Die Anfänge der Kunst

Als eine Art Gegenpol zu den rein nützlichen Dingen schuf der Mensch die Kunst. Vielleicht kam sie mit der Langeweile, als er sich nicht mehr nur um das eigene tägliche überleben kümmern musste. So fand er Zeit, über sich selbst und die Welt um ihn herum nachzudenken, aber auch zum Malen, zum Schnitzen und zum Anfertigen von Schmuck. Manche Wissenschaftler sehen das „Kunst-Können“ als Nebenprodukt der Gehirnentwicklung. Ein größeres Gehirn vermag besser frei zu assoziieren als ein kleineres, schon weil es mehr Zellen und Verbindungen besitzt. Eindrücke sind dadurch untereinander vielfältig kombinierbar. So wurde die Repräsentation von Wissen in neuen Zusammenhängen möglich. Quellen, Bäume und Berge wurden belebt, emotionale Beziehungen zu Pflanzen und Tieren aufgebaut; es entstanden Fantasie, Mythen und Religion.

Die Kunst kam also nicht aus dem Nichts. Neue Ideen waren stets bereits in den Anfängen vorhanden, brachen aber zunächst nur selten aus. Über Hunderttausende von Jahren glommen sie unter der Oberfläche, bis bestimmte kulturelle, soziale oder klimatische Bedingungen – oder eine Kombination von allen – das kreative Potenzial des großen Gehirns in vollem Umfang entfachten. Vielleicht schon bevor unsere Vorfahren Afrika verlassen hatten, haben sie sich fiktive Geschichten erzählt. Später entwickelten sie die Fähigkeit, sich in Bildern und Symbolen auszudrücken und auszutauschen. Die künstlerischen Darstellungen sollten den Zusammenhang und die Bedeutung von Ereignissen erklären und gaben dem Menschen einen Rahmen für sein Handeln.

Eine Anzahl von Funden stärken die Position von einem frühen und allmählichen Erscheinen des symbolischen Denkens. Womöglich bildete dieses sich sogar schon bei den Vorfahren von Homo sapiens und Neandertalern bzw. Denisovanern heraus. Zu Zeiten des Homo erectus wurden besondere Arten von Faustkeilen gefunden – manchmal aus wertvollem Material hergestellt und eingehender bearbeitet, als es für einen reinen Gebrauchsgegenstand nötig gewesen wäre, aber nicht mehr brauchbar zum Zerteilen von Tieren oder Zerhacken von Pflanzen. Sie wurden wohl demonstrativ zur Schau gestellt, möglicherweise als Statussymbol.

Auf der indonesischen Insel Java (in Trinil) wurde ein Haufen von etwa 200 Muschelschalen gefunden – zwischen 430 000 und 540 000 Jahre alt. Auf einer der Muschelschalen wurden innen geometrische Einritzungen (Zickzacklinien, Winkel) entdeckt, erstaunlich gerade Linien, die wohl mit Hilfe von Zähnen von Süßwasserhaien angefertigt wurden – ob absichtlich, ist allerdings noch umstritten.

Inzwischen belegen viele Fundstücke, dass unsere Vorfahren sich aber schon sehr früh bewusst schmückten oder Alltagsgegenstände verschönerten. Erste Hinweise darauf bildet der Gebrauch von Ocker, einem anorganischen Pigment, dessen variierender Gehalt an Eisenhydroiden, -sulfaten und -oxiden dem krümeligen Mineral seine breite Farbpalette von blassem Gelb bis Braun verschafft. Wird es erhitzt, wandelt es sich in leuchtend roten „Rötel“ (Hämatit) um.

Noch heute verwendet eine Untergruppe der San in Afrika roten Ocker, um, als Teil des Hochzeitsrituals, Brautleute zu überpudern. Ebenso verfahren Gruppen der Aborigines in Australien während der Initiationsriten und bei Reinigungszeremonien. Rötel symbolisiert für die Uraustralier das Blut von mythischen Ahnen.

