Der Denisova-Mensch – und sein Erbe

In der Denisova-Höhle im sibirischen Altai-Gebirge, 550 Kilometer südöstlich von Novosibirsk, wurde ein 52 000 bis 76 000 Jahre alter Fingerknochen eines etwa siebenjährigen Mädchens gefunden. Das fossile Fingerglied war weniger breit geformt als bei einem Neandertaler und glich eher dem Fingerknochen eines Homo sapiens. Es konnte bald mit einem weiteren Fragment aus der Höhle ergänzt werden. Genomvergleiche ergaben, dass das Mädchen zu einer bis dahin unbekannten Menschenart gehören musste, die man fortan nach dem Fundort als Denisovaner bezeichnet.

Die Höhle liegt rund 27 Meter über einem Fluss und war eine ideale Steinzeitwohnung: Ein zwei Meter hoher und sieben Meter breiter Eingang führt noch heute in einen 33 Meter langen und 11 Meter breiten Höhlenkomplex, der Raum für eine ganze Sippe bot. Inzwischen wurden in der Höhle Reste von weiteren Individuen des Denisova-Menschehn gefunden. Nach den vorliegenden Daten müssen diese Menschen seit mindestens 125 000 Jahren in der sibirischen Höhle gelebt haben – wenn auch mit Unterbrechungen.

Die Forscher haben mittlerweile das vollständige Zellkern-Genom des Denisova-Menschen mithilfe von Sequenzierautomaten und spezieller Software zusammengesetzt. Anhand der genetischen Daten zeigt sich, dass Neandertaler und Denisovaner deutlich näher miteinander verwandt sind als die Denisovaner mit den modernen Menschen. Sie hatten wohl gemeinsame Vorfahren. Wann sich ihre Linien trennten, konnte noch nicht eindeutig bestimmt werden, da die mitochondriale DNA und die Kern-DNA der Denisova-Menschen unterschiedliche Daten für diesen Zeitpunkt liefern. Einer genetischen Berechnung zufolge fand die Trennung irgendwann vor circa 450 000 bis 430 000 Jahren statt, es könnte aber auch schon viel früher gewesen sein – spätestens aber vor 600 000 Jahren. Die Aufspaltung in die beiden Linien geschah möglicherweise im Nahen Osten: Die Vorfahren der Neandertaler gelangten dann nach Europa und Westasien, die der Denisovaner nach Asien.

Interessanterweise haben die Analysen der Proteine eines 800 000 Jahre alten Homo antecessor (aus Nordspanien) Belege dafür geliefert, dass Homo antecessor, Denisovaner, Neandertaler und Homo sapiens enger miteinander verwandt waren. Ihre gemeinsamen Eigenschaften sind also womöglich früh entstanden.

Die Denisova-Menschen bzw. ihre direkten Vorfahren scheinen überaus erfolgreiche Kolonisten gewesen zu sein. Nach der Abtrennung von der Neandertalerlinie dürften sie vom Nahen Osten aus sowohl nach Sibirien als auch nach Indonesien und vielleicht auch weiter nach Melanesien (Ozeanien) gelangt sein. Die Denisova-Höhle im Altai lag demnach nicht im Zentrum, sondern am nördlichen Rand ihres Lebensraums. Das könnte erklären, wieso hier nur spärliche Überreste dieser Menschen gefunden wurden.

Die Denisovaner von Ostasien waren offensichtlich groß und robust gebaut; manche mögen um die 100 Kilogramm gewogen haben. Sie besaßen wohl in der Regel ungewöhnlich große Zähne. Weder die Kronen noch die Wurzeln ähneln denen von Neandertalern oder modernen Menschen. In der Volksrepublik China wurden in den vergangenen Jahrzehnten seltsame 200 000 bis 130 000 Jahre alte Schädel entdeckt. Einige chinesische Paläoanthropologen leiteten sie vom chinesischen Homo erectus ab. Sie zeigen allerdings fortschrittlichere Merkmale und stehen unter dem Verdacht, in Wahrheit Denisovaner zu sein. Auch ein Schädeldach aus dem indischen Bundesstaat Madhya Pradesh, zunächst von seinem indischen Ausgräber als Homo erectus klassifiziert, würde mit seinem Alter von 235 000 Jahren eigentlich besser in die Denisovaner-Zeitspanne passen.

