Das „ICH“ – eine große Illusion

Wenn es überhaupt einen Aspekt unseres Lebens gibt, den wir für grundlegend halten können, dann ist es die Vorstellung von unserer persönliche Identität, dem Bewusstsein um unsere eigene, einzigartige Person. Wir wissen dadurch, dass wir existieren.

Das „Ich“ wird von uns als ständiger Begleitzustand empfunden. Bei allem, was ich tue und erlebe, habe ich das Gefühl, dass ich es bin, der etwas tut und erlebt, dass ich wach und „bei Bewusstsein“ bin, dass mein Körper damit zu tun hat. Ich sehe ein Bild, ich höre ein Geräusch, ich fühle und ich denke. Durch das Selbstgefühl schafft das Gehirn einen Standpunkt, ein Ich, das von einem Aussichtspunkt auf seine Umwelt blickt. Jeder sieht seinen privaten Kinofilm mit sich selbst in der Hauptrolle. Ich bin es, der auf Grund bestimmter Überzeugungen handelt und in dieser Zeit kontinuierlich existiert. Unser Ich kann aber auch auf sich selbst blicken, die eigene Leistung beurteilen, und sogar wissen, wann es etwas nicht weiß.

In der antiken griechischen Philosophie kam wohl erstmals der Gedanken auf, dass unser Verhalten durch eine dahinter stehende Psyche bestimmt wird. Seit diesen Anfängen des abendländischen Denkens gilt das Ich als zentrales Problem der Philosophie des Geistes – und noch heute stellt die Tatsache, dass wir die Welt aus der Perspektive der ersten Person betrachten, das zentrale Rätsel dar.

In zahlreichen psychologischen Theorien und philosophischen Systemen wird das Ich als ein natürliches Organ des individuellen Geistes betrachtet, das als Träger seiner Subjektivität, Personalität und auch Individualität fungiert. Ähnlich wie Organe des Körpers sei es in der naturgegebenen Ausstattung des Geistes angelegt und entfalte sich im Lauf der individuellen Entwicklung. Solche naturalistischen Ansichten vom Ich beherrschen auch unsere Alltagspsychologie. Wir glauben, völlig autonom zu sein und haben das Gefühl, aus uns selbst heraus zu handeln.

Teilhard de Chardin sah das Ich-Bewusstsein als ein exklusives Kriterium für den Menschen an: Nicht mehr nur wissen, sondern wissen, dass man weiß. Ein Tier weiß, aber nur der Mensch weiß, dass er weiß, einschließlich der Sokratischen Variante ‚Ich weiß, dass ich nicht weiß‘ oder ’nicht wirklich weiß‘. Heute ist bekannt, dass vermutlich nicht nur der Mensch, sondern wohl auch höhere Primaten und möglicherweise andere Tiere zumindest in Ansätzen eine Art Ich-Bewusstsein besitzen. Wie viel Ich-Bewusstsein dabei jeweils im Spiel ist, wissen wir nicht genau, aber ein Ich scheinen Tiere wie Affen, Delfine, Elefanten und Krähenvögel zu haben. Mit Ich ist hier gemeint, über eine Selbstrepräsentation, eine bildhafte Vorstellung von sich selbst zu verfügen.

Die althergebrachten, religiös mitgeprägten Konzepte der personalen Identität, Individualität und Ich-Substanz stehen heute auf dem Prüfstand. Der zentrale Kern, aus dem schließlich das Ich hervorging, das unsere Wahrnehmung, Denken, Fühlen und Wollen koordiniert, muss sich irgendwie im Laufe der Evolution entwickelt haben, vermutlich um dem Individuum eine effektive Selbststeuerung zu ermöglichen. Das Gehirn braucht laufend aktuelle Informationen über Körperzustände, um die verschiedenen Lebensprozesse zu regulieren. Unbewusste Gefühle reichen nicht aus, um in einer sich ständig wandelnden Umwelt zu überleben. Bewusstsein muss hinzukommen. Das sieht man schon daran, dass der Mensch hilflos wie ein Säugling wird, wenn die Instanz des Selbst-Bewusstseins ausfällt. Mit einer gefestigten Sicht seiner selbst aber kann er sich besser in der Welt orientieren und kommt besser mit ihren Gefährdungen zurecht.

