Ab wann eine Siedlung Stadt genannt werden kann, ist je nach Perspektive umstritten. Die Größe – sowohl die der Fläche als auch die der Bevölkerung – ist auf jeden Fall ein wichtiges Kriterium. Allgemein akzeptabel scheint die Definition von Stadt als „größere zivile, zentralisierte und abgegrenzte Siedlung mit einer eigenen Verwaltungs- und Versorgungsstruktur“. Aus Sicht der Soziologie sind Städte „vergleichsweise dicht und mit vielen Menschen besiedelte, fest umgrenzte Siedlungen mit eigener Verwaltung, eigenem Kult und sozial differenzierter Einwohnerschaft“. Manche Wissenschaftler wenden den Begriff Stadt erst auf ein Gemeinwesen an, das von einer Hochkultur errichtet wurde.
Städte entstehen meist nicht aufgrund einer einzigen Ursache, sondern in der Kombination mehrerer. Die wichtigsten Faktoren sind:
- Wasserverfügbarkeit
- Markt- und Handelswachstum
- Räumlich fixiertes Heiligtum
- Schutzbedürfnis (Naturkatastrophen, äußere Angriffe)
Jericho
Jericho, in der Nähe des Toten Meeres gelegen, galt lange als „älteste Stadt der Welt“. Diese Einschätzung stützte sich vor allem auf eine ursprüngliche Mauer, die inzwischen jedoch oft als Teil eines Staudamms interpretiert wird, der die Häuser gegen Überschwemmungen und Schlammlawinen schützen sollte. Jericho war tatsächlich wohl keine Stadt, sondern eher eine dörfliche Entwicklung, die allein in der Landschaft lag, gelegen an einer natürlichen Handelsstraße. Es bestanden keine gegenseitigen Abhängigkeiten mit der Umgebung wie bei den späteren proto-urbanen Zentren. Nichtsdestotrotz war Jericho ein Phänomen in seiner Zeit. Zwischen 10 500 und 8000 v. h. lebten hier bis zu 3000 Menschen.
Solche auch flächenmäßig größere Siedlungen wie Jericho bezeichnen wir heute als Megasites. Sie waren ein frühes Experimentierfeld für präurbanes Leben. In ihnen wurde der Grundstein für ein Zusammenleben in großen Gemeinschaften gelegt, vor allem durch die sozialen Regeln, denen sich die Menschen verschrieben hatten.
Catal Höyük
Eine andere dieser Megasites war Catal Höyük in Zentralanatolien (in der Ebene von Konya). Zu seiner Blütezeit vor etwa 8000 Jahren war es eine regelrechte Metropole: Bis zu 8000 Menschen wohnten hier auf 34 Hektar in rund 2000 kleinen, eng aneinander gebauten Lehmhäusern in eindrucksvoller sozialer Organisation – ein völlig neues Lebenskonzept. Es gab keine Straßen; die Flachdächer der wabenartig angeordneten Gebäude dienten als Fußwege. Durch Dachluken konnten die Häuser über Leitern betreten werden. Diese Bauweise wurde bislang als Schutz gegen äußere Feinde gedeutet, aber vielleicht handelte es sich ja um Schutz vor kleinen „Feinden“. Aufgrund der anfallenden Abfälle wimmelte es in den neolithischen Siedlungen sicher vor Mäusen.
Rund um die Stadt legten die Menschen kleine Felder an und versuchten sich in der Zucht von Schafen und Rindern. Zusätzlich jagten sie noch und ergänzten ihre Nahrung mit Wildpflanzen. Vor ungefähr 8500 Jahren, einige Jahrhunderte nach der Gründung der Stadt, hatten die Bewohner begonnen, Keramik zu brennen. Tongefäße dürften die Essenszubereitung erheblich erleichtert haben. Die Menschen in Catal Höyük waren Meister im Töpfern, aber auch im Weben und Fertigen von Steinwerkzeugen aus Obsidian, und bewiesen erstaunliches Talent für Malerei (farbige Wandbilder) und Skulptur. Luxuriöse Gegenstände deuten auf ein hochentwickeltes künstlerisches Know-how hin.
