Die frühe Besiedlung Amerikas

Schon seit vielen Jahren sind die meisten Wissenschaftler davon überzeugt, dass die Wurzeln der indigenen Bewohner Amerikas in Nordostasien liegen. Dort im arktischen Sibirien lebten Menschen schon lange vor dem letzten Eiszeitmaximum – nachweislich bereits vor etwa 45 000 Jahren – und trotzten den harschen Bedingungen. Offenbar verfügten sie über ein ganzes Arsenal an Taktiken und Strategien, um mit den Widrigkeiten zurechtzukommen. Dazu gehörte wärmeisolierende, maßgeschneiderte Kleidung aus Fellen, die mit Knochennadeln und Sehnen zusammengenäht wurden. Auch Fortschritte bei der Bejagung von Mammuts könnten wesentlich dazu beigetragen haben, dass Menschen so weit im Norden überleben konnten.

Nach 36 000 v. h. wurde eine Gruppe aus dieser Population zunehmend von den übrigen Gemeinschaften abgeschnitten und war vor etwa 25 000 Jahren endgültig genetisch von ihnen getrennt. Diese isolierte Gruppe altsteinzeitlicher Ostasiaten („Alt-Ostasiaten„) stellt nach Genomvergleichen zu großen Teilen die Urbevölkerung Amerikas. Ebenfalls heiße Kandidaten für die Vorfahren der ersten Amerikaner sind die Nordsibirier, die spätestens vor 31 600 Jahren in Beringia, aber auch in Ostsibirien und Westalaska lebten.

Während der letzten Eiszeit war der Meeresspiegel beträchtlich gesunken (bis zu 130 Meter), da große Mengen Wasser in Gletschern und Polkappen gebunden waren. So hatte sich wohl vor etwa 34 000 Jahren zwischen Sibirien und Alaska ein Landbrücke gebildet, Beringia genannt, die heute im mittleren Bereich 100 Meter unter dem Meeresspiegel liegt.

Gewappnet mit einem über Generationen erworbenem Expertenwissen, haben die Menschen auf dem trocken gelegten Beringia vermutlich nicht schlecht gelebt. Es konnte sich hier keine Eisdecke bilden, da die Luft, die über das Land zog, so trocken war, dass kaum Schnee fiel. So gediehen Gräser, Seggen und andere der Kälte angepassten Pflanzen, die großen Pflanzenfressern (wie Wollmammuts von bis zu neun Tonnen Lebendgewicht, Steppenbisons, Moschusochsen und Rentieren) als Nahrung dienten. Zudem machten auf den vielen Inseln Seelöwen Station, die wohl ebenfalls als Beutetiere in Frage kamen.

Die Alt-Ostasiaten und Alt-Nordsibirier trafen vor ca. 25 000 bis 20 000 Jahren aufeinander – während oder kurz nach dem Beginn des letzten eiszeitlichen Maximums (etwa 24 000 bis 22 000 v. h.), als in Sibirien ein extrem kaltes Klima herrschte und dort kaum mehr Pflanzen oder Tiere existierten. Wo sie sich trafen, ob im westlichen Beringia oder im östlichen Asien, ist nicht geklärt. Allerdings suchten während des eiszeitlichen Maximums die Menschen wohl Zuflucht in Regionen mit mehr Ressourcen und besserem Klima.

Es finden sich auch keine Belege für eine Besiedlung Nordasiens zu dieser Zeit. In Beringia dagegen herrschte damals ein relativ mildes Klima. Es war ein für Menschen und Tiere angenehmer Ort zu einer Zeit, als die Eisschilde ihre größte Ausdehnung hatten. Es gibt Funde (die ältesten 24 000 bis 22 000 Jahre), nach denen dort Menschen Jagd auf Wildpferde, Karibus und Wapitis machten und ihre Beute an Lagerplätzen zerlegten. Es spricht viel dafür, dass die beiden Urpopulationen (Alt-Ostasiaten und Alt-Nordsibirier) das letzte glaziale Maximum an der Südküste Mittelberingias ausgesessen und sich dort auch vermischt haben. Was damals aber genau geschah, lässt sich noch nicht genau rekonstruieren; die wenigen Belege, die man bisher besitzt, überzeugen nicht alle Archäologen.