Das Ich hat sich jedenfalls bewährt, und sei es als nützliche Fiktion. Wir suchen heute nach Erklärungen, die die Eigenschaften unseres subjektiven Erlebens aus Eigenschaften von zugrunde liegenden Prozessen und Funktionen herleiten. Die Entwicklung der modernen Hirnforschung und ihre Erkenntnisse haben in dieser Hinsicht bereits weitreichende Konsequenzen für unser Selbstverständnis gebracht.

Die Konstruktion des ICHs

Schon Buddha lehrte, dass das Ich eine Täuschung sei, ein trügerisches Konstrukt. In Wirklichkeit sei es zusammengesetzt aus verschiedenen Daseinsfaktoren, die sich mit dem Tod auflösen. Wer die Erleuchtung erreichen will, muss zuletzt auch die Ich-Vorstellung in Frage stellen und überwinden. Der schottische Philosoph David Hume (1711-1776) bezweifelte die Existenz eines zeitlosen Ichs. Er war der Meinung, dass sich das Ich verflüchtigt, sobald wir aufhören zu denken. Und der Experimentalphysiker und Literat Christoph Lichtenberg schrieb im 18. Jahrhundert: „‚Es denkt‘, sollte man sagen, so wie man sagt, ‚es blitzt‘. Zu sagen ‚cogito‘ ist schon zu viel, sobald man es mit ‚Ich denke‘ übersetzt. Das Ich anzunehmen, zu postulieren, ist praktisches Bedürfnis.“

So gehen auch die Konstruktivisten davon aus, dass das Ich in Wirklichkeit gar nicht existiert, es wird konstruiert. Nach dieser heute weit verbreiteten Sichtweise ist das Ich quasi ein Nebenprodukt unserer höheren geistigen Leistungen, ein neuronales Netzwerk, das Empfindungen und Erfahrungen nur zu einem Selbstbild zusammensetzt. Der Philosoph Thomas Metzinger bezeichnet das Ich-Bewusstsein als ein Betrugsmanöver des materiellen Gehirns, welches immer wieder hinkriegt, dass wir das Gefühl haben, aus uns selbst zu handeln und dabei völlig autonom zu sein. Für den amerikanischen Philosophen Ned Block ist das Ich der Mythos eines einheitlichen Wesens, das alles kontrolliert: „Das Ich ist eine Illusion – und zwar die beste, die Mutter Natur je erfunden hat“.

Unsere bewussten Erfahrungen entspringen nach Metzinger dabei nicht dem direkten Kontakt mit der äußeren Welt, sondern werden in einem vom Gehirn konstruierten Selbstmodell integriert. Nur so werden sie als eigene Erfahrungen erlebbar – wobei uns der zu Grunde liegende Mechanismus verborgen bleibt. Das, was wir als Ich bezeichnen, ist also das Selbstmodell, das ein informationsverarbeitendes System konstruiert, eine aktive Datenstruktur, die aber nur zeitweise da ist, nicht aber beispielsweise im Tiefschlaf oder in der Ohnmacht. Sie geht aus Lernprozessen hervor, ist also erfahrungsabhängig. Die Strukturen des Ich wären dann nicht a priori gegeben, sondern a posteriori erzeugt.

Metzinger sieht dafür, dass unser Ich eine flexible Konstruktion des Gehirns ist, starke Argumente und Belege in Studien in experimentellen Untersuchungen. Wir machen normalerweise keinen Unterschied zwischen dem Ich und unserem Körper. („Ich bin da, wo mein Körper ist.“) Füttert man das Gehirn aber beispielsweise mit ungewohnten Sinnesdaten, etwa veränderten visuellen Informationen, lassen sich die Mechanismen, die das Selbstmodell erzeugen, ohne Weiteres – und ohne höhere Macht – aus dem Tritt bringen. Die Vorstellung von der Identität von Ich und Körper auszuhebeln, bedarf es also nicht viel.

Schütteln sich zwei Personen die Hand, und die eine sieht sich per Kamera dabei selbst zu – quasi durch die Augen der anderen -, fühlt sie sich wie im Körper des Gegenübers. Wird die Kamera auf eine hölzerne Gliederpuppe montiert, so dass die Versuchsperson am Bauch der Puppe herabblicken kann wie am eigenen, dann „spürt“ sie es, wenn jemand den Holzkameraden berührt. Sie fühlt sich nach kaum einer Minute unwillkürlich in den Puppenkörper hineinversetzt: Sie weiß zwar „das bin ich nicht“ – doch fühlt es sich ganz anders an! Setzen die Wissenschaftler nun noch eine künstliche Spinne auf den Arm der Gliederpuppe, bekommt der Versuchsteilnehmer den unangenehmen Eindruck, dass das Tier auf seinem eigenen Arm herumkrabbelt. Wenn also die Erwartungen mit den Sinnesdaten, die man etwa von den Augen erhält, zusammenpassen, so stellt sich das Gefühl der Urheberschaft ein.