Genanalysen von heutigen Menschen in Neuguinea ergaben, dass die Densiovaner wohl schon vor ungefähr 363 000 oder 283 000 Jahren nach Südostasien gelangten. Bereits relativ bald nach der Abspaltung von der Linie der Neandertaler (wenn man von 450 000 Jahren vor heute ausgeht) mussten sie sich vor rund 350 000 Jahren in mindestens zwei geografisch voneinander getrennte Gruppen aufgespalten haben. Hierzu würden gewisse Unterschiede alten Ursprungs in den besagten DNA-Abschnitten zwischen Melanesiern und den Denisovanern vom Altai-Gebirge passen.

Im tropischen Süd- und Südostasien und in Sibirien scheinen demnach verschiedene Populationen gelebt zu haben, wobei allerdings ihre Zugehörigkeit zur gleichen Menschenform genetisch eindeutig ist. Bei Ostasiaten, etwa Chinesen und Japanern, finden sich Spuren beider Denisova-Gruppen im Erbgut, die jeweils 0,1% davon ausmachen. Südasiaten und Ozeanier besitzen nur Gene von einer einzigen Denisovaner-Gruppe, also keine Spuren der denisovanischen DNA aus der Denisova-Höhle.

Das Erbgut einer in der Mongolei (Salkhit) gefundenen Frau, die hier vor 34 000 Jahren lebte, zeigt nur 1/10 Denisova-Anteil, was an den nur sehr kleinen Denisovaner-Anteil heutiger Ostasiaten erinnert. (Dazu enthält es noch einen Schuss Neandertaler-Erbgut von etwa 1,7%.)

Von den südlichen Denisovanern sind Fossilien extrem spärlich gesät. Außer ein paar vermutlich menschlichen Zähnen kennt man praktisch keine Überreste, die sich ihnen zuordnen lassen. Ihre Gruppe verrät sich allein durch die Einsprengsel in den Genomen heutigen Melanesier und australischer Ureinwohner. Diese weisen durchschnittlich 4% Süd-Denisovaner-DNA auf. Wenn sich beide Denisovaner-Gruppen vor 350 000 Jahren getrennt haben, haben sie sich über einen langen Zeitraum voneinander fortentwickelt. Eine Folge ist möglicherweise, dass sich die Denisovaner des Nordens und des Südens äußerlich so sehr unterschieden wie beide ihrerseits von den Neandertalern. Eine Version des Denisovanergenoms ergab Genvarianten, die mit dunkler Haut, braunen Haaren und braunen Augen einhergehen – was auf heutige Melanesier zutrifft.

Nach Ansicht des britischen Paläoanthropologen Chris Stringer könnte Südostasien die eigentliche Heimat des Denisovamenschen gewesen sein. Zeitweise, wenn die Umweltverhältnisse dies erlaubten, verbreiteten sie sich von dort aus nach Norden, und manchmal sogar bis nach Südsibirien. Sobald die Lebensbedingungen wieder schlechter wurden, zogen sie sich aber wieder zurück oder lokale Populationen starben aus. Generell war Südostasien in der letzten Eiszeit von vor 110 000 bis vor 12 000 Jahren für Menschen ein günstiger Lebensraum. Damals herrschte hier kein dichter Wald vor, sondern eine offene Graslandschaft, und das Klima war kühler und trockener. Weil das Eis der Pole riesige Mengen Wasser band, lag der Meeresspiegel Dutzende Meter tiefer als heute. Die Inseln Sumatra und Borneo gehörten damals zum asiatischen Festland, Neuguinea zu Australien.

