Auch wenn es auf viele Fragen noch keine endgültige und befriedigende Antwort gibt, so kann die moderne Evolutionstheorie doch ein in Grundzügen vollständiges Bild vom Werden und Vergehen der Organismen entwerfen. Die Beweislage ist überwältigend: Millionen fossil erhaltener Arten, darunter viele Übergangsformen zwischen heutigen taxonomischen Großgruppen, die abgestuften morphologischen Übereinstimmungen von Organismen, die damit korrelierende genetische Ähnlichkeit, Gemeinsamkeiten in der Embryonalentwicklung, das Auftreten von Rudimenten und Atavismen* – alle diese Faktoren sind Belege für das Prinzip der Abstammung von einem gemeinsamen Vorfahren. Forscher können evolutionäre Entwicklungen inzwischen selbst für hochkomplizierte molekulare Strukturen nachvollziehen. Beispielsweise lässt sich zeigen, dass ausgefeilte Gebilde aus mehreren Proteinen tatsächlich aus einfacheren Vorläufern hervorgegangen sind, wobei Zwischenstufen anscheinend selektiven Mechanismen unterworfen waren.
*Atavismen sind Merkmale, die zufällig wieder auftreten, obwohl sie im Laufe der Evolution schon zurückgebildet oder ganz verschwunden waren.
Evolution ist ein Problem der Zeit. Die Phasen, in denen sich die Evolution schrittweise vollzieht, sind manchmal so lang, dass es unsere Vorstellungskraft übersteigt. Manche Organismen, wie etwa Skorpione, sind seit ihrer Entstehung fast unverändert geblieben. Doch evolutionäre Veränderungen können auch sehr rasch eintreten, oft geradezu wie im Zeitraffer. Das zeigt uns beispielsweise die große Artenvielfalt der Buntbarsche im Victoriasee, die sich in kaum mehr als (geologisch kurzen) 100 000 Jahren herausgebildet hat.
Die Biologen vermuten sogar, dass das Phänomen der „schnellen Evolution“ nahezu allgegenwärtig ist – wenn sich die Umwelt wandelt. So können wir auch heute immer wieder zu Augenzeugen der Evolution werden. Darwin-Finken mit großen Schnäbeln entwickelten sich nach mehreren Dürrezeiten (aufgrund des Klimaphänomens „El Nino“) in den 1980er Jahren hin zu kleinschnäbeligen Formen, da es während dieser Trockenzeiten sehr viel häufiger kleine Samen gab als große. Die Beinlänge von Anolis-Eidechsen hat sich in Anpassung an die Umwelt innerhalb von 10 bis 14 Jahren verändert, nachdem diese auf verschiedene Bahamas-Inseln ausgesetzt worden waren.
Aktuell zeigt sich die Evolutionsgeschwindigkeit beispielsweise beim Vogelzug, wo sich gerade die Abflug- und Ankunftsdaten vieler Zugvögel infolge des Klimawandels kontinuierlich verändern. Einige Populationen (z. B. die Mönchsgrasmücke in Südengland) haben sich sogar von Zug- zu Standvögeln entwickelt.
Kontingenz und Konvergenz
Der Evolutionsbiologe Stephen Jay Gould (1941-2002) hielt es für höchst unwahrscheinlich, dass die Erdgeschichte nochmals identisch von vorne ablaufen könnte. Er begründete seine Ansicht damit, dass vergangenes Geschehen und schon Vorhandenes bis ins Detail hinein oft hochgradigen Einfluss auf die weitere Evolution nimmt. Würde das Leben also noch einmal von vorne beginnen, entstünde durch kleine Abweichungen im Laufe der Zeit eine andere Lebenswelt mit völlig neuen Formen. Die Evolution auf der Erde wäre demnach eine wunderbar einmalige und unwiederholbare Geschichte des Lebens.
In diesem Sinne postuliert die Kontingenztheorie, dass die Evolution stets mehrere Lösungen für dasselbe Problem findet. Zufallsereignisse (z. B. Mutationen, Umweltkatastrophen) bestimmen letztlich, welche Lösung bevorzugt wird, und setzen damit die Vorbedingungen für den weiteren Verlauf der Entwicklung.