Auch bei akut psychotischen Patienten kann die Selbst-Fremd-Unterscheidung gestört sein, mit dem kuriosen Nebeneffekt, dass sie selbst herbeigeführte Berührungen der eigenen Haut unverändert stark empfinden und sich somit prinzipiell auch selbst kitzeln könnten. Manche Patienten sind überzeugt, ihren eigenen Körper nicht steuern zu können, ihre Bewegungen seien also fremdgesteuert. Eine ähnliche Störung des Ich-Erlebens könnte gewissen Symptomen der Schizophrenie zu Grund liegen. Schizophrenie-Patienten sind oft geprägt von Wahnideen, Halluzinationen und einem gestörten Ich-Gefühl – bis hin zum Verlust der eigenen Identität. (s. u.) Sie sind in akuten psychotischen Phasen nicht mehr in der Lage zu unterscheiden, ob eine Bewegung oder ein Gedanke von der Außenwelt oder von ihnen selbst erzeugt wird. Sie fühlen sich bedroht oder hören Stimmen, die ihnen etwas befehlen.

Die Einheit von Körper und Geist – und damit Ich-Bewusstsein – ist also nicht selbstverständlich. Außerkörperliche Erfahrungen sind besonders drastische Belege dafür, dass unser Ich keine im Körper verankerte Instanz ist, sondern Inhalt eines vom Gehirn konstruierten, inneren Bildes, das von außen manipulierbar ist. Es ist die zentrale Verarbeitungseinheit, die Muster wiedererkennt, Vergangenes und Zukünftiges verbindet, Prioritäten setzt und vieles mehr. Wir brauchen es als eine Art Projektionsfläche, um uns als autonom handelnde und fühlende Wesen zu begreifen. Somit dient es vor allem dem Zweck, uns laufend flexibel auf unsere Umwelt und andere Menschen einzustellen – und handlungsfähig zu bleiben. Im Extremfall außergewöhnlicher Bewusstseinszustände kann die Ich-Wahrnehmung (wie auch die Zeit-Wahrnehmung) ganz verschwinden, etwa bei langjähriger Meditationserfahrung oder unter dem Eindruck bestimmter Drogen, so genannten Halluzinogenen, aber auch bei selten auftretenden mystischen Erlebnissen, in der Hypnose und in Trance, sowie bei so genannten Nahtoderfahrungen.

Die eigentlich spannende philosophische Frage findet Metzinger in diesem Zusammenhang, wieso wir unser phänomenologisches Ich, auch unsere Körperlichkeit, in diesem naiven Realismus erleben. Denn trotz allem sind wir uns ganz sicher, dass unser Ich-Bewusstsein etwas Konstantes ist – und dass wir uns selbst in unserer Umwelt unter Kontrolle haben. Und schließlich denken wir, genau zu wissen, wer wir sind, wo wir uns gerade befinden, was wir tun und wofür wir uns entscheiden. Warum wir im Laufe der Evolution ein so gutes inneres Bild von uns selbst erzeugt haben, das so gut ist, dass wir das Modell mit sich selbst verwechseln, ist das große Rätsel.

Das ICH als soziale Konstruktion

Die Lernerfahrungen, die das Individuum mit seiner physischen und sozialen Umgebung macht, sind entscheidend für den Aufbau des Ichs. Sicher gibt es auch einen genetisch gegebenen Anteil, über dessen Umfang immer noch gestritten wird. Aber für viele heutige Kognitionswissenschaftler ist das Ich zu wesentlichen Teilen ein soziales Konstrukt. Am Anfang stehen jedenfalls Andere, durch die ich erfahre, dass ich Individualität und subjektive Empfindungen besitze. Ohne den Anderen kein Ich.

