Aussterben der Neandertaler

Nach dem ersten Skelett-Fund im Neandertal bei Düsseldorf (Deutschland) 1856 wird eine Menschengruppe als Neandertaler bezeichnet, von denen ein dermaßen reiches Fossilmaterial existiert, dass sie wohl die besterforschte archaische Menschengruppe sein dürfte. Ihre Evolutionslinie starb vor ca. 39 000 Jahren aus.

Entwicklung der Neandertaler

Der klassische Neandertaler gilt heute als ein Seitenzweig der Menschheit, eine in vielen Merkmalen spezialisierte Form. Seine Vorfahren waren in Afrika wahrscheinlich aus einem Homo heidelbergensis (einer Variante des Homo erectus) hervorgegangen und hatten sich von Afrika aus nach Westasien und Europa ausgebreitet. Dort entwickelten sie sich schließlich zu klassischen Neandertalern weiter und überstanden 180 000 Jahre lang Eis-und Zwischeneiszeiten. (Von der Neandertalerlinie dürften sich die Denisovaner abgespalten haben, die vom Nahen Osten aus sowohl nach Sibirien als auch nach Indonesien und weiter nach Melanesien gelangten.)

Wie der Wandel zum Neandertaler in Europa und Westasien verlief, ist bis heute unklar. Es war jedenfalls ein langer Prozess von wohl mehreren hunderttausend Jahren, bis der klassische Neandertaler erschien. Einige Schädelmerkmale weisen bereits vor 450 000 Jahren in Richtung typischer Neandertaler-Kennzeichen, die sich dann im Lauf der Zeit verstärkten. Nahezu alle spezifischen Merkmale der späteren Neandertaler erschienen erstmals in Zeitabschnitten mit besonders heftigen Klimaschwankungen, insbesondere während der Doppeleiszeit zwischen etwa 350 000 und 200 000 Jahren v. h.

Der typische Neandertaler wird als untersetzt (Körpergröße meist zwischen 155 und 165 Zentimeter) mit vergleichsweise kurzen Gliedmaßen beschrieben. Dem schweren Skelett mit massiven Arm- und Beinknochen entsprach eine starke Muskulatur. Die Neandertaler waren äußerst flink und gewandt und konnten sehr schnell laufen. Ihr sehr großer Schädel war langgestreckt, das Gesicht mit großen, schaufelförmigen Zähnen und Überaugenwülsten wölbte sich nach vorne. Möglicherweise hatten sie große Nasen, die als eine Art Heizung wirkten (eingeatmete Luft wird erwärmt) und einen großen Brustkorb. Diese „typischen“ Neandertalermerkmale fielen allerdings bei Frauen und Kindern deutlich geringer aus. Insgesamt sei die Bandbreite innerhalb der wahrscheinlich hellhäutigen Neandertaler größer gewesen als die zwischen Neandertalern und modernen Menschen.

Weg zum Homo sapiens

In Afrika entwickelte sich derweil der Homo sapiens wohl aus mehreren Urpopulationen des dortigen Homo heidelbergensis, die vor mehr als einer Million Jahren über den gesamten afrikanischen Kontinent verteilt waren und moderne und archaische Merkmale in verschiedenen Mixturen aufwiesen. (Der letzte gemeinsame Vorfahre von Neandertaler und Homo sapiens lebte wahrscheinlich vor rund 800 000 Jahren.) Nach einer genetischen Studie trennte sich die Linie des modernen Menschen von der Linie ihrer archaischen Vorfahren zwischen 350 000 und 260 000 Jahren v. h. Die ersten Vertreter unserer Art wurden in 300 000 Jahren alten Schichten in verschiedenen Regionen Afrikas nachgewiesen.

Die „Modernisierung“ des Homo sapiens schritt zunächst langsam und schrittweise voran. Als vor rund 195 000 Jahren die Verhältnisse in Afrika unwirtlicher wurden, kam es zu Phasen großer Trockenheit, gefolgt von feuchteren Perioden. Diese Klimaschwankungen, der ständige Wechsel von Dürre und Regen, von Wüste und Gras, Hunger und Überfluss, führten zu einem Entwicklungsschub – verbunden mit einer kulturellen Periode, die in Afrika als „Mittlere Steinzeit“ bezeichnet wird und gekennzeichnet ist durch komplexe Technologien und Symbolverwendung.

