oder bestärken sich beide Aspekte. Religionsgeschichtlich haben sich dezidiert religiöse und spirituelle Traditionen oft miteinander verbunden, beispielsweise im Islam, der schon früh mystische Elemente in sich aufnahm.
Angehörige aller spirituellen Traditionen bezeugen, dass sich bei einem mystischen Erlebnis, also einer Erfahrung jenseits des rationalen Begreifens, das Selbst subjektiv auflöst und zu einer starken Verbundenheit mit der Natur, dem ganzen Universum, einer übergeordneten Wesenheit oder übernatürlichen Energie führt. In ihrer mystischen Qualität und in ihren Auswirkungen gleichen auch Nahtoderlebnisse durchaus mystisch-religiösen Erfahrungen. Für die meisten, die ein solches Erlebnis hatten, gibt es danach keinen Zweifel mehr an der Existenz Gottes und dem Weiterleben nach dem Tod.
Spirituelle Erlebnisse können erzeugt werden mit Hilfe von Trance, Meditation oder Gebet. Indigene Kulturen in Lateinamerika verwenden bis in die heutige Zeit psychoaktive Pflanzen von Meskalin bis Ayahuasca für ihre spiritistische Reise. Auch durch künstliche Drogen und Psychopharmaka oder Hypnose können solche Erfahrungen, die auch Skeptiker und Atheisten haben können, erzeugt werden. Die spirituelle oder religiöse Deutung der Empfindungen hängt also vom biografischen und kulturellen Kontext ab.
Sobald spirituelle Erfahrungen und der Weg dazu in ein moralisches Regel- und Verhaltenswerk gepresst werden, hat man eine Religion erschaffen. Im modernen Sprachgebrauch verbinden wir daher Religion meist mit kirchlichen Institutionen, festen Glaubenssätzen (Dogmen), Moralvorschriften und Riten, Heilsgeschichten und bestimmten theoretischen Vorstellungen, etwa einem Gottesbild. Man kann also kurz zusammengefasst sagen, Religion ist meistens eine dogmatisierte und standardisierte Form einer spirituellen Erfahrung.
Religions-Geschichte
Der frühe Mensch erlebte die Natur als voller Macht und Geheimnisse. Die existenzielle Angst vor den unerklärlichen Phänomenen des Lebens und das erschreckende Wissen um die eigene Sterblichkeit ließen die Konstrukte metaphysischer Gewalten und übernatürlicher Welten entstehen. Die verzerrte Wahrnehmung der Realität erklärte die unverständlichen Phänomene und erfüllte das Bedürfnis des Menschen nach Geborgenheit. Vielleicht finden wir eines Tages Belege dafür, dass zur Zeit unserer Vorfahren die Fähigkeit zu religiösem Denken das Überleben förderte.
Die Menschen der Vorzeit betrachteten ihre gesamte Umwelt als beseelt: Tiere und Pflanzen, Bäume, Berge, eine wasserspendende Quelle, vielleicht sogar der Fels, der den Feuerstein für Äxte, Messer und Pfeilspitzen lieferte. (Auch kleine Kinder übertragen mentale Zustände auf nichtmenschliche Lebewesen, Gegenstände und Fantasiegebilde.) Bestimmte Plätze wurden von Geistern oder verstorbenen Ahnen bewohnt und Blitze als Handlungsfolge göttlicher Absichten erkannt. Die unverständlichen und unkontrollierten Phänomene, die oft bedrückend, entmutigend oder bedrohend wirkten, schienen eine Bedeutung für das menschliche Schicksal zu haben – sie wurden als Vorzeichen, Warnung oder Ansporn wahrgenommen.
Der Mensch versuchte, die Naturgewalten, die seine Existenz bestimmten und bedrohten, zu respektieren und seine Furcht und Verunsicherung in der Form der Erzählung zu bewältigen. Der Mythos ist die archaische Form des Nachdenkens über den Weg, der aus dem Chaos zur Ordnung führt. In allen Kulturen wurde die Welt zunächst in Mythen, die unter dem Strich alle ähnlich aufgebaut sind, interpretiert. Nach dem indischen Gelehrten Ananda Coomaraswamy stellen sie die größte Annäherung an die absolute Wahrheit dar, die auf begrifflicher Ebene möglich ist. In den mythischen Glaubensvorstellungen bündeln sich gewonnene Erfahrungen aus jahrhunderte- und jahrtausendelangen Wechselwirkungen mit der Natur und geben ihnen einen Sinn. Sie vermitteln aber nicht nur Wissen, sondern liefern, zumindest implizit, auch Verhaltensweisen und leiten so zum richtigen Handeln an.