Die heutigen Theorien der „Sozialen Spiegelung“ zeigen, wie das eigene Selbst aus der Spiegelung durch andere hervorgeht. Schon Mitte des 18. Jahrhunderts hatte der schottische Philosoph Adam Smith (1723-1790) eine solche Theorie entwickelt. Dabei werden drei Komponenten zusammengeführt: Die Wahrnehmung fremder Handlungen, die Spiegelung eigener durch fremde Handlungen und den Aufbau wirksamer Selbst-Repräsentationen.

Individuelle Entwicklung

Die Entwicklung des Ichs beginnt in der frühen Kindheit. Babys entwickeln das Gefühl, von der übrigen Welt abgekapselt zu sein: ‚Ich‘ bin hier und ‚das‘, was immer man gerade anschaut, ist ‚dort‘. Es kommt zu einer Spaltung zwischen Ich und dem Rest der Welt. Fremdes wird vom eigenen Körper unterschieden, der als Urheber der Körperbewegungen und des eigenen Handelns erlebt wird. Die Welt aus einer egozentrischen Perspektive zu betrachten und sich selbst als handlungsfähiges Objekt neben anderen zu sehen wird beispielsweise deutlich, wenn sich das Kleinkind ab dem 18. Lebensmonat als „verkörpertes Ich“ selbst im Spiegel erkennen kann. Die körpergebundene Perspektive erzeugt fortan über alle Veränderungen hinweg ein Gefühl der Zugehörigkeit zu einem beständigen Ich und prägt so unser Selbstbild und Ich-Gefühl.

Im Alter von zwei Jahren beginnt das Kleinkind Begriffe wie „mir“ und „mein“ zu verwenden, was auf die wichtige Rolle der Sprache bei der Ich-Entwicklung hinweist. Es benutzt zum ersten Mal das Wort ‚ich‘ – vorher sprechen Kinder von sich meist in der dritten Person: „Max Hunger!“ Eigene Gefühlsregungen („Ich bin traurig“) benennen Kinder mit etwa drei Jahren. Mit dem Ich-Verständnis beginnt auch ein autobiografisches Gedächtnis; die Phase der „frühkindlichen Amnesie“ endet. Wir müssen annehmen, dass das komplexe Ich, das etwa im dritten, vierten Lebensjahr entsteht, mit der komplexen grammatikalisch-syntaktischen Sprache zusammenfällt.

Nur durch Interaktion mit einem Gegenüber kann ein Ich erschaffen und geformt werden. Das Fremd-Verständnis wird für das Selbst-Verständnis genutzt. Das Kind erlebt andere als mentale Akteure, die ihm als Modell dienen dafür, dass es sich selbst auch als mentalen Akteur mit Absichten und Bewusstsein versteht. Es braucht auch andere Menschen, um das Ich-Gefühl weiter zu entwickeln und sich eine Vorstellung von der Welt zu machen.

Über Gespräche mit Eltern und Geschwistern, Verwandten und der Spielgruppe lernt das Kind sich selbst sozusagen aus der Außenperspektive kennen, erfährt, dass es als eigenständiges Wesen betrachtet wird, und begreift sich schließlich selbst als Person, als Ich. Aus den Zuschreibungen, die von den anderen Personen übernommen werden („Du bist ein kluges Mädchen!“), zum anderen aus dem eigenen Empfinden in bestimmten Situationen (etwa Angst beim Alleinsein), entwickelt sich das Selbstbild, das allerdings anfangs noch nicht stabil ist.

„Zwischen der Geburt und dem Alter von fünf Jahren werden bis zu 40% der Persönlichkeit ausgebildet“, betont der deutsche Hirnforscher Gerhard Roth. Jede neue Erfahrung formt den Menschen weiter, sowohl biografisch als auch biologisch. Wie sich der Körper durch seinen Stoffwechsel laufend verändert, tritt auch das Ich nie auf der Stelle. Bewusstes Nachdenken, vor allem aber unbewusste Verarbeitungsprozesse spielen dabei eine wichtige Rolle. Die Grenze zwischen beiden ist fließend.

Die Kinder lernen die eigenen Überzeugungen, Wünsche, Hoffnungen usw. von denen anderer klar abzugrenzen. Indem sie aus der Ich-Sicht in die Er/Sie-Perspektive wechseln, können sie sich in andere Menschen hineinversetzen. Mit zunehmendem Alter wird das Selbstbild gedanklich immer differenzierter bewertet, so dass sich etwa bis zur Schulreife feste Selbsteinschätzungen und persönliche Ziele, Motivationen und Werte ausbilden.