Anscheinend sammelten die Menschen Muscheln und Schnecken und schmückten sich mit Ketten aus deren schimmernden Schalen und Häusern. Aus Ockerstücken gewannen sie ein rotes Pulver, das sie wahrscheinlich mit einem Bindemittel, vielleicht Tierfett, vermischten. Mit dieser Farbe konnten sie sich selbst wie auch Gegenstände und andere Oberflächen bemalen. Wir wissen aber nicht, wann und wo genau modernes Verhalten zuerst auftrat und was den Hintergrund dafür bildete. Unbekannt ist auch, welche unmittelbare Folgen es hatte.

Das endgültige Gesamtpaket Homo sapiens wurde wohl erst irgendwann in der Zeit vor 100 000 bis 40 000 Jahren geschnürt. Ein starker Selektionsdruck (Klima!) führte in dieser Zeit zu einer ausgedehnten Periode genetischer Anpassungen. Die modernen Formen waren weniger gedrungen und hatten längere Extremitäten als die Neandertaler (als Anpassung an ein wärmeres Verbreitungsgebiet) und waren großschädelig (vor allem: steiler Gesichtsschädel – ohne vorspringende Mundpartie; mit markantem Kinn und hoher Stirn – und großer, runder Hirnschädel). Das Becken war verengt, was zwar die Fortbewegung erleichterte, aber die Geburt erschwerte. Die Folge war ein vorgezogener Geburtstermin, der eine verbesserte elterliche Fürsorge erforderte.

Es gibt Hinweise, dass sich die Homo-sapiens-Populationen südlich der Sahara ausbreiteten – möglicherweise auch dank größerer technischer Raffinesse (ausgefeilte Steinwerkzeuge) und komplexerer sozialer Strukturen. Indizien deuten darauf hin, dass dann in Ostafrika die Migration auf andere Kontinente angestoßen wurde. Auf oder nahe der Arabischen Halbinsel durchliefen diese Menschen wohl eine längere Isolation und Anpassung („Arabischer Stillstand„), ehe sie sich weiter in Richtung Asien und Europa ausbreiteten.

Gründe für das Aussterben der Neandertaler

Das Verbreitungsgebiet des Neandertalers erstreckte sich vom Nahen Osten bis zu den Britischen Inseln, vom Kaukasus bis zum Atlantik (Südspanien). Ihr konstant besiedeltes Kerngebiet lag dabei eindeutig in den mildesten Klimaregionen Europas: Portugal, Spanien, Frankreichs Südhälfte sowie Italien und die Krim. Funde in nördlichen Breiten stammen meist aus Warmphasen (Interglazialen), in denen die Neandertaler nach Norden und Nordosten vordrangen. (Im Zuge einer Klimaerwärmung – Beginn der letzten Zwischeneiszeit – drangen sie vor 125 000 Jahren sogar bis nach Mittelasien vor.) Sobald eine neue Kaltphase das Land in eine baumlose Tundra verwandelte, zogen sie sich wieder in warme Refugien im Süden zurück.

Seit etwa 100 000 Jahren v. h. hatten sowohl Neandertaler als auch anatomisch moderne Menschen (und möglicherweise sogar noch andere Menschenarten) im Vorhof Afrikas, im Nahen Osten, in derselben Großregion gelebt – rund 50 000 Jahre lang. Keine hatte sich in dieser Zeit überzeugend vermehrt, keine von ihnen war den anderen deutlich genug überlegen, um sie zu assimilieren oder zu verdrängen. In diesem Überschneidungsgebiet und in dieser Zeit waren ihre Steinwerkzeuge kaum zu unterscheiden. Der Homo sapiens drang von hier weiter nach Europa vor, wo die Besiedlung einer Region durch Neandertaler und unsere Vorfahren mehrfach wechselte. Nach einer Jahrtausende dauernden Übergangszeit verschwanden die Neandertaler dann überall vor 39 000 Jahren fast gleichzeitig und endgültig von der Bildfläche. Die genauen Gründe dafür sind immer noch umstritten.