Die Denisovaner scheinen sogar die Lombokstraße, eine teife Meerenge mit reißender Strömung, die auch in Kaltzeiten nicht trocken fiel, gequert zu haben. Sie gehört zur „Wallace-Linie„, jener nach dem Mitentdecker der biologischen Evolution Alfred Russel Wallace (1828-1913) benannten tiergeografischen Grenzlinie, jenseits derer die australische Tierwelt mit den Beuteltieren beginnt. Stringer spekuliert, dass die Denisovaner die Wasserstraße bei Naturkatastrophen unabsichtlich überquerten, was im Lauf vieler Jahrtausende wiederholt geschehen sein könnte. Auch nach dem verheerenden Tsunami vom 26. September 2004, der die Küsten rund um den Indischen Ozean heimsuchte, fand man noch eine Woche später Überlebende, die auf Flößen aus Pflanzenmaterial 150 Kilometer weit getrieben waren.

Begegnungen und Vermischungen

In der Denisova-Höhle haben nicht nur Denisovaner gelebt, sondern auch (viel früher schon) Neandertaler – und sogar (später) Homo sapiens -, aber meistens nicht gleichzeitig. Das Altai-Gebirge lag aber wohl im Grenzbereich zwischen den Denisovanern im Osten und den Neandertalern im Westen, wo sich die Linien am ehesten getroffen haben könnten. In jener Zeit streiften oft nur sehr wenige Menschen in recht kleinen Gruppen in den Weiten Europas und Asiens umher, die sich nur selten begegneten. Die Gelegenheiten für intime Beziehungen zu anderen Gruppen und gar zu einer anderen Menschenlinie waren selten. Aber offensichtlich gab es auch schon größere, klimatisch bedingte Wanderungsbewegungen, bei denen die Umherziehenden auf Alteingesessene trafen und nähere Kontakte aufbauten.

Die genetische Information eines in der Denisovahöhle gefundenen Neandertaler-Zehenknochens zeigt jedenfalls mehrere Kreuzungen. Das Fossil stammt von einem vermutlich mindestens 13-jährigen Mädchen, das vor etwa 90 000 Jahren hier lebte und dessen Mutter Neandertalerin und dessen Vater Denisovaner waren. Der Denisovaner-Vater muss selbst (gemäß dem väterlichen Anteil am Erbgut des Mädchens) mindestens einen Neandertaler in seiner Ahnenreihe gehabt zu haben. Die im Allgemeinen deutlichen Unterschiede im Erbgut der beiden Homininenformen sprechen jedoch dafür, dass Begegnungen zwischen ihnen eher selten stattfanden.

Nachdem der frühe Homo sapiens Afrika verlassen hatte, traf er auf seiner weiten Reise in Europa und Asien unweigerlich auf Neandertaler und Denisovaner, die durchaus Konkurrenten gewesen sein können. Aber Kontakte zwischen den verschiedenen Menschenformen ermöglichten wohl auch einen kulturellen Austausch. Vielleicht sorgte gerade die Wechselbeziehung zwischen ihnen für eine gegenseitige kulturelle Bereicherung und löste Innovationen aus. So setzte just in der Zeit, als Homo sapiens in das westeuropäische Siedlungsgebiet des Neandertalers eindrang, eine auffällige Blüte technischer und künstlerischer Kreativität ein.

Gleichzeitig fanden aber auch genetische Vermischungen unserer Vorfahren mit Neandertalern und Denisova-Menschen statt. Je genauer die Fachleute das Erbgut der drei Menschenformen unter die Lupe nehmen, um so gründlicher scheinen sich ihre Linien gekreuzt zu haben. Alle Menschen außerhalb Afrikas tragen heute noch 1,8 bis 2,6% Neandertaler-DNA. Diese Allele (Varianten von Genen) konzentrieren sich dabei vor allem in ganz Eurasien. Aus Denisovaner zurückgehende Allele sind vor allem in Südostasien und Melanesien verbreitet. Nördliche Ostasiaten weisen lediglich 0,2% Denisovaner-Erbgut auf, Melanesier und australische Aborigines dagegen 3% bis 5%. In Afrika und Europa finden sich dagegen keine Sequenzen der Zellkern-DNA von Denisovanern.

Fremde Gensequenzen im Genom der modernen Menschen, von denen sich einige ausgesprochen stark von den ureigenen des Homo sapiens unterscheiden, können trotz ihres geringen Anteils am Erbgut ins Gewicht fallen. Dabei entpuppten sich manche als segensreich, andere als weniger wünschenswert.

