Ob vor 40 000 Jahren oder heute, ob in der Arktis oder am Äquator, immer und überall gehen die Menschen den Fragen nach Geburt und Tod nach und versuchen, Antworten zu finden. Der Tod scheint ein Teil des Kreislaufs der Natur zu sein und damit unteilbar verbunden mit dem Leben. Während der Zen-Buddhist dem Unterschied zwischen Leben und Tod keine Bedeutung zumisst, erscheint der Tod für viele heutige Menschen als größtmögliche Kränkung: Kaum hat man die Vorstellung einer unabhängigen, objektiven Welt entwickelt, wird man auch schon mit der Tatsache konfrontiert, dass man aus dieser objektiven Welt ersatzlos gestrichen wird.
Wo die kritischen Funktionen des Organismus ausfallen bzw. die Fähigkeit verloren geht, die einzelnen Rhythmen des Lebens wirksam zu koordinieren, kommt der Tod. Konkret tritt der Todesprozess in vielfältigen Stadien auf: Atemstillstand, Verschwinden des Pulses, Nulllinie des EKG, irreversibler Verlust des Bewusstseins, usw. Über Generationen hinweg galt der Stillstand von Atmung und Herz- und Kreislauftätigkeit als Todeszeichen. Die alten Ägypter und Griechen glaubten, das Herz bringe die Lebenskraft hervor; das Fehlen des Herzschlags galt demzufolge als wichtigstes Todeszeichen. Im Judentum wie auch im Islam beruhte die Definition von Tod dagegen traditionell auf dem Atemstillstand.
Setzt die Atmung aus, endet in den Zellen die Energieproduktion (ATP), so dass die Sauerstoffvorräte in weniger als einer Minute erschöpft sind. Ohne Sauerstoff können Enzyme nicht mehr aktiv werden. Am Ende sind die Zellen in den lebenswichtigen Organen irreversibel geschädigt; ein Organ nach dem anderen wird wie in einer Kettenreaktion lahmgelegt („Örtlicher Tod“ oder „Organtod“) – und schließlich der gesamte Körper. Beim Herzstillstand spricht man vom „Klinischen Tod„. Durch künstliche Maßnahmen (künstliche Beatmung und Herzmassage) können Atmung und Kreislauf über den spontanen Stillstand hinaus aufrechterhalten bzw. reaktiviert werden. Erst etwa 10 bis 15 Minuten nach dem Kreislaufstillstand lässt sich der Hohlmuskel im Allgemeinen nicht mehr zum Schlagen erwecken. Ausnahmen bestätigen allerdings die Regel.
Auch wenn das Herz nicht mehr schlägt und den Körper mit Blut versorgt, lebt es noch weiter. Bleibt die Versorgung mit Nährstoffen und Sauerstoff aus, werden noch vorhandene Energieträger ohne Sauerstoff abgebaut. Dabei kommt es zur Bildung von Milchsäure. Da sie nicht ausgespült wird, übersäuern die Zellen und sterben schließlich nach 30 Minuten ab. Jetzt erst ist das Herz tot.
Die prinzipielle Umkehrbarkeit des kurzfristigen Ausfalls von Atmung und Kreislauf zeigt, dass der „klassische“ Todesbegriff unbrauchbar geworden ist. Der Tod musste also neu definiert werden. Zwar erlischt auch das Bewusstsein nach dem letzten Herzschlag innerhalb weniger Sekunden, doch das Gehirn bleibt noch ein paar Minuten länger intakt: Botenstoffe werden freigesetzt und setzen die Nervenzellen innerhalb von 30 Sekunden in einen Ruhemodus („elektrische Stille„), um Energie zu sparen. In diesem Zustand bleibt das Gehirn etwa zwei bis drei Minuten, dann entlädt sich die Energie in einer elektrochemischen Welle.
Sofern es innerhalb von vier bis maximal zehn Minuten nach Herzstillstand wieder genügend rasch mit Sauerstoff versorgt wird, kann auch das Gehirn reaktiviert werden. Erst jenseits dieser Frist, also nach fünf- bis zehnminütigem Sauerstoffentzug, wird es irreversibel geschädigt und die grauen Zellen versagen ihren Dienst für immer („Hirntod„). Einige Mediziner vermuten, dass das Gehirn unter bestimmten Umständen sogar noch länger – bis zu einer Stunde – ohne Sauerstoff auskommen kann. Wann schlussendlich der Hirntod eintritt, hängt von vielen Faktoren ab, etwa der Temperatur.
Den irreversiblen Verlust der Hirnfunktion als gleichbedeutend mit dem Tod des Menschen gleichzusetzen, erwog erstmals Moses Maimonides (1135 – 1204), der herausragendste Gelehrte des mittelalterlichen Judentums. Inzwischen hat sich das Kriterium des Hirntods fast weltweit durchgesetzt. Auch im Judentum und im Islam ist es inzwischen akzeptiert.
Beim Hirntod existieren drei nach neurologischen Kriterien festgestellte Varianten, die sich auf Hirnstamm, Ganzhirn oder die Großhirnrinde beziehen. Sind die Funktionen von Stammhirn, Kleinhirn und Großhirn unwiderruflich erloschen, spricht man von Ganzhirn- oder Gesamthirntod. Wie der Hirnstammtod ist er definiert als irreversibles Ende des Organismus als Ganzem. Beim Großhirntod handelt es sich um ein fundamental anderes Konzept: den Tod als irreversiblen Verlust des Bewusstseins und der Fähigkeit zu sozialen Interaktionen. Nach dieser Definition würden auch Wachkomapatienten als tot gelten.
Ausschlaggebend für den Hirntod als Zeitpunkt des Todes waren durchaus pragmatische Gesichtspunkte. Hinzu kamen aber auch grundsätzliche Erwägungen: Die menschliche Individualität ist an die Struktur des Gehirns gebunden. Mit dem Verlust der Hirnfunktionen ist diejenige Eigenschaft verloren, auf der das Menschsein beruht. Daher sind für die Frage nach lebendig oder tot die konkreten Hinweise auf eine noch erhaltene bewusste oder wieder erreichbare Wahrnehmung relevant. Eine Existenz ohne Bewusstsein und Hirntätigkeit ist demzufolge kein menschliches Leben mehr. Ein Hirntoter mit schlagendem Herzen ist also kein Sterbender, „sondern eine Leiche mit künstlich aufrechterhaltener partieller Organfunktion“, wie es der Moraltheologe Eberhard Schockenhoff ausdrückt.
Der Tod des zentralen Organs, des Gehirns, wird demgemäß mit dem Gesamttod des Individuums gleichgesetzt. Allerdings folgt aus dem Ende der Hirntätigkeit nicht zwangsläufig der „Biologische Tod“ des Menschen. Es gibt Körperfunktionen, die nicht durch das Gehirn vermittelt werden und zumindest bei einigen Hirntoten noch vorkommen. Dazu zählt die Fähigkeit des Körpers, sich selbst zu regulieren, etwa Urin auszuscheiden, Blutdruck und Körpertemperatur zu managen oder Hormone zu produzieren, ferner die Fähigkeit, Wunden zu heilen und Infektionen zu bekämpfen, etwa durch Fieber, außerdem auf Stress zu reagieren (etwa bei Organentnahmen). Hirntote Kinder können weiterwachsen, Schwangere einen Fötus heranreifen lassen. Nach traditionell biologischem Verständnis gibt es daher Grund zum Zweifel daran, ob ein selbst ohne Gehirnfunktion atmender Patient vollständig tot ist.
Trotz erloschener Hirntätigkeit lassen sich Atmung und Herzschlag heute durch künstliche Maßnahmen länger erhalten. Kommt noch die künstliche Ernährung dazu, kann ein Patient nahezu unbegrenzt lange in diesem körperlichen Zustand bleiben. In San Francisco überstand ein Hirntoter mehrere Infektionen, bekam Schamhaare und verendete erst nach neun Wochen an einer Lungenentzündung. Die längste Überlebensspanne eines Hirntoten liegt bei 14 Jahren!
Im Sinne eines irreversiblen Verlusts körperlicher Integrität wäre also ein künstlich beatmeter Hirntoter keine Leiche. Erst das endgültiges Versagen aller lebenserhaltenden Vorgänge wäre dann das Ende eines Menschen. Als sichere Zeichen dafür gelten Leichenflecken und Leichenstarre. Für extreme Vitalisten endet das Leben gar erst, wenn der Organismus an keiner Stelle mehr Energie aufwendet, um seinem Zerfall entgegenzuwirken. Der Tod tritt nach dieser Auffassung erst in dem Moment ein, in dem die letzte Zelle die Fähigkeit verliert, „die Moleküle des Organismus zu einer funktionierenden Ordnung zusammenzuhalten“. Das kann je nach Außentemperatur manchmal sogar Tage dauern.
Die Grenzlinie zwischen Leben und Tod ist also nicht mit Sicherheit bekannt und lässt sich auch nicht so ohne weiteres festlegen. Daher sind sich alle einig, dass der Tod selbst eigentlich nicht zu definieren ist. Es können lediglich Kriterien zu seiner Feststellung bestimmt werden. Trotz aller Zweifel hat sich der Hirntod aber faktisch nahezu weltweit durchgesetzt und in Medizin und Recht weitgehende Anerkennung gefunden. Der Tod ist somit eine Verabredung auf der bestmöglichen Wissensbasis, eine Konvention, die entscheidend anhand medizinischer Daten, aber auch nach rechtlichen und ethischen Richtlinien festgelegt wurde.
Gedanken an den Tod
Der Mensch ist das einzige Lebewesen, von dem wir sagen können, dass es um die Unabwendbarkeit seines eigenen Todes weiß. Wann diese ungeheuerliche Erkenntnis unsere Vorfahren zum ersten Mal traf, ist unbekannt. Seitdem setzen sich Menschen in aller Welt mit ihrer Sterblichkeit, mit dem Wissen, dass die persönliche Welt aus Gedanken, Gefühlen und Erfahrungen mit dem eigenen Tod verschwindet, auseinander. Das löst zunächst einmal Angst aus. Der Tod erscheint als eine Bedrohung.
Unsere Psyche verweigert sich standhaft der Vorstellung an ein endgültiges Ende. Das existenzielle Dilemma unserer Situation scheint sich offenbar nur auf eine einzige Weise überwinden zu lassen: indem man die eigene Existenz in einen umfassenderen kosmischen Zusammenhang stellt. So erschufen sich die Menschen übernatürliche Welten, um das Unerklärbare zu erklären. Der Glaube an das Weiterleben nach dem Tod in einem wie auch immer gestalteten Jenseits spendet Trost und lindert bzw. überwindet den schmerzlichen Zustand der Zufälligkeit, Erklärungsnot und Zwecklosigkeit. Er hilft also, die Unwägbarkeiten und die Endlichkeit des Lebens zu ertragen und macht zugleich das Sterben leichter.
Schon die frühgeschichtlichen Totenkulte vor mehr als 80 000 Jahren legen die Vermutung nahe, dass die Vision vom Weiterleben nach dem Tod etwas Urmenschliches ist, etwas, das tief in uns ist und das unlösbar zum Menschsein dazugehört. So wandelte sich nach Ansicht der Wissenschaftler die existenzielle Angst vor dem erschreckenden Wissen um die eigene Sterblichkeit auf erstaunliche Weise letztlich in ein kulturstiftendes Instrument um. Der Mensch verließ und verlässt sich auf seine machtvollen und umfassenden Glaubens- und Regelsysteme, um die kosmische und existenzielle Bedrohung zu mildern.
Für Christen, Juden, Moslems und Naturreligionen ist der Tod ein Übergang, eine Brücke zwischen zwei Leben. Die Vorstellung vom Paradies, einem seligen Zustand ohne Krankheit, ohne Leid und Alter, das auf einen Auserwählte nach dem Tod wartet, entstammt vermutlich demselben Urwunsch nach ewigem Leben. In fernöstlichen und in Naturreligionen ist der Tod ein Neubeginn. So wird im Buddhismus und Hinduismus der Geist im Tod vom Körper getrennt und zieht in einen neuen Körper ein. Eine Theorie der Seelenwanderung und Wiedergeburt formulierte auch als erster Denker des Abendlandes der Naturphilosoph Pythagoras von Samos (um 2595 bis 2535 v. h.). Für Buddhisten endet Kreislauf der Wiedergeburten erst durch den Eingang ins Nirwana, eine andere Existenzweise (nicht vergleichbar mit dem Paradies).
Nahtod
Manche Forscher vertreten die These, dass die eigentliche biologische Grundlage für den Unsterblichkeitsglauben und generell für Religiosität Nahtoderfahrungen gewesen sein könnten. Darunter versteht man außergewöhnliche Bewusstseinszustände, die mit intensivem Erleben verbunden sind und an der Schwelle zum Tod auftreten können. Ihre Existenz ist unter Wissenschaftlern heute unbestritten. Zehn bis zwanzig Prozent der Menschen in verschiedenen Kulturen und über alle Alters- und Religionsgrenzen hinweg, die dem Tod nahe waren oder zu sein glaubten, erinnern sich an derartige Erlebnisse, auch wenn sie im Detail von Kultur zu Kultur und Mensch zu Mensch unterschiedlich ausgestaltet und oft an innere Motive, an persönliche Erfahrungen und Befindlichkeiten gebunden sind.
Charakteristisch für Nahtoderfahrungen ist meist ein Gefühl der Stille, des Friedens und des Glücks, eine Loslösung vom Körper und eine außerkörperliche Perspektive, von Bewegungen durch Dunkelheit oder einen Tunnel, an dessen Ende ein helles Licht erscheint, in das man eintaucht, ein Wiedersehen mit nahestehenden Menschen (z. B. verstorbenen Angehörigen) und eventuell einer Begegnung mit einem geheimnisvollen, göttlichen Wesen. Am Ende bricht die Erfahrung jedoch abrupt ab: Die, die sich gerade noch auf dem Weg in eine andere Welt wähnten, werden zurückgerissen und finden sich zu ihrer großen Enttäuschung im eigenen Körper wieder. Das reale Leben kehrt zurück – und damit auch die Angst.
[Aller körperliche Schmerz und auch jede sonstige Körperempfindung schwindet. Ein Gefühl des Friedens tritt auf, der Leichtigkeit, des Wohlbehagens. Man nimmt wahr, was um einen herum getan und gesprochen wird, empfindet alles als sehr real und kann es später oft präzise und mit nachprüfbaren Details beschreiben. Man fliegt durch einen Tunnel auf ein helles, warmes Licht zu. Je näher man dem Licht kommt, umso mehr Glücksgefühle entstehen. Die Grenzen zwischen Selbst und Umwelt verfließen und ein Gefühl des Einsseins mit der Welt stellt sich ein – man fühlt eine überwältigende Freude und völliges Glück. In den oft paradiesischen Naturlandschaften treten verstorbene Angehörige auf.
Einige berichten von der Gegenwart eines alles umflutenden Lichtwesens und einem Gefühl bedingungsloser Liebe und Güte. Manche berichten, ihr Leben habe sich wie ein rückwärts laufender Film vor ihnen abgespult, verbunden mit einer durchdringenden Selbstbewertung. Schließlich werden die meisten – oft gegen ihren Willen (sozusagen „auf höheren Befehl„) – zurückgeschickt. Meistens tritt man dann mit schmerzhaftem Ruck wieder in den Körper ein, was als ausgesprochen unangenehm und schmerzhaft erlebt wird. – Aber nicht nur positive Gefühle warten an der Schwelle zum Tod. Manche „Rückkehrer“ berichten auch von einem Gefühl der Panik oder unendlicher Leere – ja, sogar dem Blick in die Hölle.]
Nach einer Nahtoderfahrung sind sich die Menschen subjektiv ganz sicher, in einer Welt jenseits der unseren unterwegs gewesen zu sein. Für sie gibt es keinen Zweifel mehr an der Existenz Gottes und dem Weiterleben nach dem Tod im Jenseits. Für viele Betroffene verändert sich auch das diesseitige Leben für immer. Sie suchen eine innere Neuorientierung und wenden sich von äußeren, materiellen Werten (z. B. wirtschaftlichem oder gesellschaftlichem Erfolg) ab. Stattdessen stellen sie vermehrt Menschlichkeit und Spiritualität in den Mittelpunkt ihres Lebens. Radikale Berufswechsel, aber auch mehr Engagements für öffentliche Angelegenheiten, sind relativ häufig, allerdings auch Scheidungen. Zugleich wird das eigene Lebensgefühl und die Wertschätzung der verbleibenden Lebenszeit intensiver.
Auch Schamanen erzählen von Reisen in eine andere Welt, von einem Tunnel, von ihrem Tod und ihrer Rückkehr ins Leben. Sie erzählen vom Fliegen und wie sie über andere Menschen schweben. Ein erster Bericht über Nahtod-Erscheinungen stammt aus dem Gilgamesch-Epos, der ältesten schriftlich fixierten Dichtung aus dem 4. Jahrtausend v. h. In alten buddhistischen und christlichen Sammlungen gibt es zahlreiche Berichte über Himmelsvisionen, Höllenvisionen, außerkörperliche Erfahrungen und Lebensbeurteilungen im weitesten Sinne.
Auch die Entrückungen und Visionen religiöser und historischer Persönlichkeiten werden von vielen Wissenschaftlern als „Nahtod-Erlebnisse“ interpretiert: etwa die Himmelfahrt des Jesaja in den apokryphen Bibelschriften oder die des islamischen Propheten Mohammed. Der Zen-Buddhist erlebt im Erleuchtungserlebnis, dem „Satori“, die vollkommene Einheit von Ich und Welt. Der Mystiker sieht im Nichts das universelle Bewusstsein, das allen Kulturen bekannt ist: Hindus nennen es „Atman“, Christen „Heiliger Geist“, verschiedene Yoga-Schulen „Kundalini-Energie“.
Ursachen
Sind diese Erfahrungen tatsächlich Hinweise auf ein Sein nach dem Tod, wie es die Mythen und Religionen der Welt beschreiben? Oder sind es die letzten Bilder aus der Tiefe des Unbewussten, ehe Leib und Seele gemeinsam erlöschen?
Klar ist, Nahtod-Erfahrungen sind keine Nachtod-Erfahrungen, keine Berichte aus dem Reich der erloschenen Hirnfunktionen, sondern Erlebnisse aus dem Grenzbereich zwischen Leben und Tod. Es ist weitgehend unstrittig, dass sie noch bei funktionierendem Gehirn stattfinden. Denn wären alle Hirnfunktionen erloschen, wäre jede Möglichkeit, Erfahrungen – gleich welcher Art – zu sammeln, ein für alle Mal verloren. Für Hirnforscher steht daher außer Frage, dass Nahtoderlebnisse Schöpfungen unseres Gehirns sind. Bei schweren Hirnverletzungen ist eine solches Erlebnis kaum möglich, das gleiche gilt bei Ruhigstellung durch Medikamente.
Nahtod-Erfahrungen beruhen also offensichtlich auf Phasen eingeschränkter Funktionsfähigkeit eines Gehirns, das sich wieder erholt hat. Insofern verwundert es auch nicht, dass zentrale Aspekte von Nahtodberichten wie Tunnelvisionen und Außerkörpererfahrungen auch bei anderen Funktionsstörungen des Gehirns, auftreten, z. B. bei Schizophrenen oder beim Drogenmissbrauch.
Sauerstoffmangel (Hypoxie) wird besonders häufig als Teil-Erklärung für die transzendentalen Erlebnisse genannt. Zumindest kann künstlich erzeugter Sauerstoffmangel, etwa durch Untertauchen bei der Taufe im Urchristentum oder durch besondere Atemtechniken beim Yoga, transzendentale Erlebnisse vermitteln. Ebenso könnten diese Folgen eines Kohlenstoffdioxid-Überschusses sein. Zu viel Kohlenstoffdioxid stört das Säure-Base-Gleichgewicht im Gehirn – und das kann nach Untersuchungen Halluzinationen, Lichterscheinungen und Euphorie auslösen. (Allerdings sind „echte“ Nahtoderfahrungen sehr viel klarer und bleiben deutlich besser im Gedächtnis haften.)
Die Forscher haben festgestellt, dass die Gehirnwellen 30 Sekunden vor und nach einem Herzstillstand sehr auffällig sind. Veränderungen treten dabei vor allem in den sog. Gamma-Oszillationen auf, einem bestimmten Frequenzbereich der neuronalen Schwingungen, aber auch in anderen Frequenzbereichen. Die Gehirnaktivität ist in diesen Momenten äußerst hoch, die Wellen entsprechen denen, die sonst bei hochkognitiven Prozessen – z. B. bei Erinnerungen – auftreten. Auch bei intensiver Meditationspraxis werden Hirnströme im Gammaband verstärkt. Zwei bis drei Minuten nach dem Herzstillstand (bei Raumtemperatur) soll sich die Energie im Gehirn in einer elektrochemischen Welle entladen. Auch dieser Effekt könnte an den beschriebenen Nahtoderfahrungen beteiligt sein.
Erklärungen
Offenbar geht es bei den außergewöhnlichen, „außersinnlichen“ Erfahrungen mehr um Selbstwahrnehmungen des Gehirns und weniger um Eindrücke von der Außenwelt. Unser Gehirn funktioniert ja (nach den einflussreichsten Theorien) wie eine Vorhersagemaschine, die anhand früherer Erfahrungen, Erwartungen oder Überzeugungen ständig und aktiv plausible neuronale Vorhersagen über zu erwartende Reize erzeugt. Diese werden mit aktuellen sensorischen Daten kombiniert und führen zu unserer tatsächlichen Wahrnehmung. Es handelt sich dabei also um eine Interpretation, eine „kontrollierte Halluzination„, wie es manche Wissenschaftler ausdrücken. Gibt es keine sensorischen Informationen mehr, fehlt die Kontrolle über die Vorgänge im Gehirn.
Die verantwortlichen Hirnzentren für die Verortung des Ichs arbeiten routinemäßig multiperspektivisch. Allerdings wird diese normale Fähigkeit durch die laufenden Sinnesempfindungen (vor allem visuelle und taktile Sinnesreize) und unser Selbstmodell (womit das Gehirn den Körper repräsentiert) permanent unterdrückt. Die sehr stabil erlebte subjektive Verortung unseres Ichs innerhalb des Körpers ist also eine Konstruktion des Gehirns. Sie kann aber erwiesenermaßen auch bei gesunden Probanden leicht manipuliert werden, z. B. durch geschickte Sinnestäuschung per virtueller Realität. Auch in Erinnerungen sehen wir uns oft aus einer Perspektive, die wir in Wirklichkeit nie einnehmen.
Nicht nur für „Out-of-Body-Erfahrungen“, sondern auch für Tunnel- und Lichtvisionen gibt es eine physiologische Erklärung. Vermutlich sind diese in der Architektur der Sehrinde begründet: In den Zentren der optischen Felder sitzen die Nervenzellen viel dichter und sind stärker miteinander verschaltet als am Rand. Wenn jetzt die Nervenzellen in der Sehrinde chaotisch reagieren, erscheint ein helles Lichts in der Mitte des Sehfelds, das zu den Rändern hin verblasst. So entsteht der Eindruck eines Tunnels. Und während der Effekt immer stärker wird, glaubt man, sich rasch auf das Licht zuzubewegen.
Auch Piloten von Überschalljets verlieren durch hohe Beschleunigung kurzfristig das Bewusstsein und berichten davon, einen langen Tunnel gesehen zu haben, an dessen Ende ein helles Licht erstrahlte. Dabei ist nahezu jede Bewusstlosigkeit von angenehmen Gefühlen begleitet – bis hin zu Euphorie.
In Extremsituationen schüttet das Gehirn u. a. endogene Halluzinogene (z. B. Opiate) aus, die ein großes Glücksgefühl hervorrufen. (Denken wir in diesem Zusammenhang auch an den „Runner’s High„, einen euphorischen Zustand beim Laufen, der die Anstrengung vergessen lässt.) Ist das Gefühl für Körperempfindungen und damit auch für Raum und Zeit nicht mehr vorhanden, entsteht das Einheitsgefühl mit dem Universum, von dem auch Mystiker aller Kulturen berichtet haben (Unio mystica, Nirwana, Tao, Brahman-Atman usw.). Es tritt ebenfalls bei LSD-Gebrauch auf, allerdings in verzerrter Form.
Lebensfilm-Bruchstücke bzw. plötzliche Erinnerungen können auch durch elektrische Stimulation bestimmter Stellen im Gehirn ausgelöst werden. Für die Stimme, die den Rückzug ins Leben befiehlt, gibt es mittlerweile eine Erklärung: Nach dem Nahtod-Erlebnis ist das Bewusstsein anfangs noch gespalten. Zum Teil befindet sich der Betroffene noch im tiefen Schlafbewusstsein, zum Teil versucht das Gehirn schon, die Situation zu kommentieren. Das tiefe Schlafbewusstsein bemerkt das Kommentieren und nimmt es als fremde Stimme wahr, so dass innerhalb ein- und desselben Gehirns ein Dialog stattfindet (ähnlich wie bei Schizophrenen, zu denen eine fremde Stimme spricht).
Das Phänomen des Nahtoderlebnisses scheint also kein Hinweis auf ein Leben nach dem Tod zu sein. Mitunter treten ähnliche Erscheinungen auch in der Hypnose auf, in durch Rhythmus oder Musik ausgelöster Trance oder unter Einfluss von bestimmten Drogen. Man kann Gefühle von Zeitstillstand, Körpererweiterung, Ich-Entgrenzung oder Erscheinungen sogar künstlich erzeugen. Die spirituelle oder religiöse Deutung der Empfindungen hängt dabei vom biografischen und kulturellen Kontext ab.
Die neurophysiologischen Erklärungen sind durchweg seriös und sehr plausibel und erhellen uns die körperlichen Voraussetzungen für die Erlebnisse an der Schwelle zum Tod. Doch reichen indes die Ergebnisse der Forschung noch nicht aus, um alle Befunde zu erklären. Für manche Menschen ist damit die Frage nach dem Fortbestand des Bewusstseins oder der Seele nach dem Tod hinaus nicht endgültig beantwortet.
Wissen um die Sterblichkeit
Viele flüchten sich angesichts des Todes in Glauben, in Ideologie oder Esoterik – verbunden mit einem Sprung aus der Vernunft. „Offenbar gibt es keine Vorstellung, wie seltsam sie auch sein mag, an die Menschen nicht zu glauben bereit sind, wenn sie ihnen nur Hoffnung auf eine Form der Ewigkeit ihrer Existenz macht“, schreibt der Soziologe Norbert Elias. Rational aber haben wir keine Deutung für ein Weiterleben nach dem Tod. Für Sören Kierkegaard, dem Vorläufer der Existenzialisten, ist es allein deshalb nicht vorstellbar.
Der Tod bedeutet also wohl das absolute Ende. Der Mensch muss intellektuell stark sein, das ohne Auswege anzuerkennen. Seneca schrieb in seinen Briefen: „Der Tod jedoch, der sich erst nähert, aber doch unvermeidlich kommt, verlangt gelassenen, festen Mut, und der ist selten und findet sich nur bei Weisen … Wer den Tod ablehnt, lehnt das Leben ab. Denn Leben ist uns nur mit der Auflage des Todes geschenkt; es ist sozusagen der Weg dorthin.“
In der Antike konnte man die Grenze der Lebensspanne über den Ruhm respektieren: Der epische Held lebt in seinen Taten fort. Heute treten andere Dinge an deren Stelle, allen voran Kunstwerke. Kreativität kann zum Vehikel werden, die Sterblichkeit zu überwinden. Für viele Mensch, vor allem in der westlichen Welt, wird die begrenzte Lebensspanne zunehmend in ökonomische Dimensionen gezwängt – als Ressource, die es optimal zu nutzen gilt. Leben heißt dann: die 80 Jahre, die im Schnitt zur Verfügung stehen, dafür nutzen, das meiste rauszuholen.
Der altgriechische Philosoph Epikur lehrte, der Tod brauche uns nicht zu beunruhigen, denn alles beruhe nur auf Wahrnehmung: „Das schauerlichste Übel also, der Tod, geht uns nichts an; denn solange wir existieren, ist der Tod nicht da, und wenn der Tod da ist, existieren wir nicht mehr. Folglich geht er weder die Lebenden an noch die Toten, denn die einen betrifft er nicht und die anderen sind nicht mehr.“
Doch sollte der Tod keineswegs verdrängt werden. Vielmehr ist es angebracht, sich bewusst mit der eigenen Lebensspanne auseinanderzusetzen und Strategien für den Umgang mit der schwersten Bedrohung des Ichs zu entwickeln. „Philosophieren heißt Sterben lernen!“ formulierte der Aufklärer Michel de Montaigne (1533 – 1592). Damit meinte er die Haltung, die auf das Leben als Ganzes blickt – quasi aus der Perspektive des eigenen Endes. Das Wissen, zugleich vergänglich und einzigartig zu sein, kann würdigen, was das Leben zu bieten hat.
Wer reflektiert, dass das eigene Leben ein Ende hat, ist auf die besondere Bedeutung dieses Ereignisses eingestellt und wird durch dessen Eintritt nicht überrascht. „Ich erhoffe nichts, ich fürchte nichts, ich bin frei!“ steht auf dem Grabstein des kretischen Dichters Kasanzakis in Iraklion geschrieben. Viele alte Menschen leiden kaum unter Todesangst. Der Tod ist eher ein Problem für die Überlebenden als für die Sterbenden. Aber die Angst vor dem Ungewissen oder gar vor Zuständen der Zersetzung gibt es auch bei jenen Menschen, welche ihrer eigenen Endlichkeit gefasst gegenüberstehen.
Nach übergroßer Lebensgier, nach maßlos Fürchten, Hoffen, Sehnen, wissen dem Gott wir Dank dafür – wen immer wir im Himmel wähnen -, dass Leben nie kann ewig währen, dass Tote niemals wiederkehren, dass Flüsse müd‘ nach vielen Wehren endlich doch ins Meer einströmen.
Algernon Swinburn
(aus dem Gedicht „Der Garten der Proserpina“)
REM