Klimawandel

Besonders kälteresistent scheinen unsere stämmigen Vetter nicht gewesen zu sein – weder aufgrund ihrer Anatomie noch wegen ihrer Fellkleidung. Während sie vermutlich nur Kleidung aus groben Fell- und Lederstücken trugen, nutzte Homo sapiens nach einer Studie häufiger Felle von kleineren Tieren (z. B. Wolf, Kaninchen oder Wiesel). Diese sind dichter behaart und wärmen deshalb besser. Besetzt man große Kleidungsstücke (große Häute von Bären, Hirschen und Auerochsen, in die man sich vollständig einwickelte) mit den Fellen der Kleintiere, dringt kaum noch kalte Luft durch.

Auch kannte Homo sapiens bereits ein Werkzeug zum Nähen, dessen Funktionalität so groß war wie seine Form klein: Die Nadel mit dem Öhr. Das deutet darauf hin, dass er schon über genähte Kleidungsstücke und Zelte verfügte. Von den Neandertalern kennt man keine Funde, die auf Näharbeiten hindeuten. Sie waren wohl allenfalls in der Lage, Umhänge zu tragen. Ihre locker sitzende Kleidung schützte vor dem eisigen Wind weniger effektiv als die aufwändige Kleidung der modernen Menschen. Zwar ist durchaus denkbar, dass die Neandertaler Fellstücke irgendwie zusammennähten, aber das genügte nicht, um gegen extreme Kälte gewappnet zu sein.

Es waren aber nicht die absoluten Tiefsttemperaturen, die den Neandertalern zum Verhängnis wurden. Mehrfache abrupte Temperaturstürze vor 60 000 bis 40 000 Jahren – die sogenannten Heinrich-Ereignisse, ausgelöst durch Störungen in den Strömungen des Nordatlantik – könnten der Grund für ihre Dezimierung gewesen sein. Die raschen Wechsel von Warm- und Kaltphasen vollzogen sich bisweilen so schnell, dass sogar einzelne Individuen im Laufe ihres Lebens beobachten konnten, wie Pflanzen und Tiere, mit denen sie aufgewachsen waren, verschwanden und durch eine ihnen unvertraute Flora und Fauna ersetzt wurden.

Am Ende waren die Populationen der Neandertaler demnach so stark reduziert, dass sie sich nicht mehr halten konnten. Es gab immer weniger Individuen, die miteinander gesunde Nachkommen zeugen konnten (s. u.). Als Homo sapiens schließlich einige tausend Jahre später den Westen des Subkontinents erreichte, könnten die Neandertaler – ehemals unumstrittene Herren der Eiszeitwelt – wohl nur noch ein Schatten ihrer selbst gewesen sein. In Portugal und Spanien und auf der Krim lagen jedenfalls ihre letzten Rückzugsgebiete, wo sie vor knapp 40 000 Jahren ausstarben. (Doch auch die erste Welle der anatomisch modernen Zuwanderer fiel damals dem europäischen Horror-Klima zum Opfer.)

Dass der Klimawandel die entscheidende Rolle für das Aussterben der Neandertaler gespielt hat, scheint inzwischen allerdings endgültig widerlegt, denn unsere Vettern starben damals auch z. B. in Süditalien mit nachweislich stabilem Klima aus. Nach Ansicht mancher Forscher weist vieles dagegen auf eine Mitwirkung der Neuankömmlinge hin. Möglicherweise verschärfte sich die Konkurrenz um den zunehmend knappen Lebensraum, so dass jeder noch so geringe Überlebensvorteil unter Umständen über das Bestehen der Art entscheiden konnte. Sollte eine Verdrängung der alteingesessenen Neandertaler tatsächlich stattgefunden haben, dürfte sie schleichend und ohne offene Gewaltanwendung abgelaufen sein.

Technologie

Überall in Afrika, Europa und Asien gab es zunächst eine im wesentlichen einheitliche mittelpaläolithische Steinwerkzeugkultur, die mit dem archaischen Homo sapiens und dem Neandertaler verbunden wird. Anstelle des älteren Universalwerkzeugs Faustkeil wurde eine breite Palette spezieller Werkzeugtypen für die Jagd, für das Zerlegen und Häuten von Wild, um Holz zu schneiden und Häute abzuschaben benutzt. Diese Werkzeuge waren so komplex, dass sie ein tiefgreifendes Verständnis des Materials Stein voraussetzten – und vermutlich auch einen mündlichen Austausch darüber, wie man das Material am besten bearbeitet.