Vielleicht brachten die Menschen schon in der Frühzeit die Farbe Rot in Verbindung zu Blut und/oder Menstruation und Fruchtbarkeit. Indizien am Jebel Irhoud in Marokko sprechen für den Gebrauch von Farbpigmenten schon vor rund 300 000 Jahren. Das Alter dieser Funde stimmt gut mit dem der bisher ältesten Homo-sapiens-Fossilien überein. In Kenia, am Baringo-See, stießen die Forscher in mindestens 280 000 Jahren alten Schichten auf große Mengen roten Ockers. Dazu fanden sie Mahlsteine zum Zerreiben dieses Eisenerzes. Hinweise auf frühe Ockerverarbeitung zeigen sich auch in mehr als 300 pflaumen- bis kindskopfgroßen Pigmentknollen, die in einer Höhle unweit von Lusaka (Sambia) gefunden wurden und ein Alter von 200 000 (eventuell sogar 250 000) Jahren haben.

In vielen südafrikanischen Höhlen entdeckte man in bis zu 164 000 Jahre alten Schichten (z. B. am Pinnacle Point) teils offensichtlich bearbeitete, teils unbearbeitete rote Ockerstücke. Aus ihnen gewannen die Menschen das rote Pulver, das sie wahrscheinlich mit einem Bindemittel (z. B. Tierfett) vermischten und zur Bemalung ihres Körpers wie auch von Gegenständen verwendeten. Manche Forscher glauben sogar, dass der Ocker auch zu rituellen Zwecken benutzt wurde.

Auch Neandertaler haben in der Mittleren Steinzeit mit Farben gearbeitet. Man entdeckte – aus der Zeit zwischen 250 000 und 200 000 Jahren – an ihren Wohnplätzen an mehreren europäischen Orten Überreste von roten, gelben und schwarzen (Manganoxid) Farbbrocken. Was die Neandertaler mit der Farbe machten, ist unbekannt. Vielleicht haben sie sich selbst bemalt. Jedenfalls verfügten sie schon über eine gewisse ästhetische Ader – und zwar bereits bevor sie in Kontakt mit dem Homo sapiens traten.

Aus der Zeit vor 90 000 bis 40 000 Jahren existieren eine Menge von Gegenständen, die Neandertaler ganz offensichtlich aus einem Bemühen um Schönheit angefertigt und/oder durch Verzierungen und Farbstoffe verschönert haben. In den Höhlen von La Pasiega, Maltravieso und Ardales in Spanien entdeckte man in rotem Ocker aufgebrachte Formen und Figuren an den Wänden – vor 66 700 bis 64 800 vermutlich von Neandertalern angefertigt. In zwei Höhlen nahe der spanischen Mittelmeerküste (Cueva de los Aviones und Cueva Anton) stießen Archäologen auf eine anscheinend gezielt angelegte Sammlung von Muschelschalen mit Farbresten, die bis zu 50 000 Jahre alt sind und möglicherweise als Gefäße zum Anrühren der Farben dienten. Andere Muschelschalen waren angemalt und gelocht und dienten wohl – zu einer Kette aufgefädelt – als Schmuckanhänger.

In der Eichhornhöhle im Harz haben Forscher einen von einem Neandertaler verzierten Riesenhirsch-Knochen entdeckt, mindestens 51 000 Jahre alt. Die Archäologen sprechen von der komplexesten der bisher bekannten künstlerischen Ausdrucksformen von Neandertalern. In Europa und in einigen Teilen Asiens wurden bisher insgesamt zwei Dutzend Vogelkrallen gefunden, die ältesten (aus Kroatien) sogar 120 000 Jahre alt – früheste Beispiele einer symbolischen Kultur. Fundstätten in Frankreich und Italien belegen, dass bei Neandertalern vor etwa 40 000 Jahren hier eine Tradition vorherrschte, sich Adlerkrallen zu beschaffen. Dass Kunstgegenstände und Schmuck der Neandertaler nur relativ selten gefunden bzw. nachgewiesen wurden, kann auch an der Vergänglichkeit vieler Materialien wie Holz, Federn, Leder und Geflecht liegen.