Obwohl also unklar bleibt, wo sich die Alt-Ostasiaten und Alt-Nordsibirier definitiv zusammengeschlossen und vermischt haben und so mehrere tausend Jahre isoliert von anderen arktischen und sibirischen Kulturen verbrachten, scheinen sie sich vor ungefähr 22 000 bis 18 100 Jahren in mindestens zwei Linien aufgespalten zu haben. Von dem einen Abstammungszweig, „Alt-Beringier“ („Ancient Beringians“) genannt, sind keine lebenden Nachkommen bekannt. Vor einigen Jahren fand man aber am Upward Sun River in Alaska ein 11 500 Jahre altes Skelett eines Mädchens, dessen Vorfahren zu dieser Population gehört haben könnten. Die Menschen des anderen Zweigs, die „Ancestral Native Americans„, gelten als die Ahnen der Amerikaner, die möglicherweise vor 20 000 Jahren (oder früher) von Beringia oder Nordostasien an der amerikanischen Westküste entlang gen Süden zogen.

Die Vorfahren der Paläoamerikaner teilten sich dann vor 17 500 bis 14 600 Jahren in eine nördliche und eine südliche Population – womöglich südlich der Eisschilde, die damals das heutige Kanada bedeckten. Zu dem einen Zweig gehören die nördlichen Ureinwohner Amerikas und damit z. B. die Vorfahren der Algonkin, der Na-Dene, der Salish und der Tsimshian, deren Nachkommen heute in Kanada und im Norden der USA leben.

Als das Eis weggetaut war, kam es zu einer Rückwanderung. Die Vertreter der nördlichen Stämme zogen nach Norden und verdrängten die Beringianer. Die heutigen Bewohner Alaskas und Nordkanadas waren also, mit Ausnahme der Inuit, Rückwanderer. (Die Inuit gehen auf eine viel spätere Einwanderungswelle zurück und sind durch genetische Beziehungen zu anderen sibirischen Gruppen gekennzeichnet.) Es fehlen aber noch viele Teile, ehe wir uns ein akkurates Bild machen können.

Aus dem anderen Zweig der Ancestral Native Americans gingen die Paläoamerikaner hervor, deren Vertreter sich rasch nach Süden ausbreiteten. Von ihnen stammen viele Völker in Mexiko, Mittel- und Südamerika ab. Insgesamt zeigt sich damit ein Bild, das sich beispielsweise auch in der Sprachgeschichte widerspiegelt. Schon in den 1980er-Jahren haben die Wissenschaftler J. Greenberg und C. Turner aufgrund linguistischer und anderer Daten eine erste Supersprachfamilie konstruiert, die „Amerind-Sprachfamilie„, aus der fast alle heutigen indigenen Sprachen Amerikas hervorgegangen sein sollen, und die weit über 10 000 Jahre in die Vergangenheit reicht.

Die Landroute

Zur Zeit der letzten Maximalvereisung lag eine aus einem riesigen westlichen Eisschild (dem Laurentidischen Eisschild) und einem kleineren östlichen Eisschild (dem Kordilleren-Eisschild) bestehende Barriere quer über Nordamerika. Sie hatte ihre größte Ausdehnung vor 22 000 bis 19 000 v. h. erreicht. Riesige Gletscher blockierten damals die Täler Nordasiens auf der einen Seite der Beringstraße und die Flächen im Norden Amerikas auf der anderen. Sie versperrten so viele Jahrtausende lang den direkten Weg nach Süden.

Lange wurde vor allem von US-amerikanischen Paläontologen die „Clovis first“-Theorie vertreten. Danach drangen die ersten Ancestral Native Americans erst nach Süden, als sich am Ende der Eiszeit eine erster Korridor zwischen den Eisschilden geöffnet hatte. Der Name Clovis stammt von erstmals in den 1930er Jahren bei Clovis/New Mexico neben fossilen Knochen gefundenen Speerspitzen, den „Clovis peints„: massive, längliche Klingen, von denen einige 21 Zentimeter Länge erreichten. Ihre Form erinnert an Lorbeerblätter, mit einer charakteristischen Einkerbung an der Basis zum Einpassen des Speerstocks.