Als sich der Neandertaler mit dem anatomisch modernen Menschen in Europa auseinandersetzen musste, kam es innerhalb kürzester Zeit zu einer bedeutenden Weiterentwicklung in der Werkzeugtechnologie, insbesondere in Nordspanien und im Südwesten Frankreichs. Nach einer These besaß Homo sapiens ein vielfältigeres Werkzeug- und Waffenarsenal (z. B. Speerschleudern oder womöglich sogar schon Pfeil und Bogen), was es ihm erlaubte, seine Nahrungsbeschaffung effizienter zu gestalten. Er war vielleicht ein klein wenig innovativer.

Der Archäologe Christopher S. Henshilwood ist davon überzeugt, dass insbesondere eine komplexe Handhabe des Feuers unseren Vorfahren im kalten Lebensraum zum Vorteil gegenüber den Neandertalern gereicht hat, die solche Technik nicht kannten. Wenn auch die Überlegenheit des Homo sapiens technologisch vielleicht nicht besonders groß war, so konnte doch schon ein kleiner Vorteil langfristig eine Auswirkung haben. Allmählich hätten sich mit der Zeit die kleinen Nachteile der Neandertaler summiert und zu einer höheren Sterblichkeit beigetragen, was langfristig die modernen Menschen in eine bessere demographische Position gebracht haben könnte.

Ernährung

In der Ernährung des Neandertalers ergibt sich kein wirklicher Unterschied zum Homo sapiens. Beide haben Großsäuger gejagt, wenn welche verfügbar waren. Doch je nach Region, Biotop und Jahreszeit griffen beide auch auf deutlich kleineres Getier zurück: beispielsweise Antilopen, Rehe, Füchse oder Vögel, an Küstenstandorten auch Muscheln, Krebse, Haie und Robben. Inzwischen wurde festgestellt, dass sich die Neandertaler zwar großenteils von Fleisch ernährten, aber auch zu einem erheblichen Teil von Pflanzen. Sie konnten es sich nicht leisten, wählerisch zu sein, und ernährten sich daher je nach dem regionalen Angebot und der dort verfügbaren Nahrung. Es gibt keine Zweifel, dass alle Menschenformen, sobald sie das Feuer kontrollierten, auch kohlenhydratreiche Nahrung zubereiteten und verspeisten.

Beide Menschenformen konkurrierten also im selben Lebensraum um dieselben Ressourcen. Vielleicht waren aber unsere Vorfahren etwas besser als Neandertaler in der Lage, sich die bevorzugte Nahrung zu beschaffen, wenn sich Umweltbedingungen veränderten. Sie litten jedenfalls seltener an Mangelernährung. Nach einer Analyse war Homo sapiens dem Neandertaler einfach deswegen überlegen, weil er seine Nahrung effizienter nutzte. Zudem verbrauchte er für die grundlegenden Lebensfunktionen auch weniger Energie.

Der Neandertaler scheint einen hohen Energiebedarf für seinen muskulösen Körper und seine Kraft raubende Lebensweise gehabt zu haben. Nach diversen Untersuchungen benötigte er beispielsweise für die Fortbewegung 32% mehr Energie als anatomisch moderne Menschen. Sein täglicher Energiebedarf dürfte nach einer Modellrechnung um 100 bis 350 Kalorien über dem des modernen Menschen gelegen haben, die im gleichen Klima lebten. Schwinden die Nahrungsressourcen immer weiter, so konnte das zum entscheidenden Nachteil werden.

Kultur

Viele Wissenschaftler halten nicht viel von der These, dass die frühmodernen Menschen den Neandertalern körperlich oder intellektuell überlegen gewesen seien. Sie sind überzeugt, dass die Neandertaler kognitiv genauso weit fortgeschritten waren wie die anatomisch modernen Menschen, ein ästhetisches Empfinden besaßen und Dinge mit symbolischer Bedeutung belegten. Höchstwahrscheinlich haben sie sogar schon gemalt (bzw. bemalt). Schon vor 90 000 bis vor 40 000 Jahren stellten sie aus Tierschalen oder Federn persönlichen Schmuck her, z. B. bemalte Adler-Krallen als Anhänger. Das belegt symbolisches Verhalten Zehntausende von Jahren vor der Begegnung mit Homo sapiens.

