Kipp-Punkte im Klimasystem

Ein Kipp-Punkt ist definiert als ein kritischer Grenzwert, an dem eine kleine zusätzliche Störung zu einer qualitativen Veränderung in einem System führen kann. Da die Kipp-Elemente sehr nicht-linear reagieren, ist das Erreichen eines Kipp-Punkts in den meisten Fällen nicht vorhersagbar. Die Forscher können höchstens sagen: Das Risiko besteht. Warum solche Kipp-Punkte in verschiedenen Systemen auftreten, ist unbekannt.

Das irdische Klima ist ein solches System. Lange Zeit reagieren die Kipp-Elemente oft nur wenige auf Klimastress, aber irgendwann kommt es dann schon bei einer geringfügigen Zunahme eines Klimafaktors zum Umkippen. Ist die kritische Schwelle einmal überschritten, entsteht eine sich selbst verstärkende Entwicklung, in deren Folge sich das Klima qualitativ verändert. Das gesamte System kippt in einen anderen Gleichgewichtszustand, der wiederum Jahrtausende anhalten kann.

Wo sich der Kipp-Punkt für das irdische Klima befindet bzw. wie weit wir davon entfernt sind, wissen wir nicht. Es gibt keinen scharfen Grenzwert, sondern lediglich einen Unsicherheitsbereich, in dem mit steigender globaler Temperatur das Risiko wächst, den Kipp-Punkt zu überschreiten. Selbst Skeptiker unter den Forschern leugnen nicht die Gefahr, dass der heutige Anstieg der Temperaturen aufgrund des menschengemachten Klimawandels die Klimamaschine des Globus über die Schwelle treibt, hinter der das Ganze System chaotisch zu werden droht. Langfristig wäre eine „Heißzeit“ mit vier bis fünf Grad höheren Temperaturen und einem Meeresspiegelanstieg um 10 bis 60 Meter die Folge, warnen Forscher.

Die Wahrscheinlichkeit, dass dieser Fall eintritt, ist derzeit noch klein; trotzdem sind schon einzelne Dominosteine dabei, zu fallen. Manche Effekte sind bereits unumkehrbar. Das Problem für uns ist, dass wir erst hinterher sicher sagen können, dass ein Kipp-Punkt erreicht ist oder überschritten wurde. Die Daten sind zwar linear und vorhersagbar genug, um den Projektionen Glaubwürdigkeit zu verleihen, doch zugleich in einem Maße nichtlinear und unvorhersagbar, dass wir die katastrophalen Konsequenzen des anthropogenen Klimawandels möglicherweise unterschätzen und nicht rechtzeitig gegensteuern.

Die Wissenschaftler haben inzwischen 16 Kipp-Elemente im Klimabereich entdeckt, bei denen wir dem Kollaps schon sehr nahe sind. Es besteht die Gefahr, dass sie das Klima – auch ohne weitere Emissionen – immer weiter in eine fatale Richtung treiben, zumal sie sich gegenseitig aufschaukeln können. Fünf globale Kipp-Elemente könnten sogar schon heute die kritische Schwelle erreicht haben oder ihr sehr nahe sein: Die Eisschilde Grönlands und der Westantarktis, der Amazonas-Regenwald, Teile des arktischen Permafrosts und die Atlantische Umwälzströmung. Sie sind aller Wahrscheinlichkeit nach damit für die Zukunft der Menschheit entscheidend.

Arktis und Grönland

Schon 2007 hat gemäß einer Studie die Arktis einen kritischen Punkt überschritten und ist in einen grundsätzlich anderen Zustand übergegangen. Damals ging der Anteil des über vier Meter dicken Alteises um mehr als die Hälfte zurück. Da die Veränderung auf einem höheren Wärmegehalt des Ozeans beruht – der wiederum durch weniger Meereis weiter ansteigt* -, liegt es nahe, dass sie dauerhaft ist. Noch wird allerdings der Begriff „Kipp-Punkt“ vermieden, weil man zuerst die gesamten Auswirkungen der Veränderungen erforschen will. Klimaforscher erwarten aber nach den vorliegenden Daten, dass die Arktis bis 2100 im Sommer eisfrei wird.

*Durch den Schwund von Meereis absorbieren große Wasserflächen besonders viel Sonnenlicht. Die so aufgenommene Wärme lässt weniger neues Eis entstehen, so dass mehr Wasser im Sommer eisfrei ist. Man bezeichnet das als Eis-Albedo-Rückkopplung.