Verblüffend ähnlichen Schmuck wie Homo sapiens zur gleichen Zeit schätzten Neandertaler der Grotte du Rennes (im französischen Burgund), die dort vor 41 000 Jahren lebten: Durchbohrte Elfenbein-, Knochen- und Tierzahnstücke, die als Anhänger oder Halskette getragen werden konnten. Umstritten ist, ob sei bei der Herstellung der Gegenstände Techniken imitierten, die sie bei ihren Nachbarn, den anatomisch modernen Menschen gesehen hatten, ob sie die Schmuckstücke durch Handel erworben hatten oder ob sie die Technik parallel entwickelten. Die Fundstücke erscheinen eigentlich eher wie eine Weiterentwicklung einer eigenständigen Neandertaler-Kultur. Diese veränderte sich vielleicht unter dem Einfluss des Homo sapiens. Aber auch ein umgekehrter Einfluss, also vom Neandertaler auf den Homo sapiens, gilt als wahrscheinlich. Die jüngsten Funde zeigen jedenfalls, dass beide Arten von Menschen bei ihrem Zusammentreffen auf vergleichbarem Niveau standen. Im Gegensatz zu den Neandertalern handelten die anatomisch modernen Menschen mit ihren fein gearbeiteten Schmuckstücken und tauschten sie quer durch ganz Europa miteinander aus. Vielleicht hatte der Schmuck für sie auch eine Bedeutung, die den Neandertalern fremd war, z. B. als Erkennungs- und Statussymbol.

Nach dem portugiesischen Paläoanthropologen Joao Zilhao sorgte zunehmende Bevölkerungsdichte mit kulturellem Austausch und enger sozialer Vernetzung im größeren Rahmen für die nötige Voraussetzung, um der menschlichen Kreativität zur Blüte zu verhelfen. Es wurden soziale Identifikationssysteme geschaffen; eventuell dienten Schmuckstücke auch zum Austausch von Geschenken (z. B. hübschen Perlen) als Zeichen der Freundschaft.

Afrika

Vor 100 000 Jahren hatte die Menschheit in Afrika die gleiche Bevölkerungsdichte erreicht, wie sie erst später im Jungpaläolithikum in Europa herrschte. Von weiträumigen Wanderungen auf dem afrikanischen Kontinent und kontinuierlichen Kontakten und regem Austausch der Bevölkerungsgruppen zeugen u. a. Funde von Schneckengehäusen aus allen Teilen des Kontinents – die ältesten von ihnen übrigens in Nordafrika -, die durchbohrt sind und vermutlich als Anhänger und Statussymbole dienten. Als eine Art „Mehrwegflaschen“ verwendete Straußeneierschalen waren mal mit einem Band aus einer Vielzahl schraffierter Striche, mal mit akkurat gezogenen parallelen Linien dekoriert. Offenbar handelte es sich um eine weithin gebräuchliche, von allen anerkannte Symbolik, denn das Dekor variierte zwischen 65 000 und 55 000 vor heute – also über rund 10 000 Jahre hinweg – kaum.

In der Blombos-Höhle an der afrikanischen Südküste ritzten Jäger und Sammler vor rund 100 000 bis 72 000 Jahren geometrische Muster in Ockerstücke. Es gab sogar eine Art Malerwerkstatt, wo die Menschen roten Ocker zermahlten, den sie dann in kleinen, aus Abalonemuscheln hergestellten Gefäßen aufbewahrten. Die farbige Paste könnte sowohl zur Bemalung von Gegenständen, für eine schmückende Gesichts- oder Körperbemalung als auch als Hautschutz verwendet worden sein.

Die Menschen des afrikanischen Mittleren Steinzeitalters könnten sich aber auch mittels anderer, vergänglicherer Materialien geschmückt oder künstlerisch ausgedrückt haben. Wir wissen fast nichts darüber, was die Menschen aus Holz, Rinde, Leder, Pflanzenfasern usw. vor Zehntausenden von Jahren an Objekten geschaffen haben könnten. Anscheinend hatte jeweils eine dichte Besiedlung in Südafrika mit weitreichenden intensiven Kontakten vor rund 70 000 Jahren (Stillbay-Kultur) und vor 65 000 Jahren (Howieson’s-Poort-Industrie) eine gute Voraussetzung für den geistigen Fortschritt geboten. Womöglich war ein solcher Kulturausbruch auch der Anlass dafür, sich auf andere Kontinente aufzumachen.

