Der Schlaf (2)

Bedeutung

Warum wir überhaupt schlafen und träumen, ist ein faszinierendes Rätsel der Nachtseite unseres Lebens. Viele Indizien weisen darauf hin, dass der Schlaf eine lebenswichtige Funktion zu erfüllen hat. Er steuert und optimiert auf vielen Ebenen eine Vielzahl biologischer Abläufe – begonnen beim Immunsystem über das hormonelle Gleichgewicht, die emotionale und psychische Gesundheit, Lernen und Gedächtnis bis hin zu Regeneration und „Entgiftung“ des Gehirns.

  1. Erholung und Regeneration

Erholung

Einige Wissenschaftler sehen in der Drosselung des Stoffwechsels während der Nachtruhe einen Energiesparmodus. Wenn wir einschlafen sinkt jedenfalls die Muskelspannung, ebenso die Geschwindigkeit des Herzschlags und der Blutdruck; die Atmung wird langsam und gleichmäßig und die Körpertemperatur wird abgesenkt. Auf diese Weise würden nach einem stressigen Tag die entsprechenden Stoffwechselvorgänge auf bis zu einem Drittel reduziert. Das würde verhindern, dass ein gleichwarmer Organismus in kürzester Zeit all seine Energiereserven „sinnlos vergeude“. Wir fallen jedenfalls schneller in Tiefschlaf und verweilen länger in ihm, wenn wir lange nicht geschlafen haben. Anscheinend werden im Schlaf die Energiespeicher wieder aufgefüllt. Denn je tiefer wir geschlafen haben, desto mehr Energie steht uns wieder zur Verfügung – wir fühlen uns gut erholt.

Nicht nur der Körper braucht die nächtliche Auszeit, um sich zu erholen, sondern auch das Gehirn. Obwohl unser Denkorgan seinen Energiebedarf während des Schlafes insgesamt herunterschraubt, scheinen bestimmte Hirnareale in den ersten Tiefschlafphasen geradezu mit Kraftstoff (ATP) geflutet zu werden. Da unser Gehirn weniger ATP verbraucht, kann es den Energiestoff im Tiefschlaf besonders in solchen Regionen, die typischerweise während der Nachtphase aktiv sind (etwa im Frontalkortex, im basalen Vorderhirn und im Hippocampus), anreichern. Der erhöhte ATP-Spiegel nach dem Einschlafen ermöglicht es dadurch, die Produktion von Biomolekülen wie Proteinen oder Fettsäuren in diesen Arealen störungsfrei ablaufen zu lassen.

Messungen zeigen, dass die Gesamt-Stoffwechselrate während des normalen täglichen Schlafs kaum gegenüber der Wachphase gedrosselt wird, da gewisse Prozesse und Systeme zumindest zeitweise besonders aktiv sind. Daher wird also eigentlich nur wenig Energie (Studien sprechen von 7 bis 8%) eingespart. Beispielsweise steigt während des Traumschlafs (REM-Schlaf) der Energieverbrauch extrem an und ist teilweise sogar höher als im Wachzustand. Andere wichtige physiologische Prozesse (z. B. die Reparatur von Zellen oder das Restaurieren lebenswichtiger Körperfunktionen) finden (nur) während der Tiefschlafphase statt. Das alles erfordert eine Menge Energie – und so verwundert es nicht, dass der Körper während des Schlafs ähnlich viele Kalorien verbraucht wie während der Ruhephasen am Tag.

Während nur ein Teil der Stoffwechselvorgänge im Schlaf Energie spart, geschieht das in anderen Teilen während der Wachphase. Wissenschaftler stellten fest, dass durch diese Partitionierung des Stoffwechsels in verschiedene Prozesse über den gesamten Schlaf-Wach-Zeitraum bis zu 37% Energie eingespart wird. Die Forscher sind der Überzeugung, dass dies der Optimierung des Stoffwechsels dient und während der Evolution einen klaren Selektionsvorteil bot. Die diskrete Partitionierung wäre also am Ende möglicherweise nicht nur eine Antwort, warum wir schlafen, sondern würde zugleich eine plausible Erklärung für die Frage bieten, wie sich Schlaf überhaupt evolutionsbiologisch so breit im Organismenbereich etablieren konnte.