Der Verlust des arktischen Meereises erhöht das Risiko dramatisch, dass ein weiterer Kipp-Punkt ausgelöst wird: der Verlust des Grönländischen Eisschilds. Dieser stellt die zweitgrößte zusammenhängende Inlandseismasse nach dem Antarktischen Eisschild dar und erreicht eine Höhe von mehr als 3000 Meter. In den Höhenlagen des Grönländischen Eisschilds war das erste Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts das wärmste bislang dokumentierte seit rund 1000 Jahren. Die Temperatur lag im Mittel sogar um 1,5 Grad höher als im Durchschnitt des 20. Jahrhunderts.

Manche Forscher interpretieren die statistischen Daten als Indiz, dass der Grönländische Eisschild dabei ist, in einen Teufelskreis zu geraten und irreversibel zu schmelzen. Hat die Temperatur einen kritischen Wert überschritten, beginnt nämlich die Schmelze an der Oberfläche des Eises den Masseschwund zu bestimmen und der Eispanzer schmilzt umso schneller, je dünner er wird – bis er vollständig abgetaut ist. Gemäß Simulationen wäre das Eis unter Annahme eines pessimistischen Emissionsszenarios bis zum Jahr 3000 völlig verschwunden.

Allerdings sind diese Aussagen noch mit großen Unsicherheiten behaftet, denn das Verhalten der Eiskappen ist relativ rätselhaft. Deshalb wagen die Forscher auch keine Vorhersage, wie nah wir wirklich an diesem Kipp-Punkt sind und wann der Teufelskreis merklich zu greifen beginnt. Der Weltklimarat verortet die Schwelle grob bei einem globalen Temperaturanstieg zwischen ein und vier Grad (derzeit 1,5 Grad). Unbekannt ist auch, ob das Eis tatsächlich komplett abschmelzen würde – oder ob es einen weiteren stabilen Gleichgewichtszustand bei einer geringeren Eisdecke gibt.

Aber selbst wenn die ganze Welt sofort aufhörte, fossile Brennstoffe zu nutzen, würde der Grönländische Eisschild in den kommenden Jahrzehnten rund 100 Billionen Tonnen Eis verlieren. Dieser Schmelzwasserabfluss hat Einfluss auf die Erhöhung des Meeresspiegels. Ein global gemittelter Meeresspiegelanstieg von mindestens 27 bis zu mehr als 50 Zentimetern sind wohl unausweichlich. Setzt sich die globale Erwärmung fort wie bisher, wird der Zuwachs noch weit höher ausfallen.

Der Anstieg des Meeresspiegels ist auch aus einem anderen Grund ein ernstes Problem für kommende Generationen. Denn da der Ozean sehr träge auf Veränderungen reagiert, macht sich der derzeitige Klimawandel erst mit einer Verzögerung von mehreren Jahrhunderten bemerkbar. Damit könnte der Meeresspiegel mit jedem Grad Erwärmung in den nächsten beiden Jahrtausenden um 2,30 Meter steigen. Das heißt: Selbst wenn es gelingt, den Temperaturanstieg auf zwei Grad zu begrenzen, steigt das Wasser stetig weiter.

Westantarktis

Indizien verdichten sich, dass es langfristig auch auf dem Südozean weniger Eis geben wird. Der Westantarktische Eisschild ist bereits instabil geworden. Ein mögliches Anzeichen, dass das antarktische Meereis tatsächlich schon eine Art Kipp-Punkt erreicht haben könnte, ist eine höhere Schwankungsbreite in der Meereisbedeckung. Außerdem schlägt sich die Eisausdehnung der Saison immer stärker im nächsten Jahr nieder („Autokorrelation„). Die Kombination von höherer Schwankungsbreite und zunehmender Autokorrelation ist in vielen Systemen ein allgemeines statistisches Zeichen dafür, dass ein Übergang in einen neuen Zustand bevorsteht.

Vermutlich hat der entscheidende Einfluss auf das Meereis gewechselt. Während noch während des 20. Jahrhunderts die Atmosphäre darüber entschied, wie weit sich das Eis nach Norden ausbreitet, bestimmt seit etwa 2015 warmes Oberflächenwasser im Südozean die Eismenge. Die Folge ist der deutliche Rückgang des antarktischen Meereises. Zukünftige geringe Meereisbedeckungen rund um die Antarktis könnten den Trend womöglich noch verstärken.