Stempelsiegel lassen auf einen erhöhten Sinn für Eigentum schließen. Jedoch fehlen kommunale Einrichtungen wie z. B. Friedhöfe (die Einwohner begruben ihre Toten unter den Fußböden ihrer Häuser) und jegliche Gebäude, die auf eine soziale Hierarchie hindeuten würden: Paläste, Tempel, Herrschaftshäuser. Aber die Bewohner von Catal Höyük hatten schon eine komplexe Religion entwickelt. Die beiden wichtigsten Gottheiten waren die Große Mutter der Fruchtbarkeit und der Stiergott.
Fast jeder Haushalt hatte Bukranien an der Wand hängen: mit Gips überzogene und rot bemalte Tierschädel, aber auch solcherart behandelte Menschenschädel. Archäologen kennen solche Gepflogenheiten von anderen frühen neolithischen Stätten in der Region des Fruchtbaren Halbmonds (Funde aus der Zeit von 14 000 bis 8500 v. h., z. B. auch in Jericho). Damals war es offenbar weit verbreitet, die Gesichter der Toten aus Gipsmasse auf deren Schädeln nachzubilden. In Catal Höyük scheint man die Totenschädel sogar untereinander ausgetauscht und erneut bestattet zu haben.
Die meisten frühen Megasites in Mesopotamien und Anatolien hatten ihren Scheitelpunkt im 9. Jahrtausend v. h. und wurden dann ab 8000 v. h. größtenteils aufgegeben. Catal Höyük bestand bis etwa 7950 v. h. Manche Forscher glauben, dass die frühen Großsiedlungen an inneren Konflikten ihrer Gesellschaften scheiterten. Andere halten eine Übernutzung der Ressourcen für die wahrscheinliche Ursache des Niedergangs. Dabei dürften klimatische Veränderungen die Lage noch verschärft haben.
Im Nahen Osten entstanden erst um 7500 v. h. wieder erste stadtähnliche Großsiedlungen. Eridu, in der Nähe der Mündung des Euphrat in den Persischen Golf gelegen, erfüllt möglicherweise als erste dieser Siedlungen die Bedingungen für Urbanität. Die „Stadt“ entstand um eine Tempelanlage herum. Es gab bereits eine Stadtmauer und ein Stadttor. Die Siedlung war in ihrer Zeit ein politisches und religiöses Zentrum in Mesopotamien.
Tripolje-Megasites
Gut 1000 Jahre, nachdem im Nahen Osten erste stadtähnliche Großsiedlungen entstanden waren (etwa in Eridu), hatten sich auch in Europa vergleichbare Anlagen mit fünfstelligen Einwohnerzahlen entwickelt, die sog. Tripolje-Megasites. Es waren große, ringförmige Siedlungen in den fruchtbaren Schwarzerdegebieten in dem Gebiet der heutigen Ukraine. Sie lagen in der Nähe von Flüssen und waren weitgehend unbefestigt. In den größeren von ihnen lebten wohl bis zu 15 000 Menschen unter quasi städtischen Bedingungen.
Es waren Agrarstädte, die sich auf Ackerbau und Viehzucht gründeten. Die Feldfluren lagen vermutlich bis zu 7,5 Kilometer von der Siedlung entfernt. Durch eine technische Innovation (Schlittengespanne, die Sommer wie Winter fahrtüchtig waren) konnte der Weg dorthin zeit- und energieeffizient zurückgelegt werden. Neben Ackerbau betrieben die Agrarstadt-Bewohner Viehhaltung, teils innerhalb der Siedlungen, die Mehrzahl wohl in Hütehaltung oder einfachen Gattern außerhalb.
Forscher haben bisher 15 solcher Großsiedlungen in der Zentralukraine und ihrem Umfeld entdeckt. Neun der Siedlungen umfassten zur Zeit ihrer größten Ausdehnung jeweils mehr als 1000 Häuser (aus Holz oder Lehm). Eine der größten, Maidanetske, bestand in ihrer Blüte (zwischen 5955 und 5700 v. h.) aus 1700 Häusern, die in neun konzentrischen Reihen um einen unbebauten Platz gruppiert waren. Zudem gab es bedeutsame Bereiche des öffentlichen Lebens, z. B. spezielle Gebäude für Versammlungen, Feste und Rituale.