Regeneration

Im Tiefschlaf arbeiten auch die Regenerationsmechanismen im Körper auf Hochtouren. Die Inaktivität während dieser Zeit schafft optimale Bedingungen, um die dringend notwendigen Wartungsarbeiten durchführen zu können. Dabei werden z. B. defekte Zellen repariert. Auch die in Chromosomen aktiver Nerven angesammelten DNA-Schäden werden nun beseitigt. Erst im Schlaf sind die Chromosomen so beweglich, dass die Schäden behoben werden können. Es wurde sogar ein Detektormolekül entdeckt, das DNA-Schäden aufspüren kann und dem Körper signalisiert, dass es Zeit zum Einschlafen und für die Reparatur der DNA ist. Womöglich schliefen also die ersten Wesen mit Nervensystem tatsächlich deswegen, um dem Erbgut ihrer Neurone Gelegenheit zu geben, die Schäden des Tages zu beseitigen.

Der Hormonhaushalt, der vom Hypothalamus kontrolliert und über die Hypophyse gesteuert wird, kommt in der Nacht in Schwung. Auf der Traumebene erreichen die Hormone Hoch- und Tiefwerte, die nur der Schlaf kennt. So läuft die Produktion diverser Wachstumshormone (z. B. Somatotropin) und Geschlechtshormone (z. B. LH, Testosteron) auf Hochtouren. Diese durchfluten uns besonders in den frühen Morgenstunden und regen z. B. die Zellteilung an: Wir wachsen im Schlaf.

Auch das Immunsystem ist besonders aktiv. Während des Schlafes nimmt die Konzentration des Stresshormons Cortisol, das vor allem bei psychischen Belastungen und Schlafentzug ausgeschüttet wird und die Immunabwehr unterdrückt, ab. Melatonin dagegen stimuliert das Immunsystem. Es ist an verschiedenen Körperfunktionen beteiligt und dämpft die Aktivität des Nervensystems. Melatonin sorgt z. B. für sehr tiefen und erholsamen Schlaf und für Regenerationsprozesse. Es hemmt aber auch das Wachstum bestimmter Krebszellen und schützt vor Freien Radikalen.

Tumore sind oft in uns angelegt, aber unser Immunsystem arbeitet dagegen, dass sie ausbrechen. Fehlt Melatonin, beginnen sich die schon angelegten Tumore sehr schnell zu entwickeln.

Auch andere Hormone (z. B. Prolactin, ein sogenannter Wachstumsfaktor) wirken stimulierend auf das Immunsystem und beschleunigen im Schlaf vor allem die Antikörperbildung. So nimmt die Zahl der natürlichen Killerzellen im Schlaf ebenso zu wie die Aktivität von Makrophagen und T-Lymphozyten. Viele Heilungsprozesse (z. B. die Wundheilung) laufen vor allem nachts ab. Es wurde eine Zunahme immunologischer Botenstoffe wie beispielsweise Interleukinen während des Schlafes festgestellt. Interleukine fördern das Einschlafen, so dass bei einer Infektion das Schlafbedürfnis höher ist: Infekte machen müde. Einige Forscher denken sogar, dass man eine beginnende Infektion mit ausreichend Schlaf abwehren kann.

Je älter wir werden, desto weniger stimuliert der Schlafrhythmus die Ausschüttung der entsprechenden Hormone. Ihr Mangel verursacht – zum Teil wenigstens – Schlafstörungen im Alter.

Vor allem während des in der ersten Nachthälfte auftretenden Tiefschlafs flottieren im Organismus zahlreiche Hormone, die sich auf den Zuckerstoffwechsel auswirken können und das Hungergefühl dämpfen. Das Gehirn scheint in dieser Phase seinen Zuckerbedarf im Vergleich zum Wachzustand zu dämpfen. Besonders sogenannte Wake Promoting Regions, die daran beteiligt sind, den Organismus wach zu halten, schrauben ihren Energieverbrauch zurück. Ein gestörter „Deltaschlaf“ (Tiefschlaf) bringt die Regulation des Zuckerstoffwechsels durcheinander. Dabei steigt der Spiegel des appetitanregenden Hormons Ghrelin an, gleichzeitig sinkt der des hungerdämpfenden Hormons Leptin. Sind Menschen unausgeschlafen, greifen sie eher zu süßen und fettreichen Speisen. Fehlender Schlaf kann daher auf die Dauer dick machen.