Wärmeres Wasser, weniger Meereis und mehr aufgenommene Sonnenergie könnten also nach und nach auch die Südpolarregion bis zur Unkenntlichkeit verändern. Allerdings: Die Weiten des immensen Südozeans und die gewaltigen Eisreserven auf dem Kontinent sorgen dafür, dass wirklich drastische Veränderungen in der Region sich über Jahrzehnte abspielen. Doch schon kleine Veränderungen können weltweite Folgen haben, denn die Antarktis ist zwar abgelegen, aber keineswegs isoliert. Der Südozean spielt vielmehr eine entscheidende Rolle für das weltweite Strömungssystem in den Meeren (siehe unten).

Der Energiehaushalt der Polarregion beeinflusst das Wetter bis in die Tropen. Da die Antarktis jetzt immer mehr Wärme aufnimmt und sich gleichzeitig die Abstrahlung nicht verändert, kommt der Strom von Energie von den Tropen (hohe Sonneneinstrahlung) in höhere Breiten ins Stocken, der z. B. auch den Jetstream und die Tiefdruckgebiete in Europa antreibt.

[Während einer als „Meltwater Puls 1A“ bezeichneten Warmphase am Ende der letzten Eiszeit stieg der Meeresspiegel vor etwa 14 000 Jahren für mehrere Jahrzehnte, wenn nicht für Jahrhunderte, um bis zu sechs Zentimeter pro Jahr. Am Ende dieser Phase war er rund 20 Meter höher als zuvor. Indizien deuten darauf hin, dass ein großer Beitrag des abrupten Meeresspiegelanstiegs von den recht plötzlich kollabierenden Rändern der antarktischen Eisschilde stammte. Zuvor waren dort die Temperaturen über lange Zeiträume deutlich gestiegen, ohne dass die Gletscher in gleichem Maße Eis verloren. Ein vergleichbarer Kollaps der Eisschilde könnte auf der Erde prinzipiell erst in Jahrhunderten auftreten – oder gar bereits beginnen.]

Amazonas-Regenwald und Monsun

Auch der brasilianische Regenwald und der Indische Monsun gelten als Exempel für Subsysteme des Klimas, die von einer plötzlichen desaströsen Entwicklung bedroht sind. So könnte eine Erhöhung der globalen Temperaturen um zwei Grad zum Wechsel von schwachen und sehr starken Monsunen – mit extremen Dürren oder Flutkatastrophen – und schließlich vielleicht sogar zum dauerhaften Ausbleiben des Indischen Monsuns führen. (Ab einer Erhöhung der Temperaturen um drei Grad könnte auch der Westafrikanische Monsun unwiederbringlich verändert werden.)

Schon heute verliert der Amazonas-Regenwald seine Resilienz. Er benötigt immer länger, um beispielsweise nach einer Trockenperiode zum Ursprungszustand zurückzukehren. Dies deutet darauf hin, dass die Rückkopplungen, die den Zustand des Waldes langfristig konstant halten, nur noch eingeschränkt funktionieren. Dadurch wird das Umkippen des Systems in einen irreversiblen Zustand begünstigt. Wenn rund 20% des Regenwaldes verschwunden sein wird, ist die kritische Schwelle erreicht. Das soll nach verschiedenen Untersuchungen bereits der Fall sein.

Wenn der Amazonas-Regenwald gänzlich fehlt, ist damit nicht nur auch sein Artenreichtum und eine wichtige Kohlenstoffsenke verschwunden, sondern es geht auch die Wechselwirkung mit dem Atlantik verloren. Die Wolken, die von dort kommen, regnen über dem Wald ab; das Regenwasser wird im Erdreich oder im Kronendach gespeichert, von wo es abermals verdunstet und so immer tiefer ins Landesinnere vordringt. Die inzwischen eingetretenen längeren Trockenperioden und extremeren Regenfälle haben bereits das Artenspektrum verändert.

Permafrost

Fallen Kipp-Elemente, könnten leicht weitere wie Dominosteine folgen. Zu ihnen gehört der Permafrostboden. Die Forscher warnen, dass tauender Permafrost (auch ein nichtlineares System) in den nächsten 30 Jahren für den Klimawandel eine doppelt so große Rolle spielen könnte wie bisher angenommen. Denn beim Abtauen werden große Mengen an Kohlenstoffdioxid freigesetzt, das den Klimawandel weiter antreibt, was wiederum Waldbrände wahrscheinlicher macht und damit noch mehr Kohlenstoffdioxid freisetzt. Außerdem wird aus auftauenden Permafrostböden massiv Methan freigesetzt, was zusätzlich unabsehbare Konsequenzen für das Klima haben könnte.