Asien und Australien

Zeitgleich mit dem Erscheinen des Homo sapiens in Europa und Asien trat auch dort vermehrt Kunstsinn auf und breitete sich wie ein Feuer aus. Höhlenmalerei scheint auf beiden Kontinenten vor 40 000 Jahren etwa zeitgleich aufgekommen zu sein – trotz einer Distanz von Tausenden von Kilometern. Ob sie tatsächlich eine zweifache, voneinander unabhängige „Erfindung“ ist, oder ob sie bereits Bestandteil des kulturellen Repertoires des Homo sapiens war, bevor er sich hierhin ausbreitete, ist unklar. Aus der Zeit vor seiner Expansion ist allerdings bisher kaum figurative Höhlenkunst bekannt.

Auf der Insel Sulawesi (Indonesien), die damals noch mit dem asiatischen Festland verbunden war, wurden in bislang etwa 300 Höhlen (im Maros-Pangkep-Karst) Malereien von hoher Qualität entdeckt. Sie sind bis zu 43 900 Jahre alt und zeigen Handabdrücke (zumeist aufgesprüht) und Jagdwild. Ein mit dunkelrotem Ocker gemaltes lebensgroßes Bild eines Sulawesi-Warzenschweins aus der Leang-Tedongnge-Höhle scheint sogar mindestens 45 500 Jahre alt zu sein. Auf einem Felsbild sind auch kleinere menschenähnliche Figuren mit Tierköpfen, ebenfalls in roten Tönen gemalt, zu erkennen, die wahrscheinlich deutlich größeren Warzenschweinen und Zwergrindern mit Speeren und Seilen nachstellen. Auf Borneo wurden Höhlenbildnisse entdeckt, die den Maros-Malereien auffällig ähneln – mindestens 40 000 Jahre alt. Andere Funde aus der Region könnten sogar noch wesentlich früher entstanden sein.

In Australien gefundene Brocken roter Mineralien mit deutlichen Abnutzungsspuren deuten auf den Gebrauch von Farbstoffen für symbolische und künstlerische Zwecke hin. Da man dabei auch die einzige Darstellung eines tapirartigen Beuteltieres entdeckte, das bereits vor 46 000 Jahren ausgestorben sein muss, sind diese Hinterlassenschaften wahrscheinlich noch viel älter. Felskunstwerke des fünften Kontinents direkt zu datieren, ist allerdings äußerst schwierig. Das älteste sichere Datum für ein australisches Felsbild liegt einstweilen bei 34 000 Jahren. In der höhlenartigen Stätte Nawarla Gabarnmang (etwa: „Ort des Felsenlochs“), wo sich die Vorfahren der Aborigines erstmals vor rund 50 000 Jahren aufhielten, fand man Malereien, die mindestens 28 000 Jahre alt sind. In noch älteren Grabungsschichten wurden Ockerstücke entdeckt, die wie Malstifte verwendet wurden.

Europa

Aurignacien

In Europa schufen die Einwanderer vor spätestens 43 000 Jahren die hoch entwickelte Kulturstufe des Aurignacien mit deutlich weiter entwickelten Werkzeugen und künstlerischen Werken. Neben dem Schmuck sind Höhlenmalereien, verzierte Werkzeuge, Musikinstrumente und Frauenfiguren kennzeichnend. Die Werke zeugen von hohem Kunstverstand und enormem handwerklichen Können und Geschick. Der kraftvolle kulturelle Aufbruch könnte durchaus dem Übergang vom Mittleren ins Späte Steinzeitalter Afrikas entsprechen (s. o.). Einige Wissenschaftler sehen die Ursache für diesen Entwicklungsschub in der Konkurrenz zu den Neandertalern.

Verzierungen auf Mammutknochen und Gesteinsbrocken aus der Zeit von vor 41 000 bis 35 000 Jahren finden sich in vielen Regionen Eurasiens. Vor allem in den Höhlen der Schwäbischen Alb tauchte neben vielen Kunstgegenständen wie elfenbeinernen Anhängern, durchbohrten Knochenperlen und Tierzähnen „echte“ figürliche Kunst auf. Die Forscher fanden kleine Skulpturen aus Stein, Knochen oder Geweih in großer Zahl. Es waren kleine Darstellungen von hoher Ausdruckskraft, mit dem eigenen Stil der Künstlerinnen oder Künstler versehen: Tiere wie Wildpferd und Löwe, Mammut und Wisent, Bär und Leopard – sogar ein Fisch, ein Wasservogel und ein Igel.