Reinigung

Schlaf sorgt auch dafür, dass unser Denkorgan nicht in seinem eigenen Abfall erstickt. Das Netzwerk zur Abfallentsorgung im Gehirn wird als „glymphatisches System“ bezeichnet. Die klare Hirnflüssigkeit (Zerebrospinalflüssigkeit) fließt außerhalb der Blutgefäße zwischen den Zellen. Während des Schlafes vergrößern sich die Zellzwischenräume um etwa 60%, was vermutlich den Abtransport des zellulären Abfalls erleichtert. Die Blutgefäße treiben dabei wie Pumpen die umgebende Hirnflüssigkeit an und spülen die Abfallstoffe aus. Einige Wissenschaftler vertreten die neue These, dass wir überhaupt nur schlafen, damit das Gehirn gereinigt werden kann.

[Noradrenalin spielt offenbar eine Schlüsselrolle für die nächtliche Reinigung des Gehirns. Der Botenstoff wird im Hirnstamm während des Tiefschlafs rhythmisch ausgeschüttet und verengt die Blutgefäße im Gehirn. Je mehr von dem Noradrenalin zirkuliert, desto stärker ziehen sie sich zusammen. Das Volumen der Hirnflüssigkeit schwankt daher im Rhythmus der Noradrenalin-Wellen.

Nach Einnahme eines Schlafmittels (Zolpidem) sinkt bei Mäusen der Noradrenalin-Spiegel im Tiefschlaf um 50%. Die Tiere schlafen schneller ein – allerdings geht der Flüssigkeitstransport im Gehirn um ca. 30% zurück. Die Abfallbeseitigung ist gestört.]

Ist das glymphatische System beeinträchtigt, kann das vermutlich neurodegenerative Krankheiten begünstigen. So wird während des Schlafes Beta-Amyloid – ein Protein, das bei der Entstehung der Alzheimererkrankung eine Schlüsselrolle spielt – offenbar aus unserem Denkorgan ausgeschwemmt und entsorgt. Bei schlechtem Schlaf sammelt sich toxisches Beta-Amyloid verstärkt an. Das Ausschwemmen von Schad- und Giftstoffen, die sich tagsüber angesammelt haben, beugt also offenbar Krankheiten wie die Alzheimerdemenz vor.

2. Lernen und Gedächtnis

Für Biologen und Mediziner geht die Funktion des Schlafes über Erholung und Regeneration hinaus. So ist seine Bedeutung für Lernen und Gedächtnis heute unbestritten. Im Schlaf kann sich unser Gehirn voll damit beschäftigen, die Erinnerungsspuren des Tages zu verarbeiten und ins Langzeitgedächtnis einzugravieren. Denn während im Wachzustand permanent einströmende Informationen die frischen, noch instabilen Gedächtnisspuren überlagern bzw. auslöschen können („retrograde Interferenz„), bleiben während der nächtlichen Ruhephase die Inputkanäle für neue Informationen aus den Sinnessystemen weitgehend geschlossen.

Neue Erinnerungsinhalte können im Schlaf daher ungestört analysiert, stabilisiert, verstärkt und integriert werden. Sie werden sortiert, mit Vergangenem verglichen und nach ihrer Wichtigkeit, d. h. gemäß den persönlichen Wertvorstellungen, bewertet. Der Schlaf steuert so, woran wir uns später erinnern, und auch, in welcher Weise wir das tun. Der Prozess der Verdichtung und Sicherung der Inhalte wird im Fachjargon Konsolidierung genannt. Bekräftigt und behalten werden einerseits vor allem Eindrücke, die mit starken Emotionen verbunden sind, andererseits aber auch jene, die in Zukunft wichtig sein könnten. Alles andere passiert schon nicht die erste Hürde zum Langzeitgedächtnis.