Das übermächtige Tier, das die Sicherheit aller bedrohte, musste durch Rituale besänftigt, mit dem geopferten Futter versorgt und gesättigt werden. Als die tierischen Feinde bezwungen oder dezimiert waren, entstanden daraus, quasi als Ersatz, die religiösen Riten. Es sind festgeschriebene Handlungsfolgen, die für bestimmte Werte stehen und starke Emotionen, gemeinsame Bilder und Erinnerungen hervorrufen. Sie dienten zur Abweisung des Bösen und sollten helfen, den Druck und die Bedrohung der Existenz erträglich zu machen. Sie waren aber auch wichtig beim Übergang zu anderen Lebensabschnitten.
Die Entwicklung eines Systems magisch-religiöser Ideen brachte schließlich Spezialisten hervor, die für die Ausübung der Riten zuständig waren: Schamanen. Der Schamanismus, ein System aus Glauben, Darstellungen und Riten, geht signifikant mit einer nichtagrarischen Lebensweise und einer geringen politischen Komplexität einher. Das klassische Beispiel sind Jäger-Sammler-Gruppen. Schamanen sind die Mittler zwischen der sichtbaren und unsichtbaren Welt, also der Sinneswelt und der Welt der Geister. Mit Hilfe von Drogen, Tanz und Musik reisten sie schon in der Altsteinzeit ins „Jenseits“ oder zogen Geister zu Rate, wenn es Probleme in der Gemeinschaft, z. B. kein Wild mehr, gab.
Religion in der Jungsteinzeit
Während es vor dem Neolithikum nur die schamanischen Formen der Religion gab, entstanden mit der Jungsteinzeit in den entstehenden Agrargemeinschaften Religionen, die auf einer Glaubenslehre basierten und mit exakt festgelegten Ritualen verbunden waren. Für die Menschen in dieser Kulturen gewannen plötzlich Fragen an Bedeutung, die sich zuvor nie gestellt hatten, etwa nach den Ursachen für Regen, Trockenheit und vernichtende Gewitter, nach der Entwicklung des Wetters und nach dem besten Zeitpunkt für die Aussaat.
Alle Naturereignisse wurden als absichtliche Aktionen personaler Mächte, der Götter (wie Regengötter, Wolkengötter usw.), interpretiert und deren Schicksalskraft in Erzählungen veranschaulicht. Ihre Mythen halfen, die Entstehung der Erde, Wachstum, Leben und Tod zu begreifen. In den entstehenden Hochkulturen entwickelten sich zunehmend anthropomorphe Gottesvorstellungen, d. h., die Götter hatten körperliche und geistige Eigenschaften wie die Menschen. (Daneben existierten aber auch weiterhin theriomorphe, also tiergestaltige Götterkonzeptionen.) Der irdische Alltag mit immer größeren Gemeinschaften und immer stärker ausdifferenzierter Arbeitsteilung wurde auf die himmlischen Verhältnisse übertragen. Im Pantheon wirkten bald Götter für jeden Zweck, die dann systematisch verbunden und zueinander in ein Verhältnis von Über- und Unterordnung gestellt wurden.
Die Götter waren ausgestattet mit übernatürlichen Kräften und der Macht der Unsterblichkeit, waren aber nicht im strengen Sinne allmächtig: Jeder Machtbereich eines Gottes wurde durch die Machtbereiche anderer Götter begrenzt. Doch im Gegensatz zu Geistern, die Gesetzen unterliegen, so dass der Mensch sie bezwingen konnte, waren die Götter völlig frei in ihrem Handeln. Sie griffen in den Lauf des menschlichen und gesellschaftlichen Lebens ein. Sie kümmerten sich und sorgten für Gerechtigkeit, wenn man sich ihren Ge- und Verboten unterwarf. Sie straften Fehlverhalten mit Krankheit oder wirtschaftlicher Not, Wohlverhalten hingegen galt als Garant für göttlichen Schutz und ein gutes Leben.
