Entwicklungsphasen des Gehirns

Das Gehirn, diese kleine unscheinbare Masse von durchschnittlich 1300 Gramm Gewicht, ist nach allem, was wir wissen, das Zentrum und die Schaltzentrale eines Menschen. Mit seiner Hilfe denkt er über die Welt nach, sehnt sich manchmal aus der Welt hinaus und bleibt doch stets mit der Welt verbunden. Auch wenn das Gehirn deterministisch funktioniert, ist es in seiner Komplexität niemals vollständig versteh- und beschreibbar.

Dieses unser Zentralorgan beginnt sich schon sehr früh im Laufe unserer Individual-entwicklung herauszubilden. Sehr vieles entwickelt sich in selbstorganisierender Weise, das heißt, durch lokale Interaktionen von Nervengeweben und einzelnen Neuronen und aufgrund sehr einfacher, genetisch vorgegebenen Regeln. Die Gene bestimmen auch, wie sich Umwelteinflüsse auswirken, und die Umwelt sorgt dafür, dass bestimmte wichtige Gene überhaupt erst zum Zug kommen. Dieses Wechselspiel von genetischen und umweltbedingten Einflüssen ist in allen Altersphasen von Bedeutung. (Es gibt Hinweise, dass die Ausmaße der größten Hirnabschnitte einer stärkeren genetischen Kontrolle unterliegen als die kleinen, die vermutlich eher von Umweltfaktoren geprägt sind.)

In der embryonalen Frühphase der Hirnentwicklung wird ein Überangebot an Nervenzellen produziert. Bis zur 19. Woche sind schon alle wichtigen Hirnstrukturen anatomisch angelegt. Ein Hormoncocktail wirkt lenkend auf Organisation und Verdrahtung des sich entwickelnden Organs und beeinflusst die Struktur und Neuronendichte in den verschiedenen Bereichen. So formt sich in der zweiten Schwangerschaftshälfte nach Abschluss der Entwicklung der Geschlechtsorgane ein mehr oder weniger typisches männliches oder weibliches Gehirn. Hormonelle Schwankungen können während der Schwangerschaft allerdings Geschlechtsorgane und Gehirn – unabhängig voneinander – beeinflussen.

Bis in den sechsten Monat hinein ist die Hirnoberfläche noch ziemlich glatt. Erst später beginnt sie sich zu falten und furchen. Damit dies korrekt geschieht, ist das Zusammenspiel zahlreicher genetischer, chemischer und mechanischer Faktoren erforderlich. Erst zum Zeitpunkt der Geburt besitzt die Großhirnrinde (Kortex) in etwa seine endgültigen Windungen.

Weil die Hirnrinde wächst, geraten die Nervenfasern zunehmend unter Spannung. Dadurch üben die Fasern Zugkräfte aus. Kortexbereiche, zwischen denen sich viele Kräfte bündeln, werden zueinander gezogen. So entstehen Aufwölbungen (Gyri). Wo die Zugkräfte schwächer sind, bilden sich Einschnitte oder Furchen (Sulci). Auch die Dicke der einzelnen Kortexschichten und selbst ihre innere Struktur werden offenbar durch strukturierende mechanische Kräfte beeinflusst.

Viel zu zahlreich und zunächst wahrscheinlich ungeordnet und chaotisch werden die ersten Verknüpfungen zwischen den Neuronen angelegt. In den letzten Entwicklungsmonaten aber sammelt der Fötus bereits erste Erfahrungen und verankert sie in seinem Gehirn. Er sieht, hört, schmeckt und riecht bereits und beginnt, seinen Körper zu entdecken. Es entsteht die erste „Landkarte“ des kleinen Körpers im Gehirn. Zudem übt der Fötus schon Fähigkeiten ein, obwohl er sie im Uterus überhaupt nicht braucht – aber gleich danach: atmen, schlucken, grinsen oder weinen, freundlich lächeln, gähnen und den richtigen Gebrauch von Armen und Beinen.