Während der nächtlichen Ruhephase werden Verbindungen zwischen Nervenzellen (Synapsen) sowohl verstärkt als auch geschwächt. Unterdrückt werden die Synapsen, die nur wenig aktiviert wurden bzw. gänzlich ungenutzt blieben oder schlecht zu bestehenden Gedächtnisinhalten passen. Das ist wichtig, um am folgenden Tag wieder neue Informationen abspeichern zu können. Gleichzeitig wird der Bestand jener Schaltkreise, die entweder im Wachzustand stark und durchgängig aktiv waren oder sich in bereits vorhandene Erinnerungen gut einfügen, gesichert und gestärkt. Schlaf dient also dazu, das Dilemma aus der für das Lernen nötigen Veränderbarkeit des Gehirns durch Sinnesreize einerseits und der dauerhaften Stabilität des Denkorgans andererseits aufzulösen.

Die entscheidende Phase für insbesondere solche Gedächtnisprozesse, die zur Bildung länger anhaltender Erinnerungen beitragen, ist der Tiefschlaf – und nicht, wie lange angenommen wurde, der REM-Schlaf. Vor allem ist der erste Teil der Nacht, in der wir am tiefsten schlafen, der für die Gedächtniskonsolidierung von großer Bedeutung ist. Träumen ist dagegen für die Konsolidierung nicht notwendig.

Im Hippocampus, einer zentralen Schaltstelle im Gehirn, werden sämtliche am Tag gesammelten Eindrücke, Erlebnisse und Informationen erst einmal gespeichert bzw. zwischengelagert (in Form von spezifischen Aktivitätsmustern). Um sie langfristig zu sichern, müssen sie in den Neokortex überspielt werden, den Sitz des Langzeitgedächtnisses. Dabei werden die tagsüber gesammelten Inhalte noch einmal durchgespielt.

Das Stresshormon Cortisol unterdrückt die Signalübertragung aus dem Hippocampus zum Neokortex. Seine Freisetzung ist aber im Delta-Schlaf gehemmt (s. o.), so dass die Kommunikation zwischen den beiden Hirnregionen in dieser Schlafphase weitgehend ungestört ablaufen kann, zumal auch keine neuen Informationen von außen einlaufen.

Der Neokortex schickt wiederum Informationen an den Hippocampus und signalisiert ihm, welche Inhalte er noch einmal reaktivieren soll. In dieser Kommunikationsschleife (hippocampal-kortikaler Dialog) wird endgültig entschieden, welche Gedächtnisinhalte durch mehrmaliges Reaktivieren (Wissenschaftler sprechen vom „neuronalen Replay„) allmählich in das Langzeitgedächtnis integriert werden sollen; es sind vor allem solche, welche zukünftig relevant sein könnten und mit dem Vorwissen gut kombinierbar sind. Erst nach dem endgültigen Transfer in den Neokortex bleiben Fakten und Ereignisse langfristig im Denkorgan haften.

Dass der Neokortex die Informationen nur langsam und nach mehrmaligen Wiederholungen übernimmt, ist wichtig für die Wahrung des Vorwissens. Würde das zu schnell gehen, käme es zur sogenannten „chaotischen Interferenz„, bei der Vorwissen zerstört würde.

Die klarsten Belege dafür, dass Schlaf zum Lernen nötig ist, findet man beim sogenannten prozeduralen Gedächtnis. Es speichert alles, was mit geistigen und körperlichen Fertigkeiten zu tun hat, seien sie motorisch oder sensorisch. Die Enkodierung solcher Fertigkeiten erfolgt durch wiederholtes Training. Der entscheidende Punkt für das Lernen ist, wie man die Zeit nach dem Training verbringt. Bleibt man lange wach, stagnieren die Leistungen oder verschlechtern sich sogar. Nach dem Schlafen ist das Leistungsvermögen deutlich gestiegen; das Niveau kann auch Tage und Wochen nach der Trainingseinheit noch behalten werden. Demnach erreicht der Mensch bei motorischen Fertigkeiten nur dann substanzielle Leistungszuwächse, wenn er binnen Tagesfrist nach dem Üben schläft.