Meeresströmungen

Eine neue Studie stützt nun darüber hinaus Befürchtungen, dass das großräumige System der Meeresströmungen unter den Folgen des Klimawandels sogar völlig zusammenbrechen könnte. So wäre es möglich, dass beispielsweise die Meeresströmungen im Pazifik, die die weiträumige Temperaturverteilung an der Meeresoberfläche bestimmen – welche wiederum über das regionale Wettergeschehen entscheidet -, unberechenbar werden. Die Effekte von El Nino und der südlichen Oszillation, ein komplex gekoppeltes Zirkulationssystem von Atmosphäre und Meeresströmungen im äquatorialen Pazifik, könnten sich künftig häufen – mit der Folge von Dürren in Australien und Südostasien und Sturzregen im Westen Amerikas.

Der Verdacht liegt nahe, dass die globale Erwärmung den Atlantik bereits zu verändern beginnt. Seit Mitte des 20. Jahrhunderts hat die Zirkulation des Golfstrom-Systems um rund 15% an Schwung verloren, womöglich einmalig in den letzten 1000 Jahren. Diese nordatlantische Strömung wird von Dichteunterschieden infolge von Differenzen in Salzgehalt und Temperatur verursacht („thermohaline Zirkulation„). Infolge der Klimaerwärmung nimmt, vor allem durch die Eisschmelze, der Süßwassereintrag zu. Das salzärmere Wasser ist leichter als salziges Wasser und sinkt daher nicht so leicht in die Tiefe ab. Damit verringert sich der Antrieb und die Strömung erlahmt. Weiteres mit Süßwasser verdünntes Wasser sammelt sich vermehrt an der Oberfläche, was wiederum den Antrieb der Umwälzung weiter schwächt. Ab einem gewissen kritischen Punkt wird das zum unaufhaltsamen Teufelskreis.

Wo dieser Kipp-Punkt genau liegt, ist nach wie vor unklar. Die beiden jüngsten Berichte des IPCC kommen zu dem Schluss, dass mit einer Wahrscheinlichkeit von mindestens 90% mit einer deutlichen Abschwächung des Strömungssystems in diesem Jahrhundert zu rechnen ist. Der Kipp-Punkt würde demnach aber noch nicht überschritten. Allerdings streuen die allermeisten Modelle stark – was nicht überrascht, da die Stabilität der Atlantikströmung von der subtilen Balance im Süßwasserhaushalt abhängt, die jedoch nur recht ungenau berechenbar ist. Daher sind die von den Klimamodellen berechenbaren Zugewinne durch Flüsse, schmelzendes Eis und Niederschläge sowie die Verluste durch Verdunstung mit großen Ungenauigkeiten behaftet.

Viele Experten haben den Verdacht, dass die Zirkulation in den Modellen stabiler ist als in der Realität – und die Klimamodelle hier systematisch danebenliegen. Diese berücksichtigen nämlich meist nicht, wie sich das schmelzende Grönland-Eis, welches das Atlantikwasser zusätzlich verdünnt, auf die atlantische Umwälzung auswirkt. Alles in allem deutet vieles darauf hin, dass das Golfstrom-System nicht nur instabiler sein könnte als lange gedacht, sondern der Weg zum Niedergang auch schon begonnen hat. Daher schließen manche Experten nicht aus, dass der Golfstrom irgendwann ganz zum Stillstand kommt. Während der letzten Eiszeit passierte das ein halbes Dutzend Mal – immer dann, wenn große Eismassen ins Meer rutschten. In einem solchen Fall würde sich unser heutiges Klimasystem jedenfalls vollends verändern.

Zwar halten Experten selbst nach dem Aussetzen des Golfstroms eine neue Eiszeit im Norden für unwahrscheinlich, trotzdem könnte der Temperatursturz viel stärker ausfallen als bei der Kleinen Eiszeit im Mittelalter. Noch schlimmer als der möglich Kälteeinbruch im Norden wären vermutlich seine Auswirkungen auf andere Erdregionen. In den Monsungebieten Afrikas und Asiens würden, wenn der Nordatlantik kälter ist als die ihn umgebenden Landmassen, die jahreszeitlichen Niederschläge gering ausfallen und es träten vermehrt Dürren auf. Schon beim Erlahmen des Förderbandes könnte die damit verbundene Abkühlung ausreichen, um eine solche Trockenheit hervorzurufen. Kräftiger Wind würde die Situation noch verschärfen. Viele Regionen der Südhalbkugel würden sich deutlich erwärmen. Der Klimawandel insgesamt wäre also nicht gebremst, sondern die Wärme würde nur anders verteilt.