Die Clovis-Menschen waren spezialisierte, mobile Großwildjäger. Vom Nordwesten der USA bis nach Panama entdeckte man an mehreren tausend Fundstellen ihre Gerätschaften, wie Knochenwerkzeuge, Hammersteine, Kratzer, Messer, Pfeil- und die charakteristischen Speerspitzen. Die Clovis-Kultur blühte aber, wie man inzwischen weiß, vor 12 000 Jahren nur ganze 200 Jahre lang und war schon vor 11 800 Jahren erloschen, möglicherweise auf Grund von sich verändernden Klimabedingungen oder einem Meteoriteneinschlag.

Es ist inzwischen klar, dass die Clovis-Leute schon da waren, bevor der eisfreie Korridor im Norden den Weg nach Süden freigab. Darauf deuten Clovis-Funde aus der Zeit vor 14 500 bis 13 800 Jahren aus verschiedenen Regionen der USA hin. Hinzu kommen Spuren der Vorläufer der Clovis-Leute. So wurden an der Buttermilk-Creek-Fundstelle die ältesten Steinwerkzeuge aus ganz Nordamerika entdeckt, insgesamt mehr als 19 000 Artefakte des Clovis-Horizonts, die eindeutig aus der Prä-Clovis-Ära stammen. Die meisten sind Abfallsplitter, die beim Zurechthauen oder Nachschärfen von Feuersteinklingen und Speerspitzen entstanden sind. Auch in Cactus Hill, einer Fundstätte in Virginia, scheinen die Forscher Menschen aus der Prä-Clovis-Ära auf der Spur zu sein, welche dort sogar schon vor mehr als 18 000 Jahren lebten. Die Funde dort unterscheiden sich in der Mehrheit deutlich von den Clovis-Werkzeugen, haben aber auch gemeinsame Züge, beispielsweise die Abschlagtechnologie.

Unter einer bereits freigelegten Clovis-Fundstätte am Savannah-River entdeckte man in tieferen und somit älteren Sedimentschichten Artefakte, die sich völlig von denen der Clovis unterscheiden (kleine Steinklingen und Schabwerkzeuge, vermutlich zur Bearbeitung von Holz, Knochen und Horn), hingegen keine einzige Speerspitze vom Clovis-Typ. Auch ein 15 500 Jahre altes Steinwerkzeug (neben Projektilen und Knochen) aus Pennsylvania sieht anders aus als die Clovis-Fundstücke. Diese Menschen hatten offenbar eine ganz andere Kultur als die hochspezialisierten Clovis-Jäger. Darauf deuten auch weitere Funde im Osten (und Süden) der USA hin, die sogar auf 21 000 Jahre geschätzt werden.

Küstenrouten-Theorie

Heute glauben die meisten Forscher, dass die ersten Menschen mit Booten entlang der Pazifikküste ins Land südlich der Eisschilde vorgedrungen sind. Vor Beringia befand sich vor über 18 000 Jahren ein gewaltiger Archipel aus zahllosen Inseln. Durch die Landbrücke war gleichzeitig eine durchgehende Küstenlinie entstanden. An ihr entlang oder per Inselhopping könnten sich die Menschen in Einbäumen (ausgehöhlten Baumstämmen) oder Fellbooten (Kanus aus Tierhäuten) Richtung Süden vorgewagt haben. Dieses Szenario würde auch gut zu den genetischen Daten passen.

Allerdings wurden bisher noch keine Boote gefunden. Die Materialien sind schnell vergänglich, dürften sich also auch nur selten erhalten haben. Jedenfalls waren die Vorgebirge und Inseln Nordamerikas dank des Ozeans mit seinen etwas milderen Temperaturen schon vor mehr als 16 000 Jahren größtenteils eisfrei und boten reichlich Nahrung. Die Einwanderer wären demnach von dem Süden Beringias oder eventuell auch der ostasiatischen Küste entlang der Westküste des amerikanischen Kontinents nach Süden geschippert (Küstenrouten-Theorie), an Land gegangen und ins Landesinnere vorgedrungen. Entlang des Pazifikbogens (mit Ausnahme in den Tropen) gab es einen fast geschlossenen Kelpwald* voller Muscheln, Otter und Seelöwen, meinen einige Forscher. In den Küstengewässern habe es nur so gewimmelt von Fischen (z. B. Lachsen), Meeresfrüchten, Seevögeln und Robben.