Eine Untersuchung zeigt die Reorganisation einer Gedächtnisspur beim motorischen Lernen (Tastenabfolge auf einer Tastatur). Das dabei auf dem EEG sichtbare Muster der Hirnströme wiederholt sich kurz nach dem Einschlafen wie zuvor im Kortex zu sehen – ganz so, als ob die Tastenabfolge noch einmal geübt würde. Es verblasst dann aber während des REM-Schlafes allmählich. Dafür tritt es tief im Inneren des Gehirns auf, in den Basalganglien, die für das motorische Lernen von Bedeutung sind.

Auch andere Dinge, die Menschen (oder Tiere) während des Tages lernen, werden während des Schlafens verfestigt. So kann sich unser Gehirn auch Vokabeln und mathematische Formeln im Schlaf einprägen. Lerninhalte, vor dem Einschlafen dargeboten, werden besser behalten als solche vor einer Wachperiode. So prägen wir uns ein Klavierstück, einen Vortrag oder einen Weg besser ein. (Die Leistung verbessert sich gegenüber Kontrollgruppen um etwa 20%!) Selbst nach einem kurzen Nickerchen können wir uns frisch gelernte Fähigkeiten oder Fakten besser merken. Es wurde festgestellt, dass das Gehirn in den Arealen, wo es vorher gelernt hat, auch tiefer schläft als sonst. Die Tiefschlafwellen vergrößern sich in diesen Regionen um etwa 80%. (Je größer sie werden, desto besser setzt sich das neue Wissen im Gehirn fest.)

Kreativität

Bei der Konsolidierung geht es nicht nur um einfaches Verschieben der Erinnerungen aus dem Kurzzeitgedächtnis in den Langzeitspeicher. Während des Tiefschlafs werden die neuen Gedächtnisinhalte auch sinnvoll zusammengefasst und abstrahiert und in bestehende Erinnerungen integriert. Die Fachleute sprechen von Strukturierung und Reorganisation der aufgenommenen Information. Dabei zieht das Gehirn aus dem Gelernten Schlüsse und sucht Zusammenhänge. Es handelt sich also um eine aktive Konsolidierung des tagsüber Erlebten und der erworbenen Fakten und Fähigkeiten. Viele Forscher sprechen heute lieber von der „Entwicklung“ einer Erinnerung als von der „Festigung“.

Unser Gehirn verändert die Lerninhalte auch qualitativ und arrangiert sie teilweise neu. Das fördert die Entdeckung neuer und sinnvoller Zusammenhänge und ermöglicht alternative Einsichten bzw. eine andere Sicht auf die Dinge. So erhalten wir oft Denkanstöße, wenn wir etwas überschlafen. Sogar die Lösung von Problemen stellt sich manchmal ganz von selbst ein, wenn wir erst einmal eine Nacht darüber geschlafen haben, wie auch eine alte Volksweisheit empfiehlt. Besonders erfolgreich gelingt das Problemlösen gemäß Studien mit einem kurzen, tiefen Schläfchen. Es fördert das Auftreten von Geistesblitzen und kann zu zündenden Ideen führen.

Dem Chemiker Dimitri Mendelejew soll die entscheidende Idee für das Periodensystem der Elemente gekommen sein, als er erschöpft vom erfolglosen Nachdenken einnickte. Und auch Friedrich August Kekule berichtete, dass er vor dem Kaminfeuer einschlief und mit der lange gesuchten Struktur des Benzols im Kopf wieder aufwachte.

[Aus den Erfahrungen, die Kinder im Wachzustand machen, extrahieren sie im Schlaf Zusammenhänge, Regeln und abstrakte Konzepte, meint der Schlafforscher Jan Born. Einzelne Episoden und Details spielen dabei keine Rolle für das frühkindliche Gehirn. Es geht darum, generalisiertes Wissen und Schemata zu bilden, um sich später überhaupt in der Welt zurechtzufinden.]

3. Gefühle und Emotionen

Emotionen zeigen an, was für uns persönlich wichtig ist. Der REM-Schlaf fügt der Erinnerung eine gewisse emotionale Tönung bei und fungiert als zusätzlicher Gefühlsverstärker, z. B. bei schwachen (und damit meist unbewussten) Assoziationen. Die Schlafforscher sind sich einig, dass die aktiven Traumphasen für das Wohlbefinden eines Menschen unentbehrlich sind. Sie dienen vor allem der Verarbeitung von Gefühlen, Problemen und Ängsten.