So verstand sich der Mensch als von den Göttern abhängig und konnte sich ihnen nur bittend zuwenden. Das tägliche Leben war durch Zeremonien einem strengen Reglement unterworfen, dessen Befolgung streng überwacht wurde. Komplizierte Riten, etwa zur Beschwörung guter Ernten, vertieften die Verbindung zwischen den Menschen oder schufen sie in den großen Siedlungen erst. Wie später Gesetzeswerke stifteten Zeremonien und Rituale soziale Bindungen und lösten Konflikte. Der Glaube an die übernatürlichen Moralhüter begünstigte regelkonformes Verhalten und trug zur dauerhaften Stabilisierung einer Gemeinschaft bei. Auf diese Weise konnten die Menschen in großen Gruppen interagieren statt nur, wie zuvor, mit ihren Familienmitgliedern, weiteren Verwandten und einigen Verbündeten.
Religiöse Überzeugungen fördern die Bereitschaft von Individuen, sich bestimmte sozialen Normen zu unterwerfen. Sie funktionieren deshalb so gut als sozialer Kitt, weil sich die Menschen der Sache selbst verpflichten. Diese Verpflichtung signalisiert die Bereitschaft, die jeweilige Gruppennorm zu übernehmen, und dies aus keinem anderen Grund, als dass sie eben die Gruppennorm ist. Das rechtfertigt und stützt die etablierte Ordnung.
Durch die gesellschaftliche Auffächerung der Gesellschaft kam es in aller Regel auch zur Entstehung von „religiösen Spezialisten„. Das Prinzip ist einfach: Wer es versteht, den Eindruck zu erwecken, einen besonders „guten Draht“ zu Gott zu besitzen (z. B. durch Zeichendeutung oder astronomisches Wissen), der kann allein dadurch seine Stellung innerhalb der menschlichen Hierarchie aufbessern und es den Stammesmitgliedern erleichtern, ihn als Oberhaupt zu akzeptieren. Als Auserwählter (Priester) vermittelte er zwischen den Menschen und den Göttern, indem er Rituale und Gottesdienst vollzog. Später wurden weltliche Herrscher zu den eigentlichen Kultpersonen, die von den jeweiligen Priestern nur vertreten wurden. In vielen frühen Religionen verehrte man sie sogar selbst als Götter oder deren Nachfahren, oder sie wurden zumindest als von Gott eingesetzt betrachtet.
Es war ein langer Weg: vom Glauben der Jäger und Sammler, die Natur sei beseelt, über die Sorge um das Schicksal der Toten zur sesshaften Lebensweise der Ackerbauern mit ihren vielen Gottheiten, die nun nach Überzeugung der Menschen den Rhythmus der Ernten und Jahreszeiten ebenso regulierten wie das Zusammenleben in den neuen Siedlungen. In den Gesellschaften der Hochkulturen kam es zur Bildung einer Expertenkaste, die Rituale festschrieb, und zur Idee des Gottkönigs, der seine Macht aus überirdischen Quellen schöpfte. Und schließlich kam es zum Erscheinen des einen, alles beherrschenden Gottes, der Gesetze stiftet und unbedingte Gefolgschaft fordert.
Bedeutung der Religion heute
Überblickt man insgesamt die uns greifbaren 5000 Jahre Religionsgeschichte bis heute, so lassen sich einige Trends feststellen: – das rasante Schwinden von sog. Stammesreligionen, – der Rückgang von Religionssystemen, die ausschließlich mit einer politisch definierten Gesellschaft verbunden sind, – die Ausbreitung der sog. Weltreligionen, – das Entstehen von Mischreligionen, die unter und neben den Weltreligionen regional existieren.
Der Glaube ist heute zunehmend zu einer Patchwork-Religiosität geworden. Man nimmt sich von hier und von dort etwas; Volksglaube verbündet sich, halb spielerisch, halb ernst, mit Fundstücken aus den Weltreligionen. Religionen sind verfügbar geworden und jeder sucht sich seine eigene Privatreligion. Infolge der fortschreitenden Säkularisierung zieht sich die Religion allgemein immer mehr aus den tangierenden Bereichen wie Politik, Wissenschaft und Kultur zurück. Selbst die Bereiche der Moral und der Werte haben sich von der Religion gelöst und beurteilen sie nun ihrerseits. Der Theologe Niklas Luhmann glaubt, dass die Religion dadurch überhaupt erst zu sich selbst findet. Religiöse Erfahrungen sei etwas ganz Persönliches. Einen Bedeutungsverlust erlebe lediglich die institutionalisierte Religiosität.
Die insgesamt etwa 100 000 Religionen der Welt sind ein klares Indiz dafür, dass der Mensch das Bedürfnis hat, an etwas zu glauben. Auf der Suche nach einem Sinn, nach Trost, nach Heil und Orientierung, erscheinen die spirituellen Wege oft vielversprechender als die logisch-rationalen. Riten und Zeremonien, die oft an uralte überlieferte Traditionen und Regeln knüpfen, befriedigen das menschliche Bedürfnis nach emotionalem und mystischem Erleben. Religion schafft Gemeinschaft und stärkt die eigene religiöse und kulturelle Identität.