Das Abfall- und Hygienemanagement war sehr effektiv. Neben jedem Bau waren Gruben zur Lehmgewinnung ausgehoben, in denen der häusliche Abfall entsorgt wurde. Daneben gab es größere Deponien vor den Stadtgrenzen. Neben den Standardhäusern existierten auch einige größere Wohnhäuser, was ein soziales Gefälle nahelegt. Dort fanden sich auch keine Hinweise auf landwirtschaftliche Tätigkeiten, was auf eine räumlich klar abgegrenzte berufliche Spezialisierung hindeutet. Im größten Bau der Megasite dürfte sich wohl die Zentrale der Siedlung befunden haben.
Aber schon nach etwas mehr als zehn Generationen – bis ca. 5600 v. h. – brannten die Menschen die Großsiedlungen und Häuser systematisch ab. Sie verstreuten sich und siedelten wieder in kleineren Dörfern und schließlich in kleinsten Weilern statt in frühstädtischen Verhältnissen. Warum die Megasites nach nur 500 Jahren wieder verlassen wurden, ist unklar. Nicht Ressourcenknappheit, nicht ausgedehnte Dürreperioden, noch die Pest scheinen für den Zusammenbruch verantwortlich gewesen sein.
Vieles deutet auf eine zunehmende Machtkonzentration in den Ortschaften hin, wodurch das gesellschaftliche Konstrukt seine Basis verlor. „Der Wegfall demokratischer Strukturen auf unterer und mittlerer Ebene war sicher der Hauptgrund für den Kollaps. Ein reibungsloses Zusammenleben von 10 000 bis 15 000 Menschen konnte kaum durch eine zentrale Institution gemanagt werden“, sagen Forscher. Und noch etwas könnte zum Zerfall der Großsiedlungen beigetragen haben: Es fehlte an einer Schrift, um eine Bürokratie im positiven Sinn betreiben zu können. Das war ein signifikanter Nachteil gegenüber den frühen städtischen Siedlungen in Nahost, die viel länger Bestand hatten.
Mesopotamien
Schon im 7. Jahrtausend lebten Menschen aus gutem Grund an den Flüssen Euphrat und Tigris: Jahr für Jahr spülten Überschwemmungen nährstoffreichen Schlick auf ihre Felder, der das Getreide sprießen ließ. Nur ein Problem gab es: Das Frühjahrswasser verschob die Wasserläufe stets aufs Neue. Wollten die Menschen eine sichere Ernte einfahren, mussten sie sich in Gruppen zusammentun und ihre Arbeit gemeinsam organisieren. So verschmolzen Ende des 7. Jahrtausends immer mehr Dörfer nach und nach zu größeren Siedlungen.
Die Sumerer kamen vor 6000 bis 5000 Jahren v. h. ins Zweistromland, woher ist noch weitgehend unbekannt. Sie übernahmen die Siedlungen der Obed-Kultur und machten daraus unter stabileren und immer freundlicheren Klimabedingungen echte Städte. Noch um 5700 v. h. waren gewaltige Flutkatastrophen über die Menschen hereingebrochen (wohl die Zeit der Sintflut, von der die Bibel spricht), bevor sich das Wetter beruhigte.
Fruchtbare Böden und ausgeklügelte Bewässerungssysteme im Süden Mesopotamiens sorgten für hohe Erträge auf den Äckern, die immer mehr Menschen ernähren konnten. Aus einigen Ortschaften an Euphrat und Tigris gingen größere Siedlungen hervor, weit größer und besser ausgebildet als ihre Vorgänger. Was die Menschen dazu trieb, sich auf vergleichsweise kleiner Fläche dicht zu drängen und ihre Häuser mit einer Stadtmauer zu umgeben, ist heute ungelöst. Ob es tatsächlich klimatische und wirtschaftliche Faktoren waren, ist umstritten. Nach Meinung des Landschaftsarchäologen Andrea Ricci könnten soziokulturelle Faktoren die größere Rolle bei der Stadtwerdung gespielt haben, z. B. die Nähe zu einem religiösen Führer (Priester) und der damit verbunden Schutz. Möglicherweise war es aber auch schierer Bevölkerungsdruck.