Es gibt gute Beweise zugunsten der Kontingenztheorie. So sind Beispiele bekannt, dass zwei Populationen mit praktisch identischer Genomausstattung derselben Herausforderung mit zwei völlig verschiedenen Anpassungsmaßnahmen begegnen, d. h. komplett verschiedene Pfade molekularer Evolution beschreiten – und das gleichermaßen erfolgreich. Das bedeutet, dass Lebewesen einer Art in der Lage sind, sich mit unterschiedlichen Genen an ihren Lebensraum anzupassen, also eine herausfordernde Umgebung mit komplett unterschiedlichen biochemischen Strategien meistern zu können.
Die Kontingenztheorie steht in klarem Gegensatz zum Konzept der konvergenten Evolution. Deren Vertreter halten die Selektionskräfte für so stark, dass selbst bei unterschiedlichem Ausgangsmaterial immer wieder die gleichen biologischen Lösungen zu Stande kommen. Sie verweisen auf viele Beispiele aus der Tier- und Pflanzenwelt, in denen ohne wechselseitigen Austausch und in völlig unterschiedlichen systematischen Gruppen verblüffend gleiche Merkmale und Anpassungen auftreten. So bilden z. B. verschiedene Pflanzenarten Koffein zum Schutz ihrer Blätter und Samen vor tierischen Schädlingen. Tierarten entwickelten beispielsweise unabhängig voneinander beweglich fokussierende Augen oder die zweibeinige Fortbewegung. Bei Termiten und Ameisen führte die Evolution sogar zu einer gleichartigen Sozialstruktur. Die Wissenschaftler sprechen von „konvergenter Anpassung“ oder einfach „Konvergenz„.
Goulds These, dass sich die Evolution nie wiederholt, stimmt demnach grob betrachtet nicht. Die Evolution findet mit den Mittel Mutation und Selektion oft bereits bekannte Lösungen und beschreitet auch immer wieder ähnliche Wege. Der Paläontologe Simon Conway Morris vermutet, dass die Anzahl biologischer Lösungen geringer ist als die der Wege dorthin. Andererseits führen ähnliche Lebensweisen und Lebensbedingungen keineswegs immer zu konvergenten Formen. Langzeitstudien zeigen, dass die Wiederholbarkeit manchen Einschränkungen unterliegt. Im Groben können sich Evolutionsrichtungen daher ähneln, aber die Feinheiten können aufgrund unterschiedlicher Ausgangsbedingungen differieren, so dass sie sich an stammesgeschichtlich bedingten Strukturunterschieden erkennen lassen.
Gewissermaßen haben also beide Lager recht: Oft lässt sich die Richtung der Evolution in einer bestimmten Umwelt vorhersagen; zugleich hängen die Anpassungen aber stark von zufälligen Mutationen ab, die hin und wieder für eine völlig neue Richtung sorgen. Ein besseres Verständnis dieser Zusammenhänge dürfte erklären helfen, wieso in der Evolution trotz der Bedeutung von Kontingenz dennoch Wiederholungen vorkommen. Ob der Mensch allerdings tatsächlich ein zweites Mal unter den gleichen Umweltbedingungen entstehen würde, ist fraglich. Womöglich hätte intelligentes Leben auch aus Dinosauriern hervorgehen können – in Form von zweibeinigen, vogelähnlichen Wesen, die Werkzeuge benutzen -, hätte nicht vor 66 Millionen Jahren der Einschlag eines Asteroiden zu eine erdumspannenden Umweltkatastrophe geführt.
Zielgerichtete Entwicklung?