Die Erfahrungen vor der Geburt wirken sich offenbar auch auf die Chemie im Gehirn und die spätere psychische Verfassung aus. Wie prägend diese Phase im Mutterleib ist, macht sich häufig erst dann bemerkbar, wenn etwas schief geht, z. B. bei Tabletten- oder Alkoholmissbrauch der Mutter. Die Kinder tun sich dann oft schwerer als ihre Altersgenossen, logisch und abstrakt zu denken. Auch andere negative Einflüsse – wie Stress der Mutter – können die Entwicklung der neuronalen Verarbeitung bremsen.

Kindheit

Bei der Geburt wiegt das Gehirn ungefähr 300 bis 400 Gramm, das Volumen macht etwa 25% des Hirnvolumens eines Erwachsenen aus (nach dem ersten Lebensjahr schon etwa 50%). In den ersten drei bis vier Lebensjahren wächst das Gehirn der Kinder auf rund 2/3 seines endgültigen Volumens an. In dieser Zeit nimmt seine Komplexität schneller zu als es je wieder der Fall sein wird. Einige Bereiche sind noch nicht voll funktionstüchtig, darunter Teile des Stirnhirns. Hippocampus und Amygdala in der Tiefe des Schläfenlappens sind jetzt aber schon bereit, Erinnerungen im Langzeitgedächtnis zu speichern.

Die Anzahl der Nervenzellen steigt nach der Geburt nur noch in relativ geringem Maße an, doch gehen Formveränderungen während des ganzen Lebens weiter. Das Nervenzellgeflecht erstreckt sich zum Zeitpunkt der Geburt bereits über viele hundert Kilometer und verbindet die Nervenzellen in einem vorläufigen Grundmuster miteinander. Außer seinen vorgeburtlichen Erfahrungen bringt der Mensch auch angeborenes Wissen und genetisch festgelegte interne Bewertungssysteme mit auf die Welt. Sie erleichtern ihm, neuronale Strukturen aufzubauen, mit denen er die Welt erfassen und rekonstruieren kann. Der Säugling ist also keineswegs ein unbeschriebenes Blatt, wenn er auf die Welt kommt – im Gegenteil. Die meisten neuronalen Schaltkreise (wie die für Sehen, Greifen, Fühlen) brauchen aber noch eine Weile, um ihre volle Funktionsfähigkeit zu erlangen.

In den ersten Monaten nach der Geburt schießt das Gehirn weit übers Ziel hinaus: Viele Nervenfortsätze sprießen und knüpfen mehr Kontakte, als später im Leben je gebraucht werden. Bis zum sechsten Lebensjahr dauert das ausufernde Wachstum der Axone und Dendritenbäume. Dann wird das Anwachsen der synaptischen Verdrahtung eingeschränkt, und bereits geknüpfte Verbindungen werden bis zur Pubertät teilweise zurückgeschnitten – was auch als „pruning“ (engl. für „Bäume beschneiden“) bekannt ist. Vor allem die neuronalen Verbindungen, die wenig aktiviert werden, bilden sich zurück und verschwinden. Es bleiben nur diejenigen erhalten und verfestigen sich, die sich nach Bedarf und Anregung als offensichtlich „sinnvoll“ erwiesen haben. Dieser wichtige selbstorganisierende Mechanismus ermöglicht später individuelle Unterschiede und Vielfalt.

Der Abbau von Verbindungen kennzeichnet längerfristig eine gesunde Gehirnreifung. Zu dichte Kommunikationsnetze bergen nämlich Probleme: Die Signale können sich hier schnell in die Quere kommen und gegenseitig stören. Wird die neuronale Infrastruktur dagegen an den falschen Stellen oder zu stark beschnitten, sind Dis – oder Hypokonnektivität (gestörte oder fehlende Verbindungen) die Folge, wodurch die Entwicklung des Sozialverhaltens beeinträchtigt werden kann.