Die gezielte Anlage von Kanälen und Dämmen zur Kontrolle der Flutgewässer während der Reife- und Erntezeit im April/Mai, die zur großflächigen Kultivierung von Feldfrüchten erforderlich war, ließ sich jedenfalls nur durch den gezielten, massiven Einsatz von Arbeitskräften verwirklichen. Das wiederum begünstigte die Entwicklung einer sozial wie wirtschaftlich differenzierten Gesellschaftsordnung. Einzelne taten sich hervor, und allmählich bildeten sich Eliten heraus. Einige tausend Jahre nach den ersten Ansätzen waren feste Stadtorganisationen mit straffer Verwaltung und hohem Kulturniveau entstanden. Der Zeitpunkt für die urbane Wende wird auf 5650 Jahre v. h. datiert.
Im Süden Mesopotamiens entwickelte sich Uruk zwischen 6200 und 5100 v. h. zum ersten Stadtstaat der Sumerer. Nach neueren Forschungen soll es die Siedlung auch ohne Bewässerungssystem lange Zeit geschafft haben, seine Bevölkerung zu ernähren. Wenn das stimmt, muss man die Schaffung eines Staatswesens vor allem als Antwort auf die weiter zunehmende Zahl der Menschen verstehen, deren sicheres Zusammenleben von einer übergeordneten Institution geregelt werden musste. Um 6000 v. h. lebten in Uruk schon schätzungsweise 20 000 Menschen – nach damaligen Maßstäben wahrhaftig eine Metropole.
Die Stadt war wahrscheinlich einem älteren Vorbild nachgebaut: Brak im nordöstlichen Syrien, für manche der derzeit älteste urbane Ort. Er besaß eine gegliederte Gesellschaft (Indizien weisen auf die Existenz einer Elite hin), Spezialistentum und öffentliche Gebäude – das älteste Gebäude wurde hier bereits 6500 v. h. errichtet -, aber noch keine Schrift.
Seit etwa 5700 v. h. erlebte Uruk ein geradezu spektakuläres Wachstum. Da Rohstoffe fehlten, setzte die Stadt zwangsläufig auf Handel: Steine aus Oman, Holz aus dem Libanon, Schmucksteine aus Afghanistan, Metall aus Anatolien. Auf Grund seines Reichtums spielte Uruk lange Zeit eine dominierende Rolle inmitten einer Schar widerspenstiger Nachbarstädte. Die Stadt verfolgte wohl schon eine Expansionsstrategie: Zahlreiche Funde sprechen dafür, dass Menschen aus dem Gebiet von Uruk ab 5600 v. h. in Nordmesopotamien Kolonien gründeten. Eine der ersten Schlachten tobte vor 5500 Jahren, als die Handelsstadt Hamoukar (im nördlichen Zweistromland) unter Beschuss geriet. Es war wohl ein Konflikt um Ressourcen und Transportwege, der hier möglicherweise mit organisierter kriegerischer Gewalt in großem Stil ausgetragen wurde.
Die Stadt Hamoukar ging auf eine Handwerkersiedlung zurück, die vermutlich vor 6200 Jahren entstanden war. Ihre Bewohner verarbeiteten Obsidian zu scharfen Klingen und begannen vor 6000 Jahren auch mit der Verarbeitung des neuen Werkstoffs Kupfer. Das weckte Begehrlichkeiten in dem 700 Kilometer entfernten Uruk, das arm an Rohstoffen war. Die Angreifer aus dem Süden Mesopotamiens (wahrscheinlich Uruk) gingen offensichtlich systematisch vor. Sie schossen mit Schleudern Hunderte Kugeln aus Ton, jede so groß wie eine Grapefruit, über die Stadtmauer und brachten Häuser zum Einsturz. Zudem prasselten Tausende kleinerer Projektile auf die Bewohner. Ziel war offensichtlich die Vernichtung der Stadt. Nach der Verwüstung Hamoukars übernahm Uruk die Kontrolle der Rohstoffgeschäfte.