Gefahr für Ökosysteme

Nicht nur, dass schon geringe Veränderungen des Klimas unkontrollierbare selbstverstärkende Prozesse auslösen können. Hinzu kommt auch eine erdgeschichtlich beispiellose Vielfalt an zusätzlichen ökologischen Stressfaktoren, die von uns Menschen ausgehen – darunter Abholzung, Wilderei, Überdüngung, Biotopzerstörung und Einschleppung invasiver Arten.

So trägt beispielsweise der vermehrte Nährstoffeintrag in die Ozeane aufgrund menschlicher Aktivitäten zur stärkeren Schichtung des Meeres bei. Warmes Wasser liegt als Folge wie ein Deckel auf kälterem und verhindert dessen Auftrieb und eine Durchmischung. Unter solchen Bedingungen herrschen an der warmen Oberfläche Dinoflagellaten vor, mit denen Häufigkeit und Ausmaß giftiger Algenblüten an Küsten zunehmen. Dies wiederum wirkt sich auf Zugvögel, Fischbruten und Schalentiere verheerend aus.

Die Wissenschaftler rechnen mit schweren Folgen für die Ökosysteme. Zwar sind Organismen mit hohen Populationsdichten und kurzen Generationszeiten in der Lage, sich schnell an veränderte Bedingungen anzupassen. Langlebige Arten mit weniger Nachkommen pro Generation haben dagegen ein weitaus schlechteres Anpassungsvermögen. Wenn ein Ökosystem aber mehrere besonders stark vernetzte Arten verliert, kollabiert es unweigerlich. Schon heute drohen wichtige Nahrungspyramiden völlig aus dem Gleichgewicht zu geraten. Viele von ihnen basieren auf dem Phytoplankton. Wegen ihres kurzen Lebenszyklus von etwa sechs Tagen reagieren diese Organismen sehr schnell auf Umweltveränderungen. Die Phytoplanktonproduktion hat nach neuesten Berichten in den vergangenen 100 Jahren weltweit deutlich abgenommen. Da die Organismen vielen anderen Arten als Nahrung dienen, befürchten Forscher, dass das gesamte Ökosystem kippen könnte.

Zwischen 1995 und 2017 hat das australische Great Barrier Reef einen guten Teil seiner Korallen verloren. Auslöser waren den Forschern zufolge mehrere Zyklone, Korallenbleichen und zeitweise Vermehrung von Seesternen, die sich von Korallen ernähren. Daneben nehmen die Meere aber auch immer mehr Kohlenstoffdioxid auf, wodurch das Wasser versauert. Die Korallen können in der Folge ihr Kalkskelett schlechter aufbauen. Korallenbleichen, Meeresversauerung und immer neue Rekordtemperaturen sind inzwischen alltäglich geworden.

Die Argumente mancher Leugner des Klimawandels, auch in der Vergangenheit hätten sich die Organismen oft an neue Gegebenheiten anpassen müssen, greift in der gegenwärtigen Situation zu kurz. Die Lebensbedingungen verändern sich in nie dagewesener Geschwindigkeit. In den vergangenen 500 Jahren verschwanden vor allem durch menschliche Einwirkungen Tier- und Pflanzenarten 100- bis 1000-mal schneller oder waren vom Aussterben bedroht, als es in einem funktionierenden Ökosystem der Fall sein dürfte. Nach Schätzungen des Biologen Edward O. Wilson verschwinden zurzeit weltweit bis zu 30 000 Arten pro Jahr auf Nimmerwiedersehen. Das entspricht drei Arten pro Stunde. Von vermutlich acht Millionen existierenden Tier- und Pflanzenarten drohen rund eine Million verlorenzugehen, ein Teil davon bereits in den kommenden Jahrzehnten. Fest steht: Nie zuvor in den letzten paar Dutzend Millionen Jahren war die Aussterberate höher als heute.

Vieles deutet sogar darauf hin, dass sich Flora und Fauna unseres Zeitalters in rasendem Tempo den Merkmalen früherer Aussterbewellen nähern. Allein die anhaltende menschengemachte Erwärmung erinnert an die Erwärmung am Ende des Perm und ebenso der Trias. Die damaligen Aussterbewellen lehren uns auch, dass sich höhere CO2-Werte erst auf sehr lange Sicht wieder einpendeln – wir reden hier von hunderttausenden Jahren. Die Folgen des sechsten Massenaussterbens werden also viel länger anhalten als Zeit nötig war, um es in Gang zu setzen.