*Kelp ist Riesentang aus Rot- und Braunalgen, der in kalten Küstengewässern durchschnittlich 40 Meter hoch wächst und der eine großen Anzahl von Lebewesen anzieht – eine unerschöpfliche Nahrungsquelle für geübte Jäger und Fische.

Für Menschen, die mit den Gefahren von Gezeiten und Meeresströmungen umzugehen wussten, hatte diese Route also enorme Vorteile – und war auch weit einfacher als über Land: Die Umgebung und damit die Lebensbedingungen blieben relativ gleich, was diese Strecke zum Weg des geringsten Widerstands machte. Aber es ist schwierig, diese Route vollständig durch archäologische Befunde zu rekonstruieren. Ein großer Teil des damaligen Pazifikufers liegt heute auf dem Meeresgrund, 80 bis 100 Meter unter dem Meeresspiegel. Nach der Eiszeit überfluteten die Wassermassen die alte Uferlinie. Allerdings wird dieser Effekt an einigen Stellen wieder aufgehoben, da sich gleichzeitig die Nordamerikanische Erdplatte seit dem Abtauen des Eispanzers hebt.

Das ist beispielsweise beim Haida-Archipel der Fall, einer Inselgruppe etwa 100 Kilometer vor der Küste der kanadischen Provinz British Columbia. Im Niedrigwasser wurde mit einem Tauchroboter eine von Menschenhand konstruierte Fischfalle aus reusenartig aufgereihten Steinen fotografiert, die auf ein Alter von 13 800 datiert wurde.

In der Lawyer’s Cave an der Pazifikküste Alaskas, auf Höhe der Wrangel-Insel, fanden die Forscher ein Knochenstück eines Hundes. Die Fundstelle macht klar, dass Menschen und ihre Hunde hier an der Pazifikküste entlanggezogen sind – und sogar, wann sie kamen: vor 16 000 Jahren. Nach der mitochondrialen DNA waren die Vorfahren des Hundes vor 23 000 Jahren in Sibirien domestiziert worden. Nach den genetischen Daten haben sich die asiatische und amerikanische Hundepopulation dann vor 16 700 Jahren aufgespalten; sie hatten danach offenbar keinen Kontakt mehr miteinander. Die logische Folgerung: Vor 16 700 Jahren müssen die Hunde und ihre Besitzer Asien verlassen haben und nach Amerika eingewandert sein: In Booten per Insel-Hopping oder von Bucht zu Bucht an der Küste.

Der Columbia-River mündet dort in den Pazifik, wo einst das südliche Ende des kontinentalen Eispanzers lag. Wer bis hierhin die Küste herabpaddelte, könnte dem fischreichen Süßwasserstrom ins Landesinnere gefolgt sein. Auf ähnliche Weise haben sich die Einwanderer auf ihrem Weg nach Süden wahrscheinlich sukzessive alle Lebensräume des Kontinents erschlossen (siehe auch Fundorte weit im Osten, wie z. B. Cactus-Hill in Virginia).

Im US-Staat New Mexico wurden im White Sands Nationalpark versteinerte Fußspuren von Menschen gefunden, die vor 23 000 bis 21 000 Jahren über amerikanischen Boden gelaufen sind und wohl über zwei Jahrtausende hinweg dort vor Ort lebten. Entlang der Fußabdrücke fand man auffällige Schleifspuren, wohl Abdrücke von Stangenschleifen, im Fachjargon auch Travois genannt. Deren Einsatz ist bei amerikanischen Indigenen, aber auch bei eingeborenen Völkern aus anderen Gegenden der Welt, bis in die Neuzeit belegt. Die Schleifen bestehen aus zwei zu einem X oder V verbundenen Stangen, mit denen sich auch schwere Lasten transportieren ließen, indem man sie hinter sich her zog. Diese und weitere Funde sind ein Beweis dafür, dass die Menschen Amerika schon deutlich früher besiedelten, als lange vermutet wurde, und schon zu dieser Zeit bis nach Mittelamerika gelangt sind.

Dies deckt sich auch mit den Mutationsraten menschlicher DNA, nach denen die Vorfahren der Ureinwohner Amerikas möglicherweise schon vor 25 000 einwanderten. Von dieser Zeit an treten bei Indigenen immer wieder dieselben Haupttypen mitochondrialer DNA auf.