Umwelteinflüsse

Das kindliche Gehirn wird über eine Reihe von Schritten aufgebaut, die normalerweise in der richtigen Reihenfolge auftreten. Dazu existieren frühe Zeitfenster für grundlegende Reifungsprozesse, bei denen in bestimmten monate- oder gar jahrelangen Phasen intensiver Entwicklung die entscheidenden Nervenverbindungen geschaltet werden. Die meisten dieser sensiblen (kritischen) Phasen treten in der frühen Kindheit auf, einige sogar erst in der Adoleszenz, der Lebensphase zwischen Kindheit und Erwachsenenalter.

Eine sensible Phase zeichnet sich durch eine gesteigerte neuronale Plastizität aus. In einem kritischen Zeitfenster machen neurochemische Veränderungen bestimmte Teile des Gehirns besonders aufnahmebereit. Durch bestimmte Umwelteinflüsse (Erfahrungen) können dann neuronale Schaltkreise besonders leicht geformt bzw. grundlegend verändert werden. Manche wichtige Fähigkeiten (Kompetenzen) entwickeln sich tatsächlich nur oder zumindest besonders leicht in diesen engen Zeitfenstern, später dagegen nicht mehr oder nur noch unvollständig. Es sind z. B. „kritische Perioden“ in den ersten zwei bis drei Lebensjahren für die Ausbildung des Seh- und Hörsinns gut belegt. Aber es existieren auch „kritische Perioden“ für Motorik, Sprache und verschiedene Formen sozialer Interaktion. Die sensiblen Phasen für Sprache und höhere Kognition (logisches Schlussfolgern, Lesen und Rechnen, planvolles Denken) beginnen spät und enden nie ganz.

Binnen weniger Monate oder Jahre schließen sich die Entwicklungsfenster eins nach dem anderen, und die Empfänglichkeit für fördernde Eindrücke gehen deutlich zurück, so dass es schwer, wenn nicht gar unmöglich wird, in dem jeweiligen Bereich noch Neues zu lernen. Neue Forschungen weisen allerdings darauf hin, dass Entwicklungsfenster durchaus auch wieder aufgestoßen werden können.

[Mehrsprachigkeit

Sieben Monate alte Kinder verarbeiten Muttersprache und Fremdsprache gleich. Sie verfügen noch über eine universale Lautwahrnehmung, d. h., sie sind in der Lage, fast alle der rund 800 auf der Welt existierenden Sprachlaute zu unterscheiden. Danach verlieren sie diese Fähigkeit zu Gunsten einer deutlicheren Wahrnehmung muttersprachlicher Phoneme. Um eine andere Sprache ebenso wie die Muttersprache zu lernen, schließt das Zeitfenster zwischen vier und sechs Jahren. Bleibt die entscheidende Lebensphase bis dahin ungenutzt, kann das Gehirn Feinheiten in Grammatik, Betonung oder Aussprache in der Regel nicht mehr so erfassen wie in der Muttersprache.

(Auch die Probleme, die viele Menschen mit moderner Musik haben, und die Gewöhnungsschwierigkeiten an fremde Musikkulturen könnten darauf beruhen, dass die ungewohnten Melodien, Rhythmen und Strukturen das Gehirn in seinem Versuch irritieren, gewohnte Organisationsmuster zu finden.)]

Besonders prägend für die Hirnentwicklung sind also die ersten Lebensjahre. Mit einer Vielfalt sinnlicher Erfahrungen werden Kinder beweglich an Körper und Geist. Je mehr Erfahrungen und Eindrücke gesammelt werden, je mehr ein Kind geistig gefordert und gefördert wird, umso stärker vernetzen sich die Nervenzellen, die Grundvoraussetzung für menschliche Intelligenz. Auch soziale Erfahrungen in der frühen Kindheit wirken sich tiefgreifend auf die Hirnentwicklung aus. Bei Kindern, die in prekären Familienverhältnissen aufwachsen, hinterlassen die vielen Belastungen sichtbare Spuren im Gehirn. Fehlende Zuneigung oder schwerer Stress können die Reifung von Gehirnzellen ausbremsen und die lernenden Zentren des Gehirns beeinträchtigen.