Teleologische Ansätze
In der Vorstellung vieler Menschen ist die Evolution des Lebens durch eine Aufwärtsentwicklung im Sinne stetig zunehmender Komplexität gekennzeichnet. Auch der Priester und Philosoph Teilhard de Chardin (1881-1955) sah eine gerichtete Entwicklung: „Bei Anordnung der Tierarten nach dem jeweiligen Bau ihres Zentralnervensystems wird das gleiche Ergebnis erzielt wie bei der Klassifikation gemäß der biologischen Systematik. Die Differenzierung der Nervensubstanz gibt eine Richtung, die Richtung der Evolution, an.“ Und der Neurophysiologe John Eccles (1903-1997) vermutete, „dass die biologische Evolution trotz aller Wechselfälle auf ein Endziel zustrebt“.
Bei solchen teleologischen Ansätzen (von griechisch „telos“ = Ziel) kann man zwei Arten von Zielgerichtetheit unterscheiden: eine von außen vorgegebene und eine der Materie selbst innewohnende. Die erste Art geht von einer planenden Instanz aus, einem kosmischen Drahtzieher, der die Ereignisse steuert. Die Entstehung und Entfaltung des Lebens wäre dann nicht auf die Natur, sondern auf einen „göttlichen“ Funken und ein kosmisches Drehbuch zurückzuführen.
Die andere teleologische Variante nimmt an, dass die Materie von selbst bestrebt ist, ein bestimmtes Entwicklungsziel zu erreichen. Der griechische Philosoph Aristoteles hat dieses Prinzip vor 2300 Jahren als Entelechie (griechisch für „was sein Ziel in sich trägt“) bezeichnet und als Merkmal des Lebens postuliert. Es muss demnach Kräfte oder Gesetze geben, die zur Entstehung des Lebens führten und eine Entwicklung bis hin zu einem denkenden Wesen, das sich über die Eigenschaften des Lebens wundert, vorantrieb. Selbst bei einigen heutigen Biologen hält sich bis heute die Vorstellung, es gäbe eine der biologischen Evolution innewohnende „Antriebskraft“ in Richtung Komplexität.
Selektion
Die transformierende Selektion wird oft als „gerichtet“ bezeichnet, weil die Variation zu einem Optimum hin verschoben wird. Der Terminus ist jedoch missverständlich, da mit der Selektion wie mit der Variabilität keine gerichteten (teleologischen) Faktoren verbunden sind. Variabilität entsteht auf Populationsniveau durch Populationsspaltungen ebenso ungerichtet wie Mutationen auf der individuellen Ebene. Lediglich das Ergebnis kann – rückblickend – als gerichtet erscheinen.
Bei der Selektion handelt es sich lediglich um lokale Anpassungen; einen generellen Fortschritt im Sinne einer Höherentwicklung beinhaltet das Selektionsprinzip nicht. Die natürliche Auslese vermag nichts anderes, als neue Merkmale, die durch zufällige genetische Veränderungen oder Verhaltensänderungen entstanden sind, entweder zu begünstigen oder zu eliminieren. Eine Richtung erhält der Zufall erst durch die Bedingungen des Lebensraums (Umwelt). Dabei erfolgt natürliche Selektion immer nur aufgrund gegenwärtiger und niemals im Hinblick auf zukünftige Umweltbedingungen. Sie ist hinsichtlich der Zukunft blind und bewertet allein den augenblicklichen Vorteil, den momentanen Fitnessgewinn, „sieht“ aber nicht voraus, ob eine genetische Abweichung das Evolutionspotenzial steigern könnte.
Um ein Problem zu lösen, erfindet die Natur meist nichts Neues – auch wenn solche Formulierungen Biologen und Wissenschaftsjournalisten immer wieder aus dem Mund oder der Feder fließen. Sie greift vielmehr auf Vorhandenes zurück. Eine Zweitverwertung eines DNA-Abschnitts ist eines der ganz starken Prinzipien der Evolution. Es läuft frei nach dem Motto: Muss ich ein Problem lösen, schau ich erstmal, ob ich nicht schon irgendwas habe, das ich dafür hinreichend verwenden kann. Und so manches Mal wurden sogar wieder Strukturen aktiviert, die zuvor bei den Vorfahren abgeschafft worden waren.