Genetiker sprechen von Introgression, wenn z. B. im Genpool einer Menschengruppe Einsprengsel einer älteren Menschenform konserviert sind. Biologen beobachten schon lange im Tier- und Pflanzenbereich, dass bei Kreuzungen einzelne Varianten von Genen vom Genpool der einen Gruppe in den der anderen wandern. Falls diese Allele in der Empfänger-Population zu Überlebens- und Produktivitätsvorteilen führen, werden sie bevorzugt an die Folgegeneration vererbt.

So könnte es sich manches Mal für den vordringenden Homo sapiens in einer völlig neuen Welt als effizienter erwiesen haben, günstige Gene durch Kreuzung mit archaischen Menschen, die sich innerhalb von vielen Jahrtausenden an örtliche Bedingungen angepasst hatten, zu erhalten, als auf Mutationen im eigenen Genpool zu warten.

[Die Neandertalerversion bestimmter Gene schützt heute die Eurasier möglicherweise besser vor Wärmeverlust. Sie bescherte ihnen (vor allem den Asiaten) dichtere Haare und auch eine dickere Haut. Von den Neandertalern haben wir anscheinend auch Gene für die Haut- und Haarfarbe übernommen. (Es gibt Hinweise, dass die Neandertaler hellhäutig und blauäugig waren. Bei begrenzter Übernahme der Gene hätte ein Selektionsvorteil wohl relativ schnell zur Verbreitung der Pigmentarmut geführt.) Nach einer Arbeit von Bruce Lahn (University of Chicago) weist eine Version des Mikrocephalin-Gens einen Haplotyp auf, den moderne Menschen vor 40 000 Jahren von Neandertalern übernommen haben könnten. Dieses Gen bestimmt die Hirngröße mit.

Vor rund 40 000 Jahren gelangte zudem eine Genvariante des Neandertalers ins Erbgut der modernen Menschen, die bis auf den heutigen Tag erhalten ist und immer noch Wirkung zeigt: Offenbar hilft sie, eine Schwangerschaft mit weniger Komplikationen zu durchlaufen. Dadurch sind Familien, in denen das Gen häufig auftritt, im Schnitt kinderreicher. Knapp ein Drittel aller Frauen, die nicht-afrikanischer Herkunft sind, besitzen es; drei von hundert Frauen haben sogar zwei Kopien davon.

Andere Neandertaler-Gene tauchen so selten auf, dass der umgekehrte Prozess am Werk zu sein scheint: Sie wurden allmählich ausgesondert, vermutlich, weil sie ihren Trägern eher Nachteile brachten. Wieder andere blieben trotz einer offensichtlichen Belastung erhalten. So erhöhen heute einige Neandertaler-Genvarianten bei ihren Trägern das Risiko z. B. für Altersdiabetes oder für die Krankheit Morbus Crohn, für Osteoporose, Störungen der Blutgerinnung (was die Möglichkeit eines Herzinfarkts vergrößert) oder auch Nikotinsucht. Die Forscher stießen sogar auf Beziehungen von Neandertaler-Sequenzen zu Depression, Übergewicht und einigen Hautleiden. Dass sie dennoch im Genom mancher heutiger Menschen erhalten blieben, liegt vielleicht daran, dass sie einst von Vorteil waren und erst bei unserem modernen Lebensstil Probleme verursachen. Oder aber das Krankheitsrisiko ist ein hinnehmbarer Preis für den erhaltenen Nutzen, den wir noch nicht kennen. Andere Forscher halten allerdings die Auswirkung der Varianten für nur ganz geringfügig.]

Erbe der Denisovaner

In den Genomen heutiger Melanesier – vor allem auf Papua-Neuguinea und der vorgelagerten Insel Bougainville – und australischer Aborigines finden sich im Schnitt 4.8% der Denisova-DNA. Kleinere Prozentsätze sind im Genom von Menschen auf einigen indonesischen Inseln nachgewiesen, auch bei den Mamanwa – philippinischen „Negritos“ auf Mindanao – sowie bei Einwohnern der Fiji-Inseln.