Mittel- und Südamerika

Womöglich waren Menschen sogar noch etwas früher nach Amerika eingewandert. Mutmaßliche Belege dafür kamen an mehreren Fundorten in Südamerika ans Licht, wie z. B. in Pedra Furada im Nordosten Brasiliens. Dort wurde Holzkohle aus sehr alten Feuern und Steinsplitter, die man als Werkzeuge interpretiert hat, entdeckt. Sie wurden auf 48 000 bis 32 000 Jahre vor heute datiert. Umstritten sind die in Vulkanasche versteinerten Fußspuren, die nahe der zentralmexikanischen Stadt Puebla gefunden wurden, für die ein Alter von 40 000 Jahren ermittelt wurde. In der Chiquihuite-Höhle in Zentralmexiko kamen Steinwerkzeuge zum Vorschein, die 32 000 bis 25 000 Jahre alt sein sollen.

Vom Felsüberhang Santa Elina im brasilianischen Bundesstaat Mato Grosso stammen knöcherne Schmuckstücke, deren Alter zwischen 28 700 und 26 500 Jahren liegt. Die drei Knochen stammen von ausgestorbenen Riesenfaultieren; sie wurden offenbar von Menschen durchlocht und poliert und als Anhänger getragen. Am gleichen Ort wurden gleichzeitig weitere Hinterlassenschaften des Menschen gefunden, wie z. B. eine große Menge an Steinwerkzeugen. Das hieße also, dass sich bereits vor weit mehr als 20 000 Jahren Menschen im Inneren Südamerikas aufhielten.

Im Chiribiquete-Tafelgebirge im Nordwesten des Amazonas-Beckens befindet sich die größte Fundstätte prähistorischer Felsmalereien Amerikas – bis zu 19 000 Jahre alt. An insgesamt 800 Orten wurden fast 75 000 Felszeichnungen auf einer Fläche von 1300 Quadratkilometern entdeckt, was auf eine große Bevölkerung hindeutet. Die mit Ocker gemalten Bilder sind zwischen einem Zentimeter und anderthalb Meter groß und zeigen Menschen, Tiere (u. a. das Riesenfaultier, Säbelzahntiger, Vögel), anthropomorphe Wesen, rätselhafte Symbole und geometrische Muster. Nach Erzählungen der hier (am Rio Caqueta) lebenden Uitoto-Indios entstanden die Gravuren zu einer Zeit, in der „der Sonnengott alle Bäume verbrannte, so dass überall nur Gras wuchs“. Es ist eine Beschreibung der Vegetationsform, die im Amazonas-Becken während und nach dem letzten eiszeitlichen Maximum, also vor gut 20 000 Jahren, vorherrschte.

Zwischen etwa 17 000 und 13 000 Jahren vor heute haben sich die südlichen Ureinwohner Amerikas rasch in regionale Populationen aufgeteilt, die über ganz Mittel- und Südamerika verteilt lebten. Die Geschwindigkeit, mit der sich die Untergruppen bildeten, und der Zeitpunkt ihrer Aufspaltung lassen sich mit einer Ausbreitung der Menschen zu Wasser deutlich besser erklären als über Landwege. Viele vergleichbare Fundstätten entlang der südamerikanischen Pazifik-Küste aus der Zeit zwischen 15 000 und 12 500 v. h. stützen die Schlussfolgerungen.

Die Siedlung Monte Verde im Süden Chiles (etwa 15 Kilometer von einer Inlandsbucht entfernt) wird auf ein Alter von 18 500 bis 14 700 zurückdatiert. Menschen lebten hier nachweislich in fellbedeckten Zelten und ernährten sich keineswegs nur von Großtieren, sondern auch von Meeresfrüchten und wilden Kartoffeln. Die Archäologen fanden hölzerne Werkzeuge, Steinschleudern, Reste vieler essbarer Pflanzen aus unterschiedlichsten Jahreszeiten und sogar den Abdruck eines Backenzahns. (Die Menschen konsumierten auch Meerespflanzen, die noch heute von der örtlichen Bevölkerung als Heilmittel verwendet werden.)