Der Begriff „Exaptation“ bezieht sich auf Merkmale, die in einem bestimmten Kontext entstehen, dann aber in einem ganz anderen genutzt werden und sich in den jeweiligen Populationen ausbreiten. Der Unterschied zu Adaptionen ist elementar: Während Adaptationen Merkmale sind, die spezifische und klar definierte Funktionen erfüllen, handelt es sich bei Exaptationen um Merkmale, die zunächst nur potenziell zur Verfügung stehen. Das ist ein gängiges Phänomen: Viele neue biologische Strukturen bleiben aus keinem anderen Grund erhalten als dem, nicht weiter zu stören. Exaptationen sind also Eigenschaften, die unter veränderten Bedingungen ohne Weiteres neue und erweiterte Funktionen übernehmen und neue ökologische Bezüge eröffnen können. Auch Verhaltensänderungen können zu einem Funktionswechsel führen.
Die neuen Eigenschaften sind oft qualitativ verschieden und können im Hinblick auf die Fähigkeiten einen Quantensprung bedeuten und völlig neue Evolutionswege eröffnen. So entstehen mitunter sogar neue systematische Gruppen mit neuartigen morphologischen und physiologischen Eigenschaften. Das klassische Beispiel für eine Exaptation, die dann durch transformierende Selektion zu einer Adaptation wurde, sind Federn. Zufällig entstanden entwickelten sie sich in einer Reihe logischer Schritte zu einem geeigneten Wärme- und Nässeschutz bei kleinen und flinken, gleichwarmen Dinosauriern. Doch dann folgte der überraschende „Seitensprung“ zum Fliegen, der mit dem Erhalt der Körperwärme nichts zu tun hat. Es setzte die natürliche Auslese zu einem Federkleid ein, das zu flugtauglichen Tragflächen umgestaltet wurde.
Auch die Insektenflügel sind wahrscheinlich Resultat einer solchen Funktionsverschiebung: Seitlich dünnhäutige Ausbuchtungen der Brustsegmente dienten ursprünglich der Wärmeregulation. Die Zirporgane vieler Käfer sind aus Strukturen entstanden, die ursprünglich dem Einfalten der Hinterflügel dienten. Das Außenskelett von Insekten war insofern eine Voranpassung (Präadaptation) zur Landtierwerdung, da der Hautpanzer, der im Wasser Schutz gegen Fraß und Verletzungen bot, sich an Land ebenso als Verdunstungsschutz eignete.
Flickwerk
Das Rohmaterial für die Evolution ist das Genom. Wichtige Genabschnitte, die sich einmal bewährt haben, werden über Jahrmillionen konserviert. So liefert früheres Geschehen die begrenzenden Rahmenbedingungen für die weitere Evolution. Diese muss sich also mit dem begnügen, was zur Verfügung steht, mit Genen und Körperbauplänen, die es bereits gibt. Auf dieser Grundlage muss eine möglichst optimale Funktionalität erzielt werden. Sobald die Evolution auf ein Problem, vor das sie die Umwelt stellt, eine ausreichende Lösung gefunden hat, wird das entsprechende Merkmal der natürlichen Auslese entzogen. Dabei hätte es – im Nachhinein betrachtet – auch eine noch bessere Lösung geben können.
Eine bestimmte Richtung oder Tendenz der stammesgeschichtlichen Entwicklung kann daher nicht angenommen werden. Selbst die brauchbarsten Ergebnisse sind nicht das perfekte Resultat eines zielgerichteten Prozesses. Sie sind oft nur ein Flickwerk, das für einen gewissen Zweck hinreichend gut funktioniert, also eher „gerade ausreichende Lösungen“ für ein Anpassungsproblem darstellen. Besser als hinreichend würde zunächst keinen weiteren praktischen Nutzen bringen, sondern am Ende sogar womöglich mehr Ressourcen kosten.