Die Vorfahren der heutigen Papuas und australischen Aborigines, die vor mehr als 50 000 Jahren aus Afrika kommend allmählich in ihre heutigen Verbreitungsgebiete eingewandert sind, müssen auf ihren Wegen also auf Denisovaner getroffen sein und sich mit ihnen vermischt haben. Der wahrscheinlichste Ort dafür liegt irgendwo in Süd- oder Südostasien. Womöglich könnte Wallacea – jene Inseln, die wie Celebes oder Lombok nicht auf den Kontinentalschelfen Australiens und Asiens liegen und daher trotz niedrigem Meeresspiegel immer Inseln blieben – der entscheidende Ort gewesen sein, an dem moderne Menschen lange Zeit mit Denisovanern koexistierten und sich mit ihnen vermischten.

Eine Vermischung kann nur über einen populationsgenetischen „Flaschenhals“ funktioniert haben, spekulieren die Forscher. Vielleicht könnte ein Dutzend moderner Einwanderer auf ein oder zwei Denisovaner getroffen sein. Die kleine Gruppe blieb nach der Vermischung isoliert, hat eventuell einen Meeresarm überquert und als erste eine Insel besiedelt. Nach vier oder fünf Generationen war in der Gruppe zwar der Denisova-Anteil auf 5% oder 6% gesunken, aber dafür war diese DNA jetzt in allen Clan-Mitgliedern präsent. Weil keine weiteren Zuzügler auf die abgelegenen Inseln kamen, blieb das Mischungsverhältnis bis heute konstant.

Die Inselwelt zwischen Asien und Australien war wohl einst ein Schmelztiegel der Menschenformen. Es gibt Anzeichen für zwei Vermischungsereignisse. Die Aborigines und Papuas tragen nämlich andere Denisova-Sequenzen als die Mamanwa auf den Philippinen, genauer gesagt DNA von zwei unterschiedlichen Denisova-Populationen. Der neuseeländische Bioinformatiker Murray Cox bezeichnet sie als „D1“ und „D2„, um sie von der nordasiatischen Population aus der Denisova-Höhle – „D0“ – abzugrenzen. Aus der Länge der Denisovaner-DNA-Fragmente schließt Cox, die erste Vermischung mit modernen Menschen in Südostasien habe vor 46 000 Jahren stattgefunden – die zweite jedoch erst vor 30 000 bis 15 000 Jahren. Das würde bedeuten: Bis vor vielleicht 15 000 Jahren haben in den abgelegenen Bergwäldern Neuguineas noch Restpopulationen dieser Menschenform gelebt. (Konservative Schätzungen gehen allerdings davon aus, dass die Denisovaner-Menschen vor und 40 000 bis 30 000 Jahren ausstarben.)

Eine vor gut 7200 Jahren auf der indonesischen Insel Sulawesi beerdigte Frau (in der Höhle von Leang Panninge) hatte denisovanische Vorfahren. Ihr Erbgut ähnelt dem der modernen australischen Ureinwohner und der Papua in Neuguinea, gehört aber zu einer separaten Linie, die sich vor 37 000 Jahren von jener trennte. Die Frau gehörte zur tolaischen Kultur. Diese Menschengruppe existierte vor 8000 bis etwa 1500 Jahren noch im Süden von Sulawesi, hat aber keine Nachkommen hinterlassen. Womöglich wurde sie in der Folge einer jüngeren Einwanderungswelle von Menschengruppen aus Asien vor etwa 3500 Jahren verdrängt.

Die Denisova-Menschen der Nordgruppe scheinen an das Leben in großer Höhe und Kälte angepasst gewesen zu sein. Grönländische Inuit verfügen über Genvarianten von ihnen (TBX15 und WARS2), die für Kältetoleranz sorgen. Es sieht auch so aus aus, als ob die Tibeter von den Denisovanern ein Blutgen (eine besondere Spielart des Gens EPAS1) übernommen haben, durch das sie besser mit der sauerstoffarmen Umwelt in den großen Höhen der Tibetischen Hochebene zurechtkommen. (Das vom Gen kodierte Protein erleichtert den Sauerstofftransport im Körper.)