Bei Heimkindern wurden weniger Neurone und andere Hirnzellen sowie weniger Nervenzell-verbindungen festgestellt. Zudem waren beispielsweise die reizleitenden Axone im Schnitt dünner, und manche Verknüpfungen zwischen den Hirnarealen wiesen unnatürlich Muster auf. Im Großen und Ganzen behielten Heimkinder in den Untersuchungen auch ein geringeres Hirnvolumen als ihre „normal“ aufgewachsenen Altersgenossen. Bei jenen Kindern, die mit vier Jahren in einer stimulierenden Familie lebten, war der Kortex dagegen in manchen Bereichen dicker.

Frühe Misshandlungen können die Entwicklung des kindlichen Gehirns so stark beeinträchtigen, dass dauerhafte Schäden in seiner Struktur und Funktion zurückbleiben. Die Folgen treten in jedem beliebigen Alter und auf unterschiedlichste Weise zutage: Innerlich als Depression, Angst, Selbstmordgedanken oder als posttraumatische Belastungsstörung, nach außen als Angriffslust, Erregbarkeit, Straffälligkeit, Überaktivität oder Drogenmissbrauch. Ein mit früher Misshandlung eng verbundenes psychiatrisches Erscheinungsbild ist die Borderline-Persönlichkeitsstörung.

Ab dem sechsten Lebensjahr sprießen unzählige neue Verbindungen zwischen den Nervenzellen. Die Synapsenwucherung erreicht ihren Höhepunkt zum Beginn der Pubertät, bei Mädchen mit ungefähr 10 bis 11 Jahren, bei Jungen etwas später. Spätestens um diese Zeit hat unser Gehirn annähernd seine volle Größe erreicht, etwa 95% des Erwachsenengehirns.

Pubertät

Hunderte bis mehr als 1000 genetische Varianten haben einen Einfluss darauf, wann die Pubertät, also die Reifezeit vom Kind zum Erwachsenen, einsetzt. Manche wirken sich direkt auf den Beginn der Pubertät aus, andere indirekt. Unter Letzteren sind genetische Faktoren, die die Gewichtszunahme in der Kindheit fördern. Die Ernährung bestimmt also mit, zu welchem Zeitpunkt die Pubertät ausgelöst wird.

Als das Pubertät auslösende Gen gilt KiSS1, welches das Peptidhormon Kisspeptin kodiert. Dieses aktiviert die Nervenzellen und setzt eine Hormonkaskade in Gang – die Pubertät beginnt. Damit das Gen für Kisspeptin aber erst aktiv werden kann, muss der Körper über genügend Fettreserven verfügen.

Üblicherweise bekommen Mädchen ihre erste Regelblutung zwischen dem 10. und 15. Lebensjahr. Seit einigen Jahrzehnten aber setzt die Pubertät tendenziell immer früher ein. Als einer der Gründe gilt eine bessere, reichhaltigere Ernährung, oftmals verbunden mit einem Übergewicht der Jugendlichen. Im Fettgewebe, das Mädchen von Natur aus leichter aufbauen als Jungen, entsteht der Botenstoff Leptin, der die Pubertät vorantreibt. (Bei Sportlerinnen, die nur über geringe Fettreserven verfügen, findet man oft einen verspäteten Pubertätsbeginn.)