Ab dem Grundschulalter entsteht ein Selbstwertgefühl. Der Heranwachsende beginnt, die eigenen Gedanken zum Gegenstand seines Denkens zu machen und bildet Urteile über sich selbst (Metakognitionen). In der Pubertät beginnen sich die Jugendlichen über Dinge zu identifizieren, die gar nicht direkt zu ihnen gehören, wie Kleidung, Computerspiele oder Musik, über die sie aber der eigenen Identität Ausdruck verleihen. Vertraute Personen haben die wichtige Funktion, das Selbstgefühl zu spiegeln und die Selbsteinschätzung gegebenenfalls zu korrigieren. Aus dem Miteinander, aus der Widerspiegelung des eigenen Tuns und des eigenen Willens und über immer differenziertere soziale Rollen erwerben Jugendlich und junge Erwachsene schließlich eine ausgereifte persönliche Identität. Danach verändert sich das bewusste Selbstbild eines Menschen, die Einstellungen und Urteile, die er über das eigene Ich bildet, kaum noch grundlegend.

Die Rolle der Kultur

Weil die am Dialog mit dem werdenden Gehirn beteiligten Personen ihrerseits wieder stark von den Menschen geprägt sind, die ihnen selbst einmal zu Bewusstsein verholfen haben, aber auch von ihrer jeweiligen Kultur, erhält das Ich-Bewusstsein zusätzlich eine historische Dimension. Die Art, uns zu erfahren, ist keinesfalls etwas von der Gesellschaft Unabhängiges, sie weist auch kulturspezifische Merkmale auf. Unsere Ich-Erfahrung ist deshalb mit hoher Wahrscheinlichkeit verschieden von der unserer Großeltern und von der Ich-Erfahrung, wie sie Menschen aus anderen Ländern und Kulturen haben.

So hat sich vermutlich das menschliche Ich unter dem Selektionsdruck entwickelt, den das komplexe Gemeinschaftsleben auf unsere Ahnen ausübte. Jahrmillionen lang lebten die Hominiden in kleinen Gruppen, gingen gemeinsam auf Nahrungssuche und teilten Beute und Sammelgut miteinander. Das verlangte Kooperation und gegenseitiges Vertrauen. Und diese Verhaltensweisen erforderten ein differenziertes Ich-Bewusstsein. Die Erfahrung, ein freies, autonomes Ich zu sein, ist also nicht nur das Ergebnis der biologischen, sondern auch der kulturellen Evolution.

Identität und Selbstbild

Mithilfe des autobiografischen Gedächtnis wird „aus dem Strom (von Ich-Empfindungen) das Ich-Gefühl, das wir wahrnehmen“ (Gerhard Roth, Neurophysiologe). Aus diesem und gleichbleibenden Bewertungen definiert sich unsere Identität. Dazu gehören wesentlich unsere Fähigkeiten, Wünsche, Ziele, Überzeugungen, Hoffnungen, Befürchtungen usw. Kein anderes Ich kann je in unsere Haut schlüpfen oder genau das erfahren, was wir erleben. Anhand unseres Selbstbildes erklären wir uns auch das Verhalten anderer Menschen und ordnen ihnen Wünsche und Überzeugungen zu (Theory of Mind). Man braucht beides, sich selbst zu verstehen und ein Einfühlungsvermögen in andere zu haben, um sich als „richtiger“ Mensch zu fühlen.

Aber wir haben nicht ohne Weiteres Zugang zu den Gedanken und Gefühlen von anderen. Jeder besitzt ein Ich-Bewusstsein, das sich nach seinen ureigenen Erfahrungen entwickelt hat, und eine eigene Wirklichkeit, die sich von der aller anderen Menschen unterscheidet. Trotzdem setzen wir nicht nur voraus, dass die meisten Menschen ähnlich denken, fühlen und erleben wie wir – offenbar liegt es uns geradezu im Blut, aus flüchtigen Eindrücken auf den momentanen Gefühlszustand oder die Gedanken unserer Mitmenschen zu schließen. Doch es ist eine tiefe Einsicht, die uns die Konstruktivisten vermitteln: Ich darf nie davon ausgehen, dass der andere so wahrnimmt wie ich, auch, dass er so denkt oder fühlt, wie ich glaube, dass er denkt oder fühlt. Das wäre eine fatale Verkennung der Tatsache, dass jeder in seiner eigenen Welt lebt, dass Verstehen der Sonderfall ist und Nichtverstehen die Regel. Allerdings: Je näher sich Menschen stehen, umso größer ist die Chance, dass sie die Welt ähnlich interpretieren.