Religion stellt immer noch für viele eine Orientierungshilfe dar, um das Leben bewältigen zu können, ohne darüber zu verzweifeln. Sie kann Ängste nehmen und Geborgenheit vermitteln, die Hoffnung bestärken und seelische Stabilität verleihen. Vor allem in Notzeiten – Not, Armut, Angst, Trauer – neigen wir offenbar zu religiösem Glauben. In schwierigen und gefährlichen Situationen beginnen die Menschen häufig zu beten – selbst, wenn sie nicht besonders gläubig sind. (Erwiesenermaßen können Gebete Stress reduzieren.) Im Zwiegespräch mit Gott hoffen sie auf konkrete Hilfe, einen Rat oder die Erlösung von Krankheiten und Leid.
Der Kulturwissenschaftler Pascal Boyer vertritt die Ansicht, dass die Menschen sich nie ganz von Göttern und metaphysischen Erklärungen trennen können, egal wie aufgeklärt sie auch sein mögen. Der menschliche Geist sei so strukturiert, dass er aus sich selbst heraus religiöse Ideen erzeugt. Solange unser Gehirn so eingerichtet ist, wie es ist und diese tiefere Wirklichkeit zu spüren vermag, werde Spiritualität die menschliche Existenz prägen und Gott – egal, was wir unter diesem Begriff verstehen – werde nicht verschwinden. Wer fest glaubt, vermag die Differenzen zur Umgebungsrealität oder Paradoxien zu akzeptieren, indem die Glaubensinhalte als außerhalb oder über der aktuellen Realität stehend empfunden werden. Und selbst wer akzeptiert, dass der Glaube nur eine Erfindung ist, die uns täuschen soll, damit wir weiterleben wollen, hindert uns nicht daran, an ihm festzuhalten.
Psychologen haben herausgefunden, dass Glück und Zufriedenheit in hohem Maß mit religiösen und spirituellen Überzeugungen einhergehen. Das Vertrauen in eine höhere Instanz wirkt entlastend und entspannend, beruhigt und gibt Kraft. Das trägt dazu bei, dass religiöse und spirituelle Menschen im Schnitt nachweislich bessere Herz-Kreislauf-Werte und eine höhere Lebenserwartung haben. Wissenschaftliche Studien deuten auch an, dass gottesfürchtige Menschen mit Problemen besser umgehen können und sich von eigenen Fehlern nicht so leicht aus der Ruhe bringen lassen. Allerdings gehen sie, laut psychologischem Befund, weniger gelassen mit Widersprüchen um.
Es lohnt sich auf jeden Fall, an Gott zu glauben, unabhängig von einem Gottesbeweis, meint der Mathematiker Blaise Pascal. Wer darauf setzt, dass ein Gott existiert, wird, falls es zutrifft, entweder nach dem Tod unendlich reich entlohnt. Im anderen Fall, wenn es also keinen Gott gibt, verliert er nicht viel, hat aber vielleicht ein glücklicheres Leben geführt. Religion erweist sich demnach auf Erden nützlich, selbst wenn die Himmel leer wären.
Wissenschaft und Religion
Zum Wahrheitsbeweis berufen sich die Gläubigen auf den von ihnen erdachten oder „erfahrenen“ Gott. Aber schon Aristoteles forderte, dass Wahrheit hinterfragt und mit menschlichen Methoden bewiesen werden müsse. So versucht die Wissenschaft die Fragen nach dem existenziellen „Warum und Wozu“ mit Verstand, Analyse und Experimenten zu beantworten, anstatt, wie die Religion, mit Intuition, emotionaler Intelligenz und Glauben. Nur das ist wahr und wirklich, was sich messen und in mathematischen Gesetzen darstellen lässt.
Religiöse Aussagen lassen sich weder beweisen noch widerlegen. Ihre Wahrheiten haben heute ihren Platz den wissenschaftlichen Erkenntnissen überlassen. „Das Problem der Religionen ist es, dass sie an absoluten Konzepten festhalten“, meint der Philosoph Bernd-Olaf Küppers. Die Quintessenz für Wissenschafts-Gläubige ist die Instanz des Zweifels. Während Wissenschaftler das „Ja, aber…“ als Methode für Erkenntnisfortschritt nutzen, dulden religiöse Gemeinschaften keinen Widerspruch. So werden mit jeder neuen Entdeckung religiös geprägte Vorstellungen ein Stück mehr entzaubert.