Alternative Szenarien

Einige Anthropologen meinen, dass manche heutigen Bewohner Südamerikas und des südlichen Nordamerikas vielleicht ganz verschiedene Ursprünge haben: Sibirien, China, vielleicht auch Südostasien. So glauben brasilianische Wissenschaftler, eine genetische Verwandtschaft mit ost- und südostasiatischen Völkern entdeckt zu haben. Und eine genetische Untersuchung von 2019 in Monte Verde deutet auf Bewohner heutiger japanischer Inseln als Vorfahren hin. Das würde sich insgesamt jedenfalls auch mit Messungen an mehr als 1500 Schädeln aus Amerika, Asien und Ozeanien decken.

Atlantik-Route

Die Archäologin Niede Guidon glaubt, dass die ersten Bewohner Südamerikas mit einfachen Booten über den Atlantik kamen. Der Weg von Westafrika war auf jeden Fall der kürzeste und leichter zu bewältigen als heute, da der Meeresspiegel 100 Meter tiefer lag. Günstige Winde und die Strömung könnten einige Menschen also, zufällig oder geplant, an die gegenüberliegende Küste gebracht haben. Eine uralte Bootszeichnung mitten im Urwald bekäme so eine neue Dimension.

Der Benguela-Strom ist wie ein gigantisches Förderband, das von Westafrika nach Südamerika läuft. Unterstützt wird diese natürliche Ost-West-Bewegung durch die Passat-Winde. Die Menschen brauchten nur den Nordost-Passat zu nutzen, um sich mit Booten an die Küste Amerikas treiben zu lassen. Vor wenigen Jahrzehnten gerieten Fischer vor Afrika in einen Sturm. Drei Wochen später gingen zwei von ihnen nach einer wahren Odyssee in Südamerika an Land. Überquerungen des atlantischen Ozeans könnten also auch Zufallsprodukte gewesen sein.

Es ist Spekulation, doch die Afrika-Route scheint plausibel. Ein 10 000 Jahre alter Schädel, der in der Serra da Capivara in Brasilien gefunden wurde, hat typische afrikanische Merkmale. Hier tauchten auch Steinwerkzeuge auf, deren Alter auf 24 000 Jahre bestimmt wurde. Diese Relikte sowie in der Nähe gefundene menschliche Fäkalien mit dem Erreger einer afrikanischen Tropenkrankheit sprechen nach Ansicht einiger Archäologen dafür, dass Menschen von Afrika über den Atlantik nach Südamerika kamen. (Vor über 30 000 Jahren soll in Afrika auch eine große Dürre geherrscht haben.) Zudem ist die Ähnlichkeit beim Vergleich von Felsbildern in der Sahara und in Südamerika auf den ersten Blick frappierend. Der entscheidende Beweis fehlt aber noch, daher bleibt die These von der Atlantik-Überquerung höchst umstritten.

Pazifik-Route

Wann genau die Menschen ins Amazonas-Gebiet kamen, ist nicht genau bekannt. Schätzungen reichen von vor 27 000 bis vor 13 000 Jahren. Als sehr wahrscheinlich gilt inzwischen, dass die Neuankömmlinge spätestens vor 23 000 bis 21 000 Jahren den Amazonas erreichten. Bei einer Handvoll indigener Gruppen aus dem Amazonas-Hochland gibt es Hinweise (DNA-Abschnitte), die auf eine Verwandtschaft mit den Ureinwohnern Australiens, Neuguineas und der Andamanen hinweisen. Die Verwandtschaft ist zwar schwach ausgeprägt, aber eindeutig vorhanden. Spuren desselben genetischen Signals finden sich auch in Proben menschlicher Überreste (40 000 Jahre alt) aus der Tianyuan-Höhle in Peking.

In einer Höhle im brasilianischen Bundesstaat Minas Gerais wurde bei Belo Horizonte das älteste in Südamerika gefundene Skelett entdeckt: Luzia, 11 300 Jahre alt. Es unterscheidet sich morphologisch von allen Skeletten heutigen Urbevölkerungen Amerikas und hat große Ähnlichkeit mit heutigen Afrikanern (Ostafrikanern) und australischen Aborigines – ein wenig von beiden Volksgruppen. Markante Merkmale am Schädel sind die Größe der Augenhöhlen oder die Breite der Nase. Auch der älteste Schädelfund auf Feuerland (ganz im Süden Südamerikas), 9000 Jahre alt, weist Ähnlichkeiten mit solchen der australischen Ureinwohner auf. Ebenso findet man an Schädeln verstorbener Feuerländer neben klassisch-mongoliden Zügen, z. B. flaches Profil, auch ungewöhnliche Charakteristika wie auffällig breite Augenwülste.