Als das älteste plastische Kunstwerk der Welt gilt die aus Mammutelfenbein gefertigte, sechs Zentimeter hohe „Venus vom Hohle Fels“ (42 000 Jahre alt). Sie besteht hauptsächlich aus großen Brüsten, einem breiten Gesäß und einer auffälligen Scham; anstelle des Kopfes trägt sie eine Öse und konnte vermutlich als Anhänger getragen werde. Noch beeindruckender sind Mischwesen aus Tier und Mensch, am faszinierendsten wohl der „Löwenmensch“, ein 2 1/2 Zentimeter großes Mensch-Tier-Wesen, zwischen 33 000 und 31 000 Jahre alt. Diese Figurinen weisen auf Glaubensvorstellungen und schamanistische Praktiken hin. Sie stehen also für einen kognitiven Sprung in eine Welt jenseits der Natur und jenseits menschlicher Erfahrung. Die Statuen wurden wahrscheinlich gemeinschaftlich genutzt und vielleicht sogar von Generation zu Generation weitergegeben.

Besonders spektakulär sind Musikinstrumente. Das älteste gesicherte Instrument ist wohl die etwa 13 cm lange und aus über 20 Fragmenten zusammengesetzte Schwanenknochenflöte aus der Geißenklösterle-Höhle, die vor etwa 42 500 Jahren hergestellt wurde. Insgesamt acht Flöten (zwischen 40 000 und 35 000 Jahre alt) wurden in den Höhlen am Südrand der Schwäbischen Alb gefunden, einige aus Mammut-Elfenbein, andere aus hohlen Flügelknochen von Gänsegeier oder Singschwan geschnitzt. Auch in Frankreich (Isturitz) wurde eine Knochenflöte gefunden. Die Flöten besaßen meist drei bis fünf Grifflöcher, die vermutlich das Spielen von acht bis zehn verschiedenen Tönen erlaubte. Niemand weiß aber, ob auf den Flöten tatsächlich Musik gespielt wurde oder ob sie lediglich zur Erzeugung von Locklauten zur Vogeljagd verwendet wurden.

In der Pyrenäenhöhle von Marsoulas, die auch Malereien enthält, wurde ein mit rotem Pigment verziertes Gehäuse einer Tritonschnecke (31 x 18 cm groß) gefunden, das als Blasinstrument gedient haben könnte. Die Forscher gehen davon aus, dass an dem Gehäuse einst ein Mundstück angebracht war. Eine der ersten Windungen war durchlöchert, die Spitze abgeschlagen.

Gravettien

Handabdrücke in mehr als 40 Höhlen Südwesteuropas sind besonders typisch für die archäologische Kultur des Gravettien vor etwa 32 000 bis 24 000 v. h., von der man Spuren von Spanien bis zur Ukraine fand. Um die Handumrisse herzustellen, wurde meist eine Hand auf die Höhlenwand gepresst und dann mit einem Halm oder einem hohlen Vogelknochen ein dünnflüssiger Brei aus gemahlenen Farbpigmenten und Wasser darauf geblasen. Nach Handanalysen stammen viele der Handabdrücke von Frauen, mindestens aber ein Viertel von zwei- bis zwölfjährigen Kindern, wobei ältere Geschwister oder Eltern bei der Herstellung mitgeholfen haben müssen.

Weit verbreitet über den ganzen Kontinent waren zu dieser Zeit auch meist nur einige wenige Zentimeter große, aus Knochen, Stein, Elfenbein oder Rentierhorn geschnitzte oder aus Lehm geformte Venusfigurinen mit markanten Geschlechtsmerkmalen. Typisch sind auch hier kurze Ärmchen, hängende Brüste, ein schwerer Bauch und ein ausladendes Gefäß. Mehr als 100 solcher Statuetten sind inzwischen in ganz Europa gefunden worden. Eine der bekanntesten ist die Venus von Willendorf (Österreich), 11 cm hoch, 29 500 Jahre alt. Die Figur aus Oolith zeigt eine gesichtslose Frau mit ausgeprägten Brüsten, breiten Hüften und einem kunstvollen Kopfschmuck. In der Ostukraine wurden ganz ähnliche Frauenfiguren aus dieser Zeit entdeckt.