Um 5300 v. h. hatte sich das Staatswesen in Uruk voll entwickelt. Ein ausgeklügeltes Be- und Entwässerungssystem hielt das Ackerland das ganze Jahr über gleichmäßig feucht, ob in Dürreperioden oder in Zeiten der Überschwemmung. Das Bett der Kanäle bestand aus luftgetrockneten Lehmziegeln und musste ständig gepflegt und ausgebessert werden. Der bürokratische Apparat, der die Gesellschaft organisierte, wurde immer größer. Mit wenigen Tonmarken – Kugeln, Zylinder, Kegel und Scheiben – ließ sich bis in die Tausende zählen, wobei jede Art einem bestimmten Wert entsprach. Beispielsweise kamen zehn kleine Kegel einer Kugel gleich, und sechs Kugeln einem großen Kegel usw. Spätestens ab 5300 v. h. vermerkten Beamte Güter mit Griffeln auf den Tontafeln. So entstand auch die älteste Schrift der Welt.
Uruk war eine Stadt wie aus dem Lehrbuch – ein Zentrum mit einer vorher unbekannten Konzentration an wirtschaftlicher Macht. Um 5000 v. h. lebten in den Lehmziegelhäusern von Uruk gut 50 000 Menschen, während zur gleichen Zeit Dörfer im Umland verlassen wurden. Immer deutlicher zeichneten sich soziale Unterschiede ab. Je größer und komplizierter das soziale Gefüge wurde, desto mehr bedurfte es einer straffen Organisation. Leiter der Stadt war zunächst ein Priesterkönig, der sich als Sachverwalter der Götter verstand. Er demonstrierte seine Macht mit prächtigen Gebäuden: Versammlungshäuser, massive Tempelkomplexe und eine Stadtmauer (deren Errichtung später dem sagenhaften König Gilgamesch zugeschrieben wurde). Die Stadt war auch Pilgerziel. Die altorientalische Göttin Ischtar soll in der Stadt beheimatet gewesen sein.
Die Glanzzeit Uruks ging bald nach dem Bau der großen Mauer zu Ende. Im Laufe des 5. Jahrtausends v. h. sank die Metropole zu einem regionalen Zentrum herab – die Gründe dafür sind unbekannt. Fortan wurde Uruk meist von anderen Stadtstaaten regiert. Zwanzig weitere sumerische Städte hatten inzwischen das Erfolgsmodell von Uruk kopiert, z. B. Kisch und Nippur, Lagasch und Ur. Sie alle stiegen im 5. Jahrtausend v. h. zu Stadtstaaten auf, die schließlich zu Rivalen wurden. Die ursprünglich von Priestern und Ältesten getroffenen Entscheidungen gerieten mehr und mehr unter die Verantwortlichkeit von Königen – als weltliche Stellvertreter der Schutzgottheit der Stadt. Spätestens ab Mitte des 5. Jahrtausends v. h. hatten in allen sumerischen Städten Könige die lokale Regierung fest in ihrer Hand. Die Schrift, zunächst nur für die Buchhaltung entwickelt, wurde nun auch für literarische Zwecke verwendet. Das Gilgamesch-Epos, das älteste Epos der Welt, entstand vor etwa 4500 Jahren. Auf ihm beruht sehr vieles der griechischen Epen, sehr, sehr vieles aus Tausendundeiner Nacht, aber auch vieles aus der Bibel.
In enger Verzahnung mit dem bäuerlichen Umfeld hatte sich im ganzen Vorderen Orient eine ausgeprägte Stadtkultur entwickelt. Im küstennahen Palästina wurde die Blütezeit zwischen 4900 und 4800 v. h. erreicht, in Nordsyrien dagegen begann die Urbanisierung erst zu diesem Zeitpunkt. Ab 5000 v. h. entwickelte sich in Ägypten Stadtplanung. Bis in das 4. Jahrtausend v. h. waren im Pharaonenreich und den eroberten Gebieten meist Festungen Ausgangspunkt für die Stadtwerdung. Durch Ausbau dienten sie darüber hinaus auch städtischen Nutzungen wie Kult, Handwerk und Handel.
Die Städter lebten zunehmend von der Veredelung und dem Handel mit Rohstoffen (z. B. Gold, Kupfer), waren aber abhängig von den Produkten der umliegenden Landwirtschaft. Das System funktionierte so lange gut, wie diese „Gewinne“ erwirtschaftete. Die Klimakurve senkte sich aber bereits seit geraumer Zeit wieder in Richtung Trockenheit. Als schließlich der „Wertschöpfungskreislauf“ an der Basis durchbrochen wurde, kollabierte das ausgeklügelte Wirtschaftssystem (zwischen 4400 und 4100 v. h.). Die städtische Bevölkerung „renomadisierte“ oder ließ sich in kleinen unbefestigten Siedlungen nieder.
Stadtentstehung in der übrigen Welt
Ähnliche mehr oder weniger zeitgleiche Prozesse der Differenzierung und der Stadtentstehung wie im Nahen Osten fanden Forscher auch am mittleren Niger, am Indus und in China.
Im Delta des Jangtse, unweit von Shanghai, errichteten Menschen vor rund 5300 Jahren eine ummauerte Stadt, Liangzhu, die über ein komplexes, weit verzweigtes System von Dämmen und Kanälen schiffbar war. Ihre Gesellschaft war staatlich organisiert und hoch technisiert (Wasserbewirtschaftung). Liangzhu ist die bisher älteste bekannte Stadt Ostasiens. Bevölkerungsgröße (schätzungsweise 34 500 Einwohner), eine stark hierarchisierte Gliederung der Gesellschaft und monumentale Bauten (Stadtmauer, Plattform mit Palastkomplex, Dammsystem) lassen auf eine Hochkultur schließen. Lediglich eindeutige Beweise für eine Schrift fehlen. Allerdings deutet ein Teil der auf verschiedenen Keramik-und Jadeobjekten gefundenen Symbole darauf hin, dass möglicherweise ein Schriftsystem im Entstehen war.
Liangzhu war fast 1000 Jahre lang bewohnt. Zwischen ungefähr 4400 und 4350 v. h. gab es eine niederschlagsreiche Klimaphase. Die massiven Regenfälle dürften zu so starken Überflutungen des Jangtse und seiner Seitenarme geführt haben, dass selbst die hochentwickelten Dämme und Kanäle der Stadt den Wassermassen nicht mehr standhalten konnten. Liangzhu wurde zerstört und die Menschen flohen aus der Stadt.
Die bescheidenen Anfänge der Zivilisation in Indien gehen auf etwa 5300 Jahre v. h. zurück, als Dörfer entlang der Überschwemmungslinie der parallel laufenden Flüsse Indus und Ghaggar entstanden (Indus-Kultur). Hier entwickelten sich vor über 4600 Jahren die ersten Städte mit über 1000 Einwohnern, die sich über ein erstaunlich großes geografisches Gebiet verteilten: Vom Arabischen Meer bis zu den Vorbergen des Himalaja und von der Ostgrenze Pakistans bis zum Gangestal etwa in Höhe von Neu-Delhi. Sie wiesen eine bemerkenswerte Gleichförmigkeit auf. Möglicherweise wurden die Siedlungen komplett umgebaut oder auch von Grund auf neu angelegt. Sie sind gegliedert in eine zitadellenartige Oberstadt, deren Zweck unbekannt ist, und eine räumlich getrennte Unter- bzw. Wohnstadt. Monumentalbauten sakraler oder kultischer Natur waren der Indus-Kultur allerdings unbekannt.
Die beiden größten Siedlungen, Harappa und Mohenjo-Daro, beherbergten auf ihrem Höhepunkt bis zu 50 000 Einwohner. Mohenjo-Daro („Hügel der Toten“) lag in einem flachen, heißen Überschwemmungsgebiet des Indus, fast 500 Kilometer nördlich des heutigen Karatschi (Pakistan). Es war eine betriebsame Handelsmetropole, die durch Fernstraßen und Wasserwege mit anderen Städten verbunden war. Bemerkenswert ist der für die damalige Zeit hohe Grad an öffentlicher Hygiene: Abflussrinnen an den Straßenrändern mit Auffangbecken, in denen Abfälle hängen blieben; Hauskanalisation aus einem geschlossenen System von Tonröhren; Sitztoiletten.
Harappa lag 650 Kilometer nördlich von Mohenjo-Daro. Monumentale Bauten, Getreidespeicher, Öfen für Metallurgie, Gräberfelder, Goldschmiedkunst und Keramik zeugen von hoher Stadtkultur.
Für das Ende der Kultur im Industal weisen Indizien auf zwei aufeinanderfolgende Dürren hin. Die erste betraf nur die Niederschläge im Winter, die zwischen 4300 und 4000 v. h. abnahmen und zum Niedergang der Städte im Norden führte. Die Städte im Süden konnten offenbar länger durchhalten. Die zweite Dürre trat ungefähr zwischen 4000 und 3700 v. h. auf und beeinträchtigte den Sommermonsun, hatte aber deutlich schwächere Wirkung. Trotzdem konnten die Städte im Süden jetzt schlechter widerstehen, möglicherweise ein Folge auch des Niedergangs der Städte im Norden.
Vor 4500 bis 4000 v. h. waren im gesamten Mittelmeerraum Siedlungen gewachsen, und manche zeigten bereits Merkmale einer Stadt: eine hohe Bevölkerungszahl, eine Umfassungsmauer zur Verteidigung und Zugangskontrolle, dazu öffentliche Gebäude für Verwaltung, Kult oder gemeinschaftliche Vorratshaltung. Manche der frühen Städte profitierte vom Fernhandel, wie z. B. Troja (Gold, Kupfer, Zinn). Poliochni auf der Ägäisinsel Lemnos, unweit (60 Kilometer) von Troja, gilt als eine der frühesten Städte Europas. Die Siedlung dehnte sich zwischen 5200 und 4000 v. h. stark aus. Bei Ausgrabungen kamen Häuser, gepflasterte Straßen mit Kanalisation, Plätze und Gemeinschaftsbauten ans Licht. Die Stadt hatte Handelsverbindungen bis nach Mesopotamien (Ur) und in den Kaukasus.
Hochkulturen
Die ersten Städte waren zunächst gleichsam Inseln in einem Meer dörflich-bäuerlich geprägter, eben neolithischer Lebensweise. Durch die gemeinschaftlich begangenen Kulte konnten sich soziale Normen etablieren und Einzelne sich als Anführer hervortun, etwa, weil sie das Wetter vorhersagen konnten und so das Wohl der Gemeinschaft förderten. Sobald eine soziale Hierarchie existierte, gab es eine Elite, die genügend Arbeiter für Bauprojekte mobilisieren konnte. Weil diese der gesamten Gemeinschaft zugute kamen, verfestigte sich wohl auch die bestehende Gesellschaftsordnung. Der herrschenden Schicht fielen folglich mehr Macht und Reichtum zu. Und beides ermöglichte den Eliten wiederum, weitere monumentale Bauten errichten zu lassen und kunstvolle Objekte zu fertigen.
Solange menschliche Gesellschaften ausreichend mit Nahrung versorgt sind, haben sie Zeit, sich um den kulturellen und technischen Fortschritt zu kümmern. So entwickelten sich in den Städten an den großen Flüssen die im allgemeinen Verständnis ersten Hochkulturen (Mesopotamien, Ägypten, Indien, China). Die kulturellen Neuerungen gehören in vielem bis heute zu den Grundlagen menschlicher Existenz: Ernährungssicherheit, soziale und berufliche Differenzierung, institutionalisierte Herrschaft mit staatlicher Organisation und Verwaltung, Schriftlichkeit, Leistungen in Kunst, Architektur, Recht und Religion.
Die Produktion von Bronze ließ schließlich Umschlagplätze von ungekannter Größe entstehen und Städte zu Metropolen heranwachsen. Die Gesellschaften spalteten sich noch tiefergehender in Eingeweihte und Unwissende, Herrscher und Beherrschte, Arme und Reiche. Mehrere Faktoren führten zunehmend zu militärischen Konflikten: Die geographische Konzentration wichtiger Ressourcen, ökologische Katastrophen, die Abgrenzung gegenüber anderen Kulturen und die Monopolisierung von Gütern und Handelswegen durch eine Gruppe. Kriegsgottheiten entthronten die alten Göttinnen, die zu deren Frauen und Töchtern degradiert wurden. Männliches Patriarchat und männliche Dominanz traten an die Stelle der harmonischen und sozialen Ordnung.
REM