Erstaunlich ist die Stabilität unseres Ichs, die wir empfinden. Identität meint ja das Gefühl, nicht nur eine Person zu sein, sondern darüber hinaus dieselbe Person, die ich gestern war und morgen sein werde. Das ist keine Selbstverständlichkeit, denn Menschen verändern sich: Sie unterliegen einem ständigen Wandel. Der heutige Erwachsene sieht anders aus, hat andere Fähigkeiten als das Kleinkind, das er einmal war. Auch unser Ich ist kein statisches Gebilde, sondern ein dynamisches Produkt von Prozessen. Auf Grund unserer Erlebnisse und Erfahrungen, die unser Ich ständig aktualisieren, spielt uns das Gehirn ein kontinuierliches Ich als feste unwandelbare Größe also nur vor. Wir bilden uns also lediglich ein, lebenslang ein- und dieselbe Person mit unveränderlichem Wesenskern zu sein und zu bleiben.

Das Ich ist anfällig für subtile Beeinflussungen und passt sich flexibel an den jeweiligen Kontext an – ohne dass wir etwas davon bemerken. Vergleiche mit anderen sind eine zentrale Stellschraube für das ständige Nachjustieren des Selbstbildes. Neben gelernten Erwartungen und dem sozialen Umfeld modulieren auch Gedanken und Gefühle jederzeit das Ich. Sie prägen unsere Entscheidungen, den beruflichen Werdegang und letztlich die Persönlichkeit. Tendenziell schützt ein starkes Selbstbild, aber weder Altruisten oder Egomanen sind vor der Macht der unterschwelligen Reize gefeit.

Illusionen bestimmen weite Teile unserer Identität. Bei der Wahrnehmung und oft auch beim Erinnern und Begründen unserer eigenen Handlungen täuschen wir uns oft, weil wir versuchen, ein kohärentes und stimmiges Selbstbild aufrechtzuerhalten. So lehrt die Alltagspsychologie, dass wir uns zum Schutz eines positiven Selbstbilds systematisch Selbsttäuschungen hingeben – sei es, weil unsere Selbsteinschätzung vom tatsächlichen Handeln abweicht, sei es, weil wir sozial Erwünschtes schlecht von unseren eigentlichen Überzeugungen trennen können. Selbsttäuschung trägt also zur Stabilisierung des Selbstbildes und damit zu unserem Wohlbefinden bei.

Da es sich einfach ziemlich oft auszahlt, uns in gewissem Maß zu überschätzen, könnte dieses Prinzip stammesgeschichtlich so tief in uns verwurzelt sein, dass Täuschung einen zentralen Baustein des Ich darstellt. Problematisch werden Selbsttäuschungen nur in übertriebener Form – oder wenn sie krankhafte Zustände annehmen. (Unsere Neigung zur Selbstüberschätzung ist ein in zahlreichen Studien bestätigtes Phänomen. Sie kann uns aber in Situationen motivieren, in denen eine realistische Einschätzung eher dazu führen würde, die Flinte ins Korn zu werfen.)

Die neurologische Grundlage des Ichs

Aber auch wenn die Ich-Vorstellung vom Gehirn konstruiert ist, so bleibt doch das, was sie repräsentiert, real. Auch sozial konstruierte Tatsachen sind real, sofern sie unser Denken und Handeln prägen. Die Neurologie lehrt uns, dass das Ich aus vielen Komponenten besteht, was sich auch in einer Vielzahl von neurologischen Erkrankungen widerspiegelt. Das Ich eines Depressivem etwa ist schon auf der emotionalen, affektiven Ebene brüchig: Die Patienten erleben ihr Ich als äußerst negativ gefärbt und im Extremfall gar nicht mehr als Ich. Epilepsie-Patienten erleben das ekstatische Gefühl der Vereinigung mit der Welt, indem sie sich selbst vergessen. Diese Erlebnisse dauern einige Sekunden bis Minuten und münden schließlich in Bewusstlosigkeit.