Selbst etwas so Wichtiges wie die Atemregulation ist ein umständliches System: Sie wird primär über die Messung des Kohlendioxid-Anteils im Blut und nicht über den Sauerstoff-Anteil gesteuert, was in der Höhe zu einem Nachteil führt. Dieses System wurde nie verbessert, weil es in den meisten Fällen funktioniert. – Auch unser in vielem so genial erscheinendes Auge ist keineswegs perfekt, sondern eher stümperhaft aufgebaut. Die Natur hat bei dessen Evolution vorhandenes Material benutzt und für einen neuen Zweck zurechtgeschustert. Das erklärt die zahlreichen Unzulänglichkeiten unseres Sehorgans (z. B. die Lage der Netzhaut am Augenhintergrund). Dass ein linsenbewehrtes Kameraauge nicht zwangsläufig so ungeschickt aufgebaut sein muss wie unseres, beweist das Tintenfischauge, das diese Unzulänglichkeiten nicht aufweist. (Vor Hunderten von Jahrmillionen befand sich die Zellschicht, die bei unseren Wirbeltier-Vorfahren zufällig lichtempfindlich wurde, an einer anderen Stelle als die entsprechende bei den Vorfahren der Tintenfische. Somit entwickelte sich jede der beiden Konstruktionen auf ihre eigene Weise.)
Die Evolution arbeitet also nicht vorausschauend wie das menschliche Bewusstsein. Sie tut nichts im Hinblick auf eine künftige Nutzung. Ein und dieselbe Option kann je nach den jeweiligen Umweltbedingungen (im weitesten Sinne betrachtet) zum einen Zeitpunkt vorteilhaft und zu einem anderen nachteilig sein. Den Fischen wuchsen nicht Beine, weil sie das Land erobern wollten; dann zeigte sich, dass sie praktisch waren, wenn sich das Tier an Land bewegte. Evolution ist ein andauerndes und offenes Abenteuer, das seinen Zweck fortlaufend selbst schafft. Dabei richtet sie sich nach den sich bietenden Gelegenheiten.
Komplexität
Oft erscheint uns die Evolution als eine einzige Stammeslinie mit aufsteigender Komplexität. Diese Täuschung entsteht dadurch, dass die meisten Seitenlinien ausgestorben sind, ohne fossil dokumentiert zu sein.
Nie wird in der Stammeslinie oberhalb der Fische noch einmal ein Wirbelloser dargestellt oder oberhalb der Reptilien ein Fisch, als hätte deren Evolution plötzlich ausgesetzt. Dabei waren die Reptilien nur eine kleine Seitenlinie der Fische, welcher der Schritt aufs Land gelang. Die modernen Knochenfische (Teleostei), welche die erfolgreichste Gruppe ihrer Klasse bilden, begannen sich erst zur Zeit der Dinosaurier zu entwickeln. Ihr Aufstieg ist das bedeutendste Ereignis in der Evolution der Fische. Ähnlich absurd ist aus evolutionsgeschichtlicher Sicht die Positionierung des Menschen an der Spitze der Stammeslinie. Relativ zu anderen Säugetierordnungen sind die Primaten (zu denen der Mensch gehört) alt, und manche der jüngeren Ordnungen haben sich sehr erfolgreich ausgebreitet, und nicht wenige nach unserem Erscheinen.
Die ersten Organismen (Prokaryoten) verkörpern den minimalen Komplexitätsgrad, den Leben erfordert. Seit etwa 3,5 Milliarden Jahren stellen diese Bakterien und Archaeen den häufigsten und damit erfolgreichsten Organisationstyp aller Lebewesen. Ihre Ausbreitung ist die wirkliche Erfolgsgeschichte der Evolution. Prokaryoten haben mehr Lebensräume besetzt und verfügen über ein breiteres biochemisches Repertoire als jede andere Organismengruppe. Sie sind in Zahl und Masse die bei weitem dominierende Lebensform auf dem Planeten Erde – und das wohl für alle Zeit.