Den Kipp-Punkt, der Ökosysteme vollständig zusammenbrechen lässt, können wir nicht vorhersagen. Aber er wird das unvermeidliche Ergebnis sein, wenn wir die Klimaerwärmung nicht in Griff kriegen und den Verlust der biologischen Vielfalt umkehren. Bereits bei einem Überschreiten von einem Grad Erwärmung gegenüber der vorindustriellen Zeit könnte der Kipp-Punkt erreicht sein, meinen einige Forscher.

Gefahren für die Menschheit

Weitere Kipp-Punkte im Erdsystem stellen gravierende Risiken für die Menschheit dar. Einige betreffen lebensnotwendige Systeme wie die Grundwasserversorgung, die in einige Ländern bereits vor dem Kollaps steht. Da aus mehr als der Hälfte der großen Grundwasserspiegel der Erde mehr Wasser entnommen wird als sich auf natürliche Weise wieder auffüllen kann, können manche Wasserquellen versiegen. In Saudi-Arabien wurde der Kipp-Punkt der Grundwasserschöpfung schon erreicht.

Die Trinkwasserversorgung von vielen Menschen hängt von den Schmelzwassern der Gletscher ab. Aufgrund der Klima-Erwärmung schmelzen diese – bis auf wenige Ausnahmen – weltweit doppelt so schnell wie in den vergangenen 20 Jahren, was zum Anstieg des Meeresspiegels um rund 30% beiträgt. Wenn erst einmal der Höhepunkt der Schmelze überschritten ist, weil sich die Gletscher stark verkleinert haben, verringert sich die Menge des Schmelzwassers – mit erheblichen Folgen für die Wasserversorgung.

Unser Handeln gefährdet wichtige Pufferkapazitäten, auf die wir dringend angewiesen sind. „Indem wir maßlos unsere Wasserressourcen ausbeuten, die Natur und die Artenvielfalt zerstören und sowohl die Erde als auch den Weltraum verschmutzen, bewegen wir und gefährlich nahe an den Rand mehrerer Risiko-Kipp-Punkte“, warnen Wissenschaftler. Wenn die Menschheit das Ruder nicht herumreißt, wird das System nicht mehr in der Lage sein, die Risiken abzufedern und gewisse Funktionen aufrechtzuerhalten, was zu nicht umkehrbaren Schäden führen kann.

Die immer schwerwiegenderen Katastrophen treiben auch die Kosten für Versicherungen hoch, bis sie irgendwann nicht mehr bezahlbar sind. Sobald dieser Punkt erreicht ist, haben wir Menschen kein wirtschaftliches Sicherheitsnetz mehr.

Fazit

Die Umweltkatastrophen der vergangenen Jahre – wie Dürreperioden, Überschwemmungen und Wirbelstürme – zeigen deutlich, wie stark das Klimasystem der Erde bereits geschädigt ist. Bei Überschreiten des 1,5-Grad-Klimaschutzziels könnten bis zu zehn weiter Kipp-Punkte erreicht werden. Das daraus resultierende Ergebnis werden wir in all seinen Ausmaßen leider erst danach kennen. Eine Studie diskutierte das Risiko, dass durch noch stärkere Rückkopplungen eine Stabilisierung der globalen Temperaturerhöhung bei mehr als zwei Grad nicht mehr möglich sein könnte. Sicher ist diese Gefahr derzeit noch relativ gering. Aber es wird deutlich, wie dringend ein schneller und effektiver Klimaschutz notwendig ist, denn selbst wenn die Prozesse nicht mehr aufzuhalten sind, lassen sie sich doch bremsen.

Noch haben wir es in der Hand. Die heute umgesetzten Lösungen konzentrieren sich leider derzeit eher auf eine Verzögerung der Kipp-Punkte als wirklich resolut die Ursachen der Entwicklungen zu bekämpfen. Unser Handeln ist zu sehr auf das Jetzt und Heute getrimmt. Die Option künftiger Generationen werden zu wenig berücksichtigt. Weitschauendes Denken und Handeln ist vonnöten, das die Bedürfnisse und das Wohlergehen der Natur besser achtet und sie als globales System von zusammenhängenden Teilen sieht, von denen wir Menschen nur eines sind.

REM

Hinterlasse einen Kommentar