Wie unser subjektiver Eindruck entsteht, Urheber der eigenen Handlungen zu sein, und wie das Gehirn ein geschlossenes, stabil wirkendes Selbst erzeugt, ist bis heute ein Rätsel. Ein solch komplexes Phänomen ist jedenfalls nicht in einem einzelnen Bereich oder einer Region des Gehirns zu finden, sondern in einem Netzwerk, dass mehrere Hirnregionen umfasst. Hirnschädigungen, -störungen oder Ausfälle bestimmter Hirnregionen geben uns Hinweise auf die Grundlagen, die das Ich ausmachen.

Einem Modell zufolge sind kortikale und subkortikale Strukturen (Kortex = Gehirnrinde) entlang der Furche zwischen den Hirnhälften (der „kortikalen Mittellinie“) für mehrere auf das Ich bezogene Verarbeitungsprozesse entscheidend. Besonders wichtig für die Eigenwahrnehmung ist ein Abschnitt der Hirnrinde am vorderen Übergang vom Frontal- zum Schläfenlappen – die vordere Insula (Inselrinde). Sie verrechnet die Signale, die Auskunft über den Zustand des Körpers geben, schrittweise mit Informationen aus anderen Sinnen über die gesamte momentane Situation. Über die neuronale Aktivität in der Inselrinde sowie über nachgeschaltete Hirnareale entsteht ein Ich, das sich seiner selbst und seiner Präsenz in Zeit und Raum bewusst ist.

Dafür scheint auch der Präfrontalkortex im Stirnhirn unerlässlich zu sein. Demenz geht oft mit Störungen des Selbstbewusstseins und mit strukturellen und funktionellen Beeinträchtigungen des präfrontalen Kortex einher. Dazu passt, dass diese Region im Laufe der Primatenevolution stärker gewachsen ist als jede andere. Sie steht u. a. mit neuronalen Sprachzentren wie der Broca-Region sowie dem Hippocampus als Vermittlerinstanz für den Gedächtnisabruf in Verbindung. Dadurch sind wir in der Lage, das eigene Verhalten zu reflektieren und es gezielt zu beeinflussen.

Der Verlust der Ich-Funktion ist ein ausgesprochen ernstes Symptom. Es gibt Menschen, die völlig unfähig sind, ein Ich zu entwickeln. Die Patienten sehen sich nicht mehr als Urheber ihrer Handlungen. In den späteren Stadien der Alzheimer-Krankheit z. B. reagieren sie allmählich nur noch reflexhaft. Die Bilder in ihrem Gehirn hängen nicht mehr zusammen und haben nichts mehr mit ihnen als Person zu tun. Traditionell wird Schizophrenie z. B mit Störungen des neurochemischen Gleichgewichts in Teilen des Gehirns (vor allem beim Neurotransmitter Dopamin) erklärt. Vermutlich kommen aber anatomische Abweichungen der Nervenverbindungen hinzu, die zu einer veränderten Kortexarchitektur führen. Dadurch ist die Signalübertragung in dem weit verteilten Netzwerk der Hirnareale gestört.

Die Symptome von Multiplen sind von denen der Schizophrenen kaum zu unterscheiden. Die Ursachen für die „Dissoziative Identitätsstörung“ (früher „multiple Identitätsstörung“ genannt), bei der Betroffene zwei oder mehr verschiedene Identitätszustände entwickelt, liegen meist in einer frühen Hirnschädigung oder schweren und länger andauernden traumatischen Erlebnissen, z. B. Missbrauch. Die Abspaltung eines Teils des Ichs ist oft der einzige Weg, mit dieser schrecklichen Erfahrung fertig zu werden. Daneben kommen auch Umweltfaktoren wie städtische Umgebung, Migrationshintergrund, Zugehörigkeit zu einer sozialen Minderheit, Armut bis hin zu Bürgerkriegserfahrung, aber auch Cannabis-Konsum als Ursache für eine solche Störung in Frage, bei der nicht einzelne Hirnareale betroffen sind, sondern vielmehr die Verbindung zwischen ihnen.

Die Grenze zwischen Normalität und multipler Persönlichkeitsstörung ist aber durchlässig. Dass im Ansatz sogar jeder in gewissem Maße multipel ist, zeigt allein die Tatsache, dass der Mensch manchmal sein eigenes Tun im Nachhinein nicht begreift und zwischen Verstand und Gefühl einen Unterschied macht.

REM

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