Da Religion in der Moderne keinen Gesamtsinn mehr herstellt und für sich auch keine letzten Wahrheiten beanspruchen kann, ist auch ihr normierender Einfluss zurückgegangen. Zwar wird der Religion oft noch eine moralische Motivation zugeschrieben. Weit verbreitet ist die Meinung, dass Ethik ohne Religion nicht möglich sei. Aber auch ohne Religion zu leben beeinträchtigt sicher nicht die Geltung moralischer Normen.
Aus dem Vordringen der Wissenschaft in immer neue Bereiche kann allerdings nicht geschlussfolgert werden, dass der Urgrund des Seins – nach Goethe das, was die Welt zusammenhält – tatsächlich gefunden wird. Immanuel Kant hielt die drei grundlegenden Probleme der Metaphysik (Gott, Freiheit und Unsterblichkeit) nie und nimmer von der Wissenschaft lösbar. Wissenschaftler selbst können mittlerweile sogar erforschen, wo und warum ihr Wissen an Grenzen stößt. So kann z. B. aus rein erkenntnislogischen Gründen die Existenz eines Gottes nicht sicher ausgeschlossen werden, denn eine transzendente Nichtexistenz lässt sich prinzipiell nicht beweisen noch widerlegen.
Agnostiker lassen die Frage der Existenz Gottes oder einer höheren Macht bewusst offen. Sie argumentieren: entweder, es gibt keine starken Argumente pro oder kontra (schwacher Agnostizismus) oder die Frage ist gar nicht rational diskutierbar (starker Agnostizismus).
So gab und gibt es auch für manche Naturwissenschaftler einige einleuchtende Gründe, an einen Gott (was immer man sich auch darunter vorstellt) zu glauben, und dass es hinter allem doch ein höheres, uns für immer verborgen bleibendes Walten steht. Der Psychologe Ernst Pöppel: Ich kann mir die Ordnung der Welt nicht vorstellen, ohne einen dahinter stehenden Geist oder ein dahinter stehendes Wesen – „ich kann das nicht benennen, aber es ist eine Kraft, ein Tun, was dahinter steht, das natürlich selbstverständlich verantwortlich ist für das Ganze“. Auch Einstein dachte bei Gott eher an etwas Abstraktes, einen kosmischen Geist von Ordnung und Harmonie.
Bereits die Vorsokratiker aber deuteten Götter als menschliche Erfindung und betrachteten Gott als einen symbolischen Ausdruck für moralische Ideale. Epikur schrieb in einem mittlerweile verschollenen Werk: „Entweder will Gott das Übel in der Welt aufheben, aber Er kann nicht; oder Er kann, will aber nicht; oder Er will weder, noch kann Er; oder Er will und kann auch. Wenn Er will und nicht kann, ist Er schwach, was mit dem Wesen Gottes nicht vereinbar ist; wenn Er kann und nicht will, ist Er missgünstig, was ebenso mit Gott nicht im Einklang steht; wenn Er weder will noch kann, ist Er sowohl missgünstig wie auch schwach und ist deshalb nicht Gott; wenn Er sowohl will als auch kann, was allein Gott angemessen ist, woher kommen dann die Übel in der Welt? Und warum hebt Er sie nicht auf?“
Für Atheisten sind alle unsere Erkenntnisse über Gott Konstruktionen des menschlichen Geistes (Projektionen) – auf der Suche nach einem letzten/höchsten Sinn in unserem Dasein. Nicht Gott hat den Menschen erschaffen, sondern die Menschen schaffen sich Götter. Die Frage lautet also nicht: „Wer ist Gott?“ Das Problem ist: „Wer ist der Mensch?“
Wir müssen uns jedenfalls damit abfinden, nicht auf alle Fragen Antworten zu finden. Die letzte Beweisbarkeit gibt es nicht. Der Mensch wird weiter mit seinem Glauben an Gott oder daran, dass es keinen Gott gibt, leben müssen. Die Wahrheit wird er nie erfahren. Stephen Hawking: Ich habe es mir zur Regel gemacht, Fragen nach Gott nicht zu beantworten. Wenn ich sage, ich glaube an Gott, glauben die Leute, dass ich Gott sehe wie sie selbst. Und wenn ich sage, ich glaube nicht an Gott, werde ich als Materialist verdammt, ohne geistige Werte. Und beides stimmt nicht.“
REM