Was die Bedeutung der rätselhaften Venusfigurinen betrifft, gehen die Interpretationen der Wissenschaftler weit auseinander. Manche halten die üppigen Frauen wegen der starken Betonung der Geschlechtsmerkmale für Fruchtbarkeitssymbole. Sie könnten in Verbindung mit Schwangerschaft und Geburt stehen und wurden vielleicht als Glücksbringer oder Geburtshelfer an die Töchtergenerationen weitervererbt. Die große Anzahl der gefundenen Venusfigurinen spricht jedenfalls für ihre bedeutende Rolle in der Glaubenswelt der damaligen Menschen. Andere Forscher glauben, dass die Figuren von Männern angefertigt wurden und eine sexuelle Bedeutung gehabt hätten. Manche der stark stilisierten Menschendarstellungen wirken, als würden zugleich weibliche und männliche Geschlechtsmerkmale symbolisch ausgedrückt. So hat die aus Ton gefertigte „Schwarze Venus“ von Dolni Vestonice (Südmähren) – 11,4 cm groß – durchaus weibliche Formen. Aber die Beine sind durch ein die weibliche Sexualität kennzeichnendes Dreieck ersetzt, und Kopf und Brust erinnern an die Geschlechtsorgane eines Mannes.

In Niederösterreich und Mähren ((Pavlov-Kultur) tauchten um 27 000 v. h. neben den berühmten Venusfigurinen und zahlreichen Objekten aus Elfenbein auch Schmuckstücke aus Keramik auf. In Dolni Vestonice fand man Bruchstücke von großen Pflanzenfressern (z. B. Mammuts) und Raubtieren, zudem Fragmente von Menschendarstellungen (s. o.). Die Oberfläche der flachen Skulpturen aus Elfenbein wirken oft so blank poliert, als wären sie täglich getragen worden. Einige Forscher glauben, dass ihre Herstellung und bewusste Zerstörung eine symbolische Bewandtnis hatten.

An anderen steinzeitlichen Siedlungsplätzen kamen auch Tausende teils nur wenige Zentimeter große Ritz- und Schnitzwerke ans Licht. Auf einem Knochenstück aus der Dordogne erkennt man Menschen mit geschulterten Speeren, die sich einem überlebensgroßen Mammut nähern. Ein Fund aus der La-Vache-Höhle (in den Pyrenäen) zeigt eine Gruppe Menschen hinter einem riesigen Pferd, unter dessen Schweif ein Bär zu sehen ist.

Magdalenien

Die bekanntesten künstlerischen Hinterlassenschaften des Homo sapiens in Europa sind die mehr als 250 Felsbilder aus den Kalkhöhlen Frankreichs und Spaniens, z. B. aus den sogenannten „Eiszeit-Kathedralen“ Lascaux und Altamira. Sie entstanden erst nach dem Höhepunkt der letzten Eiszeit im Magdalenien, als es wieder wärmer wurde. Mit gemahlenem Ocker sowie Tierfett wurden die Bilder beim Schein von Fackeln oder Fettlampen in den düsteren Höhlen auf die Wände gemalt. Die angewandten Herstellungstechniken sind so vielfältig wie die gezeigten Motive. Mal wurden die Bilder mit Pinseln oder mit Schwanzhaaren kleiner Tiere oder mit angekauten Zweigen gemalt, mal wurde die Farbe durch ein Röhrchen geblasen oder einfach aufgespuckt. Einige prähistorische Künstler nutzten Steinhämmer oder – messer, um die Umrisse in glatte Felsoberflächen zu meißeln oder zu ritzen.

Die Bilder zeigen Jagdszenen und einzelne Tiere, wobei Pferd und Bison die weitaus häufigsten Motive sind. Das flackernde Licht der Fettlampen belebte die Felswände, die meist voller Vertiefungen und Erhebungen sind. Es entstanden Schatten, die mit Fackelträgern weiter wanderten und Leben auf die Wände zauberten. Manchmal kamen die Konturen eines Tieres zum Vorschein, ein Bison etwa oder ein Mammut. Manchmal sah man nur ein Detail, das dann vervollständigt werden musste. Etliche Wandbilder zeigen lebhafte, bewegte Szenen. Der Effekt wird durch verschiedene Darstellungstricks unterstützt, welche die Lichtbedingungen und Eigenarten unseres Sehsinns mit einbezogen.