Forscher gehen davon aus, dass sich eine uralte Population des Homo sapiens offensichtlich von Ostafrika über ganz Asien und bis nach Australien verbreitet hat. Ihre Gene sind in der modernen Bevölkerung der Pazifikregion und in einigen Ethnien im Amazonasgebiet nachweisbar. Es sieht so aus, als ob einige Gruppen von Ostasien aus nach Südamerika übergesetzt sind, was voraussetzen würde, dass sie bereits über seetüchtige Boote verfügten. Dafür spricht, dass Menschen ja auch schon vor 45 000 Jahren den Weg von Asien nach Australien zurückgelegt haben. In Südamerika haben sie sich später womöglich mit den Einwanderern vermischt, die sich von Norden aus über die Küstenroute ausbreiteten.

[Eine Überquerung des Pazifiks aus Richtung Neuguinea und Australien mit Booten scheint dagegen ausgeschlossen. Dafür gibt es keinerlei Anzeichen. Seefahrende Polynesier setzten erst vor gut 800 Jahren erstmals Fuß auf den amerikanischen Kontinent und scheinen dann auch im Regenwald Amazoniens einen genetischen Abdruck hinterlassen zu haben.]

Fazit

Wann, wo und wie genau die (erste) Besiedlung der Neuen Welt stattgefunden hat und sich die Menschen auf dem amerikanischen Kontinent ausbreiteten, ist bis heute also nicht eindeutig geklärt. Das Bild, das sich aus den derzeitigen Erkenntnissen ergibt, ist sehr komplex und manchmal sehr widersprüchlich. Die meisten Wissenschaftler sind überzeugt, dass erste Menschen sich schon vor 40 000 bis 30 000 Jahren an der Westküste Amerikas aufhielten. Nach den neuesten Funden und Gendaten muss man wohl von verschiedenen Einwanderungen ausgehen, die sich über einen Zeitraum von 40 000 bis 10 000 v. h. erstreckten. Dabei spielten wohl die Einwanderungswellen per Boot entlang der amerikanischen Pazifikküste eine bedeutende Rolle. Umstritten bleibt aber in diesem Zusammenhang auch die Frage, ob es sich tatsächlich um Migrationswellen größerer Populationen oder eher um ein allmähliches Einsickern kleinerer Gruppen handelte.

Insgesamt dürfte die Populationsdichte in der Frühphase der Besiedlung Amerikas sehr gering gewesen sein. Erst mit den klimatischen Veränderungen nach der letzten Eiszeit erlebte die Menschheit in Amerika einen Aufschwung – und mit ihr die Tierwelt womöglich eine Katastrophe. Denn während vor 23 000 bis 21 000 Jahren noch die eiszeitliche Megafauna dominierte, kam es in späteren Jahrtausenden zu einem massenhaften Aussterben der großen eiszeitlichen Säugetiere, wie z. B. dem gewaltigen Amerikanischen Mastodon – das seit 10 Millionen Jahren zwischen Alaska und Mexiko lebte – und den Riesenfaultieren, aber auch allen Pferden. Das könnte zum Teil auf das Konto der Clovis-Jäger gegangen sein.

Analysen von Jagdverhalten und Bewaffnung lassen allerdings ein massives Artensterben durch Überjagung nicht plausibel erscheinen, wenden Kritiker ein. Denn auch die Umwelt veränderte sich: Es wurde im Laufe der Jahrtausende immer trockener. Und es gibt noch einen weiteren Gedanken: Viren und Bakterien, die die Jäger mitbrachten, könnten die Tierwelt dezimiert haben. Amerikanischer Löwe, Riesengürteltier oder das Amerikanische Mastodon, aber auch kleinere Spezies, hätten demnach zu wenig Zeit gehabt, sich gegen die Erreger zu immunisieren. (In den Beinknochen von 59 von 113 Mastodonten wurden Tuberkulose-Symptome nachgewiesen.) Vermutlich war es eine Verquickung von raschem Klimawandel mit Anpassungsstress, Bejagung und Schwächung durch Krankheiten, die schließlich auch zum Aussterben des größten Teils der Megafauna (11 600 v. h. auch im Amazonasgebiet) führte.

REM

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