Am Traumerleben sind die gleichen Zentren der Großhirnrinde beteiligt, die auch im Wachzustand für die „höhere“ Verarbeitung von sensorischen Reizen zuständig sind. Vor allem ist auch das limbische System aktiv, also genau diejenigen Hirnregionen, die an der Entstehung von Gefühlen beteiligt sind. Daher sind Trauminhalte meist sehr emotionsgeladen. Insbesondere feuern die Mandelkerne (Amygdalae) und die mit ihr verbundenen Strukturen. Die Amygdalae gelten als eine Art Schaltzentrale der Gefühle; sie sind eng mit der „Gedächtniszentrale“ des Gehirns, dem (benachbarten) Hippocampus, verbunden. Auch sie spielen bei der Langzeitspeicherung emotionaler Eindrücke eine wichtige Rolle, weshalb wir uns generell an gefühlsgeladene Szenen besser erinnern können als an neutrale Inhalte.

Dass die Gefühlszentrale des Gehirns gerade beim Träumen auf Hochtouren läuft, könnte eventuell am Stresshormon Cortisol liegen, dessen Konzentration gerade in der zweiten Nachthälfte, in der wir am meisten träumen, besonders hoch ist (siehe auch oben). Die Amygdalae und andere limbische Strukturen enthalten sehr viele Rezeptoren, die auf diesen Botenstoff reagieren.

Da im REM-Schlaf die Aktivität auch in Hirngebieten, die sich am Aufspüren von Irrtümern und Konflikten beteiligen, steigt, dachten Forscher lange, Schlaf (vor allem der Traumschlaf) würde stets Erinnerungen verstärken, die mit negativen Gefühlen verknüpft sind – und zwar keineswegs nur vorübergehend. Der Effekt sei um so stärker, je länger der REM-Schlaf dauere. (Das könnte erklären, warum sich bei depressiven Patienten nach Schlafentzug – besonders wenn er die REM-Phasen betrifft – oft die Stimmung verbessert.) Evolutionär betrachtet könnten die gespeicherten negativen Emotionen unseren Vorfahren ermöglicht haben, sich an riskante Situationen zu erinnern – und an die damit verbundene Gefahr.

Nach Ansicht des Neurowissenschaftlers, Psychologen und Philosophen Antti Revonsuo sind Träume dazu da, bedrohliche Situationen zu simulieren und uns dadurch zu helfen, im Alltag damit besser fertig zu werden. Im Schlaf übten wir quasi Strategien der Flucht, Verteidigung und Anpassung an heikle Situationen ein. Revonsuo hat seine Theorie später auch auf soziale Bedrohungen ausgeweitet, was durch eine Erhebung gestützt wird.

Viele Psychoanalytiker betonen die „kartharische“ Wirkung des Träumens, also die Annahme, durch die Verarbeitung von Trauminhalten würden sich psychische Spannungen lösen. Auch für das Bewältigen von Ängsten scheinen Träume wichtig zu sein. Neuere Studien legen nahe, dass stark an Emotion gekoppelte Erinnerungen durch die Nachtruhe reduziert werden und erlittene Traumata gelindert werden können. Die Schlafphase mit den schnellen Augenbewegungen fördere zwar die Erinnerung an gefühlsbeladene Momente, schwäche deren emotionalen Gehalt aber immer mehr ab. Habe man erst einmal ein paar Nächte darüber geschlafen, wirkten schreckliche Eindrücke gar nicht mehr so schlimm – obwohl man sich gut daran erinnert. Daher scheint insbesondere der REM-Schlaf die Verarbeitung erschütternder Erlebnis zu unterstützen. Doch könnten die Verarbeitungsmechanismen auch überfordert werden, wenn ein emotionales Erlebnis mit überwältigender Wucht einschlägt.

Verschiedene Schlafphasen verarbeiten und interpretieren wohl unterschiedliche Arten von Informationen. Dem Wechsel zwischen Non-REM-Schlaf und REM-Schlaf kommt daher für die Informationsverarbeitung im Gehirn und für unser Gedächtnis wahrscheinlich eine entscheidende Bedeutung zu.