Nach den bisherigen Erkenntnissen lebten wahrscheinlich bereits vor mindestens 160 000 Jahren Denisovaner in den Hochlagen von Tibet. In einer Höhle wurde in 100 000 und 60 000 Jahre alten Schichten eindeutig Denisovaner-Erbgut gefunden. Vielleicht lebten die Denisovaner sogar bis vor 45 000 Jahren dort. Tibet scheint über all die Jahrzehntausende und sogar während der härtesten eiszeitlichen Phasen durchgehend von ihnen bewohnt gewesen zu sein. Es ist nicht ausgeschlossen, dass sie dort auch immer wieder modernen Menschen begegneten, die in die Hochlagen Tibets vordrangen.

Die Population, die in Tibet während der letzten Kaltzeit existierte, könnte aus Hybriden ausgestorbener Arten und früher moderner Linien hervorgegangen sein. Diese hypothetische hybride Menschenform tauften die Forscher SUND, nach den Anfangsbuchstaben für Sibirier, Unknown (Unbekannt), Neandertaler und Denisovaner. (Vielleicht haben deren Nachkömmlinge in unzugänglichen Bergregionen im Himalaya, Kunlun oder Tian Shan noch längere Zeit überlebt und sind in die Yeti-Legenden eingegangen.) Heutige Tibeter haben einen Erbanteil von 94% vom Homo sapiens, das übrige Erbgut ist auf die drei anderen Menschenformen (Neandertaler, Denisovaner und einer noch nicht bekannten früheren Menschenart) aufgeteilt.

[Die genetischen Daten von amerikanischen Ureinwohnern zeigen lediglich ein schwaches Echo vom Denisovaner-Signal der Südgruppe. Erbgut der Nordgruppe fehlt bei den indigenen Amerikanern völlig, obwohl immer noch vermutet wird, dass ihre Wurzeln in Nordostasien liegen.]

Das HLA-Klasse-I-System (oder MHC-Komplex) ist ein bestimmter Genkomplex, der die Baupläne für Eiweißmoleküle (T-Zellen und Killerzellen) enthält, die spezifische Teile von Viren und Bakterien rasch erkennen und eine gezielte Immunreaktion herbeiführen können. Die HLA-Klasse-I-Gene der Neandertaler und Denisovaner hatten sich mehrere Hunderttausend Jahre lang an die örtlichen Krankheitserreger in Europa bzw. Asien angepasst. Als nun unsere afrikanischen Vorfahren nach Eurasien vordrangen, haben ihre Populationen wohl von diesen Genversionen profitiert. Für sie waren vermutlich schon wenige Nachkommen aus Paarungen mit den einheimischen Menschen eine schneller Weg, um neue, vorteilhafte, HLA-Varianten zu erwerben. Weil diese Immungene einen signifikanten Überlebens- und Reproduktionsvorteil boten, vermehrten sie sich durch Selektion rasch in den wandernden Gruppen.

Im HLA-Klasse-I-System von Europäern sind über 50% archaisches Erbe, von Asiaten mehr als 70%. In manchen Menschen in Papua-Neuguinea summieren sich die archaischen Immungene sogar auf 95%. Es könnte noch eine andere Erklärung für die archaischen HLA-Gene geben – falls nämlich vor der großen Wanderung bereits in Afrika viele unterschiedliche, teils sehr alte Allele existiert haben sollten. Danach wird derzeit gesucht.

Viele Genvarianten der Neandertaler und Denisovaner siebte die natürliche Selektion über die Jahrtausende dagegen gründlich aus. Es ist bekannt, dass neue Genvarianten oft das regulatorische Gleichgewicht in der Zelle verschieben. Enhancer sind Erbgutabschnitte, die beeinflussen, wie gut Transkriptionssequenzen an die DNA binden und damit, wie oft die jeweiligen Gene abgelesen werden. Frühmenschen-Gene aus Enhancern mit vielen unterschiedlichen Funktionen wurden stärker ausgesiebt als solche, die für bestimmte Gewebe spezifisch sind. Die Anthropogenetiker haben für den Menschen 87 Gene ausgemacht, die nicht nur beim Neandertaler anders waren, sondern auch beim Denisova-Menschen aus Südsibirien. Mehrere dieser Gene spielen bei der Entwicklung des Gehirns und seinen Funktionen eine Rolle, darunter auch einige für die Sprachfähigkeit.