Neandertaler wie unsere Ahnen lebten in sozialen Gemeinschaften. Die Sozialstruktur der Neandertaler bestand aus Familiengruppen mit durchschnittlich fünfzehn bis maximal zwanzig Personen. Es gibt klare Beweise für altruistisches Verhalten. Die Neandertaler kümmerten sich fürsorglich um ihre Kinder, aber auch um andere hilfsbedürftige Mitglieder ihrer Gemeinschaft – verletzte Artgenossen, Kranke und Behinderte -, trotz ihrer harten Lebensbedingungen. Seit mindestens 80 000 Jahren zeigen sie auch Fürsorge für ihre Toten. Bei 15% aller Neandertalerausgrabungen wurden Grabbeigaben, Steinwerkzeuge und Nahrungsgefäße gefunden.

Zweifellos ist der Neandertaler aufgrund seiner technisch-kulturellen Leistungen ein hoch entwickelter Mensch gewesen, der ein guter Jäger war, Werkzeuge fertigte und seinen Feuerstein aus teilweise 100 Kilometern Entfernung zu den Wohnplätzen holte. Seine Lebensweise unterschied sich nicht prinzipiell von der des modernen Menschen. Der Paläoanthropologe Stringer vertritt die Theorie, dass der Homo sapiens mit einer weiter gefassten kulturellen Anpassungsfähigkeit etwas besser gegen schlechte Zeiten gewappnet war. Einfallsreichtum und Kreativität bei veränderten Lebensumständen könnte der Schlüssel zu seinem Erfolg gewesen sein.

Andere Vor- und Frühgeschichtler sind davon überzeugt, dass der moderne Homo sapiens seine Kultur vor rund 50 000 bis 40 000 Jahren entscheidend weiterentwickelt hat. Danach sei er dem Neandertaler kulturell (Werkzeugindustrie, Jagdtechnik, Intelligenz) derart überlegen gewesen, dass dieser, als sich das Klima wieder dramatisch veränderte, im Wettbewerb um lokale Ressourcen hoffnungslos abgehängt wurde – und schließlich ausstarb.

Sprache

Der Archäologe John Shea sieht vor allem in der Sprachfähigkeit des Homo sapiens eine Grundlage für dessen Vorherrschaft. Sprechen können und kreativ sein ist bei Verknappung der Lebensgrundlagen Leben erhaltend. Zwar besaßen wohl auch Neandertaler eine einfache Sprache. Sie dürfte für uns fremdartig geklungen haben, da die Neandertaler vermutlich nicht alle unsere bekannten Laute zu bilden vermochten. Auch ihre Art zu sprechen unterschied sich von der des modernen Homo sapiens: Sie sollten in kurzen, einfachen Sätzen gesprochen haben, langsam und schleppend, wodurch sie sich aber zumindest auf einer primitiven Ebene verständigen konnten. Für die Jagd hätte das sicher genügt.

Die Frage ist, ob die Neandertaler es überhaupt für notwendig hielten, zu sprechen. Sie könnten die ältere mimische Kommunikation mehr genutzt haben als die sprachliche. Dazu war die größere Gesichtsfläche von Vorteil. Homo sapiens lebte dagegen in immer größeren Gruppen, in denen eine sprechende Kommunikation nötiger war. Gerade seine größere Sprechfähigkeit könnte ihm geholfen haben, zuverlässige soziale Netzwerke aufzubauen und die eigenen Erfahrungen, Entfernungen und Zeit, Vergangenes und zu Erwartendes, Gutes oder Ungünstiges besser auszudrücken. Sprache dient aber nicht nur als Medium, um Gedanken und Erfahrungen auszutauschen, sondern bildet auch die Basis des Denkens. Denken, so wie wir es kennen, können wir uns ohne Sprache nicht vorstellen.

So mag das weiter gespannte Netz und auch die stärkere Überlappung der Generationen mit entsprechend intensiverer Tradierung den modernen Menschen geholfen haben. Sie reagierten sozial flexibel und mit angepassten Technologien auf die abrupten Änderungen des Klimas und konnten auf diese Weise die Herausforderungen besser bestehen.

Ergebnis

Der anatomisch moderne Mensch hat den Lebensraum und die Ressourcen, die er mit dem Neandertaler teilte, langsam, aber stetig erobert – und so seinen Verwandten mit der Zeit verdrängt. Was ihm letztlich den entscheidenden Vorteil brachte, ist noch nicht endgültig gesichert. Keiner der angeführten Aspekte allein vermag den Erfolg des Homo sapiens wirklich zu erklären. Es war wohl kein einfaches Ereignis, sondern ein komplexer Prozess, durch den der moderne Mensch an die Stelle des Neandertalers trat.