An einer der Felswände in der Höhle von Lascaux sieht man das Bild einer roten Kuh mit schwarzem Kopf, die aus der Nähe betrachtet gestreckt, vom Boden aus gesehen aber als normal proportioniert wirkt. Diese Darstellungstechnik (Anamorphose) legt nahe, dass das Bild betrachtet werden sollte. Den Künstlern war es offenbar auch wichtig, das Verhalten, die Bewegungsweisen und die damit einhergehende Emotionen der Tiere genau zu erfassen. Manchmal zeichneten sie dasselbe Tier mehrfach dicht hinter- und übereinander in jeweils einer anderen Phase der Bewegung. Oder sie gaben ihm einfach mehr Beine, Köpfe oder Schwänze, die unterschiedliche Positionen markieren und somit Schwanzschlagen, Kopfhochwerfen, Gehen und anderes illustrieren.

In der Höhle Roc-aux-Sorciers fand man den Teil eines 18 m langen und 2,50 m hohen Felsreliefs mit Menschen- und Tierdarstellungen. Höhepunkt des Kunstwerks – was Präzision, handwerkliche Ausführung und Realitätsnähe betrifft – ist ein Steinbockzyklus, der wie eine Bildergeschichte das Leben der Steinböcke in der Brunftzeit erzählt. Viele Ähnlichkeiten mit den Figuren von Roc-aux-Sociers erkennt man in der rund 150 km Luftlinie südlich gelegenen Höhle von La-Chaire-a-Calvin, was darauf hindeutet, dass hier derselbe Künstler am Werk gewesen sein muss – oder jemand aus seinem Umfeld. Die bis heute älteste bekannte Felsskulptur befindet sich an der Decke der sogenannten „Höllenschlucht“ in Frankreich: ein über ein Meter langer Lachs, 25 000 alt.

Zeitgleich mit den Kunstwerken vom Roc-aux-Sorciers entstanden in Gönnersdorf vor 15 000 Jahren Hunderte gravierter Schieferplatten mit fein geritzten Bildern von Tieren und Menschen, darunter mehr als 500 Frauendarstellungen. Über die Verwendung der Platten brechen sich die Wissenschaftler bis heute den Kopf. Vermutlich hatten sie eher einen profanen Charakter als einen heiligen Zweck. Die im Gegensatz zu den Tierbildern stilisierten Frauendarstellungen waren zu jener Zeit in gleicher Weise gezeichnet, gemalt, graviert oder zu Plastiken geformt überall in Europa zu finden (siehe auch oben). Diese wie auch Prestigegüter (z. B. Schmuckschnecken) demonstrieren, dass spätestens im Magdalenien ein europaweites „soziales Netzwerk“ existierte, in dem nicht nur Rohstoffe, sondern auch Ideen ausgetauscht wurden.

Die Forscher gehen heute von unterschiedlichen Ursprüngen und Beweggründen für die Bildmalerei in unterirdischen Höhlen aus. Vielleicht hielten die Menschen sie für die Wohnstätten der Götter oder die Welt der Ahnen, Geister und Toten – eine Vorstellung, die heute noch auf der ganzen Welt in vielen Kulturen und Religionen verbreitet ist. Sie besuchten die Grotten wohl, um wichtige Kulthandlungen, religiöse Riten und Zeremonien zu vollziehen. Vielleicht suchten sie Schutz und Hilfe gegen die Gefahren in der Natur, oder sie beschworen durch magische Riten ihr Jagdglück. Viele Forscher sind der Meinung, dass die prähistorische Kunst Teil einer schamanistischen Kultur war – eine besondere Form der Zwiesprache des Menschen mit den Geistern. Praktisch keine der Menschendarstellungen in den Bilderhöhlen Europas sind normale Personen, sondern wundersame Mensch-Tier-Mischungen, die man als Schamanendarstellungen deuten kann.