Die enorme Stabilität des Prokaryotenreiches ist in Wahrheit das hervorstechendste Merkmal des Lebens. Während immer wieder einmal ein neues Zufallsprodukt in den leeren Sphären höherer Komplexität auftaucht und ein meist nur kurzes Zwischenspiel gibt, halten die Prokaryoten ihre Position. Bemerkenswerterweise haben sie ihren Komplexitätsgrad nie verändert, sondern nur ihre Verbreitung und Vielfalt kontinuierlich erhöht. Bei diesen Mikroben, von denen fast jedes andere Lebewesen potenziell bedroht ist, wüsste man nicht einmal ansatzweise, wie sie auszumerzen wären.
Nach dem Zeitalter des Kambrium (vor etwa 540 bis 485 Millionen Jahren) wurden die damals geschaffenen anatomischen Grundbaupläne der Vielzeller nur noch mehr oder weniger variiert, lediglich der Artenreichtum nahm zu. Drei Milliarden Jahre Einzelligkeit, dann einige Millionen Jahre intensiver Kreativität, und hinterher mehr als 500 Jahrmillionen Herumprobieren mit den einmal gegebenen Grundmustern, das entspricht kaum einem natürlichen, zwangsläufigen und stetigen Trend zu Fortschritt und zunehmender Komplexität.
Es geschieht in der Evolution auch recht oft, dass Merkmale wieder verloren gehen. Jedes Gen wird zur Last, sobald der Organismus mehr Energie hineinstecken muss, als er Nutzen aus ihm zieht. Deshalb prüft die Evolution für jedes Gen immer wieder, ob sich der Stoffwechsel-Aufwand dafür lohnt. Sobald Gene keinen Nutzen mehr bringen, werden sie daher umgehend abgeschaltet oder eliminiert. („Use it or loose ist!“) Durch das gnadenlose Herausselektieren von Überflüssigem wird Energie für Wichtiges eingespart, wie etwa für eine erfolgreiche Fortpflanzung.
Es gibt viele Beispiele für solches „Gen-Ausmisten„. Bei den vielen Organismen, die von der freien zur parasitären Lebensweise wechselten, wurden oftmals Hunderte von Gene stillgelegt oder gingen verloren. Dabei dürfte ein körperlich rückgebildeter Schmarotzer im Schutze seines Wirtes eine ebenso große evolutive Chance haben wie sein aufwändig gestalteter Verwandter, der die Tücken der Außenwelt meistern muss.
Häufig wurden im Laufe der Evolution sogar ganze Organsysteme abgeschaltet, deren Aufgaben obsolet geworden waren. So ließen etwa Fische, die aus lichten Gewässern in dunkle Höhlen umgezogen waren, ihre Gene für die Bildung und Ausstattung ihrer Augen verkümmern. Auch wir Menschen verlieren nach diesem Muster gerade etwa 100 überflüssig gewordene Gene. Die meisten davon spielen bei der Wahrnehmung und neuronalen Verarbeitung bestimmter Geruchsreize mit. Der Geruchssinn ist für uns heute relativ unwichtig geworden, um die Herausforderungen unserer Umwelt zu meistern.
Wann immer die unstete Umwelt es begünstigt, verläuft der Evolutionsprozess also auch umgekehrt, vom Komplexen zum Einfachen, um die energetische Kosten-Nutzen-Bilanz zu verbessern. Es gibt unzählige Beispiele für eine solches „Komplexitäts-Eliminieren„. Insgesamt haben sich höher entwickelte Organismen genauso oft zurück in Richtung abnehmender Komplexität bewegt wie einfache Organismen höhere Komplexitätsformen hervorgebracht haben. Doch wurden sie dabei von dem bereits besetzten Raum aufgesogen.
Fazit
Die Geschichte des Lebens verlief sprunghaft und im Zickzack und schloss viele Irrtümer mit ein. Der Baum der Evolution entfaltete sich also keineswegs kerzengerade wie ein Zypresse, sondern wuchs eher mühsam, umständlich und knorrig. Er ähnelt eher einem am Grund stark verästelten Busch.