Demographische Krisen könnten zum Aussterben unserer Vettern beigetragen haben. Vielleicht waren die einwandernden Jetztmenschen nur weniger anfällig für Krankheiten in der sich im eiszeitlichen Klima verändernden Umwelt. Möglicherweise schleppten sie sogar neue Krankheitskeime ein, gegen die die Neandertaler keine Abwehrkräfte besaßen. Deren Gruppen wären dann durch Epidemien dezimiert geworden und schließlich ausgestorben.

Vielleicht verschwanden sie als eigenständige Gruppe, weil die Zuzügler sie zahlenmäßig übertrafen. Bei einer geringfügig höheren Geburtenrate des anatomisch modernen Menschen oder einer geringfügig höheren Sterberate des Neandertalers könnte dies innerhalb von wenigen tausend Jahren geschehen sein. Auch eine insgesamt kürzere Lebensspanne könnte für den schrittweisen Niedergang der Neandertaler in Frage kommen. Wie sich zeigte, schoss die Zahl der anatomisch modernen Menschen, die alt wurden, vor etwa 40 000 Jahren steil in die Höhe. Eine längere Lebensdauer schafft das Potenzial für größere soziale Netzwerke und einen größeren Wissensfundus.

Offenbar schafften es die Homo-sapiens-Eltern, ihren Nachwuchs nach der Entwöhnung besser zu schützen und zu ernähren, was langfristig einen Überlebensvorteil gegenüber den Neandertalern sicherte. Eine höhere Kindersterblichkeit (nach Computer-Simulationen ein bis zwei Prozent) könnte diese bereits nach 30 Generationen (tausend Jahren) zu einer Minderheit schrumpfen lassen und dem modernen Menschen einen uneinholbaren Vorsprung gegeben haben.

Die eurasischen Neandertaler waren nie sehr zahlreich, nicht in früherer und auch nicht in späterer Zeit. Nach diversen Schätzungen lebten in ihrem Verbreitungsgebiet zwischen Portugal und dem Altai-Gebirge in Zentralasien vermutlich nie mehr als 70 000 (nach anderen Untersuchungsergebnissen sogar nur 10 000) Neandertaler gleichzeitig. Die Clans waren weit verstreut – sie hatten oft keinen Kontakt zu anderen Familienverbänden. So mussten sich diese Menschen zwangsläufig mit engeren Verwandten fortpflanzen, mit allen negativen Folgen für den Genpool. Indizien weisen tatsächlich auf eine genetische Verarmung der Neandertaler vor 50 000 Jahren hin.

Wenn verstreute kleine Gruppen mehr oder weniger isoliert leben, werden auch Erfindungen seltener weitergegeben. Spezialkenntnisse verschwinden mit dem letzten Mitglied des Clans. Weil die Gruppen von Homo sapiens stärker untereinander vernetzt waren, erhielt sich ihr Wissen eher. Es konnte sich so anreichern und in einer Art Sperrklinkeneffekt (neue Erfindungen bauen auf älteren auf) immer weiter steigern. Möglicherweise überschritten vor rund 50 000 Jahren die anatomisch modernen Menschen früher als die Neandertaler eine Schwelle in Bezug auf Kognitionsfähigkeit, komplexes Sozialverhalten und Fortpflanzungserfolg.

Vielleicht war für unsere Vorfahren auch die einzigartige Weise ihres symbolischen Denkens, das systematisches Planen (Sprache!) in noch nie dagewesener Manier ermöglichte, ein wesentlicher Vorteil. Dass der Homo sapiens am Ende obsiegte und heute allein dasteht, liegt auf jeden Fall aber mindestens ebenso stark an äußeren Zufällen wie an seinen Talenten. Wenn man sich die gesamte Entwicklungsgeschichte der Menschheit anschaut, wird einem bewusst, welch großer Zufall es ist, dass gerade „wir“ uns durchsetzten. Mit Homo erectus und Neandertaler gab es mindestens zwei vielversprechende, „erfolglose“ Anläufe. Unter etwas anderen Bedingungen und anderen zeitlichen Abläufen sähen wir heute vielleicht völlig anders aus – oder es hätte uns nie gegeben.

REM

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