Die Naturkonstanten

Wenn man die Vielfalt der Welt systematisiert und durch mathematische Gesetze beschreibt, entdeckt man in allen wesentlichen Gleichungen jene mysteriösen konstanten Zahlenwerte: die Naturkonstanten. Sie sind die Säulen, auf denen das gesamte Gebäude der Physik ruht – oder sie sind, wie der Physiker und Philosoph John D. Barrow es formuliert, „der heilige Gral der Physik“. Wegen ihrer zentralen Bedeutung für die Natur des Universums und die Existenz aller Lebensformen haben die Physiker ein großes Interesse daran, ihre Werte so präzise wie möglich zu kennen. Allerdings hat man bei manchen Konstanten bereits erhebliche Mühe, den heutigen Wert mit der erforderlichen Genauigkeit zu bestimmen.

Im Rahmen der Allgemeinen Relativitätstheorie werden Naturkonstanten als echte Konstanten angenommen, die weder von der Zeit noch von der jeweiligen kosmologischen Entwicklung abhängen, d. h., sie sollten auch in anderen Teilen des Universums und zu anderen Zeiten die gleichen Werte besitzen. Sie müssen als naturgegeben hingenommen werden. Im Gegensatz dazu sind die Einheiten, die wir in unserem Alltagsleben verwenden, willkürlich.

Albert Einstein glaubte, wie auch andere Physiker, dass es eine Grundtheorie ohne Konstanten geben müsse. „Ich kann mir keine einheitliche und vernünftige Theorie vorstellen, die eine Zahl enthält, die die Schöpferlaune auch anders gewählt haben könnte … Eine Theorie, die in ihren Grundgleichungen ausdrücklich eine Konstante enthält, müsste irgendwie ein logisch unzusammenhängendes Stückwerk sein.“ Eine „Theorie für alles„, die keine Konstanten zu Grunde legt, müsste die heute bekannten Konstanten ohne eine einzige Messung rechnerisch erklären. Also alles – die Beschaffenheit der Kräfte, der Aufbau der Welt, das ganze Universum, sogar unsere Existenz – müsste sich aus reiner Mathematik ergeben.

Falls Einstein nicht recht hat, so wird es in der letztgültigen Theorie einen Rest von Unsicherheit geben: Konstanten, die nicht erklärt werden können, sondern die man messen (experimentell bestimmen) muss – und die mit gleichem Recht auch andere Werte haben können. Viele der heute bekannten Konstanten sind eigentlich gar nicht „selbständig„, sondern lassen sich auf logischem Wege aus anderen Konstanten errechnen. Die Anzahl der wirklichen Konstanten ist daher viel kleiner, als die ellenlangen Listen am Schluss physikalischer Lehrbücher vermuten lässt. Unser Standardmodell enthält 26 „selbständige“, also nicht ableitbare, numerische Parameter. Je weiter die Physik fortschreitet, desto mehr „selbständige“ Konstanten werden zu „abhängigen“ – einfach weil die Theorien immer weiter entwickelt werden. Und manchmal weist auch jemand nach, dass eine vermeintliche Konstante gar keine ist.

An drei fundamentalen und universellen Naturkonstanten, die man auch als physikalische Konstanten bezeichnet, hängen alle Größenverhältnisse im Universum ab. Durch Multiplikation und Division geeigneter Potenzen ihrer Werte lässt sich die Grundeinheit jeder physikalischen Größe – wie etwa Länge, Zeit, Energie oder Kraft – bestimmen. Von den Konstanten hängt ab, warum ein Atom so klein ist und eine Sonne so groß, und warum die Größe des Menschen genau dazwischen platziert ist.

  1. c – die Vakuum-Lichtgeschwindigkeit

Die Lichtgeschwindigkeit c (von lat. celeritas = Geschwindigkeit) stellt eine prinzipielle, nicht zu erreichende Obergrenze für die Geschwindigkeit von Körpern dar. Sie ist das fundamentale Bindeglied von Raum, Zeit, Materie und Energie. Von allen Naturkonstanten wurde keine so exakt bestimmt wie sie: 299 792 458 Meter pro Sekunde (m/s).

2. h – das Planck’sche Wirkungsquantum

Das Planck’sche Wirkungsquantum (benannt nach Max Planck) ist gleichsam das Herzstück der Quantentheorie, der universelle Quotient der Energie eines Strahlungsquants und der Frequenz dieser Strahlung. Seine metrische Dimension ist also die einer Wirkung. In der Praxis wird es gewöhnlich in der Form h mit Schrägstrich (hier: h/Strich) dargestellt, was darauf hinweist, dass Quanteneffekte im Spiel sind. Ihr Wert ist sehr klein: 6,62607015 x 10-34 Joulesekunden. Wäre die Planck-Konstante größer oder kleiner, wären die Auswirkungen auf die Natur gewaltig.

3. G – die Newton’sche Gravitationskonstante

G ist die universelle Konstante zur Berechnung der Gravitationskraft. Sie definiert auch die relative Stärke der Schwerkraft gegenüber den anderen Naturkräften (Wechselwirkungen). Messungen in aller Welt liefern teilweise widersprüchliche Ergebnisse. Während man z. B. die Ladung eines Elektrons (s. u.) auf 300 Millionstel genau kennt und die Messungenauigkeit bei der Feinstrukturkonstante (s. u.) bei 45 Milliardstel liegt, liegt sie bei der Gravitationskonstanten bei 128 Millionstel. Der derzeit gültige Wert beträgt 6,67430(50)x1011 m3 s-2 kg-1.

Die Planck-Skala

Planck-Einheiten markieren die Grenze, jenseits der die bekannten Naturgesetze nicht mehr anwendbar sind. Die Planck-Skala ist bei 1019 Gigaelektronenvolt (GeV) und 10-33 Zentimetern die ultimative Grenze, an der die Gravitation ähnlich stark ist wie der Elektromagnetismus und die anderen Kräfte, wo sich Raum und Zeit gleichsam in einem Quantenschaum aufzulösen beginnen, wo alle bekannten Naturgesetze versagen. Was hier geschieht, ist auf direktem Wege experimentell nicht zu erreichen und muss theoretisch erschlossen werden. Nur eine Theorie der Quantengravitation, also eine Vereinigung von Quantenmechanik und Allgemeiner Relativitätstheorie, nach der die Physiker händeringend suchen, wäre in der Lage, die Probleme zu lösen.

Bei rund 1019 GeV – der sog. Planck-Energie – konzentriert sich so viel Energie und damit Masse in einem winzigen Volumen, dass die Gravitation alle anderen Kräfte überwiegt. (Man vermutet, dass dabei ein Schwarzes Loch entsteht und wieder verdampft.) Mit der Planck-Energie hängt die fundamentale Längeneinheit, die Planck-Länge, zusammen. Sie ist mit ungefähr 1,6×10-35 Meter 20 Zehnerpotenzen kleiner als der Protonen-Radius und weit unterhalb dem Auflösungsvermögen der weltbesten Teilchenbeschleuniger. Man erhält sie durch passende Kombination der oben angeführten fundamentalen Naturkonstanten G, c und h/Strich. Dividiert man die Planck-Länge durch c, erhält man die fundamentale Zeiteinheit (Planck-Zeit), die sich in der Größenordnung von rund 5×10-44 Sekunden bewegt.

Weitere wichtige physikalische Konstanten sind die Ladung des Elektrons e (1,602 176 634 x 1019 Coulomb), welche die Stärke der elektromagnetischen Kräfte bestimmt, das Verhältnis von Protonen- zu Elektronenmasse (mp/me = 1836,152701) und die Feinstrukturkonstante Alpha (s. u.*). Insbesondere an den letzten beiden Zahlen, den Werten von Alpha und mp/me, hängt die schiere Existenz der gesamten Materie. Wäre eine dieser Zahlen nur geringfügig anders, könnte die Welt so nicht existieren.

*Die Feinstrukturkonstante Alpha setzt sich ihrerseits aus drei Naturkonstanten zusammen: Ladung des Elektrons (e), Planck’sche Konstante (h/Strich) und Lichtgeschwindigkeit (c). Sie tritt in den verschiedensten Bereichen der Physik auf, z. B. in komplizierten Gleichungen zur Beschreibung der Vorgänge bei der Entstehung der schwereren Atome im Inneren ausbrennender Sterne. Bei ruhenden Teilchen beträgt ihr Wert etwa 1/137, 036. Genaue Rechnungen zeigen: Wäre Alpha nur um 10% größer, würde fast kein Kohlenstoff mehr entstehen. Wäre Alpha um denselben Betrag kleiner, würden zwar riesige Mengen Kohlenstoff entstehen, dafür aber kein Sauerstoff und damit auch kein Wasser. Irdisches Leben wäre in beiden Fällen undenkbar.

Wechselwirkungen (Kräfte)

Auf den Werten der vier Kräfte beruhen die Eigenschaften, die einige Atomkerne haben müssen, damit wir Menschen existieren und dass wir auf Kohlenstoffchemie beruhende Körper besitzen, die Sauerstoff aus der Luft atmen. Sie sind verantwortlich für die Bindungen der Teilchen und zementieren damit die organisierten Strukturen der Materie. Sie verwandeln massereiche Materie in leuchtende Photonen, die Träger der Energie sind, welche für den Austausch und die Konstruktion noch komplexerer Systeme genutzt werden kann.

Die Konstante der „Starken Wechselwirkung“ beschreibt u. a., wie stark sich zwei Protonen im Atomkern gegenseitig anziehen. Sie hält die Kernteilchen damit entgegen der abstoßenden elektrischen Kraft zwischen den Protonen zusammen. Schon eine geringfügig schwächere Version der Starken Kernkraft hätte eine gänzlich andere Natur zur Folge. Es könnten sich keine schwereren Elemente als Wasserstoff bilden, also insbesondere auch kein Sauerstoff. Es gäbe somit auch kein Wasser und damit kein Leben der irdischen Art. Wäre die Starke Kernkraft nur um ein Weniges stärker, würde der Wasserstoff in den Sternen viel rascher zu schwereren Elementen verbrannt – die Sterne hätten eine zu kurze Lebensdauer, damit sich Leben entwickeln könnte.

Wäre die Elektromagnetische Kraft um 4% geringer, gäbe es weder Wasserstoff noch Sterne. Wäre die Schwache Wechselwirkung viel schwächer, gäbe es ebenfalls keinen Wasserstoff; wäre sie viel stärker, könnten Supernovae das interstellare Medium nicht mit schwereren Elementen anreichern. Wäre die Schwerkraft stärker, entstünden fast nur Blaue Riesen und die Sterne hätten ein zu kurze Lebensdauer. Wäre die Gravitation aber noch schwächer, als sie schon ist, hätten sich niemals Gaswolken zusammenballen können. In beiden Fällen würde das Leben, jedenfalls so, wie wir es kennen, nicht existieren.

Die Unterschiede in der Stärke der vier Wechselwirkungen sind ein Schlüssel für die Entwicklung des Universums und unserer Existenz. Neben den exakten Massen von Proton, Neutron und Elektron hängt das Verhalten aller Dinge im sichtbaren Universum vom Gleichgewicht zwischen den vier Kräften ab. Dass diese Konstanten so genau eingestellt sind, ist wirklich unglaublich. Und niemand weiß warum das so ist.

Albert Einstein führte 1917 die Kosmologische Konstante in die Allgemeine Relativitätstheorie ein, abgekürzt mit dem griechischen Buchstaben Lambda. Ihr Wert scheint überall der gleiche zu sein und sich über Raum und Zeit hinweg nicht zu ändern. Lambda kann als eine der grundlegenden (und messbaren) Naturkonstanten angesehen werden. Physikalisch lässt sich Lambda als Eigenschaft der Raumzeit interpretieren, oder – in der Teilchenphysik – als Energiedichte des Vakuums. Der Wert dieser Konstante ist gerade noch klein genug, um nicht die Bildung von Galaxien zu beeinträchtigen. Wäre er dagegen viel größer, wäre die Expansion des Universums so rapide, dass keine Sterne und Galaxien entstehen könnten.

Anthropisches Prinzip

Fundamentale Naturkonstanten haben also genau die Werte, die unserer Existenz zuträglich sind. Sie scheinen aufeinander abgestimmt zu sein und wirken, als seien sie passend gewählt, um Leben im Kosmos zu ermöglichen. Wären die Naturkonstanten anders beschaffen, würde z. B. die Kohlenstoffchemie, auf der alles Leben beruht, in dieser Form nicht existieren. Warum sie ihre bestimmten Werte haben, wissen wir nicht. Jeder Versuch, die exakten Werte zu erklären, ist bislang gescheitert – bis auf das so genannte „Anthropische Prinzip„.

In seiner schwachen Version besagt diese Hypothese lediglich, dass das Universum so beschaffen sein muss, damit unser Planet existieren und Leben, einschließlich des menschlichen Lebens, auf ihm gedeihen kann. An diesem Schluss ist nichts logisch unzulässig und nichts unwissenschaftlich. In einer stärkeren Version würde sich das anthropische Prinzip vermutlich auch auf die Dynamik der Elementarteilchen und den Anfangszustand des Universums erstrecken. Demnach wäre das Weltall also so gestaltet, dass darin zwangsläufig intelligente Beobachter entstehen.

Auch Stephen Hawking argumentierte, dass wir die Welt so beobachten, wie sie ist, weil wir in anderen Welten gar nicht leben können. Daher seien etwa die Gleichförmigkeit und ungekrümmte Geometrie des beobachtbaren Weltraums keineswegs erstaunlich, obwohl sie zunächst äußerst unwahrscheinlich anmuten. Die fundamentalen Naturkonstanten müssen einfach genau die Werte haben, die mit unserer Existenz vereinbar sind. Es geht gar nicht anders, denn wenn die Bedingungen im Weltall nicht genau zur Evolution des Lebens und des Menschen passen würden, gäbe es niemanden, die die Frage nach dem „Warum“ stellen könnte.

Viele Physiker beschleichen mittlerweile Zweifel, ob die Naturkonstanten wirklich fixe Größen sind und tatsächlich immer denselben Wert besitzen. Unser physikalisches Wissen reicht nicht aus, um zu sagen, ob sie in unterschiedlichen Regionen des Universums nicht unterschiedliche Werte annehmen können. Darunter könnte man Gebiete verstehen, die, bedingt durch kurze Phasen der Inflation, verschieden schnell expandiert sind, so dass die sog. „Konstanten“ dort andere Werte angenommen haben. Die fundamentalen Gesetze würden demnach nur beschreiben, wie sich die Werte der Naturkonstanten auf die verschiedenen Teile des Universums verteilen. Dem Leben käme keine Sonderrolle zu; es wäre dann kaum erstaunlich, dass in einigen Teilen des Universums – wohl auch nur in sehr wenigen – Leben möglich ist.

Auch die Möglichkeit, dass sich die Naturgesetze entwickeln, ist nicht ausgeschlossen. So könnten sie einer zeitlichen Entwicklung unterworfen oder über längere Zeiträume hinweg variabel sein. Manche Physiker spekulieren, dass z. B. die Gravitationskonstante vielleicht doch keine Naturkonstante ist, sondern sich aus einer tieferen Theorie ergibt, die wir noch nicht kennen. Sie mutmaßen, dass die Stärke der Gravitation sich während der kosmischen Entwicklung verändert hat. Würde man tatsächlich Abweichungen finden, könnte das ein erster Hinweis darauf sein, dass die Dunkle Energie mehr als eine physikalische Fiktion ist.

Einige Astronomen behaupten, sie hätten bereits Variationen von Naturkonstanten gefunden. Doch den meisten Forschern erscheint die Beweislage zweifelhaft. Es konnte jedenfalls gezeigt werden, dass sich das Massenverhältnis zwischen Proton und Elektron (mp/me) – das Rückschlüsse auf die Starke Kraft zulässt – zumindest in den vergangenen sieben Milliarden Jahre nicht nachweisbar geändert hat. Aber auch bei der Gravitationskonstante fand man bisher keine Veränderung. Eine endgültige Lösung des Problems werden wir allerdings erst finden, wenn wir mehr über die Quantentheorie der Gravitation wissen.

Ganz allgemein passen veränderliche Naturkonstanten zu den sogenannten String-Theorien, die nach Meinung vieler theoretischer Physiker die bislang besten Aspiranten auf eine Theorie der Quantengravitation sind. Sie erlauben Naturkonstanten, die sich mit der Zeit verändern. Die Größe dieser Drift ist allerdings unklar. In seinem Buch „Im Universum der Zeit“ greift auch der Theoretiker Lee Smolin die gängige Vorstellung von der „Konstanz der Konstanten“ an. Er skizziert hier die Grundzüge einer fundamentalen Theorie jenseits der Quantenmechanik, in der Naturgesetze veränderlich sind.

Multiversum

Der unwahrscheinlich kleine Wert der Kosmologischen Konstante und die unwahrscheinliche Feinabstimmung der Naturkräfte, die gerade passende Werte für die Entstehung von Leben haben, könnte auch damit erklärt werden, dass wir in einem Multiversum leben. Nach dieser Theorie wurde durch einen Urknall nicht nur der uns bekannte Kosmos erzeugt, sondern eine sehr große Anzahl weiterer, uns unzugänglicher Universen (Paralleluniversen). Wahrend der klassische Urknall einen irgendwie gearteten Schöpfungsakt braucht, kann ein Kosmos in der Theorie der Multiversen sogar ewig bestehen, so dass immer wieder neue Universen mit unterschiedlichen Naturgesetzen entstehen (Eltern- und Babyuniversen) und sich entwickeln.

Die Werte der Naturkonstanten in unserem Universum wären demnach das Resultat von Zufallsprozessen bei seiner Entstehung, während unzählige andere Universen mit anderen Werten für die Konstanten existieren, in denen Leben nicht möglich ist. Wir erblicken also nur deshalb ein Bündel fein abgestimmter, „lebensfreundlicher“ Konstanten, weil wir nur in einem lebensfreundlichen Universum entstehen konnten. Vielleicht werden alle physikalischen Bedingungen, die überhaupt möglich sind, irgendwo realisiert. In fast allen diesen Universen erlauben die physikalischen Gesetze wahrscheinlich weder die Bildung von Materie in unserem Sinn noch von Galaxien, Sternen, Planeten und Leben. Dass in dieser Fülle von Universen aber auch ein lebensfreundlicher Kosmos entsteht, in dem die physikalischen Konstanten durch Zufall derart fein aufeinander abgestimmt sind, dass Leben einschließlich des Menschen existieren kann, wäre dann gar nicht mehr so erstaunlich.

Eine Analogie für unsere Situation bietet das Beispiel der Quantenfische: Zunächst fixiert auf den eigenen Teich, der sehr genau die Eigenschaften aufweist, die ihre eigene Existenz möglich machen, beginnen sie zunehmend über ihren Teich hinauszudenken. Im Lauf ihrer Nachforschungen erreichen sie eine hinreichend umfassende Perspektive, aus der sie erkennen, dass vor ihnen ein Land voller Teiche liegt: ein Multiversum von Fischteichen. Von dieser Warte aus wundert es sie nicht länger, dass die Bedingungen im eigenen Teich gerade so passend für Leben sind – wären sie es nicht, so hätten sich die Quantenfische in einem anderen Teich wiedergefunden.

Wie fein die Naturkonstanten aufeinander abgestimmt sein müssen, um Leben – vor allem intelligentes Leben – möglich zu machen, ist nicht unumstritten. Der Physiker und Astronom Steven Weinberg z. B. ist von solchen Feinabstimmungen nicht beeindruckt. Dafür gebe es andere Erklärungen. Außerdem seien manche Werte – beispielsweise der Energiezustand des Kohlenstoffs – gar nicht mal so fein abgestimmt. Tatsächlich wurden inzwischen Beispiele für alternative Werte der Konstanten und damit für abgewandelte physikalische Gesetze gefunden, die zu sehr interessanten Welten mit Sternen und damit sogar zu Leben führen könnten. Es sollten demnach also noch andere Universen existieren, die komplexe Strukturen und vielleicht sogar exotische Organismen enthalten.

Die Aussicht, dass es eine Unmenge von Universen geben kann, ist in den physikalischen Theorien jedenfalls unumstritten. So beschreibt z. B. jede Lösung der Feldgleichungen der Allgemeinen Relativitätstheorie bereits ein eigenes kosmologisches Modell. Im Rahmen der Stringtheorie sind unzählige Raumzeitgeometrien denkbar, was Verfechter der Theorie als Indiz für das Multiversum deuten. Es gibt vielleicht 10500 Lösungen der Gleichungen, die jede als eigenes Universum interpretiert werden können, mit eigenen Naturkonstanten und – gesetzen. Die Eigenschaften in diesen Welten hängen vom Quantenvakuum ab, gewissermaßen ihrem physikalischen Urzustand. Leonard Susskind, einer der Begründer der String-Theorie, nennt dieses gigantische Multiversum „Stringlandschaft„. Er sieht kein schlüssiges Argument, das dagegen spricht. Auch eine andere Quantengravitations-Theorie, die Schleifen-Gravitation, legt die Existenz anderer Universen nahe und kann zumindest entsprechende kosmologische Modelle erklären. Aber welche dieser Modelle sind physikalisch Realität?

Gegenargumente

Alles in allem sind manchen Forschern die Argumente für das Multiversum nicht überzeugend. Sie halten das anthropische Prinzip für absolut unwissenschaftlich und kritisieren die extreme Schwammigkeit der Idee: Es handele sich eher um ein vages Konzept als um eine definierte Theorie. Das Multiversum sei verschwenderisch (unökonomisch) und extravagant. Die Theorie biete viel zu großzügig Universen für alle Gelegenheiten feil, als dass sie ernsthaft als Lösung genommen werden könnte. Vor allem stört die Skeptiker die ungeheure Menge an Information, die zur Beschreibung all dieser ungesehenen Welten nötig ist.

Dagegen wird eingewendet, dass das Übermaß an Komplexität nur in der subjektiven Wahrnehmung der Beobachter steckt. Die Menge aller Lösungen sei aber einfacher als eine spezielle. Und wenn schon eine Frage nach dem Wesen der Realität gestellt würde, müssten wir wohl mit einer Antwort rechnen, die seltsam anmutet; schließlich habe die Evolution nur mit einer Intuition für Alltagsphysik zum Überleben in unserer Umwelt geführt.

Das Konzept des Multiversums erscheint aber nicht nur spekulativ, es scheint auch schlicht unüberprüfbar und wird unserer bewährten wissenschaftlichen Methode vielleicht niemals zugänglich sein. Sämtliche Paralleluniversen liegen jenseits unseres Horizonts, d. h. sie sind kausal von uns getrennt. Ihr Licht schafft es während der Lebenszeit unseres Weltalls nicht, zu uns zu gelangen. Daher können wir nicht einmal im Prinzip nachprüfen, ob diese Welten wirklich existieren. Gibt es sie tatsächlich, werden sie mit noch so raffinierter Technik für immer für die Menschen unsichtbar bleiben.

Die Hypothese des Multiversums kann aber viele Probleme des Standard-Urknallmodells lösen. Einige Aspekte unseres Universums können nur durch die „Multiversalität“ begründet werden. Es ist beispielsweise die einzige Theorie, die wirklich ein konsistentes und kohärentes Bild vermittelt, wie man mit dem Problem des höchst unwahrscheinlichen Anfangszustands fertig werden kann.

Kosmologen, die die Stringtheorien vertreten, folgern, dass einige Paralleluniversen eventuell doch mit unserem Universum in Wechselwirkung treten und wir entsprechende Effekte nachweisen könnten. Theoretisch müsste es sogar nach der Allgemeinen Relativitätstheorie Verbindungen zwischen den Universen geben: Durch ein Wurmloch, einen „Tunnel“ der Raumzeit, könnte ein „Baby-Universum“ mit seinem „Eltern-Universum“ verbunden sein. Auch nach sogenannten Fluktuationsmodellen könnten neue Universen Spuren ihrer kosmischen Vergangenheit in sich tragen und sogar quantenmechanisch miteinander verschränkt sein. All das ist allerdings reine Spekulation.

Fazit

Die neuen kosmologischen Ansätze zeugen von hoher mathematischer Kreativität. Die Vorstellung eines Multiversums wirft jedoch schwierige philosophische Fragen auf: Gehört sie überhaupt in den Bereich der empirischen Wissenschaft oder ehr in die höheren Sphären der Metaphysik? Dass mathematische Abstraktionen nicht immer der Realität entsprechen, lehrt uns schon der alte Mathematiker-Witz: Der Mathematik-Professor verlässt den Hörsaal, in dem sich zwei Studenten befinden. Wenig später kommen drei Studenten aus dem Saal heraus. Ein paar Minuten später geht einer hinein. Darauf der Professor: „Gott sei Dank, jetzt ist der Raum wieder leer und ich kann schließen.“ – Parallelwelten, bizarre Universen und Lehrsäle. die sich leeren, indem man sie betritt, scheinen eine große Gemeinsamkeit zu haben: Niemand hat sie je beobachtet!

Vielen theoretischen Physikern ist das Multiversum eigentlich ganz egal: Sie betrachten es nur als theoretischen Rahmen, während seine Entstehung in keiner Weise interessiert. Für die Kosmologen dagegen bildet der kosmische Horizont das Grundproblem jeder Art von Multiversum. Eine nichtphysikalische Antwort auf all die Fragen und Probleme kann man in den „Bekenntnissen“ des Augustinus finden, der auf die Frage: „Was tat Gott, bevor er die Welt erschaffen hat?“ antworten ließ: „Da hat er die Hölle eingerichtet für Leute, die solche Fragen stellen.“

REM

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