Seit seiner Entwicklung vor rund 300 000 Jahren hatte Homo sapiens vom Sammeln, später dann auch vom Jagen gelebt – und war dadurch hervorragend an seine Umwelt angepasst. Am Ende der letzten Eiszeit ergab sich aber die Notwendigkeit, seine Lebensweise prinzipiell umzustellen. Es war insgesamt wohl der elementarste Übergang in der Menschheitsgeschichte, weil sich in vielen Lebensbereichen einfach alles änderte: Der Mensch wurde sesshaft, formte Ton zu Gefäßen und ließ diese trocknen, später brannte er sie auch, baute Kulturpflanzen an und züchtete sie und domestizierte Tiere.
Die Epoche dieses Umbruches bezeichnet man als „neolithische Revolution„, in Anlehnung an den Begriff der „industriellen Revolution“ des 18. und 19. Jahrhunderts. Allerdings erfolgte der wirtschaftliche und gesellschaftliche Wandel keineswegs abrupt, sondern während einer Tausende Jahre dauernden Übergangszeit in vielen regional unterschiedlichen Schritten und zu verschiedenen Zeiten. Daher sprechen die Wissenschaftler trotz der tiefgreifenden Veränderungen und der weitreichenden kulturhistorischen Bedeutung heute nicht mehr gerne von „neolithischer Revolution„, sondern lieber von Neolithisierung.
Die meisten Experten gehen heute von einem Ursachengeflecht aus, das die Neolithisierung hervorbrachte: Klimaumschwung, Überjagung, Überbevölkerung und anderes. Ob eine steinzeitliche Kultur bereits als neolithisch (jungsteinzeitlich) anzusehen ist, hängt letztendlich von den Kriterien der Archäologen ab. Während einige Experten schon das Aufkommen gebrannter Keramik als ausreichendes Indiz ansehen, verlangen andere den Nachweis der Sesshaftigkeit sowie einer produzierenden statt einer aneignenden Wirtschaftsweise einschließlich einer Vorratswirtschaft.
Anfänge
Gut möglich, dass Menschen schon vor mehr als 100 000 Jahren stärkehaltige Samen von Wildgetreide gegessen haben, z. B. als Kalorienquelle, wenn weniger Wildtiere umherstreiften oder schwer zu erlegen waren. Nachweise von Stärkepartikeln auf Mahlwerkzeugen und Mörsern in mindestens 40 000 Jahre alten Schichten im heutigen Israel sprechen auch schon für eine lokal und zeitlich begrenzte intensive Nutzung von Gräsern. Systematisch wurde Wildgetreide jedenfalls schon vor 23 000 Jahren am Ufer des Sees Genezareth (Fundplatz Ohalo II) genutzt, wo es wohl ein reiches Vorkommen gab. In Regionen, wo ein günstiges Klima herrschte, das Gräser reichlich wachsen ließ und eine reiche Tierwelt aufwies, blieben altsteinzeitliche Nomaden wahrscheinlich saisonal am Ort und jagten und ernteten, ohne gesät zu haben.
Ab 15 500 v. h. wandelte sich das Klima. Es wurde rasch wärmer und im Nahen Osten breiteten sich Wälder und Grassteppen aus. In den reichen Biotopen im Norden Mesopotamiens gab es weitläufige Wildgetreidevorkommen und zahlreiche Tierarten – für die Jäger und Sammler ein Überangebot an Jagd- und Sammelbarem, so dass die Menschen sich dort länger aufhielten. Ein Umherziehen war schlicht nicht mehr notwendig, die altsteinzeitlichen Nomaden blieben saisonal vor Ort und ernteten, ohne gesät zu haben. Im 14. Jahrtausend v. h. entstanden an den Ufern des Euphrat und Tigris und deren Zuflüssen erste vorläufige dörfliche Siedlungen, in denen eine frühe Landwirtschaft betrieben wurde.
Vor 12 800 Jahren kappten Schmelzwasser des abtauenden nordamerikanischen Eisschilds den Golfstrom für mehr als tausend Jahre. In Europa und im Nahen Osten herrschten wieder fast eiszeitliche Verhältnisse (Jüngere Dryas). Im Gebiet des „Fruchtbaren Halbmonds“ – einem sichelförmigen Gebiet zwischen dem Südosten der Türker, Nordsyrien und dem Nordwesten des Irak – brachte der nacheiszeitliche Klimawandel zunehmende Trockenheit und Versteppung. Die nichtsesshaften Sammler und Jäger trafen diese Veränderungen nicht so hart, sie mussten lediglich ihre Jagdpraktiken umstellen. Sie folgten jetzt einfach den Herden der Beutetiere, die von Wasserstelle zu Wasserstelle wanderten.
Andere Gruppen blieben vor Ort. Die Not motivierte sie, jene Wildgräser anzubauen, die sie vorher in großer Menge ernten konnten. Vermutlich hegten und pflegten sie die Pflanzen bereits und schützten sie vor gefräßigen Herdentieren. Anfangs dienten die Grasfrüchte nur als Zubrot. Sie benutzten auch noch keine Tongefäße, um Nahrung aufzubewahren und zuzubereiten.
Sesshaftigkeit
Schließlich stabilisierte sich der Golfstrom wieder und es wurde wärmer. Die günstigen Klima-und Umweltbedingungen und es wurde wärmer. Die günstigen Klima-und Umweltbedingungen im nördlichen Bogen des Fruchtbaren Halbmonds (genug Wasser, Übermaß an Pflanzen und Tieren) waren ein Paradies für die Jäger-und-Sammler-Gruppen und machten einen saturierten Lebenswandel möglich. Dabei wurden Samen von Wildgras als Brei konsumiert, aber auch in vergorener Form als gelegentliches Genussmittel, als Bier. Ihren Fleischbedarf deckten die Menschen hier zunächst noch durch die Jagd auf Gazellen, später hauptsächlich durch Schafe, Ziegen und Rotwild. Einige Forscher mögen nicht ausschließen, dass man sich schon in einer Periode direkt vor der Domestikation befand, in der selektiv gejagt wurde – eine Vorstufe der Herdenhaltung.
Die Menschen lebten zwar offensichtlich noch von der Hand in den Mund. Sie konnten noch nicht töpfern – gebranntes Tongeschirr war im Fruchtbaren Halbmond daher zunächst unbekannt (kam hier erst 9000 v. h. auf). Zwar kannte man Ton – ohne ihn allerdings zu brennen: Aus Lehmziegeln wurden Häuser gebaut und Vorratsgruben oder Körbe mit Ton ausgekleidet.
Schon vor 27 000 Jahren wurde – ob durch Zufall oder gezielte Experimente – feuchter Ton zu einer Form geknetet (anfangs vor allem zu Figuren) und ins Feuer gelegt. Die Idee, aus Ton Gefäße zu brennen, kam erst später unter mobilen Wildbeutern auf. Ostasien scheint ein frühes Zentrum der Töpferei gewesen zu sein. Es gibt 20 000 bis 16 000 Jahre alte Funde aus der chinesischen Provinz Hunan, vom Gebiet des Amur-Flusses und aus Japan (Jomon-Kultur). Auf dem heute zur Sahel-Zone gehörenden Dogon-Plateau wurde die Keramik vor 12 500 bis 11 500 Jahren erfunden und breitete sich bis ins Niltal aus.
Im nördlichen Bogen des Fruchtbaren Halbmonds (Fundstellen in Körtik Tepe, Göbekli Tepe, Nevali Cori, Tell Abu Hureya u. a.) errichteten die Steinzeitler schon mächtige Rundanlagen. Am bekanntesten sind die Megalithbauten vom Göbekli Tepe, einem Bergkamm in der Südosttürkei. Die dort vor 11 600 Jahren geschaffene Kultanlage gilt als ältester „Tempel“ der Welt und wurde vor allem wegen ihrer riesigen T-Pfeiler berühmt. Diese Monolithe, die auch an anderen Fundorten in der Gegend auftauchten, sind teils übersät mit Reliefs wilder Tiere. Sicher ist: Mit ihren Armen stellten die T-Pfeiler menschenförmige Gestalten dar, genau genommen Männer, umgeben von einer wilden, männlich dominierten Tierwelt. Möglicherweise handelt es bei ihnen um die frühesten Götterbilder in der Menschheitsgeschichte.
Der handwerkliche wie geistige Aufwand für die Anlage eines solchen zentralen Ortes setzt eine bereits sozial gegliederte Gesellschaft mit ausgeprägter Religiosität voraus, die zu solch aufwändigen Gemeinschaftsaktionen bereit war – vermutlich angeführt von einem religiösem Oberhaupt. Die Jäger-und-Sammler-Ethnien hatten also wohl bereits ausgefeilte und tradierte Kulte und feierten rund um die Tempelanlagen ihre Feste, bei denen es vermutlich neben Getreidegerichten auch viel Fleisch zu essen gab. Aus Gräsersamen gebrautes Bier könnte Teil der Rituale gewesen sein, die mutmaßlich der sozialen Integration und Festigung der Gemeinschaft dienten.
Die Menschen im gesamten Norden Mesopotamiens scheinen durch ähnliche Riten und Symbole verbunden gewesen zu sein. Mit der Zeit nahmen sie ihre Jagdwaffen immer seltener in die Hand, bauten Pflanzen an und begannen, ihre Fleischlieferanten nicht länger unkontrolliert umherlaufen zu lassen. Noch aber gilt diese Kulturphase im Bergland Nordmesopotamiens nicht als Jungsteinzeit, da sie nur Sesshaftigkeit vorzuweisen hat, nicht aber geregelten Ackerbau, Viehzucht und Töpferei.
Übergang
Sesshaftigkeit gilt als Voraussetzung für die Entdeckung, dass Wildgetreidevorkommen nachwachsen, wenn Körner zufällig in den umliegenden Boden gelangen. Von der Beobachtung des Auskeimens bis zum gezielten Sammeln und Aussäen der Samenkörner an einem geeigneten Ort war es dann nur noch ein kleiner Schritt. Einige Forscher glauben, dass nicht der Hunger die Menschen dazu brachte, Getreide anzubauen, sondern das Bedürfnis nach kollektiven Rauschzuständen. Bier war relativ leicht aus Getreidekörnern herzustellen und sei wegen seiner berauschenden Wirkung ideal für entsprechende rituelle und spirituelle Zwecke gewesen.
Die Spelzen mussten zur Bierherstellung nicht umständlich von den Körnern entfernt werden. Hefepilze sind unter den in mittleren geografischen Breiten herrschenden Witterungsverhältnissen nahezu allgegenwärtig. Es genügte also, eine geringe Menge Körner zu zerstampfen und reichlich Wasser und etwas Speichel hinzuzufügen – und die alkoholische Gärung entstand von selbst. Das primitive Bier (mit allenfalls 1 bis 2% Alkoholgehalt) war zwar trübe und leicht verderblich, aber es schmeckte angenehm süß und war noch dazu ziemlich nahrhaft – und bekömmlicher als Wasser.
In der Höhle Rakefet (Raqefet) südlich von Haifa wurde wohl schon vor 13 000 Jahren ein bierähnliches Getränk als Teil eines Begräbniskults konsumiert. Offenbar war auch in China bereits kurz nach dem Ende der Eiszeit die Kunst des Bierbrauens als Teil eines Totenkultes weit verbreitet. Das schloss man aus Körnern aus Reis und anderen stärkehaltigen Pflanzen, die man zusammen mit Spuren von Hefen und Schimmelpilzen in Gefäßen aus der Shangshan-Kultur in Südchina (etwa 11 400 bis 8600 v. h.) entdeckte hatte.
Gerade im Fruchtbaren Halbmond (wegen des Verlaufs seiner Gebirgszüge und seiner einst reichen Landwirtschaft so genannt) trafen in einmaliger Weise Pflanzen und Tiere zusammen, die sich zur Domestikation eigneten. So kommen von den 56 großsamigen Pflanzenarten auf der Welt 32 im Fruchtbaren Halbmond vor, aber nur 6 in Ostasien und 4 im Afrika südlich der Sahara. Außerdem lebten hier die wilden Vorfahren der heutigen Haus- und Nutztiere Ziege, Schaf, Schwein und Rind. Nirgendwo sonst konnten so viele Wildpflanzen und Wildtiere unter so günstigen klimatischen und geografischen Bedingungen und in so großem Raum domestiziert werden wie in dieser Weltregion.
Nicht alle Wildtiere lassen sich züchten. Vermutlich haben es die Menschen auch mit Gazellen versucht, die reichlich gejagt und verspeist wurden. Doch diese haben ein komplexes Territorialverhalten und ein Fortpflanzungsritual, das hinter Gittern nicht so ohne Weiteres funktioniert. Besonders gut als Haustiere eignen sich dagegen Herdentiere, die weniger aggressiv sind und ein schwaches Alarmsystem haben und bei denen der Mensch die Rolle des Leittiers übernehmen konnte.
In dem klimabegünstigten Gebiet des Fruchtbaren Halbmonds bauten also erstmals um 11 500 v. h. Steinzeit-Menschen ihre Nahrungspflanzen an – zunächst nur sporadisch. Die Domestikation ereignete sich dabei eher zufällig: Die Menschen wählten im Laufe der Zeit immer mehr Pflanzen aus, die stabilere Ähren aufwiesen, da sie leichter geerntet werden konnten. Schließlich überwogen diese in den Erntegefäßen, was den Ernteertrag verbesserte.
Ursache dafür, dass die reifen Samen in der Hülle gefangen bleiben (fest am Stängel) und nicht keimen, ist ein Gendefekt, der wahrscheinlich in den 100 000 Jahren vorher schon unzählige Male aufgetreten war, den die Natur aber immer wieder ausgemerzt hatte.
Heute geht man davon aus, dass der Prozess des Pflanzenanbaus unabhängig voneinander in verschiedenen Teilen des im Winter niederschlagsreichen Fruchtbaren Halbmond gleichzeitig ablief. Freilich ist nicht ausgeschlossen, dass am Übergang zur sesshaften Lebensweise ein wechselseitiger Kulturtransfer zwischen verschiedenen Regionen stattgefunden hat.
Landwirtschaft
Die rasche Erschöpfung der Böden erforderte örtlich noch lange Zeit ein Halbnomadentum, aber zumindest zwischen Aussaat und Ernte musste man am Ort bleiben. Bereits 11 600 v. h. lebten etwa in Jericho Bauern in Häusern aus Stein, Holz und Lehm und lagerten dort Getreide als Vorrat und Saatgut. (Möglicherweise dienten die Häuser anfangs nur als Orte zum Schlafen und Arbeiten.) Die Menschen hatten das Jagen und Sammeln also noch nicht gänzlich aufgegeben, allerdings verbrachten sie immer weniger Zeit damit und verlegten sich mehr darauf, Tiere zu halten und Pflanzen zu kultivieren.
Die Gerste ist die älteste nachgewiesene Kulturpflanze; ihre Spur reicht sogar 15 000 Jahre zurück. Um 11 600 v. h. kultivierten Menschen aus der Kreuzung mehrerer Wildgräser die ersten Weizenarten Emmer und Einkorn. Im Laufe der Jahrtausende wurden sie zum Kulturweizen veredelt (früheste Nachweise 9800 v. h.). In Asien vollzogen sich vergleichbare Entwicklungsschritte ab etwa 10 000 v. h. mit den Graspflanzen Reis und Hirse, in Amerika später mit Mais. Um 11 000 v. h. domestizierten Siedler im Nahen Osten acht Pflanzen: Emmer, Einkorn und Gerste; die Hülsenfrüchte Erbse, Linse, Kichererbse und Linsenwicke sowie Flachs, aus dessen Leinsamen sie fettreiches Öl pressten und dessen Fasern sie zu Stoff verarbeiteten.
Wildgetreidefelder und später die Getreidekulturen lockten Wildschafe und Wildziegen an. Das brachte beide in stärkeren Kontakt zum Menschen. Vor etwa 11 000 Jahren lernten teil-sesshafte Stämme, wahrscheinlich im nördlichen Zweistromland, diese Tiere als Fleischlieferanten zu halten und zu zähmen. Von den ersten gefangenen Tieren bis zu den echten Haustieren war es aber noch ein langer Weg.
Die frühesten handfesten Belege für Haustiere fand man im südostanatolischen Nevali Cori im Euphrat-Tal. Gazellen blieben aber zunächst noch Haupt-Fleischlieferanten, doch ab etwa 10 500 Jahren v. h. machen die Knochen der Wiederkäuer an den Fundorten schon 65 bis 75% der tierischen Überreste aus. Erst zwischen 10 000 und 9000 v. h. waren Schafe und Ziegen schließlich als Haupt-Fleischversorger etabliert. Gleichzeitig könnten auch erste Versuche der Haltung und Zucht von Rindern geglückt sein.
Ein geregelter Ackerbau mit Aussaat, Ernte, Vorratshaltung und Züchtung verbreitete sich auf dem Gebiet des Fruchtbaren Halbmonds immer weiter, während die verbliebenen Jäger und Sammler in Rückzugsgebiete abgedrängt wurden. Mehr und mehr machten sie sich unabhängig von den Naturmächten und begannen, die natürliche Umgebung nach ihren Interessen umzuformen. Die schwindende Angst vor den Urgewalten machte ihre Köpfe frei für neue Ideen, die den Ertrag und die Nutzungsdauer ihrer neu entdeckten Feldwirtschaft vergrößerten. In klimatisch begünstigten Zonen konnte die Nahrungsmittelproduktion erheblich intensiviert und die Ernährungsbasis um ein Vielfaches erhöht werden. Spätestens jetzt hatten die Menschen die Stufe der bloßen Bedürfnisbefriedigung hinter sich gelassen.
Auswirkung auf den Menschen
Die „Erfindung“ der Landwirtschaft ging aber auch mit gewaltigen Veränderungen für die Lebensbedingungen der Menschen einher. Als Wildbeuter hatten sie noch wesentlich mehr „Freizeit“ genossen; die individuelle Freiheit war ein hochgeschätztes Gut. Als Bauern mussten die ehemaligen Jäger und Sammler jetzt Wochen und Monate harter Arbeit in die Bearbeitung des Bodens, das Aussäen, Ernten und Lagern der Früchte sowie die Verarbeitung der Nahrung stecken. Zudem musste das Vieh unablässig betreut und versorgt werden.
Die mühevolle Arbeit hinterließ tiefreichende Auswirkungen auf die Menschen: Die ersten Ackerbauern waren kleiner und schwächlicher als ihre eiszeitlichen Jäger-und-Sammler-Ahnen und häufig bei schlechter Gesundheit. Das dürfte zum einen an einer viel zu einseitigen, getreidereichen (proteinärmeren) Ernährung gelegen haben, wodurch sie häufig an Mangelerscheinungen wie Skorbut und Blutarmut litten. Dazu wurden sie infolge der täglichen harten Arbeit von Arthrose und Entzündungen geplagt.
Etwa gleichzeitig mit den Anfängen der Domestikation von landwirtschaftlich genutzten Tieren begann bereits vor 10 500 Jahren die Milchgewinnung im Nahen Osten. Während die Milch für die Erwachsenen zu Käse und Joghurt verarbeitet wurde, um sie verträglich zu machen, konnten Kleinkinder damit gefüttert werden. Doch so fehlten ihnen wichtige Nähr- und Abwehrstoffe, die in der Muttermilch waren. Vermutlich stieg infolgedessen die Kindersterblichkeit.
Ratten, Mäuse und Spatzen schleppten gefährliche Keime ein. Das Vieh wurde oft als Zwischenwirt von Erregern genutzt, welche sich nach und nach auf den Homo sapiens spezialisierten und sich in den größeren Gemeinschaften schnell ausbreiteten. So stammen z. B. die Erreger von Masern, Pocken und Tuberkulose von Rindern, die von Grippe und Keuchhusten von Schweinen. Neben der Nutztierhaltung, der einseitigen Ernährung und der steigenden Bevölkerungsdichte begünstigte auch mangelnde Hygiene den Aufstieg von Erregern. Die sesshaften Bauern lebten gleichsam inmitten ihrer Fäkalien, so dass gefährliche Darmkeime ins Trinkwasser gelangten.
Samen in die Erde geben und voller Vertrauen darauf warten, dass Licht und Regen ihm helfen zu wachsen und rechtzeitig Früchte zu tragen, das bedeutete für Menschen, deren Vorfahren auf die Jagd gegangen waren, ein neues Denken, Handeln und Planen. Es gab genügend Lebensressourcen und Ideenkraft, um auch neugierig hinter das banal Alltägliche zu schauen. So veränderte sich möglicherweise auch die religiöse Welt. Die Riten der Jäger und Sammler und ihre Zentralorte mit den Steinplastiken und Tierdarstellungen wurden komplett bedeutungslos. Neue Heiligtümer, zwischen 10 600 und etwa 10 000 v. h. errichtet, gerieten schon weniger beeindruckend. Möglicherweise schufen sich die Menschen jetzt mit der Ahnenverehrung einen Weg ins nicht diesseitige Leben.
Megasites
Mit immer weniger Fläche konnten jetzt immer mehr Menschen ernährt werden. Es entstanden immer größere Dörfer mit massiven Bauten für Mensch und Vieh und ihre Vorräte. So wuchsen im Laufe des 10. Jahrtausends manche Orte zwischen Amman und dem Roten Meer innerhalb weniger Jahrhunderte auf bis zu 15 Hektar mit mehreren tausend Einwohnern (sogenannte Megasites). In Zentralanatolien entstand vor etwa 9100 Jahren die Großsiedlung Catal Höyük, für manche Forscher die älteste Stadt der Welt.
Ernteüberschüsse und Handwerksprodukte wurden zu Handelswaren: Die Megasites entwickelten sich zu Handelsplätzen. Schließlich griffen die bisherigen sozialen Verhaltensregeln nicht mehr. Das traditionelle offene soziale Netz brach zusammen und wurde vermutlich durch engere verwandtschaftliche Bande ersetzt. Verstärkte Arbeitsteilung und Anhäufung von Besitz generierten Unterschiede, was zu weiterer sozialer Differenzierung und Hierarchisierung in der Gesellschaft beitrug. Macht wurde nun über Besitz zur Schau gestellt. Die Archäologin Barbara Bender postulierte, machthungrige Männer hätten Überschüsse an Getreide gebraucht, um Feste zu geben und dadurch ihren Einfluss zu mehren.
Verursacht durch die Bevölkerungsexplosion und rasch verarmenden Böden – von Düngung verstand man noch nichts – wurden gute Böden knapp, dasselbe galt auch für Holz. Konkurrenzkämpfe um die besten Holzreserven und die besten Ackerböden müssen innerhalb und zwischen den Megasites zu enormen sozialen Spannungen geführt haben. Viele Anthropologen halten die bäuerliche Sesshaftigkeit sogar für die Wiege aller Konflikte um Land und Lebensgrundlage, denn: Anders als Wildbeuter hatten Weizenzüchter und Viehhalter keine Ausweichmöglichkeit mehr, wenn Fremde ihre Ressourcen beanspruchten.
Innerhalb der Megasites versuchten die Menschen aufflammende Konflikte durch neue Regeln des Zusammenlebens zu kontrollieren. Rituale dienten dazu, das Gefühl einer gemeinsamen Identität zu stärken. Auf die Dauer aber half es nichts: Die ersten Bauern scheiterten schließlich an der Übernutzung der Ressourcen und den inneren Konflikten ihrer Gemeinschaften, wobei klimatische Veränderungen die Lage noch verschärft haben dürften. Die meisten Megasites wurden spätestens im Laufe des 9. Jahrtausends v. h. aufgegeben, die wenigen Ausnahmen schrumpften zu kleinen Dörfern zusammen. Wohin die Menschen gingen, bleibt im Dunkeln.
Megasites waren ein frühes Experimentierfeld für präurbanes Leben. Es sollte zwar Jahrtausende dauern, bis das Experiment, so viele Menschen in einem Ort leben zu lassen, wiederholt wurde. Der Grundstein für ein Zusammenleben in großen Gemeinschaften war jedoch in den neolithischen Megasites gelegt, vor allem durch die sozialen Regeln, denen sich die Menschen verschrieben hatten.
Verbreitung
Ausgelaugte Böden und zunehmende gewaltsame Auseinandersetzungen waren wahrscheinlich die Ursachen dafür, dass sich einige Bauern vor mehr als 10 000 Jahren entschlossen, die heimatliche Scholle zu verlassen und sich aufs Mittelmeer zu wagen, um neue Gegenden zu besiedeln. Erst später versuchten sie es auch auf dem Landweg. So war Anatolien wohl das Sprungbrett für frühe Bauern aus dem Fruchtbaren Halbmond, die ihre Wirtschaftsform schließlich bis nach Mittel- und Westeuropa brachten. Auch dort dominierten ihre Nachfahren bald, während die Jäger und Sammler immer mehr in den Hintergrund gedrängt wurden.
Ganz anders als in Europa scheint die Neolithisierung in China abgelaufen zu sein. Während in Europa bereits domestizierte Pflanzen und Tiere von den bäuerlichen Pionieren eingeführt wurden und sich in wenigen hundert Jahren durchsetzten, existierte in China mehrere tausend Jahre lang eine ungewöhnliche Mischform. Zwar gab es schon früh Siedlungen und Gräberfelder, qualitätvolle Keramik, perfekt geschliffene Steingeräte und Mahlsteine. Doch die Domestikation von Tieren und Pflanzen kam offenbar erst später: Reis wurde vor ca. 10 000 Jahre erstmals am Jangtsekiang angebaut, nördlich davon um die gleiche Zeit Hirse. Hunde wurden als Fleischlieferanten gezüchtet, erst ab 8000 v. h. auch Schweine, Rinder und Schafe.
In Afrika verlief die Neolithisierung nicht so stringent wie andernorts. Vor 12 000 Jahren lebten Menschen auf dem Dogon-Plateau wahrscheinlich schon von einer planvoll betriebenen Ernte essbarer Wildpflanzen – nicht anders als zur gleichen Zeit im Umfeld des Göbekli Tepe (s. o.). Diese Vorstufe zur Ackerbaugesellschaft verlangte zumindest für die Zeit der Ernte Sesshaftigkeit – und wohl auch erste Eingriffe in die Natur, wie z. B. das Auflichten des afrikanischen Buschs durch Feuer. Für die Züchtung von Gräsern war es aber in vielen Gebieten zu feucht. Spätestens 9000 v. h. wurde im Zentrum der Ostsahara, damals noch mit reichlichem Pflanzenbewuchs, die Weidewirtschaft (Ziegen, später auch Rinder) entwickelt, wenngleich die Jagd weiterhin eine wesentliche Lebensgrundlage blieb.
REM