Den deutlichsten Selektionseffekt sehen Forscher im Hirngewebe ungeborener Kinder. Hier schienen moderne Menschen keinen Einfluss gebrauchen zu können. Vergleichbar stark bereinigt wurden embryonales Muskelgewebe – allerdings sind die archaischen Varianten hier nicht durch starke Selektion ganz ausgesiebt worden. Man sieht dort Wechselwirkungen mit anderen Genen am Werk: Die Varianten sind nicht per se nützlich oder schädlich, sondern ihr Effekt hängt stark davon ab, welche Varianten anderer Gene vorhanden sind.

Ältere Erbguteinsprengsel

Durch Genomanalysen fand man heraus, dass schon die gemeinsamen Vorfahren von Denisovanern und Neandertalern Begegnungen mit einer anderen, wohl sehr alten Menschengruppe gehabt haben mussten, die man als „superarchaische Spezies“ bezeichnet – möglicherweise Nachkommen der Erstankömmlinge in Eurasien. Diese müssen sich demnach vor etwa zwei Millionen Jahren von der gemeinsamen Linie getrennt haben, bevor es vor etwa 700 000 Jahren zu erneuten Kontakten kam.

Auch bei einigen westafrikanischen Bevölkerungen – wie etwa den Yoruba in Nigeria und den Mende in Sierra Leone – sind Forscher auf extrem alte DNA-Varianten gestoßen, die vermutlich auf eine Vermischung mit einer sehr ursprünglichen Homininenform zurückgehen.

„Es wird wohl eine weit größere Vielfalt geografischer Varianten von Frühmenschen gegeben haben, als heute bekannt ist. Sie wurden nur noch nicht entdeckt – oder haben bisher keinen Namen“, meint der Paläoanthropologe Friedemann Schrenk. Wer wann wo lebte und wer wen wann traf, kann so richtig niemand sagen. Die sehr frühen sog. „ghost populations“ sind ausschließlich genetisch fassbar, d. h., ihnen lassen sich (noch?) keine Fossilien zuordnen. Wie oft eine Vermischung aber stattfand und in welchem Ausmaß sie die Evolution des Homo sapiens und anderer Homininen vorantrieb, bleibt derzeit ungeklärt.

Homo sapiens ist das Produkt eines komplizierten Wechselspiels verschiedener Abstammungslinien. Durch Kombination entstand die anpassungsfähige, vielgestaltige Art, die wir heute sind. Während des größten Teils ihrer Existenz wandelten mehrere Menschenspezies über die Erde. In Afrika, wo die Wurzeln unserer Art liegen, streifte auch Homo heidelbergensis mit seinem großen Gehirn herum, außerdem Homo naledi, dessen Gehirn wesentlich kleiner war. In Asien gab es Homo erectus sowie den Denisova-Menschen, später Homo floresiensis, ein zwergenhaftes Wesen mit großen Füßen. In Europa und Westasien herrschten stämmige Neandertaler mit dicken Augenbrauenwülsten. Und wahrscheinlich gab es noch weitere Formen, die wir bisher nicht kennen.

Bis vor 50 000 Jahren hatte sich keine der existierenden Menschenformen überzeugend vermehrt, keine nutzte ihre Fähigkeiten wirklich aus. Neandertaler und Denisovaner standen kurz vor dem Aussterben, der Homo sapiens bekam dagegen einen deutlichen Schub. Vor rund 40 000 Jahren war nach derzeitigem Stand Homo sapiens nahezu allein auf der Erde. Er ist heute das einzige übriggebliebene Mitglied einer einstmals unglaublich vielgestaltigen Familie aufrechtgehender Primaten, die zusammenfassend Homininen genannt werden. Manche Paläoanthropologen vermuten als Erklärung für den Erfolg und die zügige Verbreitung des Homo sapiens das große, komplexe Gehirn. Es hätte dazu geführt, dass sich unsere Vorfahren gerne neuen Herausforderungen stellten, was sie anderen Formen gegenüber überlegen machte.

REM

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