Die Evolution geht schrittweise voran, und bei jedem Schritt kann die Komplexität entweder zu- oder abnehmen. Eine bestimmte Richtung oder Tendenz der stammesgeschichtlichen Entwicklung kann nicht angenommen werden. Durch Veränderungen der Umwelt – durch variierenden Selektionsdruck – wird die Evolution in eine gewisse Richtung gedrängt. Dabei zielt sie aber nicht unbedingt auf höhere Komplexität, d. h., eine komplexere Organisation wird nicht automatisch und unter allen Umständen evolutionär bevorzugt.
Die scheinbare Zunahme in der Komplexität der Lebensformen ist demnach wohl ein Pseudotrend, ein Artefakt (wie es Stephen Gould ausdrückte), der auf einem Fehler in unserer Betrachtungsweise beruht. Unser verengter Blickwinkel lässt uns besonders die diffizilsten Kreaturen sehen, während wir mindestens ebenso viele genauso erfolgreiche Entwicklungslinien, die einfache Lebewesen hervorgebracht haben, kaum zur Kenntnis nehmen. Wir Menschen mit unserem komplizierten Nervensystem sind aber lediglich ein randständiger Komplexitätsausläufer der Evolution.
Im Prinzip sind Urteile wie „hoch entwickelt“ und „niedrig entwickelt“ subjektive Vorurteile, die aus der Sicht der Gattung Mensch gefällt werden. Die als „nieder“ bezeichneten Lebewesen leben nicht schlechter, sondern anders als die „höheren“. Man muss bedenken, dass auf jede komplexe Lebensform ein andere, gleich gut angepasste mit einfacherem Körperbau kommt.
Zwar sind die Lebewesen im Laufe der Zeit „im Durchschnitt“ komplexer geworden, denn das Leben hat bei größtmöglicher Einfachheit begonnen, und ihm blieb nur diese eine Entfaltungsrichtung. Mit dem Ablauf der Zeit erschlossen sich Möglichkeiten zur Steigerung der Komplexität von Organismen. So können unter bestimmten Umweltbedingungen, z. B. in kurzen Umbruchphasen mit massiven Störungen des Lebens, Selektionsdrücke, die eine höhere Komplexität begünstigen, oft sehr stark sein. Aus einem Chaos heraus erscheinen dann hin und wieder neue, höher organisierte Lebewesen, die ein wenig besser mit der Umwelt zurechtkommen als viele Zeitgenossen. Solche Neuzugänge waren allerdings rar und episodisch. Sie bilden nicht einmal eine entwicklungsgeschichtliche Reihe, sondern eine bunte Sammlung höchstens entfernt verwandter Gruppen.
Die Evolution war und ist nicht mehr als ein autonom funktionierendes Wirkprinzip, mit dem die belebte Welt in stetigem Fluss bleibt – und zwar völlig frei von jeglichen „Zielen“ und „Absichten“. Selbst halbwegs präzise Vorhersagen über künftige Entwicklungen sind unmöglich. Das Konzept der Evolution könnte man mit dem Schreiben eines Gedichts vergleichen: Welches Gedicht entsteht, ist nicht vorherbestimmt. Aber schließlich, genügend Zeit vorausgesetzt, entsteht durch Versuch und Irrtum, also willkürliches Herumprobieren, hin und wieder tatsächlich auch ein brauchbares Ergebnis – oft auch für einen Zweck, für den es gar nicht vorgesehen war.
Aus einem einzigen Vorfahren ist durch Übertragungsfehler und genetische Rekombination im Zusammenwirken mit natürlicher Auslese Komplexität entstanden, die in der erstaunlichen Vielfalt der rezenten Lebensformen ihren Ausdruck findet. Es fällt vielen schwer, zu akzeptieren, dass reiner Zufall plus Selektionsdrücke von einer einfachen Anfangsbedingung die hochgradig komplexen Formen hervorgebracht hat. Selbst wenn viele Biologen nicht an einen Schöpfer, sondern lieber daran glauben, dass die Natur aus sich heraus und aufgrund vieler Zufälle das Schöpfungswerk vollbrachte – unsere eigene Entstehung eingeschlossen -, macht dies das mysteriöse Netzwerk des Lebendigen um nichts weniger ehrfurchtgebietend.
REM