Für einen frühen Pubertätsbeginn spielen auch andere Umweltfaktoren wie beispielsweise Stress oder Giftstoffe eine Rolle. Kunststoffpartikel, vor allem sogenannte Bisphenole, stehen im Verdacht, die sexuelle Reife zu beschleunigen. Sie stecken etwa in Getränken oder in Lebensmitteln aus Konservendosen und wirken wie Östrogene. (Östrogene steuern bei Mädchen und Jungen die Entwicklung der Keimdrüsen in der Pubertät und stoßen Umstrukturierungen im Gehirn an.) Wenn die Pubertät zu früh einsetzt, kann die Psyche oft nicht mithalten. Außerdem erhöht eine besonders zeitige Geschlechtsreife das Risiko für verschiedene Krankheiten, darunter Fettleibigkeit, Diabetes Typ II, Herz-Kreislauf-Komplikationen und manche Krebsarten.

Exakt zu dem Zeitpunkt, zu dem die körperlichen Veränderungen (Wachstumsschub und radikale Änderung der Proportionen) einsetzen – also mit dem Beginn der Pubertät – durchläuft auch das Gehirn noch einmal einen drastischen Wachstums- und Reorganisationsschub, der jenem im Embryo und Babyalter ähnelt. Unter der scheinbar ruhigen Oberfläche gleicht das pubertierende Denkorgan einer permanenten Großbaustelle. Während einige Bereiche wachsen, schrumpfen andere oder werden komplett neu organisiert. In verschiedenen Arealen der Großhirnrinde laufen die Umbauvorgänge unterschiedlich schnell und in jeweils fester zeitlicher Reihenfolge ab. So wird das Gehirn der Jugendlichen von hinten nach vorne umgekrempelt.

Es entwickeln sich zunächst viele neue Verbindungen. Aber schon kurze Zeit später werden Milliarden von Zellen und Kontaktstellen im gesamten Gehirn eliminiert. So wird die neuronale Hardware mehr und mehr zurechtgestutzt, nutzlose Verbindungen gekappt, die bewährten dagegen ausgebaut und verstärkt. Darüber verbessert sich die neuronale Feinabstimmung und damit kognitive Fähigkeiten – etwa von Gedächtnis und Lesefähigkeit, aber auch Sprachkompetenz – dramatisch.

Einen Wachstumsschub erfährt auch das limbische System – ein Verbund von Hirnarealen, die auf Emotionen, Neuheit und Bedrohung reagieren. Während sich das „besonnene“ Stirnhirn für die Reifung Zeit lässt, gehen zu Beginn der Adoleszenz den zentralen Teilen des neuronalen Belohnungssystems etwa 30% der Rezeptoren für Dopamin (dem „Glückshormon“) verloren. Viele Situationen, die Jugendliche vorher noch als glücklich und aufregend empfunden haben (wie ein gemeinsamer Ausflug mit den Eltern oder gewohnte kindliche Beschäftigungen), erscheinen jetzt als total langweilig und öden die Jugendlichen nur noch an. Aufregung dagegen erhöht die Dopaminausschüttung und damit das Glücksgefühl. Die Folge kann ein gesteigerter Drang nach Neuem, nach Sensationen sein, aber auch danach, etwas Verbotenes oder Riskantes zu tun – die Kontrollinstanz im Gehirn, der Stirnlappen, ist ja wegen Umbaus nur eingeschränkt in Betrieb. Ohne eine kräftige Dosis Langeweile auf der einen Seite und Risikofreude auf der anderen würden die Heranwachsenden kaum je der heimischen Nestwärme den Rücken kehren.

Das Ungleichgewicht der Hirnareale erklärt also die jugendliche Impulsivität ebenso wie ihre Risikobereitschaft, aber auch ihre Sensibilität für soziale Belohnungen und das Lernen. Der Umbau des Belohnungssystems ermöglicht es den Jugendlichen, Erfahrungen zu sammeln, die sie erst zu Erwachsenen machen. Dabei sind die Heranwachsenden kreativ, leidenschaftlich und bereit für Veränderungen. Indem sie ihr Geschick und Talent herausfordern, testen sie Grenzen aus. So lernen sie, sich zu bewähren. Jugendliche, die sich in Maßen auf Risiken einlassen, sind später sozial kompetenter als diejenigen, die Herausforderungen ständig aus dem Weg gehen.