Einige Wissenschaftler sind der Meinung, Musik, Höhlenmalerei und Schamanismus könnten durch Rauschzustände entstanden sein. Die berauschende Wirkung von Drogen öffnet das Bewusstsein und lässt den Atem der Geister spüren. Die Bilder dienten dann als Mittler zwischen der hiesigen und jenseitigen Welt. Wahrscheinlich wurden in den Höhlen auch Initiationsriten abgehalten, denn man fand hier viel Fußspuren jugendlicher Menschen. Vielleicht sollten die Höhlenmalereien aber auch nur Geschichten erzählen – von wichtigen Ereignissen im Leben der eindrucksvollen Tiere, denen die Steinzeitmenschen begegneten, aber auch wohl von eigenen Lebensepisoden.

Erste Schrift?

In den Eiszeithöhlen fielen auch Zeichen auf, die offenbar Details einer größeren Figur darstellten, wie etwa der Stoßzahn eines Mammuts – ohne den zugehörigen Körper. Hier repräsentiert der Mammutstoßzahn offenbar das ganze Tier, also ein Teil das Ganze. Dieses Prinzip (Synekdoche) kennzeichnet alle piktografischen Sprachen (die über Bilder kommunizieren) und kann Information in knapper Form vermitteln. Es lassen sich auch viele geometrische Zeichen (wie Halbkreise, Linien, Dreiecke und Zickzacklinien) und schematische Darstellungen (wie Reihen farbiger Punkte und Gittermuster) an Felswänden und Gegenständen nachweisen. Nach heutigem Wissensstand handelte es sich dabei um einen geschriebenen „Kode„, der allen prähistorischen Stämmen damals verständlich gewesen sein dürfte, zumindest denen, die im Gebiet des heutigen Frankreich, möglicherweise aber auch darüber hinaus, lebten.

Bestimmte Zeichen tauchen wiederholt in Paaren auf, oder in Gruppen zu vier Zeichen: z. B. Hände, Punkte, fingerartige und daumenartige Zeichen. Solche Gruppierungen findet man in frühen piktografischen Schriften (Bilderschriften) generell öfters, wobei die kombinierten Symbole für neue übergeordnete Bedeutungen stehen. Die unscheinbaren Formen könnten also von den ersten Schritten zeugen, mit denen sich die Menschheit dem Gebrauch von Schriftsymbolen näherte – womöglich die ersten Anzeichen eines rudimentären Schriftsystems.

Vielleicht versteckten sich hinter den Zeichen aber auch noch andere Botschaften. Die Deutungen reichen von Markierungen der Wanderbewegungen bis zu Tierfallen.

Fazit

Wenig über die Kunst des Eiszeitalters ist aber wirklich gesichert. Was sich die Eiszeitmenschen bei ihren Werken tatsächlich gedacht haben, wird wohl immer ein Geheimnis bleiben. Die geschnitzten Figuren, mit Ritzzeichnungen versehenen Gegenstände, Musikinstrumente sowie Fels- und Höhlenmalereien sind die einzigen, nur bruchstückhaften Zeitzeugen; sie stellen lediglich einen Ausschnitt dessen dar, was einmal war. „Das archäologische Bild einer Kultur ist stets viel ärmer, als diese Kultur selbst war“, schrieb der Autor Martin Kuckenberg.

Es ist aber deutlich, dass die Menschen damals nicht nur über die physikalische Realität ihres alltäglichen Daseins nachdachten. Sie hatten nicht nur ihr Leben selbst in die Hand genommen, sondern beschäftigten sich auch mit den transzendenten Aspekten der Welt, wobei sie die Natur zu Rate zogen. Einige Antworten fanden sie in der Kunst, indem sie sich ihrer Mittel bedienten, um die verschiedenen Welten darzustellen. Vielleicht zeichnet sich der Homo sapiens gerade durch seine Fähigkeit aus, Kunstwerke zu schaffen und so die Realität in etwas anderes zu verwandeln. Damit schuf er eine Verbindung zwischen Intuition und Wissen, zwischen Wissen und Denken, Denken und Sprache. Die Menschen hatten damals schon ein Bewusstsein wie wir: Sie waren Menschen mit Kultur, Religion und Seele.

REM

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