Schlafentzug

Bei fehlender Nachtruhe setzt zwar keines der Systeme komplett aus, es können aber schädliche Abfallprodukte nicht besonders wirksam aus dem Gehirn entfernt werden. So hat schon eine einzige teilweise oder komplett durchwachte Nacht negative Auswirkungen auf verschiedene Körperfunktionen sowie die kognitive Leistungsfähigkeit. Das Gehirn ist erregbarer, d. h. Nervenzellen reagieren gewissermaßen nervöser auf Einzelreize und feuern leichter. Wir reagieren schneller aggressiv und gereizt und es gelingt schlechter, neue Verbindungen herzustellen. Zudem können wir Bewegungen schlecht koordinieren.

Schlafentzug führt bei Lernkontrollen zu einer signifikanten Erhöhung der Fehlerrate. Offenbar führen verlängerte Wachphasen zu einer Überlastung bestimmter neuronaler Schaltkreise, so dass kleinere Hirnareale unbemerkt kurze Nickerchen einlegen. Womöglich sind so manche Irrtümer, „dumme“ Fehler, gereizte Reaktionen und Verstimmungen das Ergebnis dieses lokalen Schlafs bei Menschen, die sich selbst für hellwach und völlig unter eigener Kontrolle halten.

Ständiger Schlafmangel zieht ein breites Spektrum miteinander verquickter krankhafter Erscheinungen und Leistungseinbußen nach sich, darunter außer verminderter Aufmerksamkeit und Gedächtnisleistung schlechtere geistige und körperliche Reaktionsfähigkeit sowie Motivationseinbußen. Das geistige Leistungsvermögen (Konzentration, Kreativität, Urteilsvermögen) schwindet also rapide. Aber auch Emotionsregulation und planerische Fähigkeiten sind betroffen.

Die Symptome treten in einer charakteristischen Reihenfolge auf: Nach anfänglicher Nervosität und Gereiztheit sowie Konzentrationsstörungen folgen massive körperliche Probleme. Es kommt zu Stoffwechselfehlfunktionen. Insbesondere sind Unregelmäßigkeiten im Hormonhaushalt und Beeinträchtigungen des Immunsystems zu beobachten. (Allein nach einer einzigen durchwachten Nacht geht z. B. die Aktivität der natürlichen Killerzellen um bis zu 28% zurück.) So kann fortgesetzter Schlafmangel schließlich zu gesundheitlichen Folgen führen und trägt möglicherweise zur Entstehung von chronischen Leiden wie Diabetes mellitus, Adipositas und Bluthochdruck bei.

Es ist zu befürchten, dass ein an Schlafmangel leidender Mensch negative Erlebnisse deutlich besser im Gedächtnis behält als positive. Daher trägt zu wenig Schlaf unter bestimmten Umständen auch zu psychischen Erkrankungen bei. So kann die vermehrte Ansammlung von Stoffwechselprodukten im Gehirn auch das Risiko erhöhen, an Alzheimer zu erkranken. Außerdem ist das Krebsrisiko erhöht.

Werden Menschen länger am Schlafen und Träumen gehindert, verlieren sie innerhalb kürzester Zeit ihr seelisches Gleichgewicht bis zum völligen Zusammenbruch ihrer Persönlichkeit. An letzter Stelle der Symptome stehen in der Regel immer die Halluzinationen. Versuchspersonen verlieren zunehmend die Fähigkeit, die Trugbilder als solche zu erkennen. Je länger der Entzug währt, desto länger dauern sie an. Die Ursache liegt wahrscheinlich in der nachlassenden Aufmerksamkeit, die normalerweise darüber wacht, dass der Schleier zwischen Traum und Wirklichkeit nicht zerrissen wird.

Ein extrem starker Realitätsverlust tritt beim Oneirismus auf (bekanntestes Beispiel ist das Alkoholentzugsdelirium), bei dem es Betroffenen an nächtlichem REM-Schlaf mangelt, so dass er sich tagsüber Platz verschafft. Daher sind die Halluzinationen im Delirium mit starken Gefühlen verbunden.

REM

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