Auch die innere Uhr durchläuft eine Phase der Reorganisation. Weil die Zirbeldrüse im Zwischenhirn das „Schlafhormon“ Melatonin mit bis zu zwei Stunden Verspätung ausschüttet, werden Jugendliche in der Pubertät später müde als Kinder und Erwachsene. Da das Melatonin aber auch erst zwei Stunden später abgebaut ist, kommen viele Jugendliche morgens schwerer aus den Betten.

Der Stirnlappen im Großhirn ist der letzte große Bereich, der seine endgültige Struktur und Funktion ausbildet. Bis zum Alter von 16 bis 18 Jahren ist er massiven Veränderungen unterworfen, die sich sogar bis zum Alter von 30 Jahren hinziehen können. Unser Gehirn ist streng genommen erst dann voll ausgereift. Die Neustrukturierung im Bereich des Stirnlappens kann bei Pubertierenden zunächst auch zu einem Mangel an Empathie führen. Sie verfügen nur eingeschränkt über die Fähigkeit, Gefühle und Stimmungen ihres Gegenübers zu erkennen, und haben oft nur ihren eigenen Vorteil im Sinn. Das kann der Grund dafür sein, dass Teenager oft unsicher und gereizt reagieren und den Eindruck haben, von Erwachsenen nicht verstanden zu werden.

Im vordersten Teil des Stirnhirns, dem präfrontalen Kortex (für Denken, Urteilsvermögen und sogenannten exekutiven Funktionen wie z. B. Impulskontrolle oder Entscheidungen, zuständig), dauern die Umbauten besonders lange. Seine Reifung verleiht den Jugendlichen nicht zuletzt auch die Fähigkeit zum abstrakten Denken. Das alles eröffnet ihnen neue Möglichkeiten und Interessen: Sie entdecken oft vielfältige Themen aus Philosophie, Literatur und Musik für sich und beginnen, sich für Politik zu interessieren und zu diversen Themen eine eigene Meinung zu bilden.

Der letzte und entscheidende Bauabschnitt im präfrontalen Kortex betrifft ein kleines Areal ganz vorn in der Stirn, direkt über den Augenhöhlen: den orbifrontalen Kortex (OFC). Er arbeitet im Verbund mit anderen Strukturen, die unser Sozialverhalten steuern. Die aus seinem Umbau resultierenden Verhaltensänderungen markieren das Ende der Adoleszenz. Die Jugendlichen werden verantwortungsbewusst, entwickeln ein Gefühl für moralisches Handeln und vervollkommnen die Fähigkeit, sich in andere Menschen hineinzuversetzen.

(Wird der OFC im Kindesalter verletzt, stagniert die emotionale und soziale Entwicklung. Erwachsene ohne funktionierenden, ausgereiften OFC bleiben unfähig, sich in die Gesellschaft einzugliedern und die Bedürfnisse oder die Reaktionen anderer vorwegzunehmen: Ein pubertärer Geist in einem erwachsenen Körper.)

Die drastischen Änderungen im Verhalten der Jugendlichen werden also vom systematischen Umbau der Gehirnstruktur verursacht. Dabei hängt die Natur der Veränderungen vom Geschlecht ab. Bestimmte Hirnregionen entwickeln sich nämlich bei Jungen und Mädchen unterschiedlich. Während die funktionelle Verknüpfung in einzelnen Hirnbereichen bei weiblichen Teenagern im Laufe der Pubertät abnehmen, verstärken sie sich bei Jungen. In anderen Hirnregionen ist es umgekehrt. Das könnte auch ein Grund für die unterschiedliche Anfälligkeit der Geschlechter für bestimmte Leiden sein, z. B. Depressionen. (Die schwerwiegendsten Gesundheits- und Verhaltensprobleme treten in der Pubertät tendenziell mit 16 Jahren und später auf.)

Geschlechtsunterschiede

Nach der Pubertät sind alle Verknüpfungen etabliert und die Neuronen auf ihre voller Größe von einem Zehntel Millimeter herangereift. Zwar beginnt das Gehirn ab dem Alter von 20 Jahren bereits wieder zu schrumpfen, aber die Gehirnentwicklung ist noch nicht endgültig abgeschlossen.

Von Anfang an sind Unterschiede im männlichen und weiblichen Gehirn gegeben (s. o.). Nach der Pubertät haben Männer ein deutlich größeres und schwereres Gehirn als Frauen, wobei zwischen beiden Gruppen allerdings auch ein beachtlicher Überlappungsbereich existiert. Nach den vorliegenden Daten wirkt sich der Größenunterschied nicht auf die kognitive Leistungsfähigkeit aus. Frauen machen den Nachteil des kleineren Schädels teilweise durch mehr Hirnwindungen wett. Die Leistungsfähigkeit des Kortex ist bekanntlich proportional zu seiner Oberfläche; und eine stärkere Furchung des Gehirns führt zu einer Vergrößerung der Oberfläche, ohne das Volumen zu erhöhen.

Die Forscher stellten aber eine erstaunliche Palette an strukturellen, chemischen und funktionellen Unterschieden in weiblichen und männlichen Gehirnen fest. Sie sind das Ergebnis von Selektionsdrücken im Laufe der Evolution. Während beispielsweise bei Männern das Volumen eines Areals in der rechten Hirnhälfte größer ist – wodurch sie u. a. große, zielgerichtete Bewegungen wie Werfen besser beherrschen -, sind Frauen in linkshemisphärischen Aufgaben wie feinmotorischen Bewegungen überlegen. Da sich schon im Mutterleib bei weiblichen Föten die linke Gehirnhälfte schneller entwickelt, haben Frauen wohl von Anfang an auch einen Vorsprung in Bezug auf Sprache und soziale Intelligenz, meinen Psychologen. Bei Jungen wird die Entwicklung der linken Hirnhälfte hingegen verzögert; schuld daran sei das Sexualhormon Testosteron.

Die Neurowissenschaftler sind heute aber noch weit davon entfernt, all die geschlechtsbezogenen Unterschiede im Gehirn und ihren genauen Einfluss auf kognitive Fähigkeiten und Krankheitsanfälligkeit zu kennen. Nach neueren Untersuchungen setzen die Geschlechter ihr Zentralorgan unterschiedlich ein, um z. B. Denkaufgaben zu bearbeiten – und zwar mit gleichem Erfolg. Während Frauen mehr und robustere Verbindungen zwischen den Hirnhälften aufweisen, sind bei Männern die Nervenfaserbündel innerhalb einer Hemisphäre stärker ausgeprägt. Männer aktivieren so vermehrt jeweils eine Hemisphäre, während sich bei Frauen beide Gehirnhälften gleichmäßiger beim Bewältigen verschiedener Aufgaben beteiligen.

Jedoch lässt sich kein Bereich des Gehirns als typisch männlich oder typisch weiblich klassifizieren. Studien legen nahe, dass die Gehirne der meisten Menschen Mosaike mit weiblichen und männlichen Eigenschaften sind. Gene und Geschlechtshormone prägen zwar das Gehirn tatsächlich, aber sie formen es nicht vollständig und nicht irreversibel. Aufgrund der Plastizität der Nervensysteme spielen Umwelteinflüsse für unsere Kognition und unser Verhalten eine große Rolle. Umstritten bleibt, wie stark der soziale und kulturelle Kontext ins Gewicht fällt. Jedenfalls scheinen heute die Gemeinsamkeiten zwischen den Geschlechtern immer größer zu werden, wahrscheinlich auch auf Grund der gewandelten Geschlechterrollen.

REM

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