Interpretationsleistung des Gehirns

Lange waren die meisten Experten davon ausgegangen, dass das Erfassen der Umwelt mit den Sinnen eine weitgehend passive Angelegenheit sei: Unsere Sinnessysteme nehmen Informationen aus der Umgebung auf und leiten sie zum Gehirn weiter, welches dann daraus eine mehr oder weniger akkurate Repräsentation unserer Außenwelt erstellt. Die Informationen aus der Umwelt werden aber nicht nur passiv aufgenommen – so wie ein Schwamm Wasser aufsaugt. Die Wahrnehmung ist vielmehr ein aktiver Vorgang in unserem Gehirn, der den Input der Sinnesorgane für uns erst nutzbar macht, indem er ein Bild der Welt in unserem Kopf aufbaut. Und das geschieht, noch ehe das Denken beginnt.

Angeborene Schemata

Im Gehirn sind Annahmen über die Umwelt offenbar bereits vor aller Erfahrung neuronal festgelegt. Sie sind uns nicht bewusst und wirken wie eine Brille, die man nicht wahrnimmt. Man bezeichnet diese angeborenen Grundannahmen auch als Schemata oder Schablonen. Allgemein bezeichnen sie einen Bezugsrahmen, mit dessen Hilfe ein Mensch oder ein Tier Daten selektiert und ihnen Sinn zuschreibt.

Die angeborenen Schemata sind der belebten und unbelebten Umwelt entnommen. Mit ihnen bewerten Tiere die Reize, die auf sie einströmen, nach Merkmalen, die evolutionär in Anpassung an die jeweilige Art und Umwelt entstanden sind. So hat jede Tierart bereits auf neurophysiologischer Ebene ihr eigenes Weltbild. Das lässt sich z. B. schon bei niederen Wirbeltieren beobachten, deren Verarbeitung visueller Information merkmalsspezifisch, also auf ganz bestimmte Reizeigenschaften hin, abgestimmt ist, welche für die Art relevant sind. Die Modifizierung der Wahrnehmungen beginnt dabei bereits bei den Sinnesorganen: Augen z. B. werden meist so gesteuert, dass sie Ansichten liefern, die zu den inneren Vorgaben passen.

Ein Tier muss in Sekundenschnelle alles Ungewöhnliche und Gefährliche (z. B. seine Feinde), aber auch das Vorteilhafte (z. B. die richtige Nahrung) erkennen können. Richtiges Erkennen und Einschätzen einer Situation ist oft von entscheidender Bedeutung für das Überleben und Wohlbefinden. Müsste ein Lebewesen beispielsweise erst individuell über eine längeren Zeitraum lernen, wer sein Feind ist, wäre es in dieser Phase massiv gefährdet. Daher erhalten viele der angeborenen Erkenntnisleistungen bereits eine Deutung der wahrgenommenen Situation im Hinblick auf Sicherheit und Überleben. Wenn die Ahnen des Menschen im Gebüsch zwei Punkte nebeneinander im Lichtschein aufblitzen sahen, interpretierten sie diese als die Augen eines Raubtiers und liefen vorsichtshalber weg, selbst wenn es zwei harmlose Lichtpunkte waren.

Wie auch junge Hunde, Katzen, Ratten usw., ja sogar frisch geschlüpfte Küken, haben auch Menschenbabys eine wohl angeborene Scheu vor einer Steilkante: Bei einem optisch vorgetäuschten Abgrund, der mit einer Glasplatte abgedeckt ist, zeigen sie Furcht- und Meidereaktionen. Ohne jede vorhergehende Erfahrung interpretieren sie den optischen Eindruck also als Absturzgefahr.

Schon in unseren natürlichen Wahrnehmungsstrukturen sind auch gestalterische und pro-ästhetische Konzepte eingebaut, die wir nicht sämtlich bewusst kontrollieren können. Sie sind in unserer Erlebens- und Wahrnehmungsstruktur also allgemein enthalten und haben teilweise eine wichtige Bedeutung für ästhetischen Vorlieben und Neigungen. Ihnen liegen Gemeinsamkeiten menschlicher Erfahrungen zugrunde, die auch heute noch unterschwellig, aber unentrinnbar unser Urteil beeinflussen.

Unser Gehirn ist in der Lage, aus zunächst nur unzusammenhängenden Daten eine bedeutungsvolle Wahrnehmung zu formen. Als Erwachsene brauchen wir oft nur wenige Anhaltspunkte, um zu wissen, wer oder was uns gegenüber steht. So entwickelten Lebewesen auch die Fähigkeit, unvollständige Strukturen zu identifizieren, damit sie kontinuierliche Oberflächen und Umrisse in der Natur auch dann noch erkennen, wenn diese teilweise verdeckt sind und dadurch unterbrochen erscheinen. Beispielsweise nehmen wir eine Katze hinter einem Lattenzaun als vollständiges Tier wahr – und nicht etwa als „Katzenscheiben“.

Von Geburt an ist das menschliche Gehirn fähig, Gesichter in der Umgebung aufzuspüren und als solche zu erkennen. Präsentiert man Säuglingen eine Gesichtszeichnung, auf der ein Auge fehlt oder die Nase an falscher Stelle sitzt, fangen sie an zu weinen. Wir sind so stark auf den Reiz „Gesicht“ geprägt und eingestellt, dass wir ein Gesicht überall sehen und erwarten, auch auf deutlich unstrukturierten Flächen: „Punkt, Punkt, Komma, Strich, fertig ist das Angesicht!“ Selbst Häuserfassaden, Kühlerhauben von Automobilen oder Wolkenformationen bekommen für uns Gesichter.

Der Prozess der Wahrnehmung steht im Dienste formaler Erkennbarkeit und Kategorisierung der Umwelt und tendiert zu Einfachheit. Wir erfassen das Typische und Gemeinsame, und dies offenbar vor aller Erfahrung. Wichtiger als die Feinunterscheidung zwischen einer Fichte oder Buche ist die Tatsache, dass wir einen Baum als Baum erkennen und nicht jedes Mal neu identifizieren müssen. Ein kleines Kind lernt schnell, was eine Hund ist und verwechselt ihn nicht mit einer Katze – egal, ob das Tier groß und schwarz oder klein und gefleckt ist. Der Mensch hat die Fähigkeiten zu kategorisieren außerordentlich erweitert und verfügt damit über ein breit angelegtes Differenzierungsvermögen, das ihm die analytische Betrachtung seiner Welt ermöglicht. Ohne diese Fähigkeit hätten wir auch keine Sprache.

Da Informationen über Organismen zunächst nach Ähnlichkeit oder Unähnlichkeit zur eigenen Art strukturiert werden, erkennen wir Tiere besser als Pflanzen und Wirbeltiere besser als Wirbellose. (Die Ähnlichkeitsstrukturierung könnte auch Grundlage der unterschiedlichen Interessensausprägung gegenüber Tieren und Pflanzen sein.)

Erworbene Schemata

Was wir tatsächlich wahrnehmen, hängt aber nicht nur vom augenblicklichen Zustand der Sinnesorgane und angeborenen Deutungsschemata ab, sondern auch von früheren Wahrnehmungserfahrungen sowie vom übrigen Geschehen im Gehirn. Bei seinen Annahmen schöpft unser Zentralorgan aus einem gewaltigen Fundus von Erfahrungen, die im Gedächtnis gespeichert sind. So wird das aktuell Wahrgenommene in jedem Augenblick mit den Gedächtnisinhalten verglichen und zu einem sinnvollen, gestalteten Eindruck zusammengefasst. Das ermöglicht uns angepasstes Handeln wie auch eine Ausrichtung auf die Zukunft. Es lässt uns den Lebensalltag gestalten und ihm Sinn geben.

Wenn wir etwas riechen, was uns an die Küche unserer Mutter zurückdenken lässt, oder wir im Getümmel eine Stimme hören und sofort wissen, wer da spricht, dann hat unser Gehirn nur Sekundenbruchteile nach der Reizung aus dem Wirrwarr von Sinneseindrücken etwas herausgefiltert – und es dabei mit Hilfe des riesigen Speichers in unserem Gehirn erkannt.

Die aktuellen Sinnesreize rufen eine Wahrnehmung also nur auf. Das Gehirn bewertet dann die wahrgenommenen Ereignisse, und zwar nach Regeln, die entweder angeboren, oder – in den meisten Fällen – erlernt sind, also aus der im Gedächtnis gespeicherten Erfahrung stammen. Das Ergebnis erleben wir subjektiv als unmittelbare Wahrnehmung. Aus den Erinnerungen und gleichbleibenden Bewertungen definiert sich unsere Identität. Bei Schizophrenen kann es vorkommen, dass Bewertungen und Erinnerungen abgekoppelt werden von Denken und Wahrnehmen. Die Identität geht verloren.

Im Laufe unseres Lebens erzeugen wir Schemata (Bilder, Formen, Ideen, usw.) in beinahe unbegrenzter Zahl, auch die meisten Kategorien – manche vielleicht ähnlich dem Jungvogel, indem Verbindungen zwischen verschiedenen Schemata verändert werden.

Der junge Vogel wird nicht mit einem angeborenen Schema für die Umrisse eines Raubvogels ausgestattet, sondern mit einer groben Schablone, in die viele verschiedene Vogelumrisse hineinpassen. Mit der Erfahrung entsteht dann eine Reihe von spezifischeren Schablonen für die häufig vorkommenden Vogelarten. Die Auslöser für den Schutzreflex werden so nach und nach gegen die wahren Feinde geprägt. Eine allgemeine Schablone kann also an unterschiedliche zeitliche und örtliche Gegebenheiten angepasst werden.

Es gibt keinen Aspekt der menschlichen Wahrnehmung, der nicht von Annahmen und Erfahrungen beeinflusst wäre. Wahrnehmung stellt demnach eine Deutung der Welt dar, die beste Interpretation der vorliegenden Sinnesdaten. Die Deutungsschemata zeichnen sich dabei im Allgemeinen gegenüber den formalen Erkenntnisleistungen durch eine stärkere Bindung an ein emotionales Bedeutungsmuster aus. Wir nehmen also viele Dinge gar nicht mit der Neutralität zur Kenntnis, die wir bei unserem Denkapparat manchmal voreilig voraussetzen.

Die Wahrnehmung verändert sich aber nicht nur mit dem Gedächtnis und den Erfahrungen, sondern auch mit der Situation, in der wir uns gerade befinden, z. B. je nachdem, was wir vorhaben oder welche Ressourcen uns zur Verfügung stehen. Essensabbildungen wirken appetitlicher, wenn man hungrig ist; ein Hügel erscheint uns steiler, wenn wir gerade einen schweren Rucksack tragen. Wenn es ums Überleben und Wohlbefinden oder Interessen geht, sehen wir die Dinge daher unbewusst verzerrt. Dazu trägt auch der aktuelle emotionale Zustand bei, der sich abhängig von Aufmerksamkeitsschwankungen, Motivation und Stimmung immerzu in feinsten Graden verändert. Wir treten also der Welt stets auch mit Gestimmtheiten gegenüber und prägen ihr Strukturen auf, die sie uns nicht nur verständlich, sondern auch erträglich, angenehm oder eben auch abstoßend erscheinen lassen.

Soziale Wahrnehmung

Auch bei der sozialen Wahrnehmung verlassen wir uns oft auf Schemata und Stereotypen, die wir im Laufe unseres Lebens erlernt haben. Schon der erste Eindruck, den wir von Jemandem haben, beeinflusst unsere weitere Wahrnehmung so stark, dass wir hinterher oft anderslautende Informationen kaum mehr registrieren und in der Regel für alle Zeit von der Richtigkeit unseres Ersteindrucks überzeugt sind („Primacy Effect„).

Für Primaten, von denen die meisten Arten von jeher in Gruppen zusammenleben, ist das Erkennen und die Interpretation von Gesichtern überlebenswichtig und spielt für das Sozialleben eine überragende Rolle. Menschenkinder erkennen schon wenige Stunden nach der Geburt das Gesicht ihrer Mutter und reagieren auf ihre Mimik. Das unmittelbare Verstehen und Einschätzen der Gefühlslage aus dem Gesichtsausdruck des Gegenübers ist eine wichtige angeborene Deutungsleistung der Wahrnehmung.

Die Informationen über Gesichter werden normalerweise innerhalb von 40 Millisekunden im Gehirn verarbeitet. Am schnellsten werden ängstliche Mienen wahrgenommen. Da das Gehirn Bedrohungen möglichst prompt erfasst, könnten ängstliche Gesichter Gefahr signalisieren. Eine glückliche Miene, meinen die Forscher, sei hingegen ein Zeichen von Sicherheit, was keine unmittelbare Aufmerksamkeit erfordere.

Unbewusste Deutungen sind oft entscheidend im sozialen Miteinander. Sie helfen bei komplexen Situationen den Überblick zu bewahren und sich schnell zurechtzufinden. Schwachpunkt der sozialen Wahrnehmung ist aber, dass sie uns oft auch zu falschen Schlüssen und entsprechendem Fehlverhalten verleitet. Denn auf sie zurückzugreifen bedeutet lediglich mit Wahrscheinlichkeiten zu rechnen. Den meisten Menschen ist die Subjektivität ihrer Sinneswahrnehmungen kaum bewusst, beispielsweise wenn wir meinen, unsere Mitmenschen „sicher“ zu beurteilen.

So glauben die meisten Menschen, dass übergeordnete Charaktereigenschaften ihre eigenen Landsleute wie auch Angehörige fremder Nationen kennzeichnen. Australier beispielsweise halten sich selbst für offen und extrovertiert, Deutsche für gewissenhaft und fleißig, Italiener werden allgemein für temperamentvoll und impulsiv gehalten. Bei diesem einmal bestehenden Vorurteil gräbt sich ein impulsiver Italiener tiefer ins Gedächtnis ein als tausend versonnene. Nach einer interkulturellen Studie zeigen aber in allen untersuchten Kulturen die Stereotype nur eine geringe Übereinstimmung mit den wahrgenommenen Wesenszügen realer Personen.

Bei uns Menschen kommt zur sinnesphysiologischen und artspezifischen Prägung noch die kulturspezifische hinzu. Im Laufe der Kindheit erwerben wir diese kulturellen Wahrnehmungsmuster bzw. Schemata, zum Beispiel in Form von Normen und Werten. Sie sind nicht so objektiv wie physikalische Größen, aber sie sind innerhalb der Kultur „objektiv“, wenn sie von einer Mehrheit anerkannt werden. Auch die jeweilige Sprache und Form der Kommunikation prägen die Wahrnehmung. Unsere kulturelle Prägung können wir zwar verändern, abstreifen können wir sie aber nie ganz.

Subjektivität der Wahrnehmung

Unablässig sucht das Gehirn nach Ordnung und Sinn, um die aufgenommenen Signale möglichst nahtlos in die bestehende Gesamtwahrnehmung einzufügen. Dabei strebt es sowohl die Übereinstimmung der aktuellen Sinnesdaten untereinander – also eine Übereinstimmung (Kongruenz) aller über die verschiedenen Sinnesorgane vermittelten Informationen (auch in zeitlicher Hinsicht) – als auch die Übereinstimmung neuer Informationen mit bereits bestehenden Erwartungen und Werten an. Nicht in das Gesamtbild passende Daten werden angepasst und durch eine passende Empfindung ersetzt – oder sogar ganz ignoriert. So vervollständigt unser Gehirn die Eindrücke, generalisiert, fasst zusammen und vereinfacht – im Rückgriff auf Schemata, die es im Laufe des Lebens erworben hat.

Selbst aus minimalen Daten baut unser Zentralorgan ein sinnvolles Bild zusammen. Dadurch können wir allerdings auch häufig zu Fehldeutungen verleitet werden, wie es z. B. bei der Gesichtswahrnehmung aus einigen Punkten und Strichen der Fall ist. Wenn es an Phantasie und an erforderlichen Schemata mangelt, hat man keine Wahl, und man greift auf die erstbeste Interpretation zurück.

Es sind also unsere früheren Erfahrungen, unsere Erwartungen und unsere Zielsetzungen, die unser Bild von der Umwelt prägen. Die menschliche Wahrnehmung ist demnach weit entfernt von Objektivität. Die Strukturen, die wir um uns herum sehen, reflektieren quasi auf sehr fundamentaler Weise die Strukturen unseres Geistes, gefärbt durch subjektive Gedanken, Gefühle und Werte, Wünsche und Schlussfolgerungen.

Was in unserem Gehirn erscheint, ist von seinem sinnlichen Anfang an anders als die harte Wirklichkeit um uns herum. Unser Zentralorgan biegt bei jeder Gelegenheit die Welt zurecht, pfuscht an unseren Erinnerungen herum, misst moralisch mit zweierlei Maß und kultiviert hartnäckige Vorurteile. Es ist anfällig dafür, Zusammenhänge zu sehen, wo es einfach keine gibt, und es nimmt blinden Zufall oft bedeutungsschwer wahr. Dementsprechend ist unser Blick auf die Wirklichkeit oft verzerrt, gelegentlich sogar trügerisch.

Auch unsere Erinnerungen werden fortgesetzt verändert, verwandelt und verzerrt. Schon einigermaßen ähnliche Wiederholungen können eine Erinnerung verwischen. Inzwischen sprechen viele Anzeichen dafür, dass schon das Aufrufen einer Erinnerung an eine Episode eine wiederholte Erfahrung darstellt, welche die gespeicherte Erinnerung verändert. Das wäre nicht weiter schlimm, wenn wir nicht auch Dinge einfügen würden, die in Wirklichkeit nicht da sind. Doch da wir das nun einmal tun, ist unser Gedächtnis formbar – und fehlbar.

So leben wir alle in unterschiedlichen Wahrnehmungswelten. Es gibt nicht eine wahre Sicht der Realität, sondern zahlreiche. Unsere Wirklichkeit ist ein Teil dessen, was unser Wesen und unsere Persönlichkeit ausmacht. So überzeugt der Mensch im Allgemeinen davon ist, dass seine Sicht der Welt die einzig wahre ist, so oft täuscht er sich darin. Und nicht nur der Mensch: Wenn sich der Truthahn duckt, sieht der Pfau darin nicht das beabsichtigte Friedensangebot, sondern ein Zeichen der Schwäche – und hackt weiter auf ihn ein.

Die Neigung, unsere subjektiven Interpretationen für objektive Eigenschaften der Welt zu halten, wird uns selten bewusst. Es ist daher heilsam und fördert die Toleranz, wenn man sich hin und wieder daran erinnert, dass man sich beispielsweise in der Einschätzung einer Lage oder in der Deutung eines Gesichts getäuscht hat.

Theorie vom Hypothesen testenden Gehirn

Eine wachsende Schar von Neurophysiologen, Kognitionsforschern und Philosophen haben sich der Theorie vom Hypothesen testenden Gehirn verschrieben. Die Idee wurde zuerst für die visuelle Wahrnehmung formuliert und später auf weiter kognitive Leistungen angewendet, etwa auf Riechen, Hören, Lernen oder Schlussfolgern. Viele Forscher sind optimistisch, dass mit ihr eine einheitliche Theorie der Hirnfunktionen gefunden ist.

Dieser Theorie zufolge produziert unser Denkorgan ständig Vermutungen bzw. Vorhersagen darüber, was als Nächstes passieren oder was man als Nächstes wahrnehmen könnte, und gleicht sie mit den Sinnesinformationen ab. Dabei greift es auf Erfahrungen zurück, wählt aus vielen möglichen Prognosen die wahrscheinlichste aus und leitet daraus Erwartungen ab. Diese erleichtern dem Organismus die Wahrnehmung, indem sie die Menge der möglichen Interpretationen einschränken.

Stimmen Vorhersage und sensorischer Input überein – ist alles bestens – wenn nicht, bemüht sich das Gehirn, die Diskrepanz zu beheben. Hierfür kann es entweder seine Prognose berichtigen oder dafür sorgen, dass sich die einlaufenden Signale ändern (z. B. durch die Veränderung der eigenen Position). Der Vorteil dieses Verfahrens liegt in der Zeit- und Energieersparnis, denn das Gehirn muss nicht die gesamte einlaufende Information analysieren, sondern nur Abweichungen vom erwarteten Zustand.

Wenn man annimmt, dass sie die eingehenden mit erwarteten Signalen vergleichen, lässt sich die Funktionsweise mancher Neurone viel stimmiger erklären. Forscher bezeichneten diese Neurone deshalb als „Fehlerfinder“ und beschreiben deren Aktivität mit „voraussagendem Kodieren„. (Dieses Verfahren ist auch aus der Telefontechnik und Datenverarbeitung bekannt. Statt das gesamte Signal zu übertragen, reicht es oft aus, nur die Abweichung vom vorhergehenden Signal zu berücksichtigen. Dadurch reduziert man den Übertragungsaufwand und erhöht die Verarbeitungsgeschwindigkeit.)

Die Welt drängt sich uns nicht auf, sondern sie antwortet gewissermaßen auf die Fragen, die unser Gehirn ihr stellt. Die Theorie vom Hypothesen testenden Gehirn erklärt u. a., warum Roboter gruselig wirken, wenn sie zu menschenähnlich sind. Wahrscheinlich erwartet das Gehirn von einem menschlich wirkenden Gegenüber, dass es sich auch wie ein Mensch verhält. Enttäuscht der Roboter diese Annahme, etwa indem er sich zu mechanisch bewegt, löst das ein Fehlersignal im Gehirn aus.

Bekommen unsere Erwartungen ein zu großes Gewicht und werden nicht mehr hinreichend von Sinneseindrücken korrigiert, sehen wir Dinge, die nicht da sind. So stellen sich Halluzinationen oder psychische Störungen ein. Das andere Extrem könnte der autistischen Störung zugrunde liegen: Die Betroffenen, so die These, halten die Welt für verlässlich und messen den eigenen Prognosen wenig Bedeutung bei. Sie betrachten ihre Umgebung daher sehr eingehend, nehmen Details extrem wichtig und orientieren sich weniger an Kontextinformationen. Dies führt zu geringerer Toleranz gegenüber Veränderungen.

Unser Gehirn tut aber noch mehr, als Hypothesen zu testen. Es ist zu komplex, als dass es sich auf einen einzigen Mechanismus reduzieren ließe. So ist etwa die Aufmerksamkeit nicht dasselbe wie Erwartung, auch wenn beide oft zusammenwirken. Aufmerksamkeit hilft dabei, nur solche Reize zu verarbeiten, die für unsere Ziele von Bedeutung sind. Sie blendet Dinge aus, die für uns gerade irrelevant sind. Aufmerksamkeit hat also neuronal den gegenteiligen Effekt wie die Erwartung: Während Letztere die neuronale Aktivität senkt (wenn etwas Vorhergesehenes erscheint oder passiert), lässt die Aufmerksamkeit die neuronale Aktivität ansteigen (wenn etwas Neues, Interessantes, Unvorhergesehenes auftaucht oder geschieht).

Erwartung und Aufmerksamkeit zusammen ergeben einen genialen Filtermechanismus. An das irrelevante Erwartete verschwenden wir keine kognitive Energie; taucht hingegen etwas Unerwartetes und Relevantes auf, befassen sich höhere Regionen des Gehirns damit.

Zuverlässigkeit der Wahrnehmung

Selbst wenn unsere Wahrnehmung zuweilen „intelligent“ erscheint, läuft sie doch im Großen und Ganzen automatisch ab und präsentiert uns gedeutete Daten, als seien sie unbearbeitet. Wir müssen immer skeptisch sein gegenüber unseren Wahrnehmungen und Einschätzungen. Das Bild von der Welt, das uns unser Gehirn präsentiert, ist also höchst selektiv und täuschungsanfällig. Trotzdem erscheint es uns verlässlich. Und in aller Regel wandelt unser Gehirn die Informationen der Sinne tatsächlich – angesichts der Wechselhaftigkeit der Welt – in recht stabiles und sicheres Wissen um, das wir benötigen, um uns in ihr zurechtzufinden.

Das liegt zum Einen daran, dass die Umwelt grundsätzlich vorhersagbar ist. In einer chaotischen Umgebung könnte kein noch so aktives Denkorgan eine Struktur entdecken. Zum anderen wird der aktiv konstruierende Prozess der Wahrnehmung immer wieder anhand von Rückmeldungen aus der Umwelt korrigiert. Daher stimmt die von uns erlebte Welt mit der bewusstseinsunabhängigen Welt zumindest teilweise überein. Dass Annahmen hin und wieder nicht stimmen, ist der Preis, den wir für die hohe Effizienz und Sicherheit der Wahrnehmung zahlen müssen.

Wir erhalten also durch die drei Arten von Kontrollen, die phylogenetische (stammesgeschichtliche / durch die natürliche Auslese), die ontogenetische (individualgeschichtliche / durch Reifung des Erkenntnisapparates) und schließlich die laufende Kontrolle durch die Sinnesorgane und die Verarbeitung von Augenblicksinformationen ein angemessenes, d. h. passendes und in vielem zutreffendes Weltbild. Dieses erstreckt sich zunächst auf den Bereich, der für die natürliche Auslese eine Rolle spielte. Es reicht dafür aus und ist damit hinreichend genau, um in unserer Welt gut zurechtzukommen.

Die universale Symbolik in Dichtung und Kunst leitet sich weitgehend von den angeborenen Wahrnehmungs- und Deutungsschemata her. Gerade die Kunst nutzt die dem Menschen eigenen Wahrnehmungspräferenzen – die enge, oft nicht lösbare Verknüpfung von Wahrnehmungsinhalten, wahrgenommener Bedeutung und emotionaler Antwort – und optimiert sie. So wurden Kunstwerke von formaler Qualität geschaffen, welche die natürliche Vorlage hinsichtlich Intensität der Wirkung und Kombination und Häufung bestimmter Reize übertreffen – gerade auch in der magischen und religiösen Welt. Die Repräsentation von Ahnen und Göttern, welche beim Betrachter Gefühle der Ehrfurcht wachrufen, bediente und bedient sich in allen Kulturen und zu allen Zeiten ähnlicher Ausdrucksmittel.

Die Kunst hat aber auch die Chance, unsere Wahrnehmungs- und Denkzwänge zu lockern, Formen und Inhalte in neuem Licht zu zeigen und damit zu einer erweiterten Wahrnehmung – auch im Sinne von Erkenntnis – beizutragen. So kann sie die genetisch und vor allem die kulturell erworbenen Schemata relativieren und eine Sensibilität für andere mögliche Ein- und Ansichten entwickeln und Neues und Überraschendes im nur scheinbar Wohlbekannten entdecken